Apropos
 
 
 
 
 
 
 

 

Tim Frohschütz

"Wie klaut man eine Million?"

Es ist einfacher als im Film. Man braucht dazu nur nur einen Autor, ein wenig Zeit und reichlich Chuzpe. Konkret, in fünf leichten Schritten, ist der Ablauf dann dieser:

Der erste Schritt

Eine Firma, sagen wir: ein Fernsehsender, legt einem Autor Informationsmaterial zu einem Film auf den Schreibtisch. Beispielsweise für "So fine" (Der ausgeflippte Professor) mit Ryan O'Neal. Das Material besteht in diesem (echten) Beispiel aus längeren englischsprachigen Rezensionen, sagen wir: aus Variety und der New York Times, drei kürzeren deutschen Besprechungen und einer Widergabe plus Wertung des evangelischen Filmdienstes. Mit den Informationen aus diesen Unterlagen soll der Autor nun 1. eine knappe Inhaltsangabe des Films und 2. davon eine noch knappere Kurzversion schreiben. Die Rezensionen im Infomaterial sind durchgehend von Wertungen durchsetzt, also für eine schlichte Inhaltswiedergabe wenig brauchbar, ähnlich steht es mit dem längeren Filmdienst-Text. Der steht hier unten und rechts daneben der Text der Autors:

Nicht ungeschickt erinnert die Werbung für dieses Lustspiel an Bogdanovichs irrwitzige Komödie "Is' was, Doc?" (Fd 18 006), mit der Ryan O'Neal ("Love Story", fd 17449) zeigen konnte, daß er auch ein Schauspieler mit Talent zum Komischen ist. Die Rechnung geht allerdings nicht auf. Nach dem Vorbild, das Bogdanovich von ihm geliefert hat, läßt Andrew Bergman Ryan O'Neal als jungen College-Professor für Literatur in der amerikanischen Provinz agieren. Und der jungenhafte Herr Professor wäre gewiß auch bald ein rechter Sonderling, wenn er nicht urplötzlich aus der Idylle des ländlichen Colleges in die rauhe, sexige Geschäftswelt von New York gerissen würde. Dort hat sein Vater eine Kleiderfabrik, die - da der alte Herr offenbar nicht mit der Zeit geht - bankrott ist. Aber der Professor hilft seinem Vater wieder auf die Beine. In Abwandlung des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern erfindet er zufällig eine neue Mode: teilweise durchsichtige Jeans, natürlich durchsichtig dort, wo die heißen Hosen besonders knackig sitzen, am Hinterteil. Ehe allerdings Vaters Geschäft wieder saniert ist, gibt es für den jungen Gelehrten allerlei kitzlige Situationen zu bestehen, nicht nur solche erotischer Art.   Literaturprofessor Bobby Fine fühlt sich in der Provinz-Uni eigentlich sehr wohl - bis ihm eines Tages der Kredithai Eddie auf den Pelz rückt und ihn nach New York befiehlt. Dort soll Bobby frischen Schwung in das marode Textil-Unternehmen seines Vaters Jack bringen. Der nämlich hat jede Menge Schulden, und die Gläubiger wollen endlich Geld sehen. Bobby schafft es tatsächlich: Mit einer zufällig geplatzten Jeans kreiert er erfolgreich eine neue Mode - man trägt das Hinterteil jetzt durchsichtig. So darf Bobby also wieder zurück auf den Campus, und die ganze Geschichte könnte wunderbar 'happy-enden' - wenn nicht der knallharte Eddie plötzlich unter dem Bett seiner geliebten Lira ein paar Schuhe entdecken würde. Keine gewöhnlichen Schuhe, sondern solche mit dem Markenzeichen 'Campus Shop'. Eddie zählt zwei und zwei zusammen und begreift, daß Bobby offensichtlich nicht nur mit seinem Modetrend erfolgreich war, sondern auch bei Lira. Das wiederum kann nur mit dem Tod gesühnt werden. Vater Jack und Lira rasen in Richtung Campus, um Bobby zu warnen ...

Der rechte Text ist erkennbar eine eigenständige Arbeit des Autors (womöglich hat er sich den Film sogar selbst angesehen und ihn nach dem Gesehenen beschrieben). Zusätzlich zu diesem Text schreibt der Autor nun auch die Kurzversion. In unserem Beispielfall lautet sie:

Als sein Vater mit dem Bekleidungsgeschäft kurz vor der Pleite steht, muß Literaturprofessor Bobby Fine notgedrungen ins Unternehmen einsteigen. Und das Glück ist auf seiner Seite: Mit einer zufällig geplatzen Jeans kreiert er erfolgreich eine neue Mode.

Mission accomplished.
Insgesamt leistet der Autor diese Arbeit sechstausendvierhundertachtzigmal. In Zahlen: Er schreibt 6480 verschiedene Film-Inhaltsangaben und 6480 Kurzversionen (manchmal auch noch Varianten dazu).


Der zweite Schritt

Die Firma führt die Texte des Autors ihrem autorenvertraglich bestimmten Zweck zu: Sie werden in der Programmvorschau abgedruckt und diese an diverse Zeitungsverlage geschickt, wo sie als Textmaterial für die regelmäßige Fernsehvorschau benützt werden können.
Dann ist erst einmal Ruhe, und der Autor hält den Vorgang - mit einem gewissen Recht - für erledigt.


