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Luc Tuymans
Ästhetik der Traumata - Inversion des Allegorischen
"Ich glaube, daß Bilder kontinuierlich ihren
eigenen Endpunkt darstellen, ohne ihn zu gestalten. Das ist die never
ending story. Das ist nicht ein narratives, sondern ein rhetorisches
Vorgehen. Da werden Gedanken an Laute oder Musik unmöglich, weil
ich das für Bilder als am meisten tödlich erfahre. Bilder
sollten, wenn sie funktionieren, diese ungeheure Intensität der
Stille haben, eine aufgefüllte Stille oder Leere. Der Betracjhter
sollte vor dem Bild immobil werden, erstarren."
(Luc Tuymans in einem Interview mit Josef Helfenstein)
Von Herbert Köhler
"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?
und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz:
ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne
ist nichts anderes als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade
ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich."
Vor Luc Tuymans' Gemälden ist man genau dem von Rilke beschriebenen
Zustand ausgesetzt. Das wirkliche Grauen lauert hinter dem schönen
Schein, denn es benötigt die Tarnung, sonst könnte es nicht
wirklich zuschlagen. Der belgische Künstler widmet seine Malerei
brisanten Geschichtspassagen der jüngeren Neuzeit, verzichtet jedoch
auf die Darstellung der Fakten des Grauens. Vielmehr unterfüttert
er seinen Gemälden jene Traumata, die aus diesen Fakten entstanden
sind, mit einer Bildästhetik, die in den Anfang des 20. Jahrhunderts
datiert werden könnte und doch wieder nicht. Nicht die Malerei
selbst ist die Provokation, ihr Subtext ist es. "Eine Art von Bildterror.
Ich zeige meine Bilder ja auch gezielt. Sie sollten auf den Betrachter
wie eine Attacke wirken, die er nicht direkt erfährt, sondern zuerst
auf Entfernung. Wenn er sich nähert, sollte sich diese Attacke
nochmals entfalten, aber auf einer anderen Ebene. Etwas ganz Unverständliches
löst dann bestimmte Gefühle aus, beansprucht etwas. Das kann
nur aus einer bestimmten Stille kommen. Ich meine die Stille vor einem
Gewitter. Es geht nicht um die Entwicklung von Melancholie, sondern
um eine bestimmte Form von déja vu." Dahinter steckt eine
einfache Didaktik. Denn wer sich dem offensichtlich Häßlichen,
Bösen nähert, tut dies instinktiv in Schutzhaltung. Das Schöne,
Natürliche dagegen hält alle Portale offen, weil es keinen
Argwohn kennt, macht sicher, zieht an. Die Schutzlosigkeit, die daraus
erwächst, bietet jeder Form von Verletzlichkeit ein weites Areal.
Jetzt erst ist man wirklich schockierbar. Den ästhetischen Schein
dazu zu bemühen, das Schreckliche zu transportieren, ist gleichzeitig
eine Rache an dem Niveau der Stumpfheit unserer Wahrnehmung, schließlich
ist alles, was es irgendwie zu malen gäbe, auch schon gemalt worden.
Darum weiß Luc Tuymans.
Die Künstler seit Dada waren es, die die Fragwürdigkeit der
'Bilder als Aufklärung' erkannten und so eine Inversion des allegorisch
Darstellbaren in der Kunst herbeiführten. Das heißt, Mythen
und Sachverhalte, literale Hintergründe werden nicht mehr wie im
Barock vom Text ins Bild verwandelt, um der Menschenwelt didaktisch
entgegenzukommen. Die allegorische Darstellung bedient sich jetzt des
umgekehrten Weges, geht aus vom Bild und schließt auf seine literale
Unterlegung. Damit ist auch die naive Bebilderung der Erfahrungswelt
zu Ende gegangen.
Bilder haben ihre pure, aufklärerische Sehdidaktik verloren, sie
setzen jetzt Wissen voraus. Bildkontemplation ist ein ausgestorbenes
Wort. So konnten sich im 20. Jahrhundert ikonologisch-visuelle und sehr
individuelle Bildphilosophien entwickeln, die das Belanglose in den
Vordergrund schoben, um Großartiges zu verbergen. Der Künstler,
selbst Technosoph geworden, hat seine Rezipienten, Museumsbesucher wie
Kritiker, zum Pfadfinder gemacht und damit eine Aufmerksamkeit erzwungen,
die sich nicht mehr allein auf das künstlerische Produkt bezieht.
