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Lenz Rossbach
Konkreter Anfangsverdacht
"Ja, ich bin hart mit ihr umgegangen", sagte der Therapeut,
nachdem sich die Ärztin erhängt hatte. "Aber ein gewisses
Risiko muß man in Kauf nehmen."
Die Frau war mit ihrem getrennt lebenden Mann zu einer öffentlichen
Familienaufstellung in Leipzig gekommen. "Schon vorher merkte ich:
Sie würdigt ihren Ex-Mann nicht." Dieser Mangel an Unterwerfung,
erschwert durch ein "versteinertes" Aussehen der Frau, führte
dann zu folgendem: Der Therapeut deutete vor versammeltem Publikum
auf den Mann und sprach feierlich: "Dort sitzt die Liebe",
dann auf die Frau mit den Worten: "Dort sitzt das kalte Herz".
Dann wandte er sich ans Publikum und sagte: "Die Kinder sind bei
der Frau nicht sicher, die gehören zum Mann." Die Frau stand
auf und ging wortlos hinaus. Der Therapeut: "Die Frau geht, die
kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch sterben bedeuten." Wie
recht er hatte: Wenige Stunden nach dieser "Therapie" war
die Frau tot.
Sie hatte sich kurz vor der Veranstaltung für eine Weiterbildung
angemeldet und einen Umzug geplant. Der Therapeut jedoch unterstellt
ihr, sie sei suizidgefährdet gewesen. Er habe das nur nicht sehen
können: "Wie denn? Ich kannte sie ja nur drei Minuten!".
Es geht alles sehr schnell bei diesen Vorführungen. Zu schnell
manchmal.
Der Fundamentalist
Der Therapeut heißt Bert Hellinger. Er ist 75 Jahre alt, lächelt
ausdauernd und spricht mit weicher, einschmeichelnder Stimme.
In der seriösen Familientherapie gehören Aufstellungen seit
langem zu den anerkannten Techniken (siehe das Interview
mit Professeur Keupp). Allerdings werden sie dort mit gründlicher
Vorbereitung durchgeführt, so daß die Beteiligten wissen,
was auf sie zukommt, und Ergebnisse werden ausführlich durchgearbeitet.
Vor allem sind sie dort keine Schnelltherapie im hysterischen Rahmen
einer Talk-Show.
Hellinger aber braucht ein Publikum. Er kann sich auf die ihm Ergebenen
verlassen. Mögliche Kritiker bleiben von vornherein weg. Sie wissen,
daß Hellinger jede vernünftige Befragung, erst recht jede
Effizienzkontrolle seiner Inszenierungen kategorisch ablehnt. Dieser
Regisseur will allein herrschen auf der Bühne, er duldet keine
Frager neben sich. Skepsis wird als "fehlende Gesammeltheit"
oder schlicht als "Widerstand" weggebügelt, und noch
das gutwilligste Zögern macht er im Kasernenhofton nieder:
Hellinger: Stelle dich wieder neben die Schwester. (Zur Gruppe:) Was
jetzt fällig ist, wäre, dass er sich hinkniet und sich tief
vor seinem Vater verneigt. Das bringt er nicht fertig. Er stirbt lieber,
als dass er das macht. (Zum Patienten:) Stimmt das?
Patient: Nein.
Hellinger: Willst du es machen?
Patient: Ich will es probieren.
Hellinger: Nicht probieren! Willst du es machen?
Patient: Ja.
Eine Anamnese, die Geschichte eines kranken Menschen, interessiert
diesen Therapeuten nicht. Hellinger untersucht nicht. Er fragt nicht:
Er lächelt - und weiß. Standardbeispiele: Hat ein Bühnen-Patient
Krebs, dann ist das "die Sühne für die Verachtung der
Eltern" oder wahlweise auch "für zum Beispiel eine Abtreibung".
Hellinger stellt fest: "Bei Bulimie in der Familie zählt der
Mann nichts, wir sehen das." Er sieht: Rückenschmerzen kommen
aus mangelnder Ehrfurcht. Er weiß: Wenn einer froh ist, eine Krankheit
überwunden zu haben, "dann bezahlt er für die Rettung
zum Beispiel mit MS". Einem Erwachsenen, der seine Mutter darin
bestärkt hat, sich vom Ehemann zu trennen, hält er vor: "Auf
sowas steht die Todesstrafe, weißt du das?" Genauso bei einer
Frau, die kurz von ihrem ersten Mann, von "Panik und Todesangst"
erzählt: "Dem Mann wurde Unrecht getan, das wird sich bitter
rächen. Auf sowas steht manchmal die Todesstrafe." Wenn die
Frau sich verteidigt, der erste Mann habe sie verlassen und nicht umgekehrt,
ist sie für ihn schon erledigt: "Der Körper weiß
es anders. Es ist alles verpfuscht."
Im gläubigen Publikum regt sich kein Protest, wenn hier selbstherrlich
Argumente weggefegt und Todesstrafen verhängt werden, niemand empfindet
diese Behandlung von Patienten als gewalttätig - im Gegenteil:
Die Anhänger sind fasziniert von der Selbstsicherheit des Eingeweihten,
und er bedient ihre Hingabebereitschaft jahrmarktsmäßig mit
diesen "Hinrichtungen auf offener Bühne".
[weiter]
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