Un beau navire
 
 
 
 
 
 
 
 
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Maja Das Gupta

Hoheslied

Ronja sieht aus dem Fenster. Da geht einer. Da steht einer. Ronja guckt. Es guckt zurück. Ronja grinst. Es grinst zurück. Ronja hebt den Arm, um zu winken. Es verschwindet. Es, denkt Ronja, es ist ein Er. Er? Ronja legt sich auf ihr Bett, Ronja will ein Buch lesen. Ronja schlägt auf. Ronja schlägt zu. Scheißkonzentration, ScheißEr. Wer? Hier kommt sonst nie jemand vorbei. Das Haus ist vergessen. Das Haus ist verhext. Nur der Junge mit dem Hund geht hier manchmal spazieren. Der Depp. Ronja wirft das Buch an die Wand und steht auf. Schluß mit Lesen. Ronja holt Linsen. Ronja kocht Linsen. Ronja haßt Linsen. Aber eine Freundin hat ihr gezeigt, wie man aus weichgekochten Linsen die Zukunft liest. Aus dem Kaffeesatz lesen kann jeder. Ronja setzt sich auf den Boden und entzündet eine Kerze. Ronja nimmt den Topf mit den Linsen vom Herd. Ronja schüttelt den Linsentopf. Ronja schließt die Augen. Ronja greift mit der linken Hand in die Linsen und verbrüht sich. ScheißLinsen, Scheißheiß, schnell den Wasserhahn auf, das kühlt. Ronja wartet, bis die Linsen abgekühlt sind. Ronja schließt die Augen. Ronja greift mit der linken Hand in die Linsen. Leicht kreisende Bewegung der Hand. Ronja wirft. Die Linsen fallen. Nicht alle. Manche sind pappig und bleiben in der Hand zurück. Ronja schaut. Ronja schaut auf die Linsen. Ein Muster. Ein Kopf? Eindeutig ein Kopf. Eindeutig ein Jungenkopf. Ein Zeichen, weiß Ronja. Dann zählt sie die Linsen in der Hand, die kleben geblieben sind. Sieben. Sieben Tage. Ronja seufzt. Sieben Tage warten, bis sie ihn wiedersehen wird. Ronja wartet. Ronja wartet drei Tage und Nächte. Ronja träumt drei Nächte das gleiche: Eine Gestalt, die aus dem Nebel auftaucht. Eine Gestalt, deren Umrisse langsam deutlicher werden. Dazu die Musik von „Spiel mir das Lied vom Tod". Das Lied lief zu Hause immer. In keiner Nacht kann Ronja das Gesicht der Gestalt erkennen. Vor dem Einschlafen betet Ronja. Hallo Mr.Gott, betet sie, bitte laß mich sein Gesicht sehen. Eigentlich glaubt Ronja nicht an Gott. Aber man kann ja nie wissen.
Es nützt nichts. Ronja bekommt sein Gesicht nicht zu sehen.
Jeden Tag steht Ronja am Fenster. Aber nie lange, denn durch die fehlende Glasscheibe zieht es hinein. Da geht keiner. Da steht keiner. Ronja guckt. Keiner guckt zurück. Ronja vergeht das Grinsen. ScheißsiebenTage, sieben Tag Scheiße. Ronja zieht den Mantel an. Ronja geht hinaus. Es schneit. Ronja friert.
Ronja hat keinen Stoff mehr. Ronja geht die Straße entlang. Da steht eine Mülltonne. Hier findet sie immer was. Ronja steckt einen langen Arm hinein und zieht einen kurzen, weil angewinkelten zurück. Tom Sawyer, sieht sie. Die Bibel auf Altdeutsch. Ein Märchenbuch. Ronja nimmt alles mit. Ronja geht zurück. Zu Hause angekommen, legt Ronja Kohlen nach. Das Feuer ist ausgegangen. Noch Holz, kein Papier. Ronja sieht auf ihre Bücher. Tom Sawyer hat sie doppelt. Ronja legt Märchenbuch und Bibel beiseite. Dann reißt sie Tom Sawyer auseinander. Ronja stopft die Seiten zwischen die Holzscheite. Ronja zündet an. Das Feuer brennt wieder.
Ronja nimmt die Bibel. Ronja läßt den Zeigefinger am Außenrand entlang wandern, Ronja schlägt auf.
Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen.
Ronja ist frustriert.
