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Interview mit
Prof. Dr. Heiner Keupp, Hochschullehrer für Sozial- und Gemeindepsychologie
am Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität
München.
(2. Teil)
Ist dort auch das festzustellen, was selbst von Hellinger-Kritikern
bemerkenswert genannt wird, daß sich dabei starke, verblüffend
intensive emotionale Erlebnisse einstellen?
Ja, und das ist genau der Punkt, weswegen der Rahmen sorgsam und gut
aufgebaut werden muß. Manchen Menschen fällt es dabei wie
Schuppen von den Augen, sie sehen bestimmte generationsübergreifende
Dinge, die sie bis dahin nicht wahrgenomen haben, und dabei gibt es
immer wieder starke emotionale Erschütterungen. Sie sind Teil der
Methode, die sozusagen nicht auf der Oberfläche von dem bleibt,
was Menschen ohnehin von sich selber wissen, sondern in bestimmte Tiefenschichten
der Selbstwahrnehmung führen - gerade deshalb sind sie therapeutisch
wirksam.
Setzt also Ihre Kritik an Hellinger insbesondere an der mangelnden
Vorbereitung und der eigenartigen Geschwindigkeit seiner Familienaufstellungen
an?
Ich möchte meinen Haupteinwand gern mit einem Gespräch einführen,
das ich mit einem sehr erfahrenen Therapeuten hatte. Ich fragte ihn:
Wie machst du das? Was ist dein Selbstverständnis dabei? Und er
sagte mir: Das Entscheidende ist eine Methode, die bestimmte Wahrnehmungsbarrieren
aufbricht; das führt dann zu Anstößen, weiter über
sich selbst nachzudenken. Diese Methode wird also in einem reflektiven
Verständnis eingesetzt. Wie bei allen therapeutischen Verfahren
ist sie eingebettet in einen längeren Prozeß.
Genau das macht Hellinger nicht. Er bietet - polemisch gesagt - einen
Quickie, der nur deshalb so schnell ablaufen kann, weil er sich selber
eine sehr starke Definitionskraft zuschreibt. Er hat wohl über
die Jahre gut herausgefunden, wo er die Leute schnell erreichen und
treffen kann, so daß ganz offensichtlich auch emotionale Erlebnisse
eintreten.
Wenn er mit einer Methode, wie ich sie von anderen Familientherapeuten
kennen, arbeiten würde, so müßte er sich einen ganz
anderen Rahmen bauen, er müßte sich sehr viel mehr Zeit für
die Menschen nehmen, es dürften keine Zuschauer dabei sein (außer
denen, die sich in der Woche darauf selbst innerhalb eines geschützten
Raumes in diese Rollen begeben). Ich glaube einfach nicht daran, daß
- abgesehen von Wunderheilern - Probleme dieser Art innerhalb einer
Viertelstunde gelöst werden können. Ich würde ihm nicht
zum Vorwurf machen, daß er schnell gewisse Strukturen erkennen
kann. In der Kombination jedoch mit seiner Vorstellung, daß es
hier "ewige Ordnungen" gibt, verpflichtet er damit direkt
und indirekt andere Menschen zur Annahme dieser "Ordnungen".
Das macht einen Teil seiner Faszination aus. In einer Welt, in der die
großen Meta-Erzählungen immer seltener werden und verschwinden,
bleibt die Sehnsucht danach gleichwohl sehr stark ausgeprägt. Und
gerade im therapeutischen Feld, wo viele sich schwerer tun als in anderen
Berufen, ihre Erfolge zu sehen - da kommt jemand, der zeigt: Man kann
es, innerhalb von kurzer Zeit, und es funktioniert. Und diese Therapeuten
neigen dann dazu, sich mit ihm zu identifizieren und zu sagen: Wenn
ich es genauso macht wie er, dann habe ich die Chance, mich selbst als
wirksam und erfolgreich zu erleben.
Wenn ihm dabei jemand zu widersprechen beginnt, sagt Hellinger gern,
es sei die Funktion von Einwänden, "das Schöne zu zerstören".
Immunisiert er sich damit nicht gegen jede Kritik?
Das paßt wieder zu seiner ersichtlich tiefen Überzeugung,
er wisse, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn hier also
jemand Zweifel äußert oder eine Deutung nicht akzeptiert,
stellt er sozusagen die Sicherheit des Gurus in Frage.
Die Methode ist uralt. Auch manche Analytiker beherrschen sie recht
gut, wenn sie die Fragen eines Klienten, ob das jetzt in der Deutung
alles so richtig war, manchmal als Widerstand oder Intellektualisierung
oder mangelnde Krankheitseinsicht bezeichnen. Das kann es natürlich
sein. Es kann sein, daß ein Klient anfängt, mit dem Therapeuten
intellektuell zu rivalisieren, weil er nicht aushält, was ihm angeboten
wurde. Aber ebenso selbstverständlich muß der Therapeut auch
die andere Variante reflektieren: ob er sich nicht vielleicht geirrt
hat. Was ja auch keine Katastrophe wäre, sondern den gesamten Prozeß
vielleicht sogar positiv beeinflußt.
Wenn ich in einem Hellinger-Vortrag höre, daß jede Gemeinschaft
sich eine Ordnung gebe und wer gegen diese Ordnung verstoße, werde
"vernichtet", wie man an Ketzern und an politischen Verbrechern
beobachten könne - welche gesellschaftspolitischen Implikationen
hat so etwas Ihrer Meinung nach?
Er hat das übrigens einmal auch an den Widerstandskämpfern
in der NS-Zeit festgemacht. Hier sehe ich durchaus, daß ein gefährliches
Denken unter die Leute gebracht wird.
