Am schönen Schwarzen Meer:

Europäisches Rumänien

Wird der Leu (Plural: Lei) bald zum Euro? Obwohl Rumänien schon 1990 diplomatische Beziehungen zur EU aufgenommen und 1995 seine Mitgliedskandidatur angemeldet hat, zweifeln manche noch immer an einem tatsächlichen Beitritt im Jahr 2004, wenn es mit elf anderen Kandidaten in die Union aufgenommen werden soll. Dabei ist die allgemeine Stimmung im Land in vielerlei Hinsicht durchaus beitrittsreif.

Von Vasile V. Poenaru

Am besten, man fährt einfach die Donau runter. Oder benutzt das eigenes Auto. Oder lieber eine der zahlreichen Buslinien, die jetzt tagtäglich von allen denkbaren deutschen Städten aus nach Rumänien sausen. Die Eisenbahn ist ebenfalls ziemlich zuverlässig, trotz der Räubergeschichten. Und Flugzeuge gibt es ja freilich auch noch. In den guten alten Zeiten kamen jedes Jahr an die zehn Millionen Touristen her, um die Kurorte aufzusuchen, Sonnenbäder zu nehmen oder schizulaufen. Getrunken wird in Rumänien fast so beflissen wie in Deutschland.

Ein Land mit Bergen, Donaudelta, Schwarzem Meer und der weltbekannten Maramuresch kann kein Fehler sein, um es kurz zu halten. Auf dem Luftweg gereicht wenigstens eins zum Vorteil: Es geht nicht so holprig zu wie auf den malerischen Landstraßen, wo bisweilen die letzten freien Tomaten auf Erden einer global lukrativen Genmanipulation trotzen und seltsamerweise noch nach Tomate schmecken.

Der internationale Flughafen Otopeni sieht überraschend gut aus: viel besser als vor drei Jahren, da wir ihn verließen, um uns auch andere internationale Flughafen anzuschauen. Das Eintrittsfenster der Hauptstadt Bukarest wurde sorgfältig poliert. Bunte Werbung kommt auf einen zu, und viele liebe Lei warten in der Wechselstube auf wenige Euro und Dollar. Draußen lauern freilich ein paar Gauner, um die man besser einen strategischen Bogen macht. Reibungslos geht es darauf hinein in die stimmungsvoll beleuchtete Stadt. Weil Weihnachten naht, sind die Leute fröhlich, vielleicht sogar glücklich. Die Einkaufswut vermag allerdings kaum mit derjenigen im EU-Bruderhaus Schritt zu halten. Wem das Geld nicht zu einem Tannenbaum reicht, der kauft sich wenigstens einen Zweig. Wem das Geld nicht für einen Zweig reicht, der schlägt selber seinen Baum. Muskelkraft ist nämlich kein Problem, Kaufkraft aber schon.

Die Machthaber in Bukarest lieben es, von der katastrophalen Erbschaft der vorherigen Regierungen zu sprechen, teilweise nicht zu Unrecht. Das 20. Jahrhundert zeitigte nämlich auch hier unter anderem außer der allgegenwärtigen Korruption unbeholfene Prinzipien und die zeitweilige Illusion der Gleichschaltung. Damit läßt sich heutzutage nicht immer viel anfangen. Mittlerweile gewissenhaft geplünderte Großbetriebe zeugen von den gescheiterten Ambitionen der alten Planwirtschaft und von der Lösung des philosophischen Konfliktes zwischen kollektivem und Privatbesitz in Zeiten ideologischer wie moralischer Krisen. Von einer stark landwirtschaftlich geprägten Tradition ging es vor ein paar Jahrzehnten unheimlich schnell hin zur beschleunigten Nationalisierung und Industrialisierung, dann zur beschleunigten Privatisierung bzw. Liquidierung und zu was sich sonst noch so schickt. Im 21. Jahrhundert gelten neue Herausforderungen. Man feiert eine sehnlichst beschworene Globalisierung, doch dieses Mal nicht im Sinn der Internationale. Rumänien befindet sich wieder einmal im Umbruch: Es wird europäisiert, was immer das heißt.

Nach altkapitalistischem Modell entstanden in den neunziger Jahren relativ schnell aus materieller Perspektive hochdifferentierte (a)soziale Schichten. Tief am Grund der Pyramide lebt man von Tag zu Tag. Die oberen Zehntausend sind steinreich. Derzeit hat sich aber – über selbstverständliche Impulse wie Frustration bzw. Arroganz hinaus – anders als bei der mittleren Schicht bei keiner der beiden so etwas wie ein eigentlich soziales Bewußtsein herausgebildet. Dabei sind die unberechenbaren und in mancher Hinsicht in ihrer Urteilskraft gleich begrenzten extremen Klassen der zeitgenössischen rumänischen Szene die voraussichtlichen Troublemakers der absehbaren Zukunft. Freilich: In jeder Übergangsgesellschaft sind Großverbrechen und Vetternwirtschaft zu Hause, ob man nun darüber ausgesprochen klagen mag oder nicht. Wer die Augen offenhält, muß das in Kauf nehmen. Doch das Leitwort der Stunde heißt ja nicht Perfektion, sondern nur Integration. Die Türken wollen ja auch in die EU. Und die Italiener sprechen eigentlich fast Rumänisch.

