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Eineinviertel Beiträge zur Musik

von unserem oberfränkischen Korrespondenten

"Ich muß mich zwingen, ein Jurist zu werden. Wenn ich von mir selbst abhinge, würd' ich Komponist und hätte die Hoffnung, in meinem Fache groß zu werden, da ich in dem jetzt gewählten ewig ein Stümper bleiben werde." So schrieb E.T.A. Hoffmann 1795, mit 19 Jahren. Da hatte Jean Paul gerade seinen ersten Bestseller gelandet, "Die unsichtbare Loge", und konnte als Berufsschriftsteller von seinen Honoraren leben. Hoffmann war nicht so gut dran, das Schreiben ernährte den Mann und seine Gattin zeitlebens nicht, deshalb verdingte er sich als Klavierlehrer und Kapellmeister, als Theaterdirektor in Bamberg und Dresden, und schließlich als Jurist im Staatsdienst.
Aaah, Hoffmann, und Jean Paul in einem Atemzug, das tut gut! Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der sich aus Bewunderung für Mozart Amadeus nannte, der Komponist der romantischen Oper "Undine"; der Verfasser des ersten Drogenromans mit Rauschbeschreibung ("Die Elixiere des Teufels"); der ersten von einem Kater (Murr) geschriebenen Lebensansichten; der Kopf hinter dem "Goldenen Topf"; der Meisternovellist (Das Fräulien von Scuderi, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen); der Märchenerzähler, dem am Ende seines kurzen Lebens Berufsverbot - als Jurist - drohte.
Und das kam so: Seit 1819 war er beim Marsch durch die Institutionen als Kammergerichtsrat damit beschäftigt, die erzreaktionäre preußische Bürokratie zu ärgern. Die hatte ihn nämlich in die "Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe" berufen, und der politisch zunächst völlig ahnungslose Hoffmann stand plötzlich mittendrin in der Auseinandersetzung zwischen Aufklärern und Adelsherrschaft. Immer wieder setzte er sich in den sogenannten "Demagogen-Prozessen" für freiheitliche Denker und Politiker ein (unter anderen für den "Turnvater" Jahn. Dabei hatte sich schon Kater Murr über die Burschen- und Turnerschaften lustig gemacht). Nach dem Willen der Staatskanzlei sollte Hoffmann endlich strafversetzt werden, von Berlin nach Insterburg. Weil ihm juristisch nicht beizukommen war, nahmen seine Gegner die schriftstellerische Arbeit als Hebel, um ihn loszuwerden: Frech und mutig hatte Hoffmann in seinem letzten Märchen "Meister Floh" einen Geheimen Hofrat karikiert und ihn sagen lassen "daß, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde".
Obwohl der Mann im Märchen Knarrpanti hieß, fühlte sich der Berliner Polizeichef Kamptz bis zur Kenntlichkeit abgebildet und betrieb deshalb Hoffmanns Absetzung mit großer Energie - damals wurden Märchen offenbar noch richtig ernst genommen. Ehe Hoffmann vor das Disziplinargericht gestellt werden konnte, ist er allerdings gestorben, mit 46. So entkam der Dichter seinen Verfolgern in dieser Welt.
Unter dem Aspekt der politischen Satire sei auch "Klein Zaches" hiermit wärmstens zum (Wieder-)Lesen empfohlen (in Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" heißt er "Klein Zack"). Da kann man sich über die Ähnlichkeiten mit Jürgen Weh Möllemann nur freuen und wundern.
Zu Jean Paul gab es letztes Jahr in zwei Ausgaben Der Gazette einen Beitrag von Hans Pfitzinger (August und September 2000).

