Hintergründe
 
 
 
 
 
 
 

 

Henky Hentschel

Brief aus Kuba

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

"Die Tropen" schimpft sich das. Der reine Hohn. Ich sitze hier in meinem dicksten Pullover (dem aus Oaxaca in Mexiko, wo die Leute wissen, was Kälte ist), zwei Unterhemden und zwei Paar Socken vor meiner Schreibmaschine und friere mir die Finger ab, um euch diesen Brief zu schreiben. Dabei zeigt das Thermometer achtzehn Grad an. Aber achtzehn Grad in Havanna fühlen sich an wie zwei Grad minus in München. Die Brise, die Luftfeuchtigkeit, naja, was die Wissenschaftler eben so sagen. Im Sommer ist es umgekehrt: 33 Grad in Havanna wirken wie 42 Grad in München. Jedenfalls braucht der Mensch unter diesen Umständen einen Schluck Rum. Und da Havanna immer noch auf Kuba liegt, sollte das ja kein Problem sein. Leider leben wir im tropischen Sozialismus: Alles ist ein Problem.

In meiner Stammkneipe, dem "Engel von Tejadillo", unten an der Ecke gibt es heute keinen Rum. Weil nämlich das diesen Stoff liefernde Unternehmen des Ministeriums für Binnenhandel, das "Unternehmen für Kleinhandel", die Rechnungen der Rumfabrik nicht bezahlt hat. Also bekommen meine Nachbarn und ich inmitten dieser Kälte keine Aufwärmer mehr. "El Bohemio" hingegen, die nächste Kneipe in der Straße, hängt nicht vom "Unternehmen für Kleinhandel", sondern vom "Unternehmen für gemischte Gastronomie" ab. Die gemischte Gastronomie hat bezahlt, aber leider ist ihre Filiale, nicht weit vom "Engel", geschlossen.

Findig wie ein Kubaner mache ich mich auf die Socken zur nächsten Kneipe. Die gehört dem Unternehmen Doña Yulla. In diesem Laden darf man auch in Dollars bezahlen, und folglich hat er immer Rum. Heute hat allerdings auch Doña Yulla nichts auf der Liste ihrer Angebote: Die Fenster werden ausgewechselt.

Ich friere, und es wird immer kälter. Ich kehre zum "Engel" zurück, und der Engel bietet Schinkenbrötchen an, diese sauren kubanischen Wecken, aber mit garantiert 29 Gramm Schinken zwischen der sauren und der etwas neutraler schmeckenden Hälfte.

"Nee", sagt Francisco, der die Dinger verkaufen soll. "Haben wir heute nicht gemacht. Wenn der Inspektor kommt, sagen wir, sie seien tiefgefroren. Wenn eine andere Kontrolle kommt, sagen wir, sie seien ausgegangen. Unser Gehalt bleibt dasselbe, ob wir verkaufen oder nicht."

Dann stürmt das Rudel meiner halbseidenen Freunde die Kneipe, und sie bringen eine Flasche Rum mit, einen guten sogar, und wir lassen uns die Gläser geben, die den Angestellten gehören und bei jedem Schichtwechsel eingesammelt werden, und es wird mir innerlich wärmer. Sie laden mich sogar ein, obwohl ich ein Yuma bin, der Fula hat. Fula ist ein nigerianisches Wort und bedeutet "Pulver", Schießpulver natürlich, denn das wirkungsvollste Schießpulver auf Kuba ist der Dollar, und der heißt so: Fula. Was Yuma bedeutet, weiß kein Mensch. Das Wort deckt alle Weißen ab, die nicht aus Lateinamerika kommen, und es muß ein Schimpfwort sein, weil die Kubaner diese Sorte Mensch nämlich keineswegs lieben. Eher im Gegenteil. Ihre sprichwörtliche Offenheit und Freundlichkeit gilt nicht dem Gegenüber. Sie gilt, meistens unverhüllt, seinem Geldbeutel. Da das Syndrom der "überlegenen Rasse" auch die Antilleninsel heimsucht, wird ein Yuma behandelt wie ein Bub. Unvorstellbar ist es meinen Freunden hier in der Altstadt Havannas, daß ein Yuma über eine gewisse Intelligenz verfügen könnte. Diese Beurteilung gilt selbst für Lateinamerikaner. Was Schläue und Einfallsreichtum angeht, kann ein Yuma einem Kubaner nicht das Wasser reichen. Auf die Frage, woher man komme (der Auftakt zu einer alles umfassenden Offensive, die zum Besitz von Fula führt) eine Antwort zu geben, führt gewöhnlich zum Verlust einer zweistelligen Fula-Summe.

Andrerseits haben die Kubaner völlig recht, und seit ich friere, weiß ich das: All das ist Schuld der US-Blockade. Man braucht sich nur die Wetterkarte anzuschauen, um diesen Tatbestand zu begreifen: Das einzige, was die Amis nach wie vor in unseren Sozialismus exportieren, sind diese Kaltfronten, die über die Straße von Florida ziehen und uns dann in Kleider zwingen, die wir eigentlich gar nicht besitzen. So weit geht der Hass der bösen Nachbarn im Norden.

Mein politisches Bewußtsein ist gewachsen in dieser Hundekälte, und darauf bin ich stolz. Schließlich kann man immer noch dazulernen. Den Lernprozeß habe ich dann in einer Dollarkneipe für Touristen abgeschlossen. Ein doppelter fünfjähriger, goldener Rum aus dem Eichenfaß für zwei Dollar hat mir dabei geholfen. Im "Engel" hätte der ein Sechstel dieses Preises gekostet. Wenn das "Unternehmen" des Staates dem anderen Unternehmen des Staates sein Geld gegeben hätte. Das Leben geht weiter. Sicher schicken die Amis bald die nächste Kaltfront, um die Kubaner von der miesen Qualität ihrer Regierung zu überzeugen. Und von ihrem Bedürfnis nach Menschenrechten. Wir kennen die Musik. Für uns klingt sie zu schrill. Lieber ein Tag ohne Rum als ein Leben mit McDonald's.

Und das wars für heute. Ich grüße aus der kubanischen Kälte.

1. März 2001

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