Es gilt Pfade und Kontexte zu sammeln, nicht nur mehr Bilder!
Die so entstandene allegorische Inversion (mit Bild-in-Text-Verwandlung)
ist Hauptmerkmal der Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Werk des Künstlers
soll nun der Entdeckung der Urheber-Theorie dienen und nicht mehr so
sehr der Urheberschaft oder einer äußeren Quelle. Der, ästhetisch
ausgedrückt, häßliche Schein legitimiert nun strahlende
oder abgründige Künstlertheorien und -haltungen, bietet Concetti
zur mehrwertigen Weltinterpretation an. Dada, Fluxus, Konzeptualismus
und das weite Feld der Banal-Art konnten so jeweils auf ganz
unterschiedliche, aber stets subversive und sabotierende Weise
wirksam werden.
Doch auch die Gegenbewegungen zum häßlichen Schein waren
immer da, pulsierten, wenn nicht als Moden, so doch als Nebenschauplätze,
führten mal ein Schattendasein, traten mal als Impulsgeber auf.
Nach völlig überflüssigen, aber langen Leichenreden etwa
über den Tod der Malerei seit den 1990er Jahren, entdecken viele
Künstler, daß das Reservoir an Aussagemöglichkeiten
durch das schlichte Tafelbild noch lange nicht erschöpft ist
und Sammler schätzen das Portable, Nichtsperrige mit neuem Interesse.
Das Wort Technik klingt nicht mehr pejorativ.
Luc Tuymans, 1958 in Mortsel/Antwerpen geboren, malt aus dem Reservoir
der neuen Aussagemöglichkeiten, still, unspektakulär
keine Farborgien, kein Spachteln, kein Dripping, nichts Aufgeblähtes,
keine Architektur des Keilrahmens, nichts Wildes. Eher zeichnerisch,
kühl, figurativ mit hohem Farbsensus, ja, betäubt wirken Landschaften,
dokumenthaft Architekturen, und Menschen oft wie Larven unanwesend,
melancholisch, apathisch, maskiert. Tuymans malt nach Vorlagen, Fotos,
Videostills. ...
Traumata
Luc Tuymans arbeitet Katastrophenpassagen der Neuzeit auf, kollektive
wie individuelle Verbrechen sind die Themen. Das klingt nach Aufklärungsarbeit,
ja fast moralisch, zurückgewandt und banal, viele andere haben
es doch vor ihm schon getan. Pablo Picassos 'Leichenhaus' und 'Guernica'
stehen für den Beginn in Sachen Aufarbeitung kollektiver Katastrophen;
Arbeiten etwa von Robert Morris, Jonathan Borofsky und Anselm Kiefer
für die jüngere Vergangenheit; dazu die neuen britischen Apokalyptiker,
die sich voyeuristisch auf das rein plakative Prinzip des Terrors stürzen.
Bei allen steht das 'memento', der Denkmalcharakter mehr im Vordergrund.
Luc Tuymans jedoch hat so etwas wie ein Paßwort für die Nachgeborenen
der Geschichtstragödien gefunden, das es einerlei macht, überhaupt
noch Etiketten der Phasen des Verbrechens zu benennen. Fast scheint
es überflüssig, noch von Genozid, Holocaust, Shoa (den Kollektivpathologien),
Unterdrückung, Mord und Schändung (den Zivilpathologien) zu
sprechen. Denn Tuymans spielt mit dem 'Feinstofflichen' des Bösen
der Gefühlsirritation, des Konvulsivischen lauernder Ahnungen
, nicht mit dem Bösen selbst. Nicht die Taten, die dieses
Böse hinterlassen hat, stehen im Vordergrund, ja, diese werden
nicht einmal ins Bild gerückt. Vielmehr thematisiert sich die Geschichte
der Traumata, die diese Taten in jedem erfaßbaren Sinne hinterlassen
haben. Angedockt wird nur über anonyme Platzhalter des Bösen.
Symbole, weiter nichts. Und trotzdem geschieht im Betrachter Ungeheuerliches.
