Un beau navire
 
 
 
 
 
 

 

Ein neues Werkzeug gegen die eigene Vergänglichkeit?

Unter dieser Überschrift tauchte vor zwei Wochen in Der Gazette ein Text auf, der uns schwer ins Grübeln brachte. Erst hielten wir ihn für einen schlechten Scherz, dann überprüften wir die angegebene Website und fanden dort tatsächlich ein selbstherausgegebenes Buch (das sich nachfrage-optimistisch als published "on demand" präsentierte). Danach hielten wir den Text für einen guten Scherz. Er kann nur tongue in cheek geschrieben sein. Und seine allen Widerständen zum Trotz durchgehaltene Ernsthaftigkeit ist genau das Kennzeichen, das Mark Twain von einem humoristischen Text verlangte.

Fast beiläufig beschrieb erstmals 1987 der Kieler Informatiker Klaus Reinhard eine visionäre, aber damals kaum umsetzbare Methode, mit dem praktisch jeder die Voraussetzung für seine eigene Reanimation erstellen kann.

Gestützt auf neue Techniken vollendete jetzt der Autor Frank Kempelmann eine auf Reinhards Methode aufbauende 2580 Arbeitspunkte umfassende Anleitung.

Vom 15. 2. 2001 bis zum 15. 3. 2001 kann unter http://www.ramces.de die vollständige – auch als Buch erschienene – Beschreibung gelesen und heruntergeladen werden.

Details:

Reinhards Konzept ist 10 Jahre nicht weiter verfolgt worden, weil die anfallende Datenmenge nicht handhabbar war. Erst das Videokomprimierungsverfahren MPEG-4 und das Speichervermögen der DVD ermöglichen heute die Umsetzung.

Grundlage der Anleitung ist die These: Zwischen der Körperstruktur und dem Sein eines Menschen bestehen ergründbare Kausalzusammenhänge.

Das Verfahren besteht im wesentlichen darin, durch Videoarchivierung alle zur Rekonstruktion von Körper und Bewusstsein erforderlichen Informationen zu überliefern. Es handelt sich dabei um unzählige digitalisierte Daten zu Erinnerungen, Gefühlen, Wünschen, Erfahrungen, Fähigkeiten sowie um eine Zellprobe. Besondere Kenntnisse und Geräte oder fremde Hilfe sind nicht erforderlich. Der Anwender benötigt lediglich eine Videokamera, etwas Parafin zur Konservierung einiger Haarwurzeln und viel Zeit zum Abarbeiten der 800-Stunden-Anleitung.

Trotz einer seit Oktober 1997 andauernden Suche fand sich bisher keine technische Hürde oder Gesetzmäßigkeit, welche die Machbarkeit prinzipiell in Frage stellt. Allerdings fehlt ebenso der Machbarkeitsnachweis. Vorausgesetzt wird nämlich, dass das gegenwärtige Entwicklungstempo der technischen/medizinischen Fähigkeiten noch mehrere Jahrzehnte anhält und dass menschliches Bewusstsein analysierbar wird – natürlich sollte es auch kein globales Desaster geben.

Doch selbst wenn alle Bedingungen erfüllt sind, wird es nach Ansicht des Autors noch mindestens 60 Jahre dauern bis z.B. Gentechnik, Nanotechnik und Künstliche Intelligenz (KI) das erforderliche Niveau erreichen. Erst dann könnte, so die Hoffnung, aus den archivierten Daten wieder Körper und Bewusstsein des Anwenders rekonstruiert werden und er sein Leben so ähnlich fortsetzen, als wenn er aus einem sehr langen Koma erwacht.

Auf die Frage, ob der Mensch überhaupt das Recht hat, seine Existenzdauer nach eigenem Ermessen zu verlängern, gesteht der Autor "keine zwingende Argumentation" zu kennen. Auf der Internetseite zur Anleitung bittet er seine Leser, weiterhin bei der Suche nach ethischen, logischen und technischen Argumenten für oder gegen eine "Selbstüberlieferung" zu helfen.

Gegenwärtig arbeitet der Autor an der Übertragung der Anleitung ins Französische, Englische und Japanische.

1. März 2001

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