Horizontale Schwerkraft

Von Ernst Albert

Ein Mann kam ins Zimmer und hängte seinen Mantel an die Wand, obwohl dort kein Haken war.
Wie machen Sie das, fragten die Anwesenden.
Das ist kein besonderes Problem, erwiderte der Mann. Es handelt sich hier um horizontale Schwerkraft. Der Mantel ist aus der Wolle von perklastinischen Schnellschafen gewebt. Das perklastinische Schnellschaf ist eines jener seltenen Wesen, deren molekulare Struktur anders auf die Massenanziehung reagiert als gewöhnliche Materie.
Was soll das heißen, fragte jemand.
Auf unsereinen, gab der Mann zur Antwort, wirkt die Schwerkraft senkrecht. Wenn unter unseren Füßen der Boden nicht wäre, verlören wir den Boden unter den Füßen.
Das ist aber eine Tautologie, meldete sich ein anderer Herr, oder zumindest eine Aussage, die nichts aussagt.
Mag sein, entgegnete der Mann, dessen Mantel an der Wand langsam nach links gewandert war, dafür wirkt jedoch die Schwerkraft auf das preklastinische Schnellschaf sozusagen waagerecht. Das preklastinische Schnellschaf wird nicht zum Erdmittelpunkt gezogen, sondern nach Osten.
Nach Osten? Was wollen Sie damit wieder sagen?
Nach Osten, bestätigte der Mann, in jene Richtung, in die auch die Erde sich dreht. Das pesklartinische Schnellschaf bewegt sich in die gleiche Richtung wie die Erde. Wir können daraus folgern, daß es von derselben Kraft angetrieben wird, die auch die Erde in Drehung versetzt. Da es sich bei dieser Kraft nur um die Schwerkraft handeln kann, eine andere ist ja gar nicht da, so folgt daraus wiederum einwandfrei, daß die Erde selbst auf ihre eigene Gravitation nicht senkrecht reagiert, sondern im Winkel von neunzig Grad. Also mit Drehung.
Wir kommen zu dem letzten Schluß, daß das plekrastinische Schnellschaf aus demselben Material wie die Erde gemacht sein muß, da es in gleicher Weise auf die Schwerkraft anspricht. Als widerlegt scheint mir dabei außerdem die alte, immer wieder auftauchende Behauptung, der Mensch selbst, oder zumindest der Mann, sie aus Erde gemacht. Wäre dies der Fall, so müssten sämtliche Menschen, oder zumindest sämtliche Männer, in senkrechter Richtung schwerelos sein, aber unaufhörlich nach Osten um die Erde rasen.
Da habe ich Sie aber bei einem Denkfehler ertappt, rief jemand. Wenn ich in meinem Garten ein Apfelbäumchen pflanze und zu diesem Zweck ein Loch in die oberste Oberflächenschicht grabe, so werfe ich die hierbei aus der Erde entnommene Erde auf einen immer größer werdenden Haufen. Diese Erde fliegt nun keineswegs nach Osten um die Erde, wenn sie verstehen, was ich meine.
Sie und Ihr immer größer werdender Haufen, sagte der Mann.
Das ist aber keine Antwort, mischte eine Frau sich ein. Ich kann die Erfahrung dieses Herrn bestätigen. Es handelt sich um keinen Einzellfall.
Na gut, sagte der Mann, sie haben es selbst gesagt, sie kratzen nur an der obersten Oberflächenschicht herum. Das sind Ablagerungen, Sedimente von Jahrtausenden, die aus dem Weltraum oder wo auch immer herkommen. Sobald Sie etwas tiefer graben, werden Sie merken, wie die Erde sich dort verhält. Sie strebt nach Osten. Südafrikanische Bergleute berichteten aus 3000 Meter Tiefe – oder Teufe, wie der Bergmann sagt, wobei ich nicht weiß, ob der südafrikanische Bergmann ebenfalls Teufe sagt, vielleicht sagt er etwas vergleichbares auf Englisch oder Zulu – jedenfalls berichteten diese Männer, wie in 3000 Meter Teufe die losgehämmerten Steine schwerelos waren, aber mit unerhörter Wucht gegen die Wände polterten, und zwar immer gegen die Wände im Osten. Meine Frau besitzt sogar eine Kette mit einem südafrikanischen Diamanten, die sie leider nie tragen kann, denn sobald sie sich nach Osten wendet, gibt es einen Ruck, die Kette spannt sich, und der Diamant schlägt dem Herrn unters Kinn, dem sie sich gerade zugewendet hat. Ich gebe zu, daß dieser Umstand für mich nicht ganz unbedeutend war, als ich die Kette seinerzeit von einem reisenden Neger –
