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Wer ist im Recht?
Weltmacht und Weltmeinung
Die Vereinigten Staaten fühlen sich tatsächlich
"im Krieg", wobei die Europäer, durch mehrere Jahrzehnte
Frieden verwöhnt, "in eine Art Panik" geraten (Michael
Meyer und Christopher Dickey Ende Februar in "Newsweek").
Die Frage, auf wessen Seite der kleine Kontinent eigentlich steht, wird
zunehmend irrelevant - jedenfalls solange man die pure militärische
Schlagkraft im Auge hat. Tragen die Europäer (außer Bedenken)
überhaupt noch irgendetwas zur globalen Meinungsbildung bei?
Von Dietrich Krusche
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Während des Kalten Krieges war für Übersichtlichkeit
gesorgt. Die Frontlinie, nicht nur, was die reale Machtverteilung anging,
sondern auch die der Weltmeinung, verlief zwischen 'Kapitalismus' und
'Kommunismus', zwischen 'Marktwirtschaft' und 'Planwirtschaft', zwischen
'Demokratie' und 'Parteidiktatur'. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums
ist diese Orientierung dahin, alle neuen Grenzziehungen sind bisher
unscharf geblieben.
Was die Situation
unübersichtlich macht, ist das, was auf den ersten Blick als Vereinfachung
erscheinen kann: Nur noch eine einzige Weltmacht, die USA, ist übrig
geblieben. Die Komplizierung ergibt sich aus der Verteilung der Mit-
und Gegenspieler um dieses Zentrum der Macht herum. Keiner von ihnen,
auch China und auch das nur langsam zusammenrückende Europa nicht,
kann mit dem ökonomischen, geschweige denn dem militärischen
Potential der USA konkurrieren. Aber mit der gleichen Gewißheit
läßt sich sagen: Auch die USA müssen darauf bedacht
sein, nicht allzu große Teile der Weltmeinung gegen sich aufzubringen.
Mögen sie auf Beistand bei ihren kriegerischen Unternehmungen noch
so selbstgewiß verzichten, auf ein gewisses Maß an Zustimmung
zu dem, was sie tun, sind auch sie angewiesen - ganz abgesehen davon,
daß ihr eigenes Sendungsbewußtsein nicht unabhängig
davon ist, wie der Rest der Welt sie sieht.
Einiges von dem, was die USA gegenwärtig tun oder planen, ist rechtlich
zweifelhaft, anderes scheint für große Regionen der Welt
nachteilig, wenn nicht gar bedrohlich zu sein.Was, zum Beispiel, ist
der Status derer, die als Terroristen oder deren Unterstützer (al-Qaida-Kämpfer
einerseits, Taliban andererseits) in die Hände der USA gefallen
sind? Vor welchen Gerichten und nach welchen Gesetzen können sie
abgeurteilt werden? Was überhaupt ist die völkerrechtliche
Grundlage des Kampfes, den die USA gegen den - pauschal so genannten
- Terrorismus führen? Auf welche Staaten kann er, ohne vollends
in Willkür überzugehen, ausgedehnt werden? Wird die Zustimmung
der Vereinten Nationen bei weiteren Aktionen eingeholt werden? Wird
es eine Konsultation der Verbündeten geben?
Beunruhigend ist, daß die gegenwärtigen Regierung der USA
sich in diesen Fragen von der Meinung aller anderen abzukoppeln scheint.
Während der Konferenzen in München und New York deutete sich
an, daß die Linie des Außenministers, den Kampf gegen den
Terrorismus mit der Zustimmung möglichst vieler zu führen,
aufgegeben wurde. Durchgesetzt hat sich offenbar die Linie des US-Verteidigungsmisters
bzw. dessen Stellvertreters, die auf den Grundsatz des römischen
Imperiums hinausläuft: Oderint, dum metuant! (Sollen sie uns ruhig
hassen, wenn sie uns nur fürchten!) Die Folge dieser Entwicklung:
Die Solidarität, von der die USA unmittelbar nach den Attentaten
vom letzten September umgeben waren, schwindet. Die Außenminister
Frankreichs und Deutschlands und der außenpolitische Beauftragte
der EU haben sich dazu nicht nur diplomatisch-kritisch, sondern deutlich
kritisch geäußert. Der Ton in der Berichterstattung der Medien
ändert sich. Der SPIEGEL-Titel "Die Bush-Krieger" ist
so inszeniert, daß die Assoziation "Strauchdiebe" sich
aufdrängt.
Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon vor den Terroranschlägen
des letzten September begonnen hat. Eine der bedeutsamsten Folgen der
Attentate ist es, die Problematik des Verhätnisses der USA zum
Rest der Welt zu Bewußtsein gebracht zu haben. Seit dem September
2001 zeichnet sich eine Trennungslinie ab, entlang der die Meinungsfelder
sich zu organisieren beginnen. Sie ergibt sich aus dem Widerstand gegen
die Wirtschaftspolitik, insbesondere die Handelspolitik, sowie die Umweltpolitik
der USA, von der viele Länder der Welt sich benachteiligt, wenn
nicht gar bedroht fühlen. Das militärische Konzept, einen
Schutzschild von Anti-Raketen-Raketen über die USA zu breiten,
tut ein übriges dazu, die Poltik der einzigen Weltmacht als selbstherrlich
und arrogant erscheinen zu lassen. Der Widerstand dagegen hat sich,
erratisch noch und punktuell, bereits bei Massenprotesten wie in Seattle
oder Genua artikuliert, hat sich in Einzelforderungen wie der
nach der Einführung der Tobin-Steuer konkretisiert und hat
sich organisatorisch in Zusammenschlüssen wie Attac verfestigt.
All das haben die Terroranschläge mitaufgerufen und gebündelt.
Aber das ist nur die eine Seite ihrer Wirkung.
Die Attentate von New York und Washington waren das Werk islamistischer
Fundamentalisten, die ihr Handeln mit ihrer religiösen Überzeugung
begründeten. Sie selbst und ihre Hintermänner haben sich ausdrücklich
auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bezogen,
sie haben die Entweihung ihres Herkunftlands, Arabien, durch die Stationierung
amerikanischer Truppen ins Feld geführt und zum 'Heiligen Krieg'
gegen die Ungläubigen und Frevler aufgerufen. Damit haben sie dem
Konflikt, der heute das Weltgeschehen bestimmt, eine zusätzliche,
eine religiös-kulturelle Dimension hinzugefügt. Die öffentliche
Diskussion darüber hat den Begriff des Kultur-Kampfes ("Clash
of Cultures") in sich aufgenommen und eine zusätzliche Dimension
gewonnen.
2
Über den völkerrechtlichen Status militärischer Handlungen
kann man 'objektiv', d. h. im Rahmen vorhandener Rechtsnormen diskutieren,
über die Umstände und Folgen der 'Globalisierung' kann man
verschiedener 'Meinung' sein und sich trotzdem über den Unterschied
der Meinungen verständigen. Das gilt bei der Verhandlung von Kultur-Differenz
nicht in gleicher Weise. Alles Denken/Sprechen ist selbst kulturell
geprägt. Es gibt keinen 'Standpunkt über den Kulturen'. Daher
kann das Sprechen über Kultur-Differenz immer nur positional
geschehen, das heißt in der Einsicht, daß der geäußerte
Standpunkt durch eine der 'Kulturen', die da verglichen werden,
geprägt ist. Hier geschieht das vom Standpunkt eines Mitteleuropäers
aus.
Vergleicht man die Religionen, die heute eine globale Rolle spielen,
Islam, Christentum und Buddhismus, nicht unter inhaltlichen Gesichtspunkten,
also nicht ihren Lehrinhalten, sondern ihrer Verkündigungsweise
nach, stößt man auf einen Unterschied, der mit der jeweiligen
Entstehungsgeschichte zu tun hat. Um mit dem Buddhismus zu beginnen:
Er ist die einzige 'Religion', die sich auf keine göttliche Offenbarung
bezieht, sondern auf die exemplarische Erfahrung eines Menschen in der
Welt zurückgeht, die Buddhas. Daß sie überliefert wird,
ja, daß sie überhaupt in der Welt ist, verdankt sich dem
Mitleiden Buddhas mit der Menschheit. Als er sich schon aus den Zwängen
des irdischen Lebens befreit hatte, aber ehe er die irdische Welt vollends
verließ, schenkte er den Jüngern seine Erkenntnisse als ein
Angebot, sich danach zu richten. Die strikt irdische Entstehung und
der bloße Angebotscharakter des Buddhismus, der auf das je eigene
Interesse seiner Nachfolger abzielt, hat ihm jede aggressive Form der
Propagierung und Missionierung erspart.