Über Definitionen läßt sich immer noch streiten. Soviel steht fest: Bukarest hat sich prinzipiell in jeder denkbaren Hinsicht zu den zentraleuropäischen Werten bekannt, die zur Zeit allerdings noch eine Frage der offenen Debatte darstellen. Ist Europa nur eine Sache des Geldes, so gehört das Karpaten- und Donaudeltaparadies zur Zeit nicht unbedingt dazu. Denn bezahlt wird nicht in Euro, sondern in Lei, die übrigens auch gut aussehen. Befinden sich aber deutsche Jäger gerade mal auf der Jagd in einem der großzügigen rumänischen Naturschutzgebiete, so steht ihr ungeniert in Anspruch genommenes Jagdrevier auf dem Europa-Atlas und nirgendwo sonst. Perspektivische Vielfalt?

Integration bedeutet für ein Land nicht immer dasselbe wie für seine Bürger. Manche Teile des rumänischen Soziogramms sind auf internationaler Ebene beruflich durchaus kompetitiv, etwa das Computervolk. In Silicon Valley spricht man bereits fast nur noch Rumänisch, abgesehen natürlich vom weltweit boomenden Chinesisch. Kinder statt Inder? Ja, die Rumänen verhalten sich manchmal wie große Kinder. Auf den internationalen Olympiaden für Mathematik zum Beispiel wollen sie nie von den großen Preisen ablassen. Und sie sind nach jahrtausendelangem Angetastetwerden immer noch ohne weiteres bereit, solche Sätze zu schlucken wie Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Persönliche Bewegungsfreiheit war schon immer schlecht von Startkapital zu trennen: Es gab früher in Rumänien viele Leute, die gerne dazu bereit waren, ein kleines Vermögen für die Beschaffung eines Visums zu zahlen, und es gab auch viele Leute, die gerne dazu bereit waren, ein kleines Vermögen für die Beschaffung eines Visums in ihre eigenen Taschen wandern zu lassen. Letztere hatten verständlicherweise mehr oder weniger unmittelbar mit den europäischen Konsulaten zu tun, die bis zum 31. Dezember 2001 als gefürchtete Stempelinstitutionen sehr viel wichtiger waren, als sie es jetzt sind. Am 1. Januar 2002 hat nämlich die berühmte Visa-Mafia in Rumänien stillschweigend aufgehört zu existieren.

Dem EU-, Nato- und sonstigem Beitritt wird landesweit instinktiv kräftig zugestimmt, wenngleich die terminologischen Konsequenzen möglicherweise nicht gleich in ihrer ganzen Tragweite erfaßt werden. England hat seine Pleiten, Frankreich hat seine Pleiten, Italien auch, ja sogar Österreich hat seine Pleiten! Warum sollten wir allein ein Land ganz ohne Pleiten sein? fragt der rumänische Komödienschreiber Caragiale schon im neunzehnten Jahrhundert durch einen seiner integrationsfreudigen Helden. Dein Europa geht mich nicht im geringsten an! Alles, was zählt, ist mein Rumänien! antwortet der offensichtlich euroskeptische Konterpart.

Den politischen Willen, drin zu sein, gibt es offensichtlich. Erste Schritte zur Integration wurden bereits zufriedenstellend vollbracht: die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage des Landes unter Berufung auf neueingeführte Begriffe wie Management und Marketing, die vorbildlich engagierte Durchführung der deutschen Sprachreform und dazu gleich noch die Durchführung einer rumänischen Rechtschreibreform (Deutschland hat seine Rechtschreibreform. Warum sollten nicht auch wir unsere Rechtschreibreform haben?), der Einzug multinationaler Firmen sowie die Gewährleistung der Fernsehfreiheit.

Jetzt sollen weitere Schritte folgen, nur, manche eurokundige Schachtelsatzspezialisten vertreten die überstürzte Meinung, das dieses Land am Rande Europas als große Ausnahme selber die kühnen Schritte leisten soll, von denen später hoffentlich die gesamte Gemeinschaft Nutzen tragen wird. Über die leider etwas miserablen innenpolitischen Konstellationen hinweg strebten dabei die Machthaber in Bukarest seit dem Sturz des Kommunismus im Jahre 1989 allesamt beständig eine unverkennbare Annäherung an das wirtschaftstüchtigere Zentrum des Erdteils an.

