Hintergründe
 
 
 
 
 
 
 

 

Wilhelm Schmid

Politik als "Kunst des Lebens"
Thomas Mann 194

(2. Teil)

Neue Vorstellung einer Politik "von unten"

Zentrales Problem dieses Lebens ist der Umgang mit Macht. Statt die Macht, wie einst als "Unpolitischer", nur zu verteufeln und ihr damit ungestörte freie Bahn zu geben, versteht Thomas Mann das Spiel der Macht nun als Bestandteil einer Kunst des Lebens. Er stellt sich eine Politik im Sinne einer "Kunst des Lebens und der Macht" vor. Ein sensibler Umgang mit Macht und eine Aufmerksamkeit auf die Umkehrbarkeit von Machtbeziehungen ist mit dieser Kunst gewiss gemeint. Wie andere Künste, vermittelt auch die Politik zwischen Idee und Wirklichkeit, versteht sich dabei aber weder als hehre Exekutorin einer Idee, noch als bloße Verwalterin einer bestehenden Wirklichkeit. Und wenn dabei auch zuzugestehen ist, dass es kaum jemals einen Politiker gab, der "Großes erreichte und sich nicht danach hätte fragen müssen, ob er sich noch zu den anständigen Menschen zählen dürfe", so dürfte die als Kunst verstandene Politik doch nie ihr Selbstkorrektiv verlieren und sich ihres "ideellen und geistigen Bestandteils niemals völlig entäußern", denn das "wäre nicht mehr Kunst".

Die Politik als Kunst ist selbst ein "Fertigwerden mit dem Leben", ihr Arsenal an Kunstgriffen im Umgang mit der Macht genügt nicht in jedem Fall höchsten ästhetischen Ansprüchen, sondern bedient sich aus dem Fundus geläufiger, oft verachteter Kunstgriffe und Techniken: unversöhnlicher Streit, gemeinsame Beratung, Tauschhandel, Kompromiss, Koalition, Mehrheitsentscheidung, Minderheitenschutz, um zwischen den entschieden divergierenden Interessen einen modus vivendi zu finden. In höherem Maße als die gewöhnliche Politik hat die Politik der Lebenskunst den Raum der Möglichkeiten im Blick und ist eine "Kunst des Möglichen" - nicht nur im Sinne der kunstvollen Nutzung des Spielraums, der sich ihr aktuell bietet, sondern im Sinne einer Gestaltung des Raums der Möglichkeiten, einer Vorstrukturierung künftiger Möglichkeiten gesellschaftlicher und individueller Lebensgestaltung, die frühzeitig eröffnet oder verschlossen werden können. Wie für jede Politik gilt jedoch auch hier, dass in den Raum der Möglichkeit allerlei Erwartungen und Hoffnungen projiziert werden, die dafür sorgen, dass die reale Politik prinzipiell enttäuschend ausfällt, denn der Raum dessen, was Wirklichkeit werden kann, ist von Natur aus begrenzter als das breite Spektrum des Möglichen - ein unlösbares Problem.

Die Politik der Lebenskunst ist eine ernüchterte Politik; sie hofft nicht mehr auf den Umsturz aller Verhältnisse, der mit einem Schlag alles zum "Guten" wenden würde. Die Utopie, die sie selbst ist und die von ihr vertreten wird, ist eine pragmatische Utopie; sie zielt auf veränderte Verhältnisse, an deren Realisierung die Individuen alltäglich mit ihrem Lebensvollzug selbst arbeiten. Sie ist verbunden mit der vorsichtigen, skeptischen Veränderung bestehender Strukturen und einer geduldigen Verbesserung einzelner Punkte, ohne an die Aufhebung des "Negativen" schlechthin zu denken. In keinem Fall geht die Arbeit der Veränderung in der Politik der Lebenskunst am Subjekt selbst vorbei. Die Art der Gestaltung seiner Existenz, seine "Ästhetik der Existenz" selbst wird zur Politik.

Natürlich steht dies in der Tradition der Romantik, die Mann zu Recht verteidigt und von einem bloßen "Romantismus" unterscheidet. Das Leben als Kunstwerk zu verstehen: Im Gefolge Thomas Manns war es das Interesse des französischen Philosophen Michel Foucault, auf dieser Basis eine neue Vorstellung von Politik entstehen zu lassen, einer Politik von unten, die von den Individuen selbst bewerkstelligt wird. Eine nachhaltige Veränderung von Gesellschaft kommt auf diese Weise zustande und bietet zugleich Gewähr gegen alle Versuchungen: Dass die Lebenskunst in der Wendung "gegen alle schon vorhandenen oder drohenden Formen des Faschismus" ihren Sinn finden sollte, war das Anliegen Foucaults. Denn Ressentiments keimen vorzugsweise dort, wo Menschen mit ihrem Leben nicht zurechtkommen; totalitäre Lösungen finden dort Anklang, wo von einem einzigen Befreiungsschlag die Lösung aller Lebensprobleme erwartet wird.

Dies ist die politische Bedeutung einer Neubegründung von Lebenskunst, unverzichtbar in einer Gesellschaft, in der die Lebenskunst lange nur des privaten dolce vita verdächtigt wurde. Die Kunst des Lebens trägt dazu bei, die "Masse des Guten" (Thomas Mann) nicht in unkultivierter Weise ins Böse umschlagen zu lassen. Von vornherein ist sie darüber hinaus, wie Thomas Mann dies tut, in den Horizont der entstehenden Weltgesellschaft zu stellen, die mit einer "Bedeutungsminderung politischer Grenzen" einhergeht und vom einzelnen Individuum im Sinne eines "sozialen Humanismus" mitzugestalten ist, um sie nicht allein den Prozessen der "Weltökonomie" zu überlassen. Es ist dieser Schlussakkord der Rede von 1945, der bis weit ins 21. Jahrhundert nachklingen wird.

1. März 2001

(Mit freundlicher Genehmigung aus: Frankfurter Hefte, Januar/Februar 2001)


Ihr Kommentar