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Das unschuldige
Jahrhundert
Dieses Buch hat eine ziemlich einzigartige Vor-Geschichte, einen (mit
den Worten des Verlagschefs Wolfgang Beck, der höchstselbst das
Vorwort beigesteuert hat) "konkreten Anlaß oder auch 'Anstifter'
wider Willen und Wissen in der Person Ernst-Peter Wieckenbergs. Er hat
dreiunddreißig Jahre das geisteswissenschaftlich-schöngeistige
Lektorat des Verlags C. H. Beck geleitet und verabschiedet sich nun
... Jeweils einen 'Lieblingstext' auszuwählen und einzuleiten war
die Bitte, mit der sich der Verlag an Ernst-Peter Wieckenbergs Autorinnen
und Autoren wandte. 'Lieblingstext' stand und steht hierbei als Kürzel
für eine Vielfalt denkbarer Auslegungen und Auswahlkriterien."
So kamen am Ende fast hundert sehr verschiedene Texte zusammen, alle
aus dem 18. Jahrhundert, dem Hauptarbeitsgebiet des scheidenden Lektors.
Ein paarmal wurde ein Text auch von zwei Autoren ausgesucht, aber -
erklärt Wolfgang Beck - "der Leser merkt es kaum, weil die
Beweggründe für die Wahl jeweils wenig miteinander gemein
haben und die Einführungen und Kommentierungen recht verschiedene
Saiten des gleichen Textes zum Klingen bringen".
Eine sanfte Gliederung lockert die Menge der Texte auf. Hier ein paar
typische Kapitelüberschriften: "Seyn oder Nichtseyn! Mühsal
und Kunst des Übersetzens", "Fern von gebildeten Menschen.
Erkundungen in der näheren und weiteren Umgebung", "Die
Sache der Menschheit. Über die vernünftige Einrichtung des
Gemeinwesens" (dieses Kapitel enthält kennzeichnenderweise
die meisten Beiträge), "Der tönende Spiegel. Reflexionen
des aufgeklärten Jahrhunderts", "Wo bist du itzt? Über
Liebende und Eheleute", "Irdisches Vergnügen. Über
die Betrachtung der Natur" oder "Symbolum der Gottheit. Religion
zwischen Glauben und Wissen".
Hierunter versammeln sich nun die ausgewählten Texte - Briefe,
Poesie, darunter auch ein paar Scherzgedichte, Roman-Exzerpte, Reisebeschreibungen,
Gelegenheitsprosa, politische Texte, religiöse Betrachtungen, Abhandlungen
über die Aufklärung - zu einem vielstimmigen, aber unglaublich
harmonischen Chor eines ganzen Jahrhunderts.
Daß auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung
aufgenommen wurde, begründet ihr Beiträger und Kommentator
Fritz Stern damit, daß sie der imponierendste "Ausdruck des
westlichen Aufklärung überhaupt" ist - und im übrigen
freut er sich zu Recht daran, daß hier einmal sogar "Rhetorik
welthistorische Bedeutung haben kann".
Aber sie ist nicht allein dadurch bemerkenswert, sondern auch durch
ihren allerersten Satz, der eher selten zitiert wird (im Buch in der
Übersetzung von Heinrich Miller im "Pennsylvanischen Staatsboten"
vom 9. Juli 1776):
"Wenn es im Lauf menschlicher Begebenheiten für
ein Volk nöthig wird die politischen Bande, wodurch es mit einem
andern verknüpft gewesen, zu trennen, und unter den Mächten
der Erden eine abgesonderte und gleiche Stelle einzunehmen, wozu selbiges
die Gesetze der Natur und des GOttes [sic] berechtigen, so erfordern
Anstand und Achtung für die Meinungen des menschlichen Geschlechts,
dass es die Ursachen anzeige, wodurch es zur Trennung getrieben wird.
Das Erstaunliche an dieser Einleitung ist die Berufung auf "Anstand".
Diese Gründerväter fühlten sich also noch einem gesitteten
Umgang unter den Völkern verpflichtet. Mit anderen Worten: Politik
und Moral hatten sich noch nicht auseinanderdividiert.
Im Kapitel über "Die Sache der Menschheit" finden wir
neben Schriftstellern wie Wieland vor allem einige tonangebende Philosophen
der Zeit, etwa James Madison, David Hume, den Comte de Mirabeau, Wilhelm
von Humboldt und Kant.
Im Ganzen überwiegen jedoch die literarischen Zeugnisse des Jahrhunderts.
Das Gedicht "Kirsch-Blühte bey der Nacht" beispielsweise
(von Barthold Heinrich Brockes) ist schon deshalb so eindrucksvoll,
weil es unserer heutigen Weise der Naturbetrachtung fern steht. Es beginnt
zwar in einigermaßen vertrautem Ton:
Ich sahe mit betrachtendem Genüte
Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh'te,
in kühler Nacht bei Monden-Schein;
Ich glaubt', es könnte nichts von gröss'rer Weisse seyn.
Es schien, ob wär' ein Schnee gefallen. ...
Danach blickt der Dichter nach oben und sieht ein noch viel weißeres
Licht: das Strahlen eines Sterns. Und der Anblick bringt dann diese
Schlußzeilen hervor:
Die gröste Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
Was an diesem Schluß so eindrucksvoll ist, mag manchem Zeitgenossen
heute gar nicht mehr erklärbar sein. Wir sind es nämlich gewöhnt,
Naturerlebnisse nur noch als quasi kulinarische Genüsse zu nehmen,
wir brauchen - und verbrauchen sie, nur um dann "gestärkt"
in einen sogenannten Alltag zurückzukehren. In diesem Gedicht aber
entdeckt der Betrachter im "Buch der Natur" eine verborgene
geistige Qualität, "die himmlische Schönheit". Nun
setzt aber ein weiterer Vorgang ein: Die Erkenntnis der Einzigartigkeit
wird ganz und gar rational erschlossen, durch einen genauen Vergleich
der beiden Schönheiten, irdischer und himmlischer, mit dem geradezu
wissenschaftlichen Ergebnis, daß die himmlische schlechthin unvergleichlich
ist. Auch hier finden wir also zwei heute unvereinbare Welten noch nicht
auseinandergefaltet: Glauben und Wissen (so ähnlich lautete ja
schon der Untertitel zum Abschnitt "Symbolum der Gottheit").
Die beiden Beispiele zeigen, wie treffend die Physiognomie dieser Epoche
den Autoren und Kommentatoren gelungen ist. Sehenden Auges betreten
wir eine Zeit relativer Ruhe (die Krisen und Kriege der beiden folgenden
Jahrhunderte sind noch weit), in der das Wissen, das sich aufmachte,
die Welt zu erobern, noch keine sittlichen Schranken durchbrochen hatte
und die klügsten Köpfe im Westen noch daran glaubten, die
Welt sei durch Nachdenken, Menschenfreundlichkeit und Zivilcourage zu
retten. Kurz: ein unschuldiges Jahrhundert.
Das Buch ist eine Abenteuerreise in die Jugend unserer eigenen Epoche.
Christian Meyers
Ein solches Jahrhundert vergißt sich nicht mehr.
Lieblingstexte aus dem 18. Jahrhundert
Verlag C. H. Beck, München 2000
624 Seiten
DM 48,, öS 350, sFr 44,50
1. März 2001
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