Rumänien hat sich bemüht, allen nicht immer haltbaren Forderungen der EU-Gesandschaft in zahlreichen und gut nachlesbaren Punkten zu genügen, ob nun prompt und unreflektiert oder eben mit zögerndem, leicht verkehrt erscheinendem Vorbedacht. Rumänien ist gerne bereit, Coca-Cola zu trinken und Kriegslieder für die NATO anzustimmen. Deutsche Wagen fahren: auch kein Problem. Als wichtigster Handelspartner und nicht unwichtiger Freund behauptet Deutschland sowieso eine privilegierte Rolle im öffentlichen Bewußtsein der Karpatenleute.

Und weil wir gerade von den Karpaten sprechen: Die erstklassigen Hotels in den Bergstationen sind voll ausgelastet, freilich auch die nicht erstklassigen Verkehrsmittel in den Städten. Breit angelegte Architekturprojekte entstehen überall in der Hoffnung auf entsprechende Zuschüsse. „Neuwagen" aus dem Westen werden zugelassen (soweit sie nicht älter als acht Jahre sind). Viele Vermittler wollen vieles vermitteln. Unzählige Privatuniversitäten verkaufen den prospektierenden Studenten eine garantiert haltbare berufliche Zukunft. Marktgesellschaftliche Leistungen lassen sich auch aus weiter Ferne blicken: Ein vom baulustigen Diktator Ceausescu hinterlassenes grandioses Gebäude (ursprünglich als LebensmittelGroßkomplex gedacht und dem Volksmund früher leider eher als Hungerzirkus bekannt) wurde in Bucharest Mall umgewandelt, ein westlich anmutendes Ding mit zehn modernen Kinosälen und allerhand mehr oder weniger sinnvollen Konsumoptionen, dazu diensteifrige Damen und stattliche Bodyguards. Mit dem Taxi kann man für ein paar Euro von der Bucharest Mall aus durch die ganze Stadt fahren. Oder umgekehrt, falls man das will.

Verbindung schaffen: Dazu geht einer bis an die Straßenecke, ins Internet Cafe. IT ist hier veilleicht das erste Uneßbare von allgemeinem Interesse. Im Unterschied zu Österreich etwa ist nämlich der Umgang mit dem Internet für Rumänien schon lange kein Geheimnis mehr. Gute wie schlechte Nachrichten sausen gewissenhaft durch Kabel und Luft. Zeitungen, Verlagshäuser und Agenturen halten sich brav über Wasser, tauchen zwar dann und wann mal unter, gewöhnlich aber auch wieder auf, zeichnen westliche Modelle ab, geben sich möglichst unbekümmert und aufgeschlossen, versuchen die Laune des Marktes zu erraten, zu gestalten. Das Medienereignis wird wie das politische Geplapper mit Leidenschaft und Witz erlebt. Gerade wenn einer denken würde, die lokalen rumänischen Fernsehkolosse stehen allesamt im Begriff, Konkurs anzumelden, setzen fröliche Investoren neue Sender in die Welt. Trotz der verhältnismäßigen Armut ist eine gewisse Lebens- wie Geschäftsdynamik nicht zu verkennen, und selbst für Gedankenwelt und schöngeistige Unterhaltung hat man noch was übrig. Freilich: Angesehene Kulturzeitschriften werden manchmal in Konditoreien zusammengestellt. Unter anderem, weil es zu kostspielig ist, neue Räumlichkeiten zu mieten, nachdem die alten durch die heimtückischen Schlingen der Reform abhandengingen. Und auch, weil es in der Konditorei viele Süßigkeiten gibt. Und weil das literarische Cafe als biokulturelle Identifikationseinheit im teilweise wohlergründeten Bewußtsein des Homo Bukarestiensis immer noch durchaus anwesend ist.

Eine Reise von den „warmen Ländern" des Westens nach Rumänien macht – abgesehen vom ganz normalen Anpassungsprozeß der ersten Tage - in keiner Weise einen kulturellen Schock aus, wie manchmal gerne als Ausdruck des „Weltschmerzes" erhabener Eliten angegeben wird (sondern höchstens einen finanziellen). Von irgendeiner nahen Wirtschaftskonjunktur zu sprechen erübrigt sich leider selbstredend. Und diese gar papiergerecht prompt durch die verriegelte Tür eines vermeintlichen Europa zu verlangen, ist vielleicht ebenfalls keine gute Idee. Auf der anderen Seite macht Rumänien zur Zeit ein wahres Schlaraffenland für viele europäische Unternehmen (und Privatpersonen) aus, die sich darauf verstehen, aus „Restrukturierungsprogrammen" Profit zu schlagen. Jedenfalls ist das aktuelle Business Environment in diesem langfristig „gerade" beitretenden Staat sehr viel reichhaltiger, als oft vermittels der unpräzise abtönend gebrauchten Zeitungsphrase „Balkanland" nahegelegt wird. Aber um seine Vorurteile loszuwerden, muß einer selber dagewesen sein.

1. März 2002

Leserbrief


 Haben Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter  abonniert?