Apropos
 
 
 
 
 
 
 

 

Frank T. Zumbach

Dummheit und Stolz

Es ist schon merkwürdig. Erst die Zumutung einer Diskussion über 'deutsche Leitkultur', nun, ausgelöst durch eine flapsige - immerhin nachvollziehbare - Bemerkung Jürgen Trittins, jene über den 'Stolz auf Deutschland'. Was wird als nächstes kommen? Wenn schon dem allzu harmlosen Johannes Rau der Rücktritt nahegelegt wird, weil er sich weigert, so stolz auf Deutschland zu sein, wie man es offenbar von ihm erwartet, was blüht dann denen, die dieser Forderung noch beharrlicheren Widerstand leisten? Berufsverbot, Arbeitslager?

Seit der Gründung der Berliner Republik mehren sich die Zeichen, dass die Opposition zu einer 'Normalität' zurückzukehren hofft, die nie eine war. Ihre Vorstellung von Normalität war recht eigentlich der Anlass der 68-er Bewegung: eine Normalität, die nicht nur auf Verdrängung der Nazivergangenheit, sondern geradezu auf Versöhnung mit den Nazis aus schien. Die Kumpelhaftigkeit, mit der führende NS-Chargen in die Reihen der CDU/CSU aufgenommen wurden und zu Führungspositionen aufstiegen, kann nicht allein durch 'Sachzwänge' erklärt werden. Schon in der Adenauer-Ära hätte man nur allzugern jenen 'Schlußstrich' gezogen, den diese unseligen Parteien immer noch lautstark einfordern. Wenn nur das lästige, "für unseren Wirtschaftsstandort" so wichtige Ausland nicht (gewesen) wäre. Es ging bei der Studentenrevolte der Sechziger/Siebziger Jahre um Vietnam, Antikapitalismus, Immobilienspekulanten, verblasenen Maoismus usw.; in erster Linie aber ging es um das 'Schweinesystem', das war die Generation der Väter und Täter, die politisch das Sagen hatten und deren 'Entnazifizierung' nur teilweise gelungen war.

Es ist klar, daß die CDU/CSU dieses Aufbegehren, dieses teils gewalttätige Rebellieren gegen ihre schon damals durch und durch korrupte Regierung bis heute nicht verziehen hat. Wie denn auch? Schließlich richtete sich die Rebellion in erster Linie gegen sie. Daß diese Rebellion auch nach dem Regierungswechsel weiterschwelte und sogar militanter wurde, ändert nichts an ihrem Auslöser; und es gab sie ja weiterhin, Leute wie Strauß, Kiesinger, Filbinger und Carstens, die allesamt Dreck am Stecken hatten. Wer von der jungen Generation solche Leute wählte oder auf ihrer Seite stand, war eben ein junger Reaktionär, und diese Einschätzung war völlig richtig. Filbingers berühmter Ausspruch 'Was damals Recht war, kann heute nicht unrecht sein" traf die Stimmung im rechten Lager auf den Punkt.

Martin Walser kommt das zweifelhafte Verdienst zu, mit seiner Friedenspreisrede dem 'Schlußstrich-Wahn' zu höheren Weihen verholfen zu haben. Gewiss war die Verkürzung deutscher Geschichte auf die Jahre der Hitlerdiktatur eine recht einseitige Betrachtungsweise. Ausgerechnet diesen historischen Abschnitt aber zu verdrängen, zu exkulpieren oder sich ihm gar wieder anzunähern, so wie man etwa mit dem geschiedenen Ehepartner erneut freundschaftliche Bande knüpft - 'war doch alles nicht so schlimm! Schwamm drüber! Vergeben und vergessen!' - das Bemühen um eine Kontinuität also, die jeder Deutsche, der bei Sinnen war, ablehnen mußte und um die sich die Rechtsparteien seit Jahrzehnten bemühen - das hat eben nicht so recht funktioniert. Man muss sich leider mit Goethe und den Gaskammern gleichermaßen auseinandersetzen, wenn man stolz sein will, ein Deutscher zu sein. Das Kriegsende liegt inzwischen 56 Jahre zurück, und was liegt näher, als den von gewissen Herrschaften gewünschten Paradigmenwechsel durch eine Verlagerung der Diskussion auf die jüngere Vergangenheit zu befördern? Etwa auf die von Joschka Fischer?