Seien Sie endlich still, rief jemand. In Windischeschenbach, oder wie das heißt, hat jemand ein zehn Kilometer tiefes Loch gebohrt, und nichts ist nach Osten geflogen. Außerdem sagt man nicht Neger. Man sagt Farbiger.
Windischeschenbach oder so ähnlich, sagte der Mann, meinetwegen, nehmen wir an, daß dort die Sedimente der Jahrtausende ganz besonders dick herumliegen. Das kann man ja schon aus der Länge des Namens ermessen. Farbiger ist übrigens ein substantiviertes Adjektiv und damit ein Substantiv zweiter Klasse. Sie wollen anscheinend unsere dunkelhäutigen Mitmenschen als Menschen zweiter Klasse denunzieren, sie Faschist, Sie.
Der Mantel an der Mauer war indessen wieder ein Stück nach links gerutscht und bewegte sich auf eine Mauerkante zu. Gerade als der Herr, der das Loch von Windischeschenbach in die Diskussion geworfen hatte, erregt aufspringen wollte, rutschte der Mantel über die Kante und flog mit zunehmender Geschwindigkeit quer durch den Saal. Der erregte Herr sprang auf, der Mantel traf ihn, und mit einem dumpfen Laut gingen beide zu Boden.
Sehen Sie, sagte der Mann. Das Schnellschaf bewohnt gebirgige Regionen und bewegt sich auf genau diese Weise vom Fleck. Es springt sozusagen von Berghang zu Berghang, wie unsere Gemsen, nur um neunzig Grad gewendet. Seine Wolle wird geschoren und zu Mänteln verarbeitet, und sein Fleisch ist schmackhaft, wenn auch nicht ganz einfach zu essen, wie sich ja denken können. Es gibt da spezielle Teller für plistanerkischen Schnelllambraten, die werden am Tisch festgeschraubt und sehen ganz seltsam aus, vielleicht könne Sie sich das ungefähr vorstellen –
Wieso ändern Sie denn dauernd den Namen, rief jemand, das hieß doch vorhin noch ganz anders.
Die Schwerkraft, sagte der Mann, während er quer durch den Raum zu seinem Mantel ging, der inzwischen an der gegenüberliegenden Wand hing, die Schwerkraft wirkt auch auf das geschriebene Wort. Wenn sie in waagerechter Form auftritt, tauschen die Buchstaben von Zeit zu Zeit die Plätze. Zuhause in meinem Garten habe ich eine große, mit plastrinekischem Gras bepflanzte Mauer, auf der halte ich eine Herde von pralstinekischen Schnellschafen, die haben alle mittlerweile einen völligen Buchstabensalat als Namen.
Er zog seinen Mantel an.
Das ist lächerlich, schrie jetzt jemand. Verschwinden Sie!
Der Mann knöpfte seinen Mantel zu und schulterte den großen Rucksack, den er mitgebracht hatte. Dann spazierte er die Wand empor, öffnete ein Fenster und trat hinaus. Seine Schuhe hinterließen dunkle Abdrücke auf der weißen Tapete.
Mit einem Mal sprangen alle von ihren Sitzen in die Höhe und rannten ins Freie, um das nun Folgende zu beobachten.
Der Mann ging an der Außenwand des Hauses empor, fünf Stockwerke. Dann sah er vorsichtig über die Dachrinne auf das flache Dach hinaus und sprang ins Leere.
Die Abendsonne strahlte ihn von hinten an – aus seiner Sicht allerdings von oben – als sein Fallschirm sich öffnete und er rasch am östlichen Horizont verschwand.

Geboren 1976, Kindheit in Süddeutschland und Südafrika. Übungen in Musik seit 1985, in Kunst seit 1989, in Literatur seit1993, in Film seit 1997.
Abgebrochenes Studium: Theaterwissenschaft, 1 Semester. 3 Jahre harte Arbeit. Seit 2000 erneutes Studium: Filmregie an der HFF Babelsberg.
Kinospots und Videoclips seit 2001.
Es liegen vor: allerhand kurze Texte sowie 2 Romane, einer sehr lang, der andere etwas kürzer.

15. März 2002

Leserbrief


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