Vor dem Hintergrund des Buddhismus wird die Gemeinsamkeit von Christentum
und Islam deutlich: Beide sind Offenbarungsreligionen, beide berufen
sich auf ein Sprachdokument, das die wörtliche Äußerung
einer göttlichen Instanz darstellt. Sowohl dem Neuen Testament
als auch dem Koran ist die Aufforderung, die göttliche Lehre in
der ganzen Welt zu verbreiten, ausdrücklich eingeschrieben. Dabei
stand und steht die göttliche Wörtlichkeit der Verkündigungsinhalte
einer Abwandlung durch die Geschichte tendenziell entgegen, der Verkündigungsauftrag
hat zu den aus der Missionsgeschichte bekannten Exzessen geführt;
die Auserwähltheit vollends, die zum Selbstverständnis
der jeweils 'alleinigen Besitzer' göttlicher Wahrheit gehört,
hindert sie daran, die Überzeugungen der anderen als gleichwertig
zu begreifen.
Seit der europäischen Aufklärung allerdings sind die
Geschichte des Christentum und die des Islam verschieden verlaufen.
Indem der 'bürgerliche' Staat sich auf ein Naturrecht berief, in
dem die für alle gleichen 'Menschenrechte' gründeten, konnte
er sich aus der Verstrickung in religiöse Dogmen allmählich
befreien. In den islamischen Ländern dagegen hat sich die Einheit
von Staat, gesellschaftlicher Organisation und Religion erhalten, wobei
es die Religion ist, die - als Gebotskanon der Lebensführung und
als Heilslehre - integral wirkt. Dieser Zusammenhang tritt nicht
in allen islamischen Staaten in gleicher Weise zutage; aber in seiner
konsequenten Anwendung ist der Koran Glaubensgrundlage ('Bibel') und
Verfassung zugleich.
Damit ist in einer Zeit der globalen Kommunikation und des Anwachsens
der Migrationsströme ein Konflikt vorgezeichnet. Er hat weniger
mit unterschiedlichen 'Werten' zu tun als mit einer Unterschiedlichkeit
von Lebenspraxis. Als Angehörige einer liberalen Gesellschaft halten
wir uns etwas darauf zugute, Kulturdifferenz gut zu finden, als eine
Gelegenheit, unsere Toleranz zu praktizieren, etwa nach dem Motto: Je
mehr Kulturmischung, desto besser! Darin liegt eine Verharmlosung und
ein Mißverständnis. Sich auf eine andere Kultur einzulassen,
bedeutet immer ein existentielles Risiko und kann - in der Zerstörung
des Familienzusammenhalts und der Gefährdung der Identität
- eine tödliche Gefahr sein. Gläubige im Sinne des Islam können
ihre religiösen Überzeugungen nicht ohne weiteres 'liberal'
handhaben, es sei denn um den Preis der Apostasie. Die Bereiche, in
denen Konflikte dieser Art heute am deutlichsten zutage treten: die
Freiheitsrechte des Einzelnen, wie sie in den westlichen Demokratien
gegenüber jeder Art von 'Obrigkeit' erkämpft wurden, das Familienrecht,
die Rolle der Frau. Es ist nicht zufällig und alles andere als
marginal, daß die Attentäter des letzten September und diejenigen,
die sich nachträglich mit ihnen solidarisieren, in der Stellung
der Frau, zumal in der Zurschaustellung des weiblichen Körpers
in Europa/Amerika, die größte Provokation und Bedrohung erfahren
haben und erfahren. Andererseits: Die Tatsache, daß das afghanische
Talibanregime die Frauen in einer bis dahin nicht gekannten Weise unterdrückte,
ließ vielen 'Abendländern' das militärische Eingreifen
der USA schon deswegen wünschenswert erscheinen. Die Situation
könnte sich ergeben, daß wir Europäer uns in Fragen
des Völkerrechts, der sozialen Gerechtigkeit, der Verteilung der
Güter in der Welt mit islamisch bestimmten Ländern solidarisieren,
während wir uns ihnen in Sachen der individuellen Freiheitsrechte,
des Familienrechts und der Rolle der Frau konfrontieren müssen.
Eine Verwerfung der Weltgeschichte, die uns Europäern heute die
Orientierung zusätzlich erschwert, ist der latente Fundamentalismus
unseres bisher so engen Verbündeten, der USA, selbst. Deren gegenwärtige
Regierung, zumal ihr Präsident, äußert sich gern in
Begriffen wie "Kreuzzug gegen den Terrorismus", "Achse
des Bösen" usf. Die Tradition der USA, sich selbst als Hort
einer gottgewollten Freiheit und als Heilsbringer für den Rest
der Welt zu begreifen, hat sich wieder belebt.
Eine Schlußfolgerung kann man aus der Komplexität
der Weltlage heute sicherlich ziehen:
Europa sollte seinen inneren Zusammenhang stärken, um - wenn schon
nicht als Weltmacht - als eine Position in der Weltmeinung deutlichere
Kontur zu gewinnen.
1. März 2002
Leserbrief
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