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Interview mit
Prof. Dr. Heiner Keupp, Hochschullehrer für Sozial- und Gemeindepsychologie
am Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität
München.
Was können Sie mir über den beruflichen Hintergrund Bert
Hellingers sagen? Was berechtigt ihn seiner Meinung nach zu seiner heutigen
Tätigkeit?
Er hat katholische Theologie studiert und war zunächst einmal Priester,
dann Missionar im Süden Afrikas, etwa fünfzehn Jahre lang.
Warum er diesen Beruf verlassen hat, weiß ich nicht genau. Auf
jeden Fall hat er in den siebziger Jahren sich dann allmählich
für die Psychotherapie entschieden, vielleicht wie viele andere
Priester, die im Zweifel waren, ob sie noch in ihrem angestammten Beruf
weiterarbeiten wollen - vielleicht auf Grund von Identitätskrisen,
die man gerade bei Priestern dieser Generation beobachten konnte. Er
hat dann angefangen, sich mit der Psychoanalyse zu beschäftigen,
ist dann aber schnell in die etwas modischeren Varianten der Psychotherapie
hinübergewechselt. Ich glaube, er hat sich damals längere
Zeit bei Janov aufgehalten, einem großen
Guru der siebziger Jahre, der die Urschrei-Therapie erfunden hatte.
Er hat sich also entschieden, nicht auf den klassischen psychoanalytischen
Weg begeben, der ja ein hohes Maß an Zurückhaltung bedeutet,
um Menschen dazu zu ermuntern, selber nachzudenken. Schon die Urschrei-Therapie
wies einen anderen Weg, nämlich den einer aktiven Therapeutenrolle,
bei der stärker interveniert und in die Lebensgeschichten der Menschen
stärker eingegriffen wird. Das tut Hellinger ja bis heute in seiner
systemischen Familientherapie.
Was ist hierbei unter "systemisch" zu verstehen?
Systemisch bedeutet, den Einzelnen nicht nur von seiner inneren Psychodynamik,
von seinen Konflikten her anzuschauen, sondern als Teil eines familiären
Systems. Die Grundeinheit der Therapie ist nicht mehr das Individuum,
das Subjekt, sondern die mikrosoziale Einheit Familie. Das ist, denke
ich, in aller Regel ein positiver Entwicklungsprozeß gewesen,
und viele Analytiker würden heute wahrscheinlich auch sagen, daß
sie familiensystemisch denken.
Dieses Denken hat aber auch den besonderen Aspekt, daß man - meiner
Meinung nach - aus einem geschlossenen System 'Individuum' ein geschlossenes
System 'Familie' macht. Und viele der therapeutischen Prozesse, der
therapeutischen Techniken, die dabei eingesetzt werden, und der Modelle,
über die wir nachdenken, bleiben in diesem familiären Raum
hängen. Wenn ich sage "hängen", enthält das
auch einen kritischen Aspekt. Ich denke, die Familie ist heute weniger
denn je - war auch nie - ein in sich geschlossenes System, sondern immer
Teil einer Kultur. Natürlich sind wir alle mehr oder weniger in
familiären Systemen aufgewachsen, aber schon der Beruf des Vater
hat seit jeher aus dem System herausgeführt; die Beteiligung an
bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Arbeitermilieus bedeutete
ja auch, daß bestimmte über die Familie hinausgehende Strukturen
und Werthaltungen übernommen wurden; und die gesellschaftlichen
Machtverhältnisse spielen ja ebenfalls immer in irgendeiner Weise
in die Familie hinein.
Wann hat Hellinger angefangen mit dem, was heute als "Familienaufstellung
nach Hellinger" bekannt ist?
Soweit ich weiß, begann das in den achtziger Jahren und hat sich
wesentlich in den neunziger Jahren entwickelt. Bewußt habe ich
ihn Mitte der neunziger Jahre wahrgenommen (wobei ich nicht überwiegend
in der Psychotherapieszene zuhause bin). Ich glaube, damals hat er angefangen,
ein breiteres Publikum zu erreichen - auch auf Grund seiner besonderen
Ausstrahlung, der Sicherheit, mit der seine Aussagen vertreten hat.
Offenbar hat damals viele Leute interessiert, wie er das eigentlich
macht.
Die Familienaufstellung ist aber nicht Hellingers Erfindung.
Nein. Sie gehört zum klassischen Methodenarsenal der systemischen
Familientherapie. Es gibt also viele gute Familientherapeuten, die sehr
aufgebracht darüber sind, daß dieses ihr Handwerkzeug von
vielen nur noch als "Hellinger-Methode" wahrgenommen wird.
Ich hatte neulich ein Gespräch mit einem durchaus intelligenten
Kollegen, der mir sagte: "Ich stelle jetzt Familien nach Hellinger
auf." Ich fragte ihn dann: "Was machst du denn da?" Und
als er es mir beschrieben hatte, mußte ich ihm sagen, das sei
doch genau das, was die Therapieausbildungen schon immer dem Nachwuchs
vermittelt hatten. Das war ihm völlig neu. Ich finde es bemerkenswert,
wie Herrn Hellinger so etwas offenbar gelungen ist. Das ist so, wie
wenn jemand namens Müller wesentliche und über hundert Jahre
alte Grundprinzipien der Psychoanalyse so mit seinem Namen verbinden
würde, daß die Leute, die keine Ahnung von der Geschichte
der Psychoanalyse haben, sie nur als "Müllersche Psychoanalyse"
kennen.
