Hannes Blank

Wasserwerk

Erik hat mir auf den Anrufbeantworter gesprochen, daß er am Sonntag auf einem 10km-Lauf eine neue persönliche Bestzeit gelaufen ist.
Ich gehe selten auf Wettkämpfe. Da sind mir zu viele Menschen. Manchmal läuft Erik mit, aber ich gehe lieber alleine laufen. Ich laufe immer dieselbe Strecke; zwei, drei Mal habe ich darüber nachgedacht, eine andere zu laufen, aber dann nehme ich doch wieder meine alte Strecke. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob ich jetzt links oder rechts abbiegen muss, denn ich könnte meine Strecke im Schlaf laufen. Manchmal hänge ich völlig anderen Gedanken nach, denke an Tierversuche oder Zeitungsabos oder an die Untersuchung beim nächsten Gynäkologentermin, denn ich laufe jedesmal so, wie ich immer laufe: Zuerst durch das Neubaugebiet, durch unbewohnte Straßen mit Häuserskeletten, Schuttmulden und halbtransparenten Abdeckplanen. Dann auf dem Fußweg an der Umgehungsstraße entlang bis zur alten Tankstelle, die rostige Zeugin früherer Benzinpreise. Hinter der Tankstelle öffnet sich mein Blick über große Felder; auf schlecht geteerten Wegen laufe ich vorbei. Am Ende der Felder überquere ich auf einer kleinen Brücke die ewig rauschende Autobahn und erreiche den Wald, der, wenn es heiß, kühler ist, der, wenn ein kalter Wind weht, windgeschützt ist und dessen Wege, wenn die Wege über die Felder vereist sind, eisfrei sind. Wenn der Wald nicht vier Kilometer entfernt wäre, würde ich ausschließlich dort laufen. Nach Passieren der ersten Bäume beginne ich eine Sechs-Kilometer-Runde. Manchmal laufe ich auch zwei oder drei. Auf diesen sechs Kilometern bewege ich mich um ein Werksgelände herum, das sich im Inneren des Waldes befindet. Um das Gelände des Wasserwerkes, das mitten im Wald steht. Das heißt, ich weiß nicht, ob das ein Wasserwerk ist, mein Vermieter hat mir das mal erzählt; es könnte aber so sein. Die Gebäude sind aus karminroten Ziegelsteinen gemauert und das gesamte Gelände ist weiträumig eingezäunt. Umgeben von einem gewöhnlichen Drahtzaun mit drei abschließenden Reihen Stacheldraht. Auch ein großes Stück des Baumbestandes ist mit diesem Zaun vom übrigen Wald abgetrennt. Wenn ich da vorbeikomme, frage ich mich oft, ob es hinter dem Zaun anders ist, als in dem Teil, durch den ich hindurchlaufe. Das Wasserwerk hat einen Turm, etwa 20 Meter hoch, mit dunklen, schmalen Fenstern, durch die man von außen nicht hineinschauen kann. Die flacheren Gebäude sehen genauso aus. Ein Rasen drumherum, der immer akkurat geschnitten ist. Der einzige Zugang ist durch ein drei Meter hohes, automatisches Rolltor gesichert. Daneben ein Schild, das Schrittgeschwindigkeit vorschreibt. Doch die vielen Male, die ich um das Wasserwerk gelaufen bin, noch nie habe ich dort einen Menschen gesehen. Einmal stand ein Motorrad mit laufendem Motor auf dem Vorplatz, zwischen dem großen Rolltor und dem Turm. Aber so lange ich im Vorbeilaufen das Motorrad sehen konnte, kam niemand und fuhr darauf weg oder machte es aus. Es stand einfach da, den Motor im Leerlauf. Vorgestern sah ich, wie sich das Rolltor öffnete. Es ist ein automatisches Rolltor, das sich wie von Geisterhand bewegt. Dann rotiert ein orangefarbenes Licht oben auf dem Tor, bis es wieder vollständig geschlossen ist. Ich lief vorbei, aber es war keiner da, der hinein oder hinaus wollte. Das Tor öffnete sich bedächtig-gleichmäßig, das Licht leuchtete auf, aber niemand ging hinein oder hinaus.

Als ich neulich eine Woche krank war, wurden den ganzen Zaun entlang hohe Bogenlampen errichtet. Das heißt, ich kann nun, da die Tage schon ziemlich kurz werden, auch im Dunkeln im Wald laufen. So wie heute abend. Erik trainiert in letzter Zeit nur noch selten mit mir. Er hat es zwar nicht ausgesprochen, aber ich glaube, er mag meine Laufstrecke nicht. Also laufe ich alleine los. Über den Feldern liegt dünner Nebel; ich spüre Nässe auf der Haut. Es ist zwar kühl, doch als ich in der Dämmerung den Wald betrete, bin ich warmgelaufen und habe meinen Rhythmus gefunden. Die Bogenlampen haben einen dunstigen Hof wie Heiligenscheine und sirren leise. Ich kann auf dem Weg unter den Lampen meinen immer wieder wechselnden Schatten beobachten. Der Wald ist still. Meine Schritte werden länger, mein Atem flacher. Der Boden gleitet unter mir weg, als wäre der Wald ein riesiges Laufband, meine Beine beugen und strecken sich und ich weiß nicht mehr genau, ob ich erst zwei oder schon drei Runden gelaufen bin. Außer mir ist schon lange keiner mehr im Wald, nur ich und das Wasserwerk und dann sehe ich auch das orangefarbene Licht des Rolltores und bemerke noch, wie es sich hinter mir schließt.

1. März 2002

Leserbrief


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