Noch vier Tage. Noch drei Nächte. Wie soll sie das überleben? Ronja schließt die Augen. Ronja ruft sich die ersten Zeilen in Erinnerung. Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes...Ronja lernt auswendig. Ronja kann viel auswendig. Ronja kann sich Worte gut merken. Keine Gesichter, aber Worte. Ronja vergißt nie ein Wort. Hätte sie mit ihm geredet, dann hätte sie jetzt ein Wort, das sie hin- und herwälzen könnte, ein Wort, das sie im Mund rollen, ein Wort, das sie schmecken, ein Wort, mit dem sie Ball spielen könnte. Pingpong und das Wort federt zurück. Hätte sie nur ein Wort von ihm, sie wüßte, wer er wäre.
Ronja seufzt. Ein Wort, nur ein Wort. Ein Wort wäre wichtiger als das Gesicht.
In dieser Nacht träumt Ronja nicht die SpielmirdasLiedvomTod-Sache. Ronja träumt von seinem Mund, der sich öffnet. Ronja lauscht. Ronja hört: Brot. Der Mund sagt: Brot. Ronja erwacht mit dem Geschmack in ihrem Mund. Brot, flüstert Ronja. Brot!
Ronja geht zum Bäcker. Ronja kauft Brot. Ronja kauft Weißbrot. Brot, flüstert Ronja, als sie an der Reihe ist. Danach geht Ronja an den Fluß. Ronja füttert die Enten. Ronja füttert die Enten mit Brot. Brot, flüstert Ronja. Ronja geht in den Laden um die Ecke. Ronja kauft Mehl. Ich will backen, sagt Ronja zur Verkäuferin. Was wollen Sie backen, fragt die Verkäuferin. Brot, flüstert Ronja. Dazu brauchen Sie aber mehr als nur Mehl, sagt die Verkäuferin. Ronja kauft Eier. Ronja kauft Milch. Ronja kauft Zucker. Ronja läuft nach Hause. Ronja schlägt das Märchenbuch auf. Brotkrumen streuen Hänsel und Gretel. Brot backt die Hexe in ihrem Ofen? Nein, kein Brot. Lebkuchen. Scheißlebkuchen, Lebkuchenscheiß. Ronja hat gehofft, hier ein Rezept zu finden. Dann muß es eben so gehen. Ronja kann nicht backen. Ronja backt. Ronja backt Brot. Ronja schüttet Mehl, Eier, Zucker und das übrige zusammen. Ronja rührt den Teig an. Brot, flüstert sie, Brot. Ronja hängt ihren Kopf in die Schüssel und öffnet ihren Mund. Sie atmet tief ein. Brot, Brot, flüstert sie, Brot. Ronja knetet den Teig. Ronja formt einen Laib Brot. Ronja steckt den geformten Brotlaib in ihren Kohleofen. Ronja sieht auf die Uhr. Jetzt muß sie einige Stunden warten, weiß sie. Ronja geht spazieren. Ronja flüstert: Brot, Brot, Brot! Ronjas Füße werden schneller: Brot, Brot, Brot! Ronja läuft: Brot, Brot, Brot! Ronja ist außer Atem. Ronja hält inne. Ronja hält die rechte Hand vor den Mund. Brot, flüstert Ronja und Brot flüstert zurück. Je länger sie flüstert, desto mehr meint Brot. Brot meint sein Gesicht, das sie nie gesehen hat, Brot meint die Farbe seiner Augen. Brot meint die Dicke seiner Haare, Brot meint die Geschmeidigkeit seines Gangs. Brot meint seinen Hintern. Brot meint seinen Zeh. Brot meint – oh nein, das Brot!
Ronja stürzt nach Hause. Ronja stürzt an den Ofen. Schwarz liegt sein Gesicht zwischen den Kohlen, schwarz rauchend sein Haar, verkohlt seine Augen, sein Zeh, verglüht sein Hintern, sein Gang. Da liegt es schwarz und raucht. Brot flüstert Ronja. Das Feuer ist fast ausgegangen. Ronja wirft das Brot zurück in den Ofen und sich aufs Bett. Ronja starrt an die Decke.
Es wird bald Nacht, weiß Ronja.
Ronja steht auf. Ronja sieht aus dem Fenster. Da geht einer. Da steht einer. Ronja lehnt ihren Oberkörper aus dem Fenster. Hey! Es ist der Junge mit dem Hund. Der Junge mit dem Hund kommt an die Tür. Was willst du, fragt Ronja. Du hast gerufen, sagt der Junge. Nicht dich, sagt Ronja. Gibt nur mich, sagt der Junge. Willst du was essen? fragt Ronja. Was, fragt der Junge. Ronja geht zum Ofen. Ronja faßt hinein. Ronja nimmt das Brot heraus. Ronja hält den schwarzen Laib in der Hand. Ronja legt den Laib an ihre Brust. Ronja schmiegt sich an den Laib. Was ist das, fragt der Junge. Brot, sagt Ronja. Brot? fragt der Junge. Das glaubst du doch selbst nicht. Der Junge starrt auf den Laib in Ronjas Armen. Der Junge zittert. Was, fragt Ronja. Du ißt kleine Kinder, schreit der Junge. Ronja grinst. Ronja lacht. Ronja zeigt auf den Hund. Hunde sind auch nicht schlecht, sagt Ronja. Der Junge nimmt seinen Hund auf den Arm, die Beine in die Hand und läuft zur Tür. Der Junge stürzt. Ronja grinst. Der Junge steht auf. Der Junge bekreuzigt sich. Der Junge flieht.
