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Andreas Schad Das Unbehagen des deutschen Journalismus an praktischer Theorie
(2. Teil) Von Anfang an ging es Sartre darum, "die Zeitung durch seinen Namen zu schützen".(16) Allerdings nicht als Bürgschaft eines Literaten ..., der die Pressefreiheit verteidigt. Nein, ich habe sie einfach übernommen als eine Tat, mit der ich mich engagiere an der Seite von Leuten, die ich sehr schätze, deren Ansichten ich gewiß nicht alle teile, aber es ist kein rein formales Engagement ...". Im gleichen Gespräch mit zwei Journalisten sagte Sartre auch: "Es gibt alte Techniken der Lügen, die ich nicht mag ... Aber schlimmer ist, dass die bürgerlichen Zeitungen mehr die Wahrheit sagen als die revolutionäre Presse, selbst wenn sie lügen. Sie lügen weniger. Sie manipulieren zwar die Wahrheit, aber sie verschweigen nicht die Tatsachen. Es ist doch schlimm, dass die revolutionären Zeitungen den bürgerlichen Zeitungen, was die Wahrheit angeht, nicht überlegen sind, sondern unterlegen sind." (17) Wer nur ein klein wenig die Biographie von Sartre kennt weiß,
dass die Herausgeberschaft weniger mit einer politischen Position zu
tun hatte, die Sartre damals angeblich inne hatte, sondern eher auf
Sympathien zu einzelnen jungen Leuten beruhte. Wie bekannt, entstand
daraus ja auch die Freundschaft zu Bernard-Henri Lévy. Qualität des informierten Journalismus Im Spiegel beginnt der Artikel zum 20. Todestag mit dem Satz: "Es
gab eine Zeit, die heute wie aus einer anderen Welt erscheint, da war
es für einen jungen Studenten in Paris reizvoller, einem kleingewachsenen,
schielenden, quallengesichtigen Mann auf dem Boulevard Saint-Germain
die Hand zu schütteln, als mit Brigitte Bardot im Arm die Champs-Élysées
hinunterzuschlendern." Kein Kommentar. Nur ein Beispiel: "
Zusammen mit Raymond Aron, mit dem er seit 30 Jahren verfeindet war,
bat Sartre im Élysée den verachteten Staatschef Valéry
Giscard d'Estaing darum, den vietnamesischen Flüchtlingen Asyl
zu gewähren ...". (21) Ob Sartre mit Aron verfeindet war,
sei dahingestellt; aber sicher verachtete er nicht d'Estaing, sondern
bekanntermaßen de Gaulle. Vielleicht sollte man in den Redaktionen die Archive ein wenig vergrößern, damit man nicht in schöner Regelmäßigkeit dieselben Halbsätze um die Ohren gehauen bekommt. Der Spiegel bildet da keine Ausnahme: "'Die Freiheit der Kritik ist in der UdSSR total', behauptete ...". (23) Ein bisschen Abwechslung, bitte, um wenigstens den Anschein eines informierten Journalismus zu wahren. Der deutsche Geist und seine Widersacher Aber vielleicht ist das schlechte Abschneiden Sartres in der deutschen Presse nur ein Symptom für etwas anderes. An der Hegemonie des neuen alten Deutschlands mag vielleicht manch einer der zu kurz Gekommenen aufgeklärten Kulturarbeiter teilhaben; für Gegenleistungen versteht sich. Da bieten sich doch Frankreichs Denker an, um die Unterlegenheit des französischen Geistes zu demonstrieren. Würde jemand das nächste Zitat vorgelesen bekommen, würde er wahrscheinlich annehmen, man läse ihm aus einer reaktionären Zeitung vor. Am 30. Mai 1999 begann im liberalen Tagesspiegel ein Artikel mit den Sätzen: "Das Oxford English Dictionary von 1934 definiert die Intellektuellen als Leute, 'die versuchen, objektiv zu denken'. Für England mag diese Definition zutreffen. Auf die französischen Intellektuellen passt sie nicht. Objektivität ist das letzte, was sie bekümmert. Ihre Meisterschaft besteht gerade darin, alle Tatsachen, die nicht in ihre Theorie passen, zu ignorieren. Natürlich gab es auch Ausnahmen." Im zweiten Absatz heißt es unter anderem: "Während in England und Amerika Kommunismus und Faschismus Randerscheinungen blieben, opferten ganze Generationen französischer Intellektueller an den Altären der Diktatoren. Jean-Paul Sartre ...". Es folgt das Übliche zu Sartre, allerdings ohne ein einziges Zitat von ihm. "Altäre" - da war doch was. Ach richtig, der Autor heißt Jörg von Uthmann. Seine Sätze zeigen, dass er auch die Denker von heute ebenso diskreditieren möchte. "An der Objektivität des Oxford English Dictionary sind die französischen Vordenker zwar weiterhin desinteressiert. Aber gegen die intellektuelle Querschnittslähmung ... sind sie einstweilen noch immun." (24) Was mag da noch auf uns zukommen! Erschreckend wenig Gegenbeispiele Sicherlich haben wir uns zu den in den letzten zwei Jahren über
Sartre erschienen Artikeln keinen umfassenden Überblick verschaffen
können, zumal wir vorrangig als liberal geltende Zeitungen berücksichtigt
haben. Trotzdem wagen wir die These, dass es nur relativ wenig Gegenbeispiele
gab Gegenbeispiele zu den oben angeführten Arbeiten. Selbst
in der Jungle World führt der vermeintlich rote Faden in
Der doppelte Sartre zu einer Schlussfolgerung, die unserer Ansicht
nach wenig schlüssig ist, sondern eher sehr konstruiert und künstlich
erscheint. (26) Immerhin werden hier nicht die üblichen Klischees
zum besten gegeben. intellektuelle Aktion dem Kampf und der Zersetzung der Identität, voran seiner eigenen (galt). In dieser bürgerlichen Zwangs- und Wahnverpanzerung sah er viel schärfer, was wir heute schon nicht mehr genau wahrnehmen können: Dass Identität, verkeilt zwischen einer gehabten Geschichte und einer zu habenden Zukunft, vor allem dazu dient, der Freiheit zu entkommen, sich gegen sie zu versperren. Der Autor, Claus Koch, erläutert, wie "das Streben nach Freiheit
und Authentizität, wie Sartre es in seiner Zeit verkörperte,
sich heute unter völlig anderen Bedingungen zu bewähren suchen
(muss)." Mit der Beschreibung der veränderten Situation, in
der "Die Verurteilung des Menschen zu seiner Freiheit derzeit kein
denkbarer Gedanke (ist), und die Suche nach der Authentizität,
also der eigenen Wahrheit als einem Teil der absoluten Wahrheit, geradezu
geächtet (ist)", überschreitet Koch Sartre produktiv.
Eine Überschreitung, durch die Sartre gleichzeitig aktuell bleibt.
So schreibt Koch - mit Bezugnahme auf die prädikative Medizin und
"die Chance wie den Zwang ..., den Menschen in seiner Ganzheit
zu begreifen" - zum Schluss: "Die Verurteilung zur Freiheit
kann nun auf neue Weise, nicht nur als abstraktes Postulat, formuliert
werden. Sartre, der immer auf jene Einheit gesonnen hatte und wissen
wollte, wie der Geist in seinem besonderen, kontingenten Körper
arbeitet, wird damit herauf in unsere Zeit geholt." (27) Anmerkungen: |