Während sich das Auge auf den Lockvögeln, den Bildern ausruht,
ist die Sensibilität, ist Einfühlung und Mitfühlen auf
einer ganz anderen Ebene herausgefordert. Das Konvulsivische
die Verwirrung und Verunsicherung das sich hier einstellen kann
ist Tuymans' Ziel, etwa mit dem seit dem Vietnam-Krieg anerkannten Syndrom
des 'Post-Traumatic Stress Disorder' der harmlosesten Art vergleichbar,
da sich der Betroffene wenigstens hier jederzeit entziehen kann.
Kollektive Traumata gründen stets auf ihrer faktischen Leidensrealität
(physische Verwundung, psychische Verletzung, Schock), die durch Leidenssubjektivität
(Verdrängung, Schuld oder Belastungspathologien) im Verlauf der
zeitlichen Entfernung zum verletzenden Ereignis in einen sozio-kulturellen
Kontext der Bewältigung übergehen, so daß die Faktizität
(medien-dokumentarisch im Bild und Film festhaltbar) der physischen
Opfer zwar als Hintergrundstrahlung erhalten bleibt, Horror- und Terrorunmittelbarkeit
jedoch einer ganz neuen Bewältigungslogik unterworfen werden müssen.
Luc Tuymans weiß, daß ein Trauma auch auf diejenigen übertragbar
ist, die die Urverletzung des Terrors nicht selbst erfahren mußten.
Dazu muß sich jedoch der Bezug zum Schmerz und Unrecht transformiert
haben. Nicht mehr die (direkten) Fakten, sondern das (indirekte) Trauma
hat jetzt seine geschichtliche Tätigkeit aufgenommen, Trauma-Arbeit
als Meta-Dokumentation. "In meiner eigenen Geschichte, im Familienbereich,
war immer die Rede vom Krieg. Aber da wurde immer direkt erzählt.
Mit meiner Arbeit wollte ich zunächst indirekt herangehen: all
das gewöhnliche dieser Zeitungsbilder, diese Art von Banalität
und das banale Feld um den Krieg herum." ...
Ahnung

Wer sich der Wirkung des Heydrich-Porträts (1988) aussetzt oder
erfährt, daß 'Der Architekt' (1997), der nach mißglücktem
Telemarkschwung hilflos im Schnee sitzt, nach einem Skiurlaubsfoto mit
Albert Speer gemalt ist, wer 'Himmler' (1997/98) durch den Hitlerschatten
verdunkelt wahrnimmt oder Hitler selbst, in Begleitung, einen Spaziergang
im 'Caspar-David-Friedrichschen' Berchtesgadener Land unternehmen sieht
(De Wandeling, 1993; Abb. oben), der konfrontiert sich auch mit jener
(unheilvollen) Ahnung, jener 'Premonition' (wie ein Ausstellungstitel
von Zeichnungen im Berner Kunstmuseum von 1997 verdeutlicht), die das
Reservoir des Traumas bietet. Ahnungen und mit ihnen verknüpftes
Wissen sind es, die, durch Traumata tabuisierte Themen (samt ihren fragwürdigen
administrativen Allianzen Medizin, Politik und Medien, oft auch der
Justiz), einen Erinnerungsdiskurs in Gang setzen können, der die
mediale Faktenbespülung zwar nicht überflüssig macht,
jedoch auf weit verinnerlichendere Art den Trauma-Diskurs leiten kann
und vor allem viel näher am Hauptnenner bleibt: dem Trauma des
Unvermögens der Menschheit. Um dieses traumatisch gewordene Unvermögen
geht es in allen Bildserien Luc Tuymans'. Der diagnostische Blick auf
Nationalsozialismus und Holocaust kann da nur Teilaspekt bleiben, denn
gerade das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert, das mit seinen megalomanen
Gestalten (Leopold II. von Belgien, Adolf Hitler, Josef Stalin, Mao
Dse Dung, Pol Pot und ihren todbringenden Trittbrettfahrern) Todes-
und Mordbilanzen eröffnete, für die die katholische Inquisition,
die Epidemien oder die bisherigen kriegerischen Konflikte Jahrhunderte
benötigten. Das Konzept Auschwitz war ja letzten Endes auch ein
Morden im Zeitraffer und hält sich an der Grenze des noch Benennbaren
auf. ...
Auszug aus: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst,
WB Verlag, München 2001 (Ausg. 56, Heft 32, 4. Quartal 2001). Mit
freundlicher Genehmigung des Verlags.
Wiedergabe des Gemäldes mit Erlaubnis der Zeno X Hallery, Antwerpen.
15. März 2002
Leserbrief
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