Ronja lacht. Dann legt sie sich hin und träumt die Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Nummer. Diesmal sieht sie sein Gesicht: Es ist vollkommen. Es ist aus Marzipan.
Ronja erwacht. Ronja schlägt die Bibel auf. Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag, damit ich nicht herumlaufen muß bei den Herden deiner Gesellen. Genau!
Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Ronja denkt an Marzipan.
Ronja liest: Er erquicket mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe.
Ronja findet Bibel geil. Ronja lernt auswendig: Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal. Ronja singt: Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. Ronja dreht sich vorsichtig um. Da steht keiner. Da sieht keiner durchs Fenster. Ronja atmet aus. Ronja tanzt durchs Zimmer: Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Mein Freund ist mein, und ich bin sein, der unter den Lilien weidet. Ronja fällt die Bibel aus der Hand. Ronja lacht. Ronja schlägt auf. Ronja tanzt. Ronja singt: Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt.
Ronja legt sich den Schal um. Ronja wirft die Tür hinter sich zu. Ronja rennt. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen. Ich werde finden, den meine Seele liebt, und wenn ich ihn gefunden habe, wird er sagen: Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. Das alles wird er sagen, und noch viel mehr: Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. Ronja tanzt. Ronja rennt. Ronja singt. Das Buch der Bücher summt in Ronjas Kopf. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen...deine beiden Brüste sind wie junge Zwillingen von Gazellen, die unter den Lilien weiden ... Ronja wird rot. Ronja weiß, was sie darauf sagen wird: Dein Haupt ist das feinste Gold. Deine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe. Deine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen, sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. Deine Wangen sind wie Balsambeete, in denen Gewürzkräuter wachsen. Deine Lippen sind wie Lilien, die von fließender Myrrhe triefen. Deine Finger sind wie goldene Stäbe, voller Türkise. Ronja weiß nicht genau, was ein Türkis ist, aber es hört sich verdammt wertvoll an. Dein Leib, singt sie vor sich hin, oh, dein Leib! Dein Leib ist wie reines Elfenbein, mit Saphiren geschmückt. Jetzt wird es schwierig, denn sie weiß nicht, ob er das merkwürdig fände: Deine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen. Deine Gestalt ist wie der Libanon ... aber hier zieht es wieder: Dein Mund ist süß, und alles an dir ist lieblich. Ja, auf die Marmorsäulen wird sie verzichten. OH, NAMENLOSER, WO BIST DU, denkt Ronja. ICH HABE SO VIELE WORTE IN MEINEM KOPF UND SIE GEHÖREN ALLE DIR. Komm und hol sie dir.
Ronja geht durch die Stadt. Die Stadt ist leer. Es ist kalt. Wer kann, geht nicht vor die Tür, denkt Ronja.
Er wird nicht da sein.
Sie wird ihn nicht finden.
Es ist noch zu früh: Erst in drei Tagen.
Ronja geht zurück. Ronja geht langsam. Ronja hat es nicht eilig.
