Interview mit Michel Houellebecq

Mit seinem neuen Roman "Plattform" (Dumont) erzielte Michel Houellebecq in Frankreich nicht nur einen Verkaufserfolg (über 400.000 Exemplare), er festigte auch seinen Ruf als Lieblingsprovokateur der Intellektuellen. Denn in "Plattform" propagiert der Autor der "Elementarteilchen" die seiner Meinung nach "perfekte Tauschsituation" zwischen erster und dritter Welt, den Sextourismus. Nur eine von etlichen gezielten Provokationen, denen das Wiener Magazin "Profil" brav folgte: "Michel Houellebecq hat alle Zweifel darüber ausgeräumt, ob er ein listiger Sophist ist, der mit Tabubrüchen spielt, oder einfach nur ein Ekel. Houellebecq ist ein frauenfeindlicher, dumpfer, reaktionärer Rassist." Wir sprachen mit Michel Houellebecq vor seiner Münchner Lesung.

Gazette: Herr Houellebecq, Sie verkaufen in Ihrem neuen Roman Sextourismus als Glücksvision.

Houellebecq: Das Geschäft wird bisher viel zu amateurhaft betrieben und ist in Ländern wie Kuba sogar illegal. Ein großer Teil der potenziellen europäischen Kunden ist davon abgestoßen, das ließe sich alles viel besser organisieren.

Kommt Ihnen diese "perfekte Tauschsituation" zwischen Erster und Dritter Welt nicht unmoralisch vor?

Moral hat nichts mit Sex zu tun und ist auch nicht Thema meines Buches.

Menschenrechtsorganisationen werden Sie mit Ihrem Buch nicht begeistern können.

Das Wort Menschenrechte wird zwar immer benutzt, aber niemand hat eigentlich ein klares Konzept, für was es stehen soll. Es ist so ähnlich wie mit der Philosophie. Wollen wir die Menschen wirklich glücklicher machen, müsste man aufhören Philosophie zu lehren.

Ihre These heißt Befriedigung statt Freiheit. Glauben Sie nicht, dass Sie den Zusammenhang von Glück und Sex überbewerten?

Nein.

Ihre Kollegin Catherine Millet sagt, es gäbe Intimeres als Sex.

Ach wirklich? Hat Sie denn auch gesagt, was noch intimer sei? Sex ist ein gutes Barometer für Intimität – auf jeden Fall bis zu einem gewissen Alter.

Sie haben eine sehr starke Neigung, die weiblichen Hauptfiguren Ihrer Bücher sterben zu lassen.

Der Tod ist ein sehr interessantes Thema – und Michel brauchte ich ja noch für das Schlusskapitel. Aber überlebt er wirklich? Auf eine gewisse Weise stirbt er nach dem Tod von Valérie ja auch.

Ist der Erfolg Ihrer Bücher mit Ihrem öffentlichen Auftreten verknüpft?

Nein, das trifft wohl eher auf Catherine Millet zu. Und sie ist nur die Spitze eines Eisbergs der aktuellen französischen Szene. Aber ich provoziere natürlich auch, um meine Bücher zu verkaufen.

Sie haben behauptet, den Islam zu hassen, weil Ihre Mutter zum Islam übergetreten sei.

Das habe ich aus Spaß gesagt, das war natürlich eine Lüge. Andererseits habe ich den Eindruck, dass das Christentum immer schwächer wird und ohnehin ausstirbt. Es lohnt sich nicht mehr, dagegen anzuschreiben. Der Islam aber kämpft gegen die Ausweitung des Massentourismus, weil der westliche Lebensstil die Bevölkerung von ihrem Glauben abbringt, Insofern musste ich in "Plattform" den Islam thematisieren.

Hat Religion für Sie keine Bedeutung mehr?

Für mich selbst wird Religion immer unwichtiger, ich kann das Thema immer weniger ernst nehmen.

Sie neigen in Ihrem Werk zu Generalisierungen und unterstellen beispielsweise allen europäischen Frauen mangelnde Liebesfähigkeit.

Wenn man nicht generalisiert, kann man doch gar nichts behaupten. Die interessanteste Möglichket sehe ich darin, verschiedene und sich widersprechende Generalisierungen in einen Roman einzubauen.

Sie schreiben, dass Leben sei eine Art Beruhigungsprozess.

Ich spüre das an mir selbst und glaube auch, dass die Ruhe, die wohl mit dem Älterwerden verbunden ist, ein guter Ersatz für frühere ekstatische Augenblicke sein kann.

Mit Michel Houellebecq sprach Volker Isfort.

1. März 2002

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