Menschen aus meiner Generation haben in der Studentenbewegung den Anspruch
formuliert, bestimmte, von unseren Eltern überkommene Ordnungen,
dieses Autoritäre, in dem oft noch der unverarbeitete Nationalsozialismus
steckte, auf breiter Grundlage in Frage zu stellen, zu dekonstruieren
(wie man heute sagen würde).
Eine Kultur, eine Gesellschaft lebt natürlich davon, daß
Menschen mit anderen, mit denen sie ihren Alltag teilen, immer wieder
Verabredungen und Regeln schaffen. Ich muß mich darauf verlassen
können, daß diese von anderen genauso wahrgenommen werden.
Wenn das nicht der Fall ist, fängt man an, darüber nachzudenken,
ob und wie man neue, für alle akzeptable Übereinkommen herstellen
kann. Aber die Annahme, es gäbe die eine große "Ordnung",
ist für mich ein Rückfall in fast vormoderne Zeiten. Ich nenne
das einen "reflexiven Fundamentalismus", eine Reaktion darauf,
daß es diese Ordnungen heute nicht mehr gibt.
Aber das Bedürfnis nach mehr Ordnung ist natürlich unverändert
gegeben, und das kann ich auch verstehen. Auch mich irritiert es manchmal,
wie jede Kleinigkeit in unserem Alltag einen ungeheuren Begründungsaufwand
erfordert oder wie schwierig heute überhaupt Beziehungen zu leben
sind. Ich kann also den Wunsch verstehen, daß "Ordnungen"
stabiler und dauerhafter und von meinen eigenen Schwächen unabhängig
sein sollten. Aber de facto zeigen uns die Philosophie, die Soziologie,
die moderne Psychologie: Es gehört zu unserem Leben, daß
wir uns solche Regulative immer wieder schaffen müssen. Und auf
diesem Hintergrund, glaube ich, sind Hellingers Äußerungen
sehr gefährliche Botschaften. Wenn man sie genau ansieht, sind
es archaische, vormoderne Ordnungsvorstellungen. Durch die Frauenbewegung
geprägte Frauen beispielsweise müßten laut aufschreien,
wenn jemand sagt: "Der Mann ist der Frau vorgeordnet". Das
kann doch keine vernünftige Ordnung sein, der wir uns heute noch
zu unterwerfen bereit wären.
Woher kommt es dann, daß etwa eine Zeitung wie die Süddeutsche
Zeitung in ihrer Sonntagsbeilage vor kurzem eine ausführliche
und völlig unreflektierte Hellinger-Eloge abdruckt?
Ich könnte Ihnen viele Geschichten erzählen, in denen immer
wieder Menschen, die sich mit Hellinger kritisch auseinandersetzen wollten
und es vielleicht auch einmal versucht haben, sagen: Da laß ich
jetzt lieber die Finger davon. Weil nämlich die Erfahrungen, die
sie damit gemacht haben, für sie ziemlich unangenehm waren. Es
ist ja ein Phänomen dieser sektenartigen Selbstorganisation der
Hellinger-Anhänger, daß sie es schwer aushalten können,
wenn jemand kritisch diskutiert. Und inzwischen sind gerade im Bildungsbürgertum,
bis in die Medien hinein, viele durch eine Hellinger-Aufstellung gelaufen
und sind davon positiv überzeugt.
Nehmen Sie zum Beispiel das Evangelische Forum hier in München:
Dort setzte die Psychoanalytikerin Thea Bauriedl eine als Hellinger-kritisch
intendierte Veranstaltung an, die dann aber zu drei Vierteln mit Hellinger-Anhängern
besetzt war und aus der geradezu das Gegenteil wurde. Man muß
schon sehr starke Bandagen haben, um sich dieser Auseinandersetzung
zu stellen. Das ist in meinen Augen der Grund dafür, daß
viele sich nicht so recht heranwagen. Entweder ist [der Redakteur der
SZ-Sonntagsbeilage] Klaus Podak selber positiv überzeugt von Hellinger
oder er ist einfach naiv auf einen immerhin gut formulierten Text gestoßen
(kurz vorher hatte ja das SZ-Magazin Hellinger schon zu den Kaprun-Opfern
interviewt).
Ich würde mir wünschen, daß mehr meiner Kollegen, die
Hellinger gegenüber kritisch eingestellt sind, die Zivilcourage
aufbringen und sich auch öffentlich dazu äußern. Das
würde diesem Kult möglicherweise den Boden entziehen.
Heiner Keupp, Jahrgang 1943, Diplom, Promotion und
Habilitation in Psychologie, ist seit 1978 Hochschullehrer für
Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München.
Seine Arbeitsinteressen beziehen sich auf soziale Netzwerke, gemeindenahe
Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, Identität
in der Postmoderne und Bürgerschaftliches Engagement.
Letzte Buchveröffentlichungen: Psychosoziales Handeln im gesellschaftlichen
Umbruch (1987); Soziale Netzwerke (1987); Riskante Chancen (1988); Verunsicherungen
(1989); Zugänge zum Subjekt (1993), Psychologisches Handeln in
der Risikogesellschaft (1994), Identitätsarbeit heute (1997); Ermutigung
zum aufrechten Gang (1997); Der Mensch als soziales Wesen (1998); Identitätskonstruktionen
- Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne (1999);
Eine Gesellschaft der Ichlinge - Zum gesellschaftlichen Engagement Heranwachsender
(2000).
1. März 2001
Ihr
Kommentar
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