Hellinger hat aber in diese Therapie wohl auch etwas sehr persönlichkeitsbedingt
Eigenes hineingebracht.
Für die klassische systemische Familientherapie ist es kennzeichnend,
daß sie das Verhalten, das Leiden, das Symptom des Einzelnen versteht
aus dem, was in einem familiären System abläuft. Horst Eberhard
Richter hat schon 1963 ein Buch "Eltern, Kind, Neurose" geschrieben,
in dem er sehr deutlich das neurotische Verhalten von Kindern im Zusammenhang
von unbewußten Delegationen der Eltern begreift. Im Grunde ist
das heute auch Standard. Wer heute therapeutisch arbeitet, wird solche
Zusammenhänge wesentlich im Blick haben.
Das Besondere von Hellinger scheint mir zu sein, daß er diese
Methode der Familienaufstellung mit einem sehr geschlossenen System
von "Ordnungen" verbindet. Er hat eine feste Vorstellung davon,
wie "Ordnungen" vom lieben Gott, der Natur oder wem auch immer
eingerichtet worden sind. Und wenn Menschen aus dieser Ordnung herausfallen,
sie nicht akzeptieren, dann können sie nicht gesunden, keine gesunde
Entwicklung nehmen. Ebenso nicht, wenn sie etwa eine schuldhafte Verstrickung
in der Familie als persönliche Schuld übernehmen. Wenn ich
von "Schuld" spreche, heißt das, es gibt ein normatives
Bild, das mir sagt, was richtig ist. Wenn ich das aber nicht begriffen
oder gar beiseitegeschoben habe, dann brauche ich mich nicht zu wundern,
wenn ich Krebs oder eine schwere neurotische Anststörung bekomme.
Das ist der Punkt, an dem sich Hellinger von der Mehrheit der aufgeklärten
Therapeuten dieser Welt unterscheidet.
Hat er denn mit diesen Vorstellungen Anhänger oder Befürworter
im universitären Bereich gefunden?
Es gibt sicher einzelne Personen aus dem universitären Feld, die
durchaus einmal ihre eigenen Erfahrungen mit der Hellingerschen Methode
gemacht haben. Ich würde nicht ausschließen, daß auch
einige Universitätsangehörige aus der klinischen Psychologie
sich in einer gewissen Nähe zu Hellinger befinden. Ich kenne konkret
allerdings nur einen Fachhochschullehrer, der seine Arbeit ganz eindeutig
als Hellingersche Therapie verkauft. Man weiß auch von anderen,
etwa Hunter Beaumont, der früher ja auch an der Universität
war.
Aber ich glaube, daß die Mehrheit der klinischen Psychologen mit
wissenschaftlich-akademischen Ansprüchen mit Hellinger einige Probleme
hat. Das fängt schon damit an, daß die Effektivität
der Hellingerschen Aufstellungen nie wissenschaftlich untersucht, nie
einer systematischen Kontrolle unterworfen wurde. Hellinger selbst hat
ja nicht den Anspruch, in diesen Kreisen zu glänzen und anerkannt
zu werden. Er hat genügend andere Möglichkeiten, seine Arbeit
positiv bewertet zu bekommen.
Gibt es Erkenntnisse über Therapiegeschädigte aus dem
Umkreis der Hellingerschen Aufstellungen?
Naja, das müßte man ja ebenfalls systematisch untersucht
haben. Sie wissen vielleicht, wie das in der Regel abläuft: Es
sind Großveranstaltungen mit bis zu vier-, fünfhundert Teilnehmern
mit einem hohen Unterhaltungswert (ich denke, viele gehen gerade deshalb
hin, weil es eine gewisse Show darstellt). Ich weiß von einzelnen
Fällen, wo man sich ernsthaft fragen muß, ob nicht eindeutige
Schädigungen vorliegen. Es gibt anhängige Gerichtsverfahren,
zumindest den Fall einer Ärztin, die nach einer Aufstellung hinausgegangen
ist und sich das Leben genommen hat.
Meiner Meinung nach liegen die Möglichkeiten des Mißbrauchs
bei solchen Großveranstaltungen auf der Hand. Es geht hierbei
um sehr intime Dinge, um Räume, die man normalerweise als geschützte
Räume definieren müßte, und dort wird man geradezu eingeladen
zum Voyeurismus, und allein der Veranstaltungsrahmen zieht immer auch
exhibitionistische Bedürfnisse an.
Dauern andere Familienaufstellungen auch nur fünfzehn Minuten
wie bei Hellinger?
Nein, nein. Ein Kollege von mir macht mit seinen Projektstudenten
einmal im Semester Familienaufstellungen: Es ist eine kleine Gruppe
von maximal fünfzehn Leuten, und für jede Aufstellung ist
ein voller Tag angesetzt; die Beteiligten sind vorher ganz genau darüber
informiert, was da auf sie zukommt, und nur auf dieser Grundlage entscheiden
sie, ob sie mitmachen oder nicht; sie haben vorher in ihrem eigenen
Familiensystem recherchiert; dann erst wird sehr ruhig und systematisch
die Aufstellung aufgebaut. Danach ist ausreichend Zeit, um sich davon
gut zu erholen, und selbstverständlich muß das Ganze nachbereitet
werden. Es ist etwas, das ans Eingemachte gehen kann und das deshalb
sehr sorgsam vorbereitet und nachgearbeitet werden muß - und das
tut Hellinger eben nicht.
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