Eine Zeile klingt. Eine Zeile klingt in ihr: Laß deinen Mund sein wie guten Wein, der meinem Gaumen glatt eingeht und Lippen und Zähne mir netzt. Wie macht man das? Wie macht der Mund das? Wie soll sie das machen? Wird er das wollen? Wird er wollen, daß ihr Mund nach Wein schmeckt? Ronja spürt Panik. Ronja denkt nach. Ronja geht in den Laden um die Ecke. Eine Flasche Wein, bitte, sagt Ronja. Die Verkäuferin sieht sie an. Trocken? Trocken, fragt Ronja? Trocken, halbtrocken, lieblich? Ronja strahlt. Ronja sagt: Sein Mund ist süß und alles an ihm ist lieblich. Den lieblichen, bitte. Die Verkäuferin guckt. Ronja guckt zurück. Ausweis, sagt die Verkäuferin. Hier, sagt Ronja und legt die Bibel auf den Tisch. Die Verkäuferin guckt. Die Verkäuferin guckt doof. Ronja schnappt den Wein, klemmt die Bibel unter den Arm, rennt aus dem Laden.
Lieblich!
Ronja rennt nach Hause.
Ronja hat nur ein Glas. Ronja hat keinen Korkenzieher. Ronja schlägt die Flasche gegen den Tisch. Der Flaschenhals bricht. Ronja gießt den Wein ein. Lieblich, denkt sie, lieblich. Wie schön und lieblich bist du, du Liebe voller Wonne! Sie schwenkt das Glas und spricht wie ein Gebet: Laß deinen Mund sein wie guten Wein, der meinem Gaumen glatt eingeht und Lippen und Zähne mir netzt. Dann setzt sie hinzu: Und möge die Macht mit mir sein. Es ist alles nur eine Frage der Kombination, denkt Ronja. Dann setzt sie das Glas an und trinkt es in einem Zug aus. Ronja schenkt nach.
Ronja hat Kopfweh. Scheißwein, denkt Ronja, ScheißLieblichkeit. Wieso überhaupt lieblich. Egal. Bis sie ihn sieht, wird ihr Mund sein wie ein guter Wein, der seinem Gaumen glatt eingeht und Lippen und Zähne ihm netzen wird. Wenn er drauf steht, wird es so sein.
Ronja trinkt. Ronja trinkt jeden Tag. Ronja trinkt an jedem der drei verbliebenen Tage eine Flasche Rotwein.
Ronja sieht aus dem Fenster. Ronja sieht alles verschoben. Ronja schwankt. Ronja wankt. Ist da einer? Ist da was? Heute ist der siebte Tag. Ronja sieht: Da geht einer. Ronja sieht: Da steht einer. Ronja lehnt ihren Oberkörper aus dem Fenster.
Hey, ruft Ronja. Ronja steckt zwei Zeigefinger in den Mund. Hey, hey, du! Ronja kneift. Ronja kneift die Augen zusammen. Da guckt einer. Da guckt einer hinauf. Da grinst einer. Ronja nimmt sich zusammen. Ronja hält sich an der Wand fest. Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal!, ruft Ronja. Sie hört: Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.
Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin!, schmettert Ronja. Sie hört: Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande. Ronja holt tief Luft. Jetzt kommt die Stelle mit seinem Haupt, seinen Locken, seinen Augen und so. Sie hört: Was schreist du eigentlich so? Ronja kneift die Augen zusammen. Ronja stolpert. Es ist der Junge mit dem Hund. Er grinst. Ronja lallt. Keiner da? Nur ich, sagt der Junge. Nur du? Ja, sagt der Junge. Zieh Leine, sagt Ronja. Bist ganz schön blau, sagt der Junge.
Ronja geht ins Bett. Ronja schluchzt. Ronja hört ein Geräusch. Ronja geht ans Fenster. Da steht einer. Da geht einer. Ronja guckt. Es guckt zurück. Ronja atmet. Ronja schwankt. Ronja versucht sich zu konzentrieren: Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich. Dein Haupt...deine Wangen...deine Lippen. Hey, stammelt Ronja. Hey, sagt die Gazelle, sagt der Hirsch unter dem Fenster. Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht, denkt Ronja. Hast du vielleicht Lust – auf ´ne Cola, stammelt Ronja. Ne danke, sagt er. Dann zieht er etwas aus der Tasche. Einen Schlüssel, glaubt Ronja. Einen Motorradschlüssel. Er dreht sich um. Er steigt auf. Er startet. Motor heult auf.
Ronja sieht aus dem Fenster. Keiner steht. Keiner geht. Nie wieder. Nie.

30. März 2001

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