Anthologien
 
 

 

Eric Hoffer

Von Ersatzwerten können wir nie genug bekommen

Eric Hoffer, 1902 als Sohn eines Tischlers in Bronx (New York) geboren, ist der Prototyp des Autodidakten amerikanischer Prägung. Als Kind fast völlig erblindet, begann er, nachdem er mit 15 Jahren sein Augenlicht wiedererlangt hatte, heißhungrig und wahllos alles ihm nur Erreichbare an Gedrucktem in englischer und in deutscher Sprache zu lesen. Nach dem Tod seines Vaters stellte er sich auf eigene Füße und zog, getrieben von seiner Abneigung gegen New York, seinem Widerwillen gegen jegliche Form von Fabrikarbeit und seinem unbändigen Freiheitsdrang, jahrelang als Wander- und Gelegenheitsarbeiter und Goldsucher durch Kalifornien.

Die Millionen von Einwanderern, die nach dem Bürgerkrieg an unseren Küsten an Land gesetzt wurden, waren einer ungeheuren Veränderung unterworfen, und das war für sie eine in hohem Maß irritierende und schmerzliche Erfahrung. Nicht nur wurden sie, sozusagen über Nacht, in eine ihnen völlig fremde Welt gebracht, sondern sie wurden zum größten Teil auch aus der Wärme des Gemeinschaftslebens einer kleinen Stadt oder eines Dorfes irgendwo in Europa herausgerissen und der Kälte und bedrückenden Isolation einer Einzelexistenz ausgesetzt. Sie waren im vollsten Sinne des Wortes Nichtangepaßte und ideale Objekte für eine revolutionäre Explosion. Aber ihnen stand ein ausgedehnter Kontinent als Betätigungsfeld zur Verfügung; es gab geradezu phantastische Möglichkeiten, aus eigener Kraft vorwärtszukommen, und sie lebten in einem Milieu, in dem Selbstvertrauen und individueller Unternehmungsgeist in hohem Ansehen standen. Also stürzten sich diese Einwanderer, die aus stagnierenden Kleinstädten und Dörfern in Europa stammten, in einen hektischen Tatendrang. Sie zähmten und meisterten in unglaublich kurzer Zeit den ganzen Kontinent, und die Nachwirkungen dieses hektischen Tatendrangs sind heute noch zu spüren.
Die Situation ist allerdings anders, wenn einer Bevölkerung, die einer drastischen Veränderung unterworfen ist, nur geringe Möglichkeiten zur Verwirklichung ihres Tatendrangs offenstehen oder wenn sie weder die Fähigkeit noch die Gelegenheit hat, durch individuelle Unternehmungen zu Selbstvertrauen und Selbstachtung zu gelangen. In diesem Fall richtet sich das Verlangen nach Selbstvertrauen, Bewährung und innerer Ausgewogenheit auf die Gewinnung von Ersatzwerten. Der Ersatz für Selbstvertrauen ist der Glaube, der Ersatz für Selbstachtung der Stolz und der Ersatz für persönliche innere Ausgewogenheit die Verschmelzung mit anderen zu einer festgefügten Gruppe.

Daß dieses Sich-Ausrichten auf Ersatzwerte Konflikte mit sich bringt, muß nicht besonders betont werden. Ein Ersatzwert wirkt sozusagen im "Chemismus" unserer Seele fast immer explosiv, und sei es nur aus dem einen Grunde, daß wir von ihm niemals genug bekommen können. Was wir besitzen wollen, das sind begründetes Selbstvertrauen und berechtigte Selbstachtung. Wenn wir die Originalwerte nicht erlangen, dann können wir von den Ersatzwerten niemals genug bekommen. Wir begnügen uns mit maßvollem Selbstvertrauen und einem vernünftigen Maß von guter Meinung über uns selbst, aber der Glaube, den wir in eine heilige Sache investieren, muß immer außergewöhnlich und kompromißlos sein, und der Stolz, den wir daraus ableiten, daß wir einer Nation, einer Rasse, einer führenden Persönlichkeit oder einer Partei identifizieren, überschreitet immer jedes vernünftige Maß. Die Tatsache, daß ein Ersatzwert niemals zu einem organischen Bestandteil unseres Ich werden kann, verleitet uns nur dazu, ihn um so leidenschaftlicher und intoleranter zu verfechten.

(aus: Eric Hoffer, Die Angst vor dem Neuen. Freiheit als Herausforderung und Aufgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986)

1. März 2001

Und Ihr Kommentar?