Hintergründe
 
 
 
 
 
 
 

 

Valentin Groebner

Ihren Ausweis, bitte

Identität und Augenschein

Was haben eigentlich Identitätspapiere mit Identität zu tun? Im letzten Jahrzehnt zu einem der neuen Zauberworte in den Kulturwissenschaften avanciert, gibt es Identität, so scheint es, im Moment an jeder Ecke: baslerische oder mitteleuropäische, piemontesische oder kroatische, jeweils mit Material aus der lokalen Geschichte des Besonderen illustriert. Jede solche Proklamation historischer Identitäten riskiert allerdings, sich rasch in rückwärts gerichtete Tautologie zu verwandeln. Wer von historischer Forschung verlangt, sie solle zeigen, wer "wir" seien, will letztlich versichert bekommen, dass wir uns selbst immer schon ähnlich gesehen haben. Individuelle und kollektive Kategorien der Selbstbeschreibung werden dabei ununterscheidbar. Diese Unschärfe (die ein Harmonieversprechen ist) hat vermutlich keinen kleinen Anteil am Erfolg des Begriffs.
Nimmt man den Begriff von der Identität einer Person dagegen wörtlich, als Ergebnis von Personenfeststellung und Identifikation, so wird die Sache rasch komplizierter. Und interessanter. Die Identitätskarten, die wir heute mit uns herumtragen, sind in ihrer äusseren Form zwar jung, haben aber durchaus spätmittelalterliche Vorläufer. "Passporten" als Ausweisdokumente erscheinen bereits in Schweizer Quellen des 15. Jahrhunderts. Aber wie wurden in den Jahrhunderten vor der Einführung von Fingerabdruck und Photographie Menschen so beschrieben, damit sie von anderen, die sie nie zuvor gesehen hatten, erkannt werden konnten? Wie und woran wurden Personen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit identifiziert?

ZEICHEN UND KLEIDER

Offizielle Abgesandte machten sich im Mittelalter durch an Kleidern oder Hüten getragene Abzeichen kenntlich; so etwa die städtischen Briefboten, mit deren Hilfe der im 15. Jahrhundert sprunghaft ansteigende Nachrichtenaustausch abgewickelt wurde. Sie waren verpflichtet, an ihrer Kleidung und ihrer Botentasche das Wappen ihres Herkunftsorts deutlich sichtbar zu tragen. Aber wie die Echtheit des Zeichens erkennen, wenn gefälschte Nachrichten weit verbreitetes Kriegsmittel waren? Ein eidgenössischer Bote, der vor der Schlacht von Marignano im Juni 1515 die dringende Forderung nach neuen Truppen vom Kriegsschauplatz in die Schweiz brachte, musste feststellen, dass eine Tagesreise vor ihm ein weiterer Bote mit offiziellen Insignien unterwegs war, der verkündete, es sei nicht notwendig, dass noch mehr Truppen nach Italien zögen, die Kriegsknechte sollten wieder umkehren.
Das Zeichen, das die Echtheit des Boten bewies, war Teil einer Serie identischer Embleme (den Stempeln in unseren Pässen nicht unähnlich). Identität wird über Vervielfältigung hergestellt: Der Fremde, der 1514 mit einem Paket kostbarer Manuskripte bei dem Basler Drucker Johannes Froben vorstellig wurde, gab an, er sei nicht selbst der berühmte Erasmus von Rotterdam, sondern nur sein Abgesandter, auch wenn er ihm zugegebenermassen sehr ähnlich sehe ...
Die Vorstellung von der Vormoderne als kleinräumiger Face-to-face-Gesellschaft, in der jeder jeden kennen (und erkennen) konnte, erweist sich also als ein wenig ergänzungsbedürftig. Verbündete Städte begannen bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, einander Listen von gesuchten Verbrechern und Geächteten zuzuschicken. Diese Listen waren aber reine Namenslisten; erst im ausgehenden 14. Jahrhundert erschienen in ihnen Angaben zu besonderen Kennzeichen der oder des Gesuchten, und erst die Quellen des 15. Jahrhunderts überliefern eigentliche Personenbeschreibungen. Ihre Kriterien sind für moderne Leser etwas ungewohnt.
Ein wegen versuchten Mordes in Sursee Gesuchter wird in den Protokollen der eidgenössischen Tagsatzung 1488 beschrieben als "ein grader knecht und het ganz swarze kleyder an und ein underhömly mit felden", ein grossgemustertes Unterhemd also. Angeblich von den Österreichern gedungene Brandstifter im Bündnerland 1499 seien an ihren "weissen und roten Hosen mit gelben, grauen und weissen Streifen" zu identifizieren. Auch der Denunziant, der 1517 am Oberrhein die Anführer eines angeblichen Bauernaufstands bei der Obrigkeit meldete, lieferte keine Angaben zu Gesichtern, Grösse und Alter der Verschwörer, sondern beschrieb Details ihrer Kleider. Den Führer der Rebellen, den berüchtigten Jos Fritz, könne man an seinem schwarzen französischen Mantel und an seinen modisch geschlitzten roten Hosen erkennen, gab er zu Protokoll: Er trage ausserdem das einzige genannte körperliche Kennzeichen, ein schwarzes Mal auf der linken Hand.
Daran, könnten wir sagen, hätten wir Jos Fritz auch erkannt. Oder ist das schwarze Zeichen an der linken Hand nur Zitat aus der mittelalterlichen physiognomischen Literatur, wo es als das klassische Zeichen des Verräters erscheint, Merk-Mal im Wortsinn? Zitat oder nicht, derartige Zeichen am Körper wurden zunehmend detailliert beschrieben. Der Körper des 1477 bei Nancy gefallenen burgundischen Herzogs etwa konnte nur unter grossen Schwierigkeiten nach vier Tagen Suche als nackte gefrorene Leiche auf dem Schlachtfeld gefunden werden. Identifiziert wird der Herzog schliesslich von seinem italienischen Pagen und seinem Arzt anhand besonderer Zeichen auf seinem Körper: fehlende Vorderzähne, eine Narbe auf dem Hals, ein Geschwür auf dem Bauch und extrem lange Fingernägel. Karl der Kühne war offenbar unter anderem deswegen unkenntlich, weil er nackt war. Nachdem man ihn mit heissem Wasser und Wein gewaschen und angezogen hatte, konnten auch alle anderen Mitglieder seines Hofes ihn identifizieren.

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