Der dritte Schritt

Die Firma hat die Texte des Autors, sowohl die Inhaltsangabe, als auch die Kurzversion, in ihren Computern gespeichert und überlegt sich, wie sie irgendwie recycelt und zweitverwertet werden können.
Also verbreitet die Firma die Texte, wenn es richtig rund läuft: alle sechstausendvierhundertachtzig Inhaltsangaben und alle sechstausendvierhundertachtzig Kurzversionen, aus ihrer eigenen Datenbank an andere Datenbanken. Es gibt inzwischen viele Interessenten dafür: die Filmdatenbank Deutschland, die Deutsche Mailbox, News Aktuell oder die Datenbank des ORF. Von hier aus werden nun eine kaum noch überschaubare Zahl von TV Programmzeitschriften mit den Texten des Autors versorgt: das Tele Online Magazin Österreich, das Tele Online Magazin Schweiz, Prisma-TV Guide Deutschland, Illustrierte Wochenzeitung, Abendzeitung München, rtv Supplement, Kurier Verlag Österreich und wahrscheinlich noch ein paar andere. Der TV-Info-Markt ist hungrig.
Dazu ein Beispiel. Links der Text des Autors zu dem Film "Die tödliche Vision" (die Kurzversion und darunter die Inhaltsangabe), rechts der Text der Deutschen Mailbox zum gleichen Film:

Leonard Nimoy, als Mr. Spock in 'Raumschiff Enterprise' zu Weltruhm gelangt, spielt in diesem spannenden Krimi den Rennfahrer Tom Kovack, der während eines Rennens eine schreckliche Vision hat.

Der Rennfahrer Tom Kovack (Leonard Nimoy) hat furchtbare Visionen: Mitten in einem Rennen sieht er erschreckende Bilder vor sich - ein altes englisches Landhaus, ein lächelndes 12jähriges Mädchen und das angstverzerrte Gesicht einer schönen Frau. Mit Hilfe der Parapsychologie-Expertin Michele Brent (Susan Hampshire) findet Tom das Landhaus - und dort auch die beiden Gesichter aus seiner Vision: den Filmstar Andrea Glenn (Vera Miles) und dessen 12jährige Tochter Jennifer (Jewel Blanch). Beide umhüllt ein dunkles Geheimnis.
  Leonard Nimoy, als Mr. Spock in 'Raumschiff Enterprise' zu Weltruhm gelangt, spielt in diesem spannenden Krimi den Rennfahrer Tom Kovack, der während eines Rennens eine schreckliche Vision hat.

Der Rennfahrer Tom Kovack (Leonard Nimoy) hat furchtbare Visionen: Mitten in einem Rennen sieht er erschreckende Bilder vor sich - ein altes englisches Landhaus, ein lächelndes 12jähriges Mädchen und das angstverzerrte Gesicht einer schönen Frau. Mit Hilfe der Parapsychologie-Expertin Michele Brent (Susan Hampshire) findet Tom das Landhaus - und dort auch die beiden Gesichter aus seiner Vision: den Filmstar Andrea Glenn (Vera Miles) und dessen 12jährige Tochter Jennifer (Jewel Blanch). Beide umhüllt ein dunkles Geheimnis.

Auf die wundersame Vermehrung seiner Texte stößt der Autor durch Zufall. Nach kurzer Suche findet er als überraschendes Zwischenergebnis: Siebenhundertsiebzig seiner Filmtexte, zumeist die Kurzversionen, sind in vielen Fällen mehrmals publiziert und verwertet worden, insgesamt sind es im Zwischenergebnis eintausendfünfhundertsechsundvierzig Fundstellen. Jede Inhaltsangabe oder Kurzversion wurde also im Schnitt mindestens zweimal verwendet.
Von einem Honorar für diese Zweitverwertung seiner Texte sieht der Autor jedoch nichts.


Der vierte Schritt

Der Autor verklagt die Firma. Die Sache beginnt sich zu ziehen.


Der fünfte Schritt

Jetzt kommt die Chuzpe ins Spiel.
Die Firma behauptet nämlich, der Autor habe seine Texte aus den Infomaterialien (die sie vor Gericht gern und süffisant "Vorlagen" nennt) praktisch abgeschrieben, sie seien mithin gar nicht urheberrechtsfähig.
Ein Vergleich zwischen sechstausendvierhundertachtzig Inhaltsangaben (und ebensovielen Kurzversionen) mit jeweils drei bis vier, also insgesamt vielleicht dreißigtausend Blatt Infomaterialien muß sogar einen ungewöhnlich arbeitswilligen und lesefertigen Richter überfordern. Hat die Firma dann wenigstens ein paar hundert Infomaterialien vorgelegt, um das Abgeschriebene nachzuweisen? Nein. Es waren magere sechs - weitere Unterlagen, hieß es, seien nicht mehr vorhanden. Woraufhin der Richter vom Kläger den unmöglichen "negativen Beweis" verlangt: Er solle bitteschön nachweisen, daß er nirgendwo abgeschrieben hat.
An dieser spannenden Stelle steht der Prozeß im Augenblick.

Nachtrag für Rechner
Die Firma mag sich gedacht haben: Die paar Zeilen pro Film sind ein Klacks. Aber sechstausendvierhundertachtzigmal ein paar Zeilen ergeben ein Buch, dicker als die Bibel. Wenn die Firma dem Autor jeden dieser Texte (Inhaltsangabe plus Kurzversion) bei durchschnittlich zweifacher Weiterverwertung mit sagen wir bescheidenen zweihundert Mark vergütete, würde dem Autor eine gute Million entgangener Honorare zufließen.
Wenn sie sie ihm verweigert, hat sie sich um diese unberechtigte Million bereichert.

PS
Die Firma, von der hier die Rede ist, heißt Kirch Media, manchmal auch Pro7 oder Kabel 1. Der Autor heißt Fred König (siehe Die Gazette Nr. 31, Januar 2001).

1. März 2001

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