FrauenFragen

Alt sein ist irgendwie uncool, oder?

Von Eva Herold

Neulich in einer kulturpolitischen Redaktion. Es ging darum, ob man den Beitrag eines verdienten Intellektuellen XY übernehmen sollte – das Thema war nachdenkenswert, der Aufsatz gut geschrieben. Zu wenig aktuell, meinte einer. Nicht glänzend genug, die andere. Ausschlag gab schließlich etwas ganz anders: „Der ist zu alt". Alle nickten.

Erschrocken begann ich nachzurechnen, wann ich so betagt sein würde wie dieser Herr. Der nächste Gedanke: Aha, Gerontophobie existiert also nicht nur in der Werbung, wo sich dynamische Marketing-Macker bei einer gedachten Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren einschleimen (für die Alterchen gibt's Kürbiskern-Pillen und Inkontinenz-Einlagen, und die kaufen sie sowieso, nicht wahr). Nein, auch in Kreisen, die sich normalerweise nicht gerade für oberflächlich halten, hat Altsein anscheinend ein irgendwie uncooles Image – von ein paar Ausnahmen abgesehen, wie Grass oder Reich-Ranicki, die als Prototyp des aufrechten Mahners bzw. Mischung zwischen Klassenprimus und -clown auch nicht unbedingt für voll genommen werden.

Zu Recht? Oder haben wir den Jugendlichkeitswahn, der uns ständig aus allen Medien entgegenplärrt, bereits unbesehen verinnerlicht? Anders gefragt: Gibt es etwas an unseren Alten, das uns Respekt abnötigt? Als ich in der Schule die Nazi-Zeit durchgenommen hatte, beäugte ich eine Zeit lang jeden deutschen Graukopf mißtrauisch nach dem Motto: Und was hast D u während der Hitlerei so getrieben? Gut, diese Generation der im 3. Reich Erwachsenen ist inzwischen fast ausgestorben; der nächste Schub Rentner teilt sich in die traditionellen, vernünftige Schuhe und beige Mäntel tragenden, verlorenen Wirtschaftswunder-Seelen mit notorisch hängenden Mundwinkeln – und die neuen „vitalen" Spaßhaber-Senioren, denen man Golfen, Kreuzfahrten und Auf-Mallorca-Überwintern als Nonplusultra für die Gestaltung des Lebensabends aufschwatzen kann... Besonders respektheischend wirken sie nicht als Gruppe, zugegeben.

Nun ist es aber so: In 20 Jahren wird der größte Teil aller Deutschen über 60 sein, die Besserverdienenden mit der Aussicht, dank fortschreitender Medizintechnik 100 oder älter zu werden. Und spätestens dann dürfte sich zeigen: Diskriminierung aus Alters-Gründen ist so bescheuert wie jede andere Form von Verallgemeinerung. Leute sind Leute, überall und in jedem Lebensabschnitt. Es gibt ätzende Kinder und geniale Teenies, hochbegabte Türkinnen und blöde Neger (oder muß man jetzt hirnmäßig herausgeforderte Personen dunkler Hautfarbe sagen?), blitzgescheite französische Bauern und überhaupt nicht erleuchtete Tibeter, engagierte Chinesen und, ja, total unfähige Frauen. Genau wie es doofe 72jährige deutsche Männer gibt, die mit Doktorspielen im Fernsehen ihr Geld verdienen und in bunten Blättern ihre Ehekrise mit der alten und Heiratspläne mit der neuen Partnerin ausbreiten – und tolle 70jährige wie Alexander Kluge, der jeden Privatsender-Unterhaltungschef um die 40, was Bildung, Witz, Ausstrahlung und Medien-Knowhow angeht, lässig in die Tasche steckt... Rassismus ist also in keiner Variante sinnvoll (auch dann nicht, wenn er sich als political correctness verkleidet).

Interessant werden allerdings die sozialen Auswirkungen der Umkehrung unserer Alterspyramide. Wenn wir also alle alt sind: Wohin dann mit den ganzen Fun-Sport-Arten und dem aufgeregten Freizeit-Getue? Und werden die Konzerne dringend 50jährige Angestellte und erfahrene Facharbeiter suchen – Kräfte, die heute auf dem Arbeitsmarkt als „nicht mehr vermittelbar" gelten? Werden alte Frauen das gleiche gesellschaftliche Ansehen genießen wie heute, nämlich gar keins? Werden wir die paar Jugendlichen, die es dann noch gibt, noch hysterischer umwerben, ihnen vielleicht in der U-Bahn die Sitzplätze freimachen, wenn sie nach einem anstrengenden Schulvormittag heimfahren? Definieren wir uns selbst dann als „in den besten Jahren" oder beschimpfen uns gegenseitig als Mümmelgreise, die längst ins Heim gehören (das sich aber kaum noch einer leisten kann)? Professor Ursula Lehr, unsere Vorzeige-Gerontologin, erwähnt gern, wie bezeichnend es doch für eine Gesellschaft sei, auf welche Weise sie mit ihren Alten umgeht. Bin mal gespannt, wie wir miteinander umgehen, wenn ich 64 bin.

15. März 2002


Leserbrief


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