Hintergründe
 
 
 
 
 

 

Valentin Groebner

Ihren Ausweis, bitte

(2. Teil)

DEN KÖRPER LESEN

Erich Auerbach hat in "Mimesis" nicht weniger als die Geschichte der abendländischen Literatur mit jener Geschichte von der Narbe des Odysseus beginnen lassen, an der die wahre Identität des Helden erkannt wird. In den nüchternen bürokratischen Protokollen der Personenbeschreibung, den Ausweisen und Steckbriefen, erscheinen solche Zeichen allerdings erst zu Beginn der Neuzeit. Die Geschichte der Identifizierung erweist sich dabei als eine der Oberfläche, der Visualisierung. Die Durchsetzung des kanonischen Rechts erhöhte die Beweiskraft von Augenschein und Indizien gegenüber der älteren Wahrheitstechnik des Reinigungseids. Wiederentdeckte antike physiognomische Texte weckten das Interesse für die verschiedenen "signa" des Körpers.
Für die Zeitgenossen des 15. und 16. Jahrhunderts konnte dieser Körper freilich sehr unterschiedliche Aggregatzustände annehmen. Frauen wurden etwa in den medizinischen Theorien Körper von kälterer und feuchterer Konsistenz zugeschrieben. Sie seien, so die medizinischen Autoritäten der Zeit, "flüssiger" und kaltblütiger im Wortsinn und deshalb ungleich fähiger als Männer, sich zu verstellen und ihr Aussehen zu verändern. Der Begriff "complexio" in den medizinischen Traktaten, der im Mittelalter für das unsichtbare individuelle Mischungsverhältnis der verschiedenen galenischen Körpersäfte stand, wurde erst im 16. Jahrhundert zum äusserlich sichtbaren Merkmal, bis er im heutigen Französisch als "complexion" die individuelle Körperbeschaffenheit und im modernen Englisch vor allem die Hautfarbe bezeichnet. So erscheint er bis heute in jeder britischen, amerikanischen und kanadischen Personenbeschreibung, nicht unähnlich der Rubrik "Unveränderliche Kennzeichen", die sich bis vor einigen Jahren in Ausweisen und Identitätskarten fand. Physiognomische Theorien sind zäh: Wir tragen das Erbe der gelehrten Kategorien der Renaissance buchstäblich in unseren Jackentaschen.
Identität hat schliesslich auch etwas mit Unfreiwilligkeit und eingeschränkter Wahl zu tun. Im Mittelalter war eine behördliche Identitätsbescheinigung offizielles (oder teuer erworbenes) Privileg weniger Diplomaten und Kaufleute; im 18. Jahrhundert war ihr Fehlen für jeden Reisenden ein Vergehen, das mit Gefängnis bestraft, wurde. Ob wir mögen oder nicht, wir sehen uns an Flughafenschaltern und Autobahnübergängen als Nachkommen jener eidgenössischen Söldner, denen die Autoritäten "passporten" ausstellten, um eigenmächtige Heimkehrer besser erfassen zu können. Was eine Person ist und was nicht, wer eine Identität hat und wer keine, wird letztlich durch Papier hergestellt, auf dem die kontrollierende Obrigkeit ihre eigenen Zeichen wiedererkennen möchte. Geschäftstüchtige eidgenössische Militärunternehmer haben allerdings schon im 15. und 16. Jahrhundert reihenweise unternehmungslustige Süddeutsche und Franzosen als kostspielige Schweizer Söldner weitervermietet. Die Verbindungen, die im Mittelalter und in der Renaissance den Namen einer Person, ihre physische Erscheinung und ihren Ausweis miteinander verknüpften, waren stets ein wenig mehrdeutig. Identität beruht auf Vervielfältigung. Sind deshalb bis heute die magischen Papiere der Identifikation, Steckbrief und Ausweis, von den beunruhigenden Möglichkeiten der Verwechslung, des gestohlenen Namens und des Doppelgängers umwittert geblieben?

1. März 2001

Mit freundlicher Genehmigung aus: Neue Zürcher Zeitung, 10./11. Februar 2001.


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