|
|
|
Lenz Rossbach
Konkreter Anfangsverdacht
(Fortsetzung)
Gern verbündet er sich mit den Zuschauern gegen seinen eigenen
Klienten. Wenn sich auf dem Podium einer freut, daß er keine Multiple
Sklerose mehr hat, dann fragt Hellinger ins Publikum (und sein Lächeln
wird dabei hart und schadenfroh, ein Triumph der Denunziation): "Merkt
ihr den Stolz darin?" Dann wieder geschieht es, daß er seine
Zuschauer durch Einheitsgefühle zur Begeisterung hinreißt.
Da fragt er dann, von sich selbst beeindruckt: "Seht ihr, wie sie
strahlt? Schön! - So ist das mit der Psychotherapie. Die Grundmethode
heißt: Lösung durch Liebe. Wenn man bei der Liebe ist, kann
man weitermachen." Er und dreivierhundert hingegebene Menschen
sind sich besinnungslos einig.
Dafür also braucht er die Zuschauer: als Resonanzboden und Gefühlsvibrator,
jubelnde Claque (wenn alles nach Wunsch läuft) und großen
Bruder (wenn er auf "Widerstand" trifft). Die Bühne als
öffentliche Selbstdarstellung ist ihm aber noch aus einem anderen
Grund willkommen: Sie bewirkt bei den Klienten "Angst vor Blamage,
Bloßstellung und Scham" (I. Bayer / D. Seel in: Familiendynamik,
Oktober 2000):
Während Hellinger stets beherrscht und abgeklärt
erscheint, bewegen sich die Klienten in ihrer Erwartungshaltung bereits
unter hohem emotionalem Druck. Hellingers Worte sind direkt, einfach,
trocken, oft barsch. Er beginnt in der Regel mit derselben Frage: "Was
ist dein Problem?" Sollte er ein Zögern im Gegenüber
- wir nennen es mal auf Verdacht "Ambivalenzen"- wahrnehmen,
kann er abrupt abbrechen: "Du bist noch nicht so weit." Sollte
ein Klient im fortgeschritteneren Stadium der Aufstellung die vorgeschlagene
"Lösung" nicht annehmen, reagiert Hellinger streng: "Du
hast es verspielt." Solche Sätze sorgen wiederum dafür,
die Emotionalität der Zuschauer zu steigern. Neben der Angst vor
Scham steht dann auch eine existentielle Bedrohung im Raum, die sowohl
die Qual der Schuldfrage mobilisiert als auch die Angst vor der endgültigen
Schicksalhaftigkeit.
Natürlich kann Hellinger nach der hingeworfenen Duz-Frage "Was
ist dein Problem?" noch nichts "sehen". Aber "sehen"
muß er etwas: "die Lösung" nämlich. Er tut
sich hier einiges auf seine so genannte "Phänomenologie"
zugute: Das sei, meint er, eine "philosophische Methode, und sie
besteht darin, daß man genau auf das hinschaut, was sich zeigt".
Das klingt annehmbar. Aber seltsam: Egal, wo Hellinger hinschaut, er
sieht immer dasselbe: Die Frau ist dem Mann untergeordnet (Hellinger
benützt auch gern die feineren katholischen Termini "nach-"
und "hingeordnet"), die Kinder den Eltern, der Jüngere
dem Älteren. Er dreht vor jedem Klienten dieselbe Gebetsmühle:
Die Unteren haben den Oberen zu "dienen" (wiederum etwas feiner:
"Ehre zu erweisen"). Geschieht das nicht, dann treten solche
Dinge wie Krebs, Bulimie und Depression angeblich zwangsläufig
ein.
Ebenso automatisch verursacht durch Verstöße gegen "die
Ordnung" ist für Hellinger der sexuelle Mißbrauch von
Kindern.
Und wieder liegt ihm die menschenverachtende "Lösung"
fertig auf der Hand: Die Mutter hat dem Mann nicht "genug gegeben",
also "holt er sich, was er braucht", von der Tochter. Auch
dieses Opfer schlägt Hellinger mitleidlos über denselben Leisten:
Das Kind muß "Ehre erweisen", das heißt sich unter
den Augen der gaffenden Zuschauer vor den Vater hinknien ("Kopf
auf den Boden! Arme nach vorn! Handflächen offen nach oben!")
und sagen: "Ich habe es für die Mama getan", dann dasselbe
vor der Mutter mit den Worten: "Ich habe es für dich getan."
Was der Vergewaltiger getan hat und für wen, bleibt - lächelnd
- außer Betracht: Er ist schließlich "vorgeordnet".
Hellinger glaubt, er habe mit dieser Unterwerfung, dieser erneuten Demütigung
des Opfers eine oft jahrelange Verletzung "in Ordnung gebracht".
Seriöse Psychotherapeuten sehen das anders. Und mancher von ihnen
hat immer wieder Hellinger-Geschädigte in seiner Praxis.
Die Anhänger aber bleiben ihm selbstvergessen treu. Ihr Zahl nimmt
sogar noch zu: Immer mehr Amateur-Therapeuten, Kliniken und selbst eine
kirchliche Erwachsenenbildung betätigen sich heute ohne jede Ausbildung
als Hellingersche Familienaufsteller. Auch in den Medien kommt er gut.
Eine sonst angesehene Tageszeitung interviewt Hellinger erst in ihrem
Magazin zu den Toten von Kaprun, dann weihnachtlich zum Thema Schenken,
und als Extra bekommt er noch eine hymnische Ergebenheitsadresse dazu,
vierspaltig, in der Sonntagsbeilage. Ein bayerischer Rundfunksender
(genauer und schlimmer: dessen Kirchenfunk) liegt ihm entmachtet zu
Füßen: Der ergriffene Interviewer überhöht Hellingers
Show-Auftritte bedenkenlos zum "Gebet".
Es sieht ganz danach aus, als befriedigte Hellinger ein vormodernes
Bedürfnis nach Regel und Disziplin, Gesetz und Ordnung. Wer sich
ihm und seinen einfältigen "Wahrheiten" unterwirft, braucht
keine Lust mehr, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Es ist
ja alles geregelt. Es ist alles gut. Die Ordnung ist groß, und
Hellinger ist ihr Prophet.
(Wird fortgesetzt. 2. Teil: Der
Proto-Faschist)
1. März 2001
Ihre
Meinung zu Hellinger
|
|