Apropos
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Anatol

Die Bettlad' ist von Holz

Der Kulturkampf, den uns die CDU mit ihrer Debatte um das Nationalempfinden aufzwingt, ist intellektuell armselig und politisch unergiebig. Also überflüssig wie ein Kropf, aber wohl wohl nicht zu vermeiden.
Das Projekt - die Sozialdemokraten wieder einmal als "vaterlandslose Gesellen" oder gar, wie es Kohl zuletzt in Köln versuchte, als "Vaterlandsverräter" vorzuführen - ist rettungslos rückwärtsgewandt, ein fader vorgestriger Streit. Die CDU kann ihn eigentlich nur vor Alzheimer-Patienten inszenieren, vor lauter Geschichtsblinden: Hat sie den "nationalen" Kurt Schumacher, der Adenauer den "Kanzler der Alliierten" nannte, schon vergessen? Herbert Wehner und Willy Brandt (Patrioten aus erfahrenem Leid), Egon Bahr und die unbestritten vereinigungsorientierte Ostpolitik - alles schon vergessen? Das kann nicht gutgehen.
Aber offenbar sieht auch der designierte Jung-Chef der FDP (Prantl: "den feuchten Finger im Wind des Zeitgeists") eine Chance, sich ins aufgeregte Gespräch zu bringen. Er will sich, genau wie Laurenz Meyer, den Spruch "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" von den Rechten "nicht nehmen lassen". Abgesehen von der widerlichen Eilfertigkeit, mit der plötzlich alle irgendwie national-stolz sein wollen (sogar der noch besonnene Bundespräsident ist unter dem angedrohten Vorwurf des Vaterlandsverrats leicht eingeknickt): Es lohnt, diese Meyer-Westerwelle-Äußerung einmal genauer anzusehen.
Die beiden wollen sich also den Slogan "nicht nehmen lassen" (sonst dürfte man ja, wie der neue Nationalliberale rabulistisch darlegte, wenn die Glatzen morgen "Einigkeit und Recht und Freiheit" sagen, die Nationalhymne auch nicht mehr singen). Dieses "nicht nehmen lassen" klingt ganz so, als hätten die beiden den Slogan schon immer und zu Recht "besessen" und wehrten sich jetzt gegen böse Slogan-Räuber von rechts. Uns ist jedoch auch bei äußerster Anspannung unserer politischen Erinnerung nicht bekannt, daß FDP oder CDU jemals mit diesem Slogan auf Wählerfang ausgegangen wären. Uns ist das genaue Gegenteil bekannt: daß sie diesen Spruch nicht mit der Beißzange angefaßt, sondern ihn gern und willig den extremen Rechten überlassen haben.
Warum identifizieren sie sich also plötzlich mit denen? Die Frage ist natürlich hinterfotzig. Es geht nicht um Identifizierung, sondern wahrscheinlich ums Ganze, um Deutschland. Um das immer wieder hübsche Spiel "Besetzen", unpolemischer gesagt: "das Füllen von Begriffen" (noch feiner: "Deutungshoheit"). Aber kann man so tun, als handelte es sich da bloß um neuen Wein in womöglich alten Schläuchen? Heißt "Deutungshoheit": Ich dekretiere mal eben, was ein Wort zu bedeuten hat, und das bedeutet es dann? Ist es wirklich nur die Frage, wer die Macht hat (wie die Rote Königin in "Alice im Wunderland" meint)? Können Politiker den Sprachgebrauch derart per Dekret lenken (wie es zuletzt die Nationalsozialisten versucht haben)?
Nein. Die Sprache ist eigensinnig Gemeinbesitz, und sie bildet sich und ihre Bedeutungen durch den gelebten Umgang der Menschen mit ihr. Wenn also die Glatzen - und nur sie - jahrelang mit ihren T-Shirts "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" herumlaufen, dann ist der Spruch eindeutig rechtsradikal konnotiert, ein sprachliches Merkmal, ein Erkennungszeichen. Da kann Jung-Guido sich auf den Kopf stellen und "Ich auch, aber anders" meckern, bis die Kühe heimkommen: Es hilft nichts. Der Spruch ist und bleibt auf absehbare Zeit rechtsradikal. Das Leben der Sprache läßt sich nicht durch Machtworte umdefinieren (das ging übrigens schon bei den Nazis nicht).
Die CDU/CSU stellte es da anscheinend schlauer an. Sie kramte unter dem Triumphgejohle ihrer Fraktion ein altes Wahlkampfplakat der SPD hervor, auf dem ein strahlender Willy Brandt feststellte: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land." Aber Pech auch hier: Die beiden Sprüche haben zwar ein Wort gemeinsam, sagen und meinen aber Grundverschiedenes. Hier den berechtigten Stolz auf Geleistetes, gemeinsam nach dem Krieg Erreichtes; dort den geistlosen Dünkel auf etwas Unverdientes und zunehmend Nebensächlicheres, das ius sanguinis, die Abstammung, das "deutsche Blut", wie das einmal hieß. Der Unterschied ist für jeden mit Händen zu greifen, auch wenn die Konservativen ihn fahrig zu verwischen suchen.
Inzwischen gehen die beiden Parteien aber auch schon auf die zweite Verteidigungslinie zurück. Es heißt jetzt: Wenn die Amerikaner stolz darauf sind, daß sie Amerikaner sind - warum sollen wir das nicht auch dürfen? Der Ex-Ehrenvorsitzende und promovierte Historiker kriegt Tränen der Selbstrührung in die Augen, wenn er einschlägige USA-Erlebnisse erzählt.
Auch hier: reine Geschichtsvergessenheit. Zugespitzt: Wenn wir Deutsche Amerika vom Nationalsozialismus befreit hätten, dann ließe sich eventuell darüber reden. Aber so, wie die Dinge nun einmal historisch liegen, werden bis dahin noch einige Jahrzehnte vergehen müssen. Erst dann werden wir, vielleicht, die unüberhebliche Beiläufigkeit aufbringen, mit der ein Amerikaner seine Fahne im Vorgarten hißt. Das heißt: erst wenn wir endlich nicht mehr dauernd und hysterisch und auftrumpfend und ausgrenzend von Stolz und Vorurteilen reden. Es war Benjamin Franklin (ein Amerikaner, Guido und Laurenz!), der einmal sagte: "Der Stolz frühstückt mit dem Überfluß, speist zu Mittag mit der Armut und ißt zu Abend mit der Schande." Unsere hektischen Nationalen sollten das S-Wort also lieber vermeiden, bevor sie ganz zu Schanden werden.
Es gibt ein altes deutsch-jüdisches Sprichwort, das man einem ironisch entgegenhielt, der sich etwas auf eine billige Selbstverständlichkeit zugutehielt: "Stolz - die Bettlad' is von Holz!" Man muß befürchten, daß die feine Ironie an der Grobschlächtigkeit der Konservativen wirkungslos abprallt.

24. März 2001

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