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann

So daß man Gefahr läuft, in die Poesie hineinzugeraten

Es ist nicht zu leugnen, daß in neuerer Zeit, dem Himmel sei‘s gedankt! der Geschmack an der Musik sich immer mehr verbreitet, so daß es jetzt gewissermaßen zur guten Erziehung gehört, die Kinder auch Musik lehren zu lassen, weshalb man denn in jedem Hause, das nur irgend etwas bedeuten will, ein Klavier, wenigstens eine Gitarre findet. Nur wenige Verächter der gewiß schönen Kunst gibt es noch hie und da, und diesen eine tüchtige Lektion zu geben, das ist jetzt mein Vorsatz und Beruf.
Der Zweck der Kunst überhaupt ist doch kein anderer, als den Menschen eine angenehme Unterhaltung zu verschaffen und ihn so von den ernstern oder vielmehr den einzigen ihm anständigen Geschäften, nämlich solchen, die ihm Brot und Ehre im Staat erwerben, auf eine angenehme Art zu zerstreuen, so daß er nachher mit doppelter Aufmerksamkeit und Anstrengung zu dem eigentlichen Zweck seines Daseins zurückkehren, d. h. ein tüchtiges Kammrad in der Walkmühle des Staates sein und (ich bleibe in der Metapher) haspeln und sich trillen lassen kann. Nun ist aber keine Kunst zur Erreichung dieses Zwecks tauglicher als die Musik. Das Lesen eines Romans oder Gedichts, sollte auch die Wahl so glücklich ausfallen, daß es durchaus nichts phantastisch Abgeschmacktes, wie mehrere der allerneuesten, enthält, und also die Phantasie, die eigentlich der schlimmste und mit aller Macht zu ertötende Teil unserer Erbsünde ist, nicht im Mindesten anregt – dieses Lesen, meine ich, hat doch das Unangenehme, daß man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest: dies ist aber offenbar dem Zweck der Zerstreuung entgegen. Dasselbe gilt von dem Vorlesen in der Art, daß, die Aufmerksamkeit ganz davon abwendend, man sehr leicht einschläft oder in ernste Gedanken sich vertieft, die, nach der von jedem ordentlichen Geschäftsmann zu beobachtenden Geistesdiät, zyklisch eine Weile ruhen müssen. Das Beschauen eines Gemäldes kann nur sehr kurz dauern: denn das Interesse ist ja doch verloren, sobald man erraten hat, was es vorstellen soll. – Was nun aber die Musik betrifft, so können nur jene heillosen Verächter dieser edeln Kunst leugnen, daß eine gelungene Komposition, d. h. eine solche, die sich gehörig in Schranken hält und eine angenehme Melodie nach der andern folgen läßt, ohne zu toben oder sich in allerlei kontrapunktischen Gängen und Auflösungen närrisch zu gebärden, einen wunderbar bequemen Reiz verursacht, bei dem man des Denkens ganz überhoben ist, oder der doch keinen ernsten Gedanken aufkommen, sondern mehrere ganz leichte, angenehme – von denen man nicht einmal sich bewußt wird, was sie eigentlich enthalten, gar lustig wechseln läßt. Man kann aber weiter gehen und fragen: wem ist es verwehrt, auch während der Musik mit dem Nachbar ein Gespräch über allerlei Gegenstände der politischen und moralischen Welt anzuknüpfen und so einen doppelten Zweck auf eine angenehme Weise zu erreichen? Im Gegenteil ist dies gar zu sehr anzuraten, da die Musik, wie man in allen Konzerten und musikalischen Zirkeln zu bemerken Gelegenheit haben wird, das Sprechen ungemein erleichtert. In den Pausen ist alles still, aber mit der Musik fängt der Strom der Rede an zu brausen und schwillt mit den Tönen, die hineinfallen, immer mehr und mehr an. Manches Frauenzimmer, deren Rede sonst nach jedem Ausspruch: Ja, ja! und: Nein, nein! ist, gerät während der Musik in das übrige, was nach demselben Ausspruch zwar vom Übel sein soll, hier aber offenbar vom Guten ist, da ihr deshalb manchmal ein Liebhaber oder gar Ehegemahl, von der Süßigkeit der ungewohnten Rede berauscht, ins Garn fällt. – Himmel, wie unabsehbar sind die Vorteile einer schönen Musik! – Euch, ihr heillosen Verächter der edlen Kunst, führe ich nun in den häuslichen Zirkel, wo der Vater, müde von den ernsten Geschäften des Tages, im Schlafrock und in Pantoffeln fröhlich und guten Muts zum Murki [1]) seines ältesten Sohnes seine Pfeife raucht. Hat das ehrliche Röschen nicht bloß seinetwegen den Dessauer Marsch und "Blühe liebes Veilchen" einstudiert, und trägt sie es nicht so schön vor, daß der Mutter die hellen Freudentränen auf den Strumpf fallen, den sie eben stopft? Würde ihm nicht endlich das hoffnungsvolle, aber ängstliche Gequäke des jüngsten Sprößlings beschwerlich fallen, wenn nicht der Klang der lieben Kindermusik das Ganze im Ton und Takt hielte? – Ist dein Sinn aber ganz dieser häuslichen Idylle, dem Triumph der einfachen Natur, verschlossen, so folge mir in jenes Haus mit hellerleuchteten Spiegelfenstern. Du trittst in den Saal; die dampfende Teemaschine ist der Brennpunkt, um den sich die eleganten Herren und Damen bewegen. Spieltische werden gerückt, aber auch der Deckel des Fortepiano fliegt auf, und auch hier dient die Musik zur angenehmen Unterhaltung und Zerstreuung. Gut gewählt, hat sie durchaus nichts Störendes, denn selbst die Kartenspieler, obschon mit etwas Höherem, mit Gewinn und Verlust, beschäftigt, dulden sie willig. – Was soll ich endlich von den großen, öffentlichen Konzerten sagen, die die herrlichste Gelegenheit geben, musikalisch begleitet, diesen oder jenen Freund zu sprechen oder, ist man noch in den Jahren des Übermuts, mit dieser oder jener Dame süße Worte zu wechseln – wozu ja sogar die Musik noch ein schickliches Thema geben kann. Diese Konzerte sind die wahren Zerstreuungsplätze für den Geschäftsmann und dem Theater sehr vorzuziehen, da dieses zuweilen Vorstellungen gibt, die den Geist unerlaubterweise auf etwas ganz Nichtiges und Unwahres Fixieren, so daß man Gefahr läuft, in die Poesie hineinzugeraