Hintergründe
 
 
 
 
 
 

 

Andreas Schad

Das Unbehagen des deutschen Journalismus an praktischer Theorie
am Beispiel von Jean-Paul Sartre

(2. Teil)

Von Anfang an ging es Sartre darum, "die Zeitung durch seinen Namen zu schützen".(16) Allerdings

nicht als Bürgschaft eines Literaten ..., der die Pressefreiheit verteidigt. Nein, ich habe sie einfach übernommen als eine Tat, mit der ich mich engagiere an der Seite von Leuten, die ich sehr schätze, deren Ansichten ich gewiß nicht alle teile, aber es ist kein rein formales Engagement ...". Im gleichen Gespräch mit zwei Journalisten sagte Sartre auch: "Es gibt alte Techniken der Lügen, die ich nicht mag ... Aber schlimmer ist, dass die bürgerlichen Zeitungen mehr die Wahrheit sagen als die revolutionäre Presse, selbst wenn sie lügen. Sie lügen weniger. Sie manipulieren zwar die Wahrheit, aber sie verschweigen nicht die Tatsachen. Es ist doch schlimm, dass die revolutionären Zeitungen den bürgerlichen Zeitungen, was die Wahrheit angeht, nicht überlegen sind, sondern unterlegen sind." (17)

Wer nur ein klein wenig die Biographie von Sartre kennt weiß, dass die Herausgeberschaft weniger mit einer politischen Position zu tun hatte, die Sartre damals angeblich inne hatte, sondern eher auf Sympathien zu einzelnen jungen Leuten beruhte. Wie bekannt, entstand daraus ja auch die Freundschaft zu Bernard-Henri Lévy.
Im Tagesspiegel folgt dann erwartungsgemäß: "Sartre gehörte endgültig der Geschichte an." Und falls Sartre doch noch gelesen werden sollte, was sich mit Ausnahme der Wörter der Autor Jörg von Uthmann nicht vorstellen kann, dann kann das nicht mit rechten Dingen zugehen. Man beachte die Wortwahl: "Der bevorstehende 20. Jahrestag seines Todes hat die französischen Verleger zu einer großangelegten Gedenk-Kampagne animiert. Die Buchhandlungen haben Sartre Altäre errichtet, ..." Na, da haben wir es doch. Es geht nur ums Geld, nicht um Sartre. Wie überhaupt, Sartre "ließ sich aber, als ihm John Huston 25000 Dollar bot, sofort dazu herbei, ein Drehbuch über Sigmund Freud zu schreiben." Und das, obwohl er die Psychoanalyse ablehnte. Sartre war also auch noch geldgierig. Nicht wie der Autor, der seinen Artikel wohl unentgeltlich geschrieben hat. Weiter geht's mit dem "wasserscheue(n) Sartre, (der) zu einer Vortragsreise nach Japan ... nur drei paar Socken (mitgenommen habe)". Ein Hinweis, den man eher in einer Biographie erwartet, als in einem Artikel mit dem Untertitel: "Angeführt von Bernard-Henri Lévy beugen sich Frankreichs Intellektuelle über die historischen Irrtümer des Jahrhundert-Denkers".

Qualität des informierten Journalismus

Im Spiegel beginnt der Artikel zum 20. Todestag mit dem Satz: "Es gab eine Zeit, die heute wie aus einer anderen Welt erscheint, da war es für einen jungen Studenten in Paris reizvoller, einem kleingewachsenen, schielenden, quallengesichtigen Mann auf dem Boulevard Saint-Germain die Hand zu schütteln, als mit Brigitte Bardot im Arm die Champs-Élysées hinunterzuschlendern." Kein Kommentar. Nur ein Beispiel: " Zusammen mit Raymond Aron, mit dem er seit 30 Jahren verfeindet war, bat Sartre im Élysée den verachteten Staatschef Valéry Giscard d'Estaing darum, den vietnamesischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren ...". (21) Ob Sartre mit Aron verfeindet war, sei dahingestellt; aber sicher verachtete er nicht d'Estaing, sondern bekanntermaßen de Gaulle.
Wo recherchieren die Journalisten des deutschen Feuilletons und wie? In welchen Archiven oder sonstigen Fundgruben? Weiter oben zitierten wir den zweiten Absatz des Artikels von Jörg von Uthmann vollständig. Ungefähr zweieinhalb Monate später konnte man folgendes über Sartre in der Zeit lesen:

1946 rechnet er in Materialismus und Revolution mit der kommunistischen Orthodoxie ab – dann rühmt er Stalins ‚Volksdemokratie', die sich ‚durch Liquidierung der Opposition erneuert'. 1954 bescheinigt er der Sowjetunion, in ihr herrsche eine ‚totale Freiheit der Kritik'; Chruschtschows Bericht über Stalins Verbrechen nennt er einen kapitalen Fehler. Erst in letzter Minute rang sich Sartre dazu durch, den Einmarsch in Budapest 1956 zu verurteilen, während sieben Jahre später die Sowjetunion wieder ‚das einzige Land ist, wo das Wort Fortschritt noch einen Sinn hat'. (22)

Vielleicht sollte man in den Redaktionen die Archive ein wenig vergrößern, damit man nicht in schöner Regelmäßigkeit dieselben Halbsätze um die Ohren gehauen bekommt. Der Spiegel bildet da keine Ausnahme: "'Die Freiheit der Kritik ist in der UdSSR total', behauptete ...". (23) Ein bisschen Abwechslung, bitte, um wenigstens den Anschein eines informierten Journalismus zu wahren.

Der deutsche Geist und seine Widersacher

Aber vielleicht ist das schlechte Abschneiden Sartres in der deutschen Presse nur ein Symptom für etwas anderes. An der Hegemonie des neuen alten Deutschlands mag vielleicht manch einer der zu kurz Gekommenen aufgeklärten Kulturarbeiter teilhaben; für Gegenleistungen versteht sich. Da bieten sich doch Frankreichs Denker an, um die Unterlegenheit des französischen Geistes zu demonstrieren. Würde jemand das nächste Zitat vorgelesen bekommen, würde er wahrscheinlich annehmen, man läse ihm aus einer reaktionären Zeitung vor. Am 30. Mai 1999 begann im liberalen Tagesspiegel ein Artikel mit den Sätzen: "Das Oxford English Dictionary von 1934 definiert die Intellektuellen als Leute, 'die versuchen, objektiv zu denken'. Für England mag diese Definition zutreffen. Auf die französischen Intellektuellen passt sie nicht. Objektivität ist das letzte, was sie bekümmert. Ihre Meisterschaft besteht gerade darin, alle Tatsachen, die nicht in ihre Theorie passen, zu ignorieren. Natürlich gab es auch Ausnahmen." Im zweiten Absatz heißt es unter anderem: "Während in England und Amerika Kommunismus und Faschismus Randerscheinungen blieben, opferten ganze Generationen französischer Intellektueller an den Altären der Diktatoren. Jean-Paul Sartre ...". Es folgt das Übliche zu Sartre, allerdings ohne ein einziges Zitat von ihm. "Altäre" - da war doch was. Ach richtig, der Autor heißt Jörg von Uthmann. Seine Sätze zeigen, dass er auch die Denker von heute ebenso diskreditieren möchte. "An der Objektivität des Oxford English Dictionary sind die französischen Vordenker zwar weiterhin desinteressiert. Aber gegen die intellektuelle Querschnittslähmung ... sind sie einstweilen noch immun." (24) Was mag da noch auf uns zukommen!

Erschreckend wenig Gegenbeispiele

Sicherlich haben wir uns zu den in den letzten zwei Jahren über Sartre erschienen Artikeln keinen umfassenden Überblick verschaffen können, zumal wir vorrangig als liberal geltende Zeitungen berücksichtigt haben. Trotzdem wagen wir die These, dass es nur relativ wenig Gegenbeispiele gab – Gegenbeispiele zu den oben angeführten Arbeiten. Selbst in der Jungle World führt der vermeintlich rote Faden in Der doppelte Sartre zu einer Schlussfolgerung, die unserer Ansicht nach wenig schlüssig ist, sondern eher sehr konstruiert und künstlich erscheint. (26) Immerhin werden hier nicht die üblichen Klischees zum besten gegeben.
Jenseits von Sartre ist für uns der einzig eindrucksvolle Artikel (von denen, die wir kennen) zum 20. Todestag von Sartre. Dieser wird darin zwar gar nicht erwähnt, aber auf Grund des Erscheinungsdatums, 20. April 2000, lässt er sich als solcher lesen. In erstaunlich wenig Worten wird dargestellt, dass Sartres

intellektuelle Aktion dem Kampf und der Zersetzung der Identität, voran seiner eigenen (galt). In dieser bürgerlichen Zwangs- und Wahnverpanzerung sah er viel schärfer, was wir heute schon nicht mehr genau wahrnehmen können: Dass Identität, verkeilt zwischen einer gehabten Geschichte und einer zu habenden Zukunft, vor allem dazu dient, der Freiheit zu entkommen, sich gegen sie zu versperren.

Der Autor, Claus Koch, erläutert, wie "das Streben nach Freiheit und Authentizität, wie Sartre es in seiner Zeit verkörperte, sich heute unter völlig anderen Bedingungen zu bewähren suchen (muss)." Mit der Beschreibung der veränderten Situation, in der "Die Verurteilung des Menschen zu seiner Freiheit derzeit kein denkbarer Gedanke (ist), und die Suche nach der Authentizität, also der eigenen Wahrheit als einem Teil der absoluten Wahrheit, geradezu geächtet (ist)", überschreitet Koch Sartre produktiv. Eine Überschreitung, durch die Sartre gleichzeitig aktuell bleibt. So schreibt Koch - mit Bezugnahme auf die prädikative Medizin und "die Chance wie den Zwang ..., den Menschen in seiner Ganzheit zu begreifen" - zum Schluss: "Die Verurteilung zur Freiheit kann nun auf neue Weise, nicht nur als abstraktes Postulat, formuliert werden. Sartre, der immer auf jene Einheit gesonnen hatte und wissen wollte, wie der Geist in seinem besonderen, kontingenten Körper arbeitet, wird damit herauf in unsere Zeit geholt." (27)

Was meinen Sie dazu?

Anmerkungen:
(1) taz Nr. 6253, 23. September 2000, Seite 13.
(2) Frankfurter Rundschau Nr. 90, 15. April 2000, Seite 8: Nach dem Nichts kommt das Sein
(3) Der Spiegel Nr. 15, 10. April 2000: Rückkehr aus dem Fegefeuer
(4) Hessischer Rundfunk II. Programm, 16. April 2000: Der lange Schatten des Philosophen
(5) Die Zeit Nr. 16, 13. April 2000: Wie es bleibt, so ist es nicht
(6) Der Tagesspiegel, 4. Februar 2000: Jean-Paul Sartre Neue Diskussion vor seinem 20. Todestag
(7) Libération, 15. Juli 1954. Zitiert nach Annie Cohen-Solal, Sartre 1905 – 1980, rororo, Reinbek bei Hamburg 1991, Seite 537-538.
(8) Selbstporträt mit siebzig Jahren Interview mit Michel Contat in: Jean-Paul Sartre, Sartre über Sartre, rororo, Reinbek bei Hamburg 1977, Seite 242.
(9) Les Temps Modernes Nr. 129-131, Jg.12 1956/57: Das Phantom Stalins Zitiert nach Walter Biemel, Jean-Paul Sartre, rororo, Reinbek bei Hamburg 1964, Seite 134-135.
(10)L'Express, 9. November 1956. Zitiert nach Cohen-Solal, Sartre 1905 – 1980, a.a.O., Seite 552.
(11) Cohen-Solal, Sartre 1905 – 1980, a.a.O., Seite 618.
(12) ebenda, Seite 616.
(13) Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 19/2000, 12. Mai 2000: Wandlung eines nützlichen Idioten
(14) Cohen-Solal, Sartre 1905 – 1980, a.a.O., Seite 617.
(15) ebenda
(16) ebenda, Seite 716.
(17) ebenda, Seite 727.
(18) Der Tagesspiegel, 4. Februar 2000: Jean-Paul Sartre Neue Diskussion vor seinem 20. Todestag
(19) Cohen-Solal, Sartre 1905 – 1980, a.a.O., Seite 619.
(20) Der Tagesspiegel, 4. Februar 2000: Jean-Paul Sartre Neue Diskussion vor seinem 20. Todestag
(21) Der Spiegel Nr. 15, 10. April 2000: Rückkehr aus dem Fegefeuer
(22) Die Zeit Nr. 16, 13. April 2000: Wie es bleibt, so ist es nicht
(23) Der Spiegel Nr. 15, 10. April 2000: Rückkehr aus dem Fegefeuer
(24) Der Tagesspiegel, 30. Mai 1999: Ein Yankee-Hasser in Zolas Mantel
(25) taz Nr. 6089, 10. März 2000, Seite 14: Teilweise Monstrum
(26) Jungle World Nr. 17/2000: Der doppelte Sartre
(27) Süddeutsche Zeitung, 20. April 2000, Seite 20: Jenseits von Sartre


10 März 2001