Apropos
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Brigitte Voykowitsch

Den Tories trau man vieles zu.
Nur nicht die Sanierung des Schulwesens.

"Why Britain's Schools are Failing" hat Nick Davies seinen vor kurzem erschienenen Report überschrieben. Die Entwicklung des Schulsystems der letzten zwanzig Jahre wird im Vorfeld des britischen Wahlkampfs zum leidenschaftlichen Thema. Denn Davies' Fazit ist vernichtend. Hier eine kurze Einführung von Brigitte Voykowitsch, London, sowie das Vorwort des Davies-Buches.

"Bildung, Bildung, Bildung", hatte Tony Blair gepredigt. Kinder sollten nicht länger halb verfallene Schulen mit mangelhaft ausgebildeten Lehrern besuchen müssen, lautete ein Versprechen seiner New Labour-Regierung. Auch das Gesundheitssystem dürfe nicht länger von schmutzigen Spitälern und langen Wartelisten geprägt sein, hatte sich der Premier bei seinem Amtsantritt 1997 zu tiefgreifenden Veränderungen bekannt. Knapp vier Jahre später ist die Bilanz düster, statt echter Reformen gab es Notpflaster. Schon wurde in einigen Schulen in Südengland vorübergehend die Vier-Tage-Woche eingeführt, andere Institutionen drohen mit einer solchen Maßnahme, während Studien zugleich das unzureichende Niveau mancher in der Not engagierter Aushilfslehrer belegen und Länder wie Südafrika sich darüber beklagen, daß ihnen die Briten ihre bestqualifizierten Lehrer, aber auch Krankenschwestern nun abwerben wollen.
Der Zustand des öffentlichen Sektors, zumal des Schul- und Gesundheitswesens, zeichnet sich als zentrales Thema im bevorstehenden Wahlkampf ab. Noch gibt es angesichts der jüngst ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche Zweifel darüber, ob der Urnengang wie geplant Anfang Mai wird stattfinden können. Die politischen Debatten im Land aber lassen bereits Kampagnenatmosphäre erkennen. Und um das Bildungs- und Spitalswesen ist ein wahrer Kampf mit immer neuen Umfragen und Studien ausgebrochen.
Prominente Guardian-Journalisten haben in zwei jüngst erschienen Büchern ihre eigene Bilanz gezogen. In Polly Toynbees und David Walkers "Did Things Really Get Better?" (Penguin, London 2001) fällt sie gemischt aus, in Nick Davies' thematisch eng eingegrenztem "School Report" (vernichtend. Während Tony Blair und andere Kabinettsmitglieder mit Dementis und Empörung reagierten, fanden viele Lehrer die von ihnen tagtäglich erlebte Realität in dem Bericht exakt widergespiegelt.
Seit 1992 ist es keiner Regierung mehr gelungen, die Lehrerplanstellen zu füllen. 2500 Direktoren haben allein im Vorjahr ihren Job aufgegeben, wie eine neue Untersuchung belegt, und das, obwohl Bruttojahresgehälter für Direktoren auf umgerechnet bis zu 1,7 Millionen Schilling außerhalb Londons und bis zu knapp zwei Millionen in London angehoben worden waren. Stress und Überlastung werden als zwei Hauptgründe genannt. Dabei gilt es zu bedenken, daß Jahre von Unterfinanzierung des öffentlichen Sektors und zumal der öffentlichen Schulen während der 17 Jahre Tory-Regierungen zu einer substantiellen Verschlechterung der Infrastruktur geführt hat.
Die Bildungsausgaben unter den konservativen Kabinetten von Margaret Thatcher und John Major hielten weder mit der Inflation Schritt noch mit den steigenden Schülerzahlen. Real sanken die Ausgaben, während zugleich der Prozentsatz jener Kinder, die Privatschulen besuchten, stieg. Laut dem Wirtschaftshistoriker Simon Szreter in Cambridge fiel Großbritannien in den vergangenen zwei Jahrzehnten hinter fast alle anderen Industrieländer zurück, was die Investitionen in Lehrpersonal für den staatlichen Sektor betraf. Die Machtelite hatte einfach kein Interesse an den öffentlichen Schulen, deshalb wurden diese konstant vernachlässigt, zieht der ehemalige Bildungsminister der Tories, George Walden in seinem Buch "We should know better" Bilanz.
Aushilfskräfte aus Australien, Neuseeland und Südafrika füllen derweil einige Lücken. In anderen Fällen werden einfach Leute eingestellt, die, wie einzelne Direktoren offen zugestehen, sie unter normalen Umständen mangels ausreichender Qualifikation nie genommen hätten. Zugleich spielt die Regierung mit der Idee einer "grauen Armee". Mehr als 100.000 Frauen und Männer über 50 könnten, wie es heißt, als "Freiwilligenarmee" rekrutiert werden, um in Schulen und im Gesundheitssektor - dessen miserable Befindlichkeit eine eigene Geschichte ist - auszuhelfen.
Edel, aber keine Lösung, meldeten sich sofort Kritiker zu Wort. Gestützt werden sie von ersten Studien darüber, was es für Kinder bedeutet, von stets wechselnden Lehrern betreut zu werden, darunter jenen aus dem Ausland, die bei aller fachlicher Eignung nicht mit dem britischen System vertraut seien. "Es genügt einfach nicht, daß irgendjemand vorne in der Klasse steht und unterrichtet. Kinder brauchen Kontinuität und stabile Beziehungen zu Lehrern", sagt ein Direktor.
Nur mehr mit einer starken Anhebung der Gehälter, mit Bonuszahlungen und Wohnzulagen zumal in Großstädten glaubt die Regierung, die Krise bewältigen zu können. "Wer kann, unterrichtet" lautete eine Werbeeinschaltung, mit der die Regierung über Weihnachten neue Rekruten locken wollte. Ob das und die nach dem Jahreswechsel in Aussicht gestellten finanziellen Lockungen ausreichen, ist noch unsicher. Solange Bildungsminister David Blunkett nur von einem "Problem" spricht und das wahre Ausmaß der Krise nicht einmal anerkennen will, besteht wohl wenig Aussicht auf die so dringend nötige umfassende Reform des Bildungswesens, melden sich resignierte Stimmen zu Wort.
Die Meldungen aus dem staatlichen Gesundheitssystem (NHS) sind um nichts ermutigender. Nur 31 Prozent der Briten würden sich laut einer Umfrage der Times heute "sehr sicher" in einem Spital fühlen. Eine Untersuchung im Vorjahr ergab, daß rund 5000 Patienten im Jahr an Infektionen sterben, die sie sich im Spital geholt haben, und weitere 10.000 an solchen Infektionen erkranken. Selbst auf dringende Operationen müssen Briten monatelang warten. Wer privat zahlen kann, tut dies, aber längst nicht mehr nur in Großbritannien, wo die Arzthonorare rund ein Drittel über dem europäischen Schnitt liegen. Eine von britischen Medizinern gegründete Agentur vermittelt bereits kostengünstigere Eingriffe in Belgien oder Frankreich.
In einem Gesundheitsplan vom Juli 2000 wurden die 1997 von New Labour verkündeten Ziele erneut bekräftigt. Mehr Spitalsbetten, eine Erhöhung der Zahl der Spitals- und praktischen Ärzte sowie von Krankenschwestern und vieles mehr wurde zugesagt. Doch zum Jahresende lautete die Bilanz: 22.000 Schwesternstellen sind vakant. Kurz danach ergab eine Studie, daß ein Drittel aller Spitäler den Basistest für Hygiene nicht bestanden. Eine erschreckende Häufung von "Kunstfehlern" mit oft tödlichen Folgen für die Patienten sowie der jüngste Organskandal haben das Vertrauen in das NHS weiter erschüttert. Von den 100.000 Organen, Körperteilen, Totgeburten und Föten, die landesweit in 210 Spitälern und medizinischen Insituten aufbewahrt werden, sei ein Großteil illegal entnommen oder zurückbehalten worden, mußte der leitende Gesundheitsbeamte der Regierung im Februar zugeben. Anlaß für die Erklärung war die Entdeckung, daß im Alder Hey-Krankenhaus in Liverpool Kinderleichnamen bei Obduktionen systematisch die Organe entnommen worden waren.
Wie aber das System reformieren? Die Tories wollen den Privatsektor ausbauen und damit den staatlichen Gesundheitsbereich entlasten. New Labour selbst will mit einem vor wenigen Wochen abgeschlossenen historischen "Konkordat" zwischen dem NHS und dem Privatsektor Abhilfe schaffen. Rund 100.000 NHS-Patienten sollen dadurch in privaten Krankenhäusern behandelt werden können. Verfechter eines verantwortlichen staatlichen Gesundheitswesens kritisieren aber diesen Schritt, der eben keine Reform des NHS darstelle. Dieses laufe immer mehr Gefahr, "ein armseliger Service für arme Leute" zu werden.
Vier Jahre sind einfach nicht genug, um knapp zwei Jahrzehnte von Unterfinanzierung öffentlicher Einrichtungen wieder wett zu machen, heißt es aus New Labour-Kreisen nun mit Verweis auf die vorangegangenen Tory-Kabinette und im Hinblick auf den nächsten Urnengang. Zu einer echten Reform benötige man eben noch eine zweite Amtsperiode. Der Meinung dürften auch viele Briten anhängen. Umfragen aus jüngster Zeit zufolge traut die Mehrheit noch immer New Labour und nicht den Tories eine Sanierung des Schul- und Gesundheitswesens zu.

24. März 2001

[weiter zum Vorwort von Nick Davies]