Es ist eine undankbare Aufgabe, einen Außenminister, der seine Vergangenheit als Steinewerfer längst gegen eine Gegenwart als Bombenwerfer eingetauscht hat, gegen Angriffe von rechts in Schutz zu nehmen. Blenden wir daher seine Person einfach aus und wenden uns dem Versuch zu, mit ihm gleich seine ganze Generation in Sippenhaft zu nehmen. Das führt zu einer hochinteressanten Chimäre: Immer, wenn rechtsradikale Schläger, im Osten wie im Westen, ein weiteres Opfer totschlugen oder misshandelten, war die Reaktion, vor allem aus CDU/CSU-Kreisen, stets die gleiche: So etwas lehnen wir zwar kategorisch ab, aber man darf keineswegs die linke Gewalt dabei vergessen. Gewalt ist immer verwerflich, ob sie von rechts oder links kommt! Und immer wieder fragte man sich, von welcher linken Gewalt eigentlich die Rede war. Relativierungen waren ja hierzulande seit jeher beliebt, nicht nur an den Stammtischen: "Ausschwitz? Schön und gut. Aber denken Sie mal an die Amerikaner, was die den Indianern angetan haben...!" Geschenkt.

Zugleich wurden den rechten Mördern und Totschlägern verlockende Angebote zur Resozialisisierung unterbreitet; sie sollten in Fußballclubs und andere Sportvereine eingegliedert werden, reisend ihren Horizont erweitern und bekommen mittlerweile sogar Geldmittel bereitgestellt, um ihren Ausstieg aus der Skinhead-Szene angenehm abzupolstern. Und dies vor dem Hintergrund sogenannter 'ausländerfreier Zonen' in den neuen Bundesländern und einer Todesopferrate - nicht nur an Ausländern, sondern auch an Obdachlosen - die sämtliche Untaten der RAF weit, sehr weit in den Schatten stellt. Aus irgendwelchen Gründen scheint man vergessen zu haben, dass es so etwas wie einen Zivilisationsvertrag gibt, dessen Liberalität die letzten Grenzen bei Mord und Körperverletzung setzt.

Offenbar sind Grenzüberschreitungen gegen den allgemeingültigen Zivilisationsvertrag in Deutschland geringer zu ahnden als die Morde und Bombenattentate der RAF, Gott hab' sie selig, oder Verstöße gegen den 'Verfassungspatriotismus'. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in den Siebziger Jahren einmal durch das Klacken einer entsicherten Maschinenpistole an die Seitenscheibe meines Autos freundlich darum ersucht wurde, langsam - sehr langsam, bitte! - in meine Jackentasche zu greifen, um Führerschein und Fahrzeugschein hervorzunesteln. Damals trug ich lange Haare. Und hatte mir nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen. Möglicherweise formuliere ich das etwas überspitzt, aber wenn ich heutzutage gerade einen Ausländer umgebracht hätte und trüge eine Glatze, würde ich, geriete ich etwa in Chemnitz in eine Polizeikontrolle, und die Fahndung nach den Tätern liefe schon auf Hochtouren, möglicherweise, sage ich - - durchgewunken.

Wenn in einer Podiumsdiskussion im Sender Phoenix, den man bisher für unbedenklich hielt, der Moderator eine Abgeordnete der Grünen ebenso gönnerhaft wie inquisitorisch fragt, ob Trittins Äußerung bezüglich Laurenz Meyer in ihrer Partei Rückhalt finde, und sie - die weder in die Köpfe ihrer Parteigenossen blicken kann noch dazu gewählt wurde, Gesinnungsspitzelei zu betreiben - mit der gebotenen Vorsicht antworten muss, die ihr das schlüpfrige Parkett ihres Metiers nun einmal auferlegt - dann, ja dann darf man sich wohl Sorgen um die demokratischen Werte dieser Republik machen. Denn sind es nicht etwa ihre demokratischen Werte, auf die stolz zu sein wir so energisch aufgefordert werden? Meyer ist kein Neonazi, nein, dazu ist er viel zu klug, glatt und illusionslos, - zum Schulterschluß mit ihnen ist er freilich allzeit bereit, und das hat in seiner Partei ja Tradition und Methode. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht auch offener Antisemitismus à la Haider bei uns allmählich salonfähig wird - die Finkelstein-Debatte hat die Schamgrenze inzwischen auf ein überspringbares Niveau gesenkt.

30. März 2001

Was meinen Sie dazu?


Zum Newsletter-Abo