Hintergründe
 
 
 
 
 
 

 

Andreas Schad

Das Unbehagen des deutschen Journalismus an praktischer Theorie
am Beispiel von Jean-Paul Sartre

Feuilleton-Autoren, die Dutzende Artikel im Jahr abliefern (müssen) und zwar zu ganz unterschiedlichen Themen - Themen die normalerweise ein Maß an Auseinandersetzung verlangen, das bei der hohen Anzahl der erscheinenden Artikel ein und desselben Autors eigentlich gar nicht zu leisten ist – genügen nicht mehr den Recherche-Standards, wie sie für viele Studenten Pflicht sind. Aber erst wenn man sich ein wenig mit einer Materie auskennt, stellt man fest, wie schlampig viele Artikel geschrieben und vor allem recherchiert sind. Der 20. Todestag Jean-Paul Sartres im April 2000 ist ein gutes Beispiel für die Schludrigkeit im täglichen Geschäft mit der Kultur.

Die Strategie der Personalisierung am Beispiel Sartre

Sie geht so: Man behauptet, er sei ein toter Hund, in der Hoffnung, diesen Hund damit auch endlich loszuwerden. "Sartre, Jean-Paul: 'Die Wörter'. Das war in der Mitte dieses Jahrhunderts Pop. Wir regen schon mal ne Dissertation an: Madonna und der Existenzialismus. Oder: Sartre und der Cowboyhut." (1) - Welcher Esprit! – "Der große Sartre war schon lange vor seiner Beerdigung tot. Um so wichtiger war der symbolische Akt: Ein Nationalheiliger wurde endgültig zu Grabe getragen." (2) Um genau zu sein, Sartre starb am 15. April 1980, vier Tage danach war die Beerdigung. Für manche Leute sind vier Tage eine lange Zeit. "An jenem Frühlingstag wurden mit Sartres Leichnam auch seine Werke und Gedanken beerdigt." (3) Zu der Zeit nach dem 19.April 1980 heißt es in einer Radiosendung vom 16. April 2000: "Danach herrschte Grabesruhe. Es wurde fast nur noch indirekt über Sartre gesprochen." Einige Minuten später zu den darauffolgenden Jahren: "Nach ihm krähte lange kein Hahn mehr." Obwohl es im Satz zuvor heißt: " ...andere schrieben in zwölf Jahren 2200 Dissertationen, Aufsätze, Abhandlungen und begruben damit Sartre endgültig." (4) Nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, dass auch die Zeit rückblickend Foucault zustimmt und meint: "Sartre war ein toter Hund." (5)
Eine Logik, nach der Platon toter als der toteste Hund ist, denn zu ihm gibt es wahrscheinlich mehr als 220.000 Dissertationen, Aufsätze, Abhandlungen. Damit ist er nach oben zitierter Logik mehr als einmal begraben worden.
Besonders gern stürzt man sich auf die "politischen Irrtümer". Wir wollen seine persönlichen, literarischen, politischen Aussagen, die zugegebenermaßen falsch, teilweise mehr als unschön, bei persönlichen Auseinandersetzungen auch gehässig sein konnten, nicht wiederholen. Durch die Kürze der Zitate, sofern solche geliefert werden, werden die umstrittenen Aussagen noch gravierender.
Der zweite Absatz des Artikels Jean-Paul Sartre Neue Diskussion vor seinem 20. Todestag, erschienen im Tagesspiegel, hat folgenden Wortlaut:

Dabei war Jean-Paul Sartre, als man ihm am 19. April 1980 in Paris ein so großartiges Volks- und Staatsbegräbnis bereitete, schon ein Relikt der Vergangenheit. Der Kommunismus, dem er lange die Treue gehalten hatte, war gründlich aus der Mode gekommen. In seiner Zeitschrift 'Les Temps modernes' hatte er einst Stalins Volksdemokratie, die ihre 'Beschlüsse einstimmig fasst' und 'sich durch Liquidierung der Opposition ständig erneuert', gegen die bürgerliche Mehrheitsdemokratie verteidigt. In der Sowjetunion, befand er nach einem Besuch im Sommer 1954, herrsche 'totale Freiheit der Kritik'. Nach der Niederschlagung des Volksaufstands 1956 in Ungarn kühlte sich seine Zuneigung zwar ab, doch nach 1963 stellte der Philosoph und Dichter fest, die Sowjetunion sei 'das einzige Land, wo das Wort Fortschritt einen Sinn hat'. Erst die gewaltsame Beendigung des Prager Frühlings fünf Jahre später ließ es Sartre geraten erscheinen, nach einem neuen Modell Ausschau zu halten. Er fand es in Maos China. Die Zeitschrift La Cause du peuple, deren Herausgeber er seit 1970 war, berief sich ausdrücklich auf das chinesische Vorbild und erging sich in blutrünstigen Wunschträumen, die bürgerlichen Abgeordneten zu lynchen und die 'Unternehmerschweine' lebendig zu häuten. (6)

Im Juli 1954 erschienen fünf Artikel zu der Reise in die Sowjetunion, die auf Gesprächen mit dem Journalisten Jean Bedel basierten. Der erste von ihnen trug den Titel "In der UdSSR herrscht eine totale Freiheit der Kritik", denn Sartre behauptete gegenüber Bedel tatsächlich, dass "der sowjetische Bürger eine uneingeschränkte Freiheit der Kritik (besitzt), es handelt sich aber nicht um eine Kritik an Menschen, sondern um eine Kritik an Maßnahmen. ... Die Kritik ist zwar meistens hart, geschieht aber immer mit positivem Ziel. Und was für die Arbeiter zutrifft, trifft für alle anderen auch zu." (7) Das Kurzzitat ist also richtig. Wie wäre es aber mit dieser kleinen Hinzufügung gewesen:

Es hat Umstände gegeben, unter denen ich – da die Politik nun einmal so ist - zweifellos auch Ideen unterstützt habe, deren ich nicht ganz sicher war; aber ich glaube nicht, jemals das Gegenteil dessen behauptet zu haben, was ich dachte. Contat: Auch nicht in bezug auf die UdSSR? Sartre: Ah ja, das stimmt, nach meinem ersten Besuch in der Sowjetunion 1954 habe ich gelogen. Na, 'gelogen' ist vielleicht zuviel gesagt: Ich verfasste einen Artikel – den übrigens Cau zu Ende schrieb, weil ich krank war, ich hatte in Moskau ins Krankenhaus gehen müssen -, in dem ich über die UdSSR freundliche Dinge sagte, die ich nicht wirklich dachte." (8)

Und wie sah es mit dieser Zuneigung und ihrer Abkühlung aus?

So bestärkten die Widersprüche des Regimes ihren Mut und ihr Klassegefühl. Sie haben zu den Waffen gegriffen, um eine Tyrannei, die das Land an den Rand des Abgrunds brachte, zu stürzen, aber nie ... stellten sie die Sozialisierung der Industrie in Frage: sie haben lange Zeit eingewilligt, sich für das sozialistische Ungarn zu opfern; sie haben revoltiert, als sie sahen, dass diese unnützen Opfer weder den Untergang der Nation verhinderten noch die ... Auflösung der sozialistischen Grundlagen. ... Im besonderen möchte ich die Kommunisten, die noch zögern, fragen, ob dieser verlängerte Streik trotz des Terrors und der zahlreichen Verhaftungen, ob diese Verhandlungen ... nicht dazu angetan sind, den gegenrevolutionären Charakter des ungarischen Widerstands sehr in Zweifel zu stellen. ... Wenn die Russen selbst gezwungen sind, die Verhandlungen von Budapest zuzugeben, wer von den kommunistischen Parteiführern wagte dann noch, dieses Zeugnis eines gesamten Proletariats zurückzuweisen? (9)

Die "Zuneigung" Sartres gehörte demnach den Aufständischen. Nachzulesen in einer Sondernummer von Les Temps modernes aus dem Jahre 1956. Und im Express konnte man folgendes lesen:

Ich verurteile die sowjetische Aggression voll und ganz, ohne die geringste Einschränkung. Ohne das russische Volk dafür verantwortlich zu machen, wiederhole ich, dass seine gegenwärtige Regierung ein Verbrechen begangen hat... Und für mich ist das Verbrechen nicht nur der Angriff auf Budapest mit Panzern, sondern auch dass er ermöglicht worden ist ... durch zwölf Jahre Terror und Dummheit ... Ich sage, dass eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu denen, die heute die KPF führen, jetzt nicht möglich ist und nie wieder möglich sein wird. Jeder einzelne Satz, jede einzelne Geste von ihnen ist das Ergebnis von dreißig Jahren Lüge und Verknöcherung. Ihre Reaktionen sind einfach verantwortungslos.(10)

Wann erschienen? Am 9. November 1956. Merkwürdigerweise kennen wir keinen einzigen deutschsprachigen Artikel, in dem diese Stellungnahme zitiert wird. Merkwürdig - oder vielleicht doch nicht so merkwürdig? "Auch die regelmäßige Anwesenheit des französischen Philosophen, mit dem zahlreiche Opfer des Antisemitismus, Opfer der Berufsverbote sprachen, war für die Regierung sicher eine zweischneidige Sache."(11) Annie Cohen-Solal weist in ihrer Biographie auf die "zu dieser Zeit ... kompexe(n) und ambivalente(n) Beziehungen zur UdSSR" (12) hin. Rupert Neudeck spricht trotzdem von einem "nützlichen Idioten ..., den Sartre 20 Jahre lang für Moskau darstellte." (13) Dieses Kapitel muss differenziert betrachtet werden, zumal er "enge persönliche Freundschaftsbeziehungen ... geknüpft (hatte)". (14) "Einen französischen Schriftsteller von Sartres Renommee konnten die sowjetischen Kollegen aber nur auf den Wegen und Umwegen ihrer offiziellen Kulturpolitik einladen." (15)
Wie war es mit der Herausgeberschaft von La Cause du Peuple bestellt?

Nachdem Sartre Herausgeber geworden war, stand sein Name auf der letzten Seite, erschien aber ebenso zusammen mit Simone de Beauvoirs Namen in winzigen Buchstaben unter fast jeder Seite wie ein Siegel, ein unauslöschbarer Stempel, eine Garantie für die Unantastbarkeit der Zeitung. Ein Detail lässt die Grenzen ermessen, die dem Bündnis Sartre-La Cause du Peuple von Anfang an gesetzt waren." In einem Kasten der Ausgabe vom 1. Mai 1970 erklärte er sich "solidarisch mit allen Aktionen ...".

In der darauffolgenden Ausgabe hieß es dazu: "Richtig sollte es heißen 'Ich erkläre mich solidarisch mit allen Artikeln' und nicht 'Ich erkläre mich solidarisch mit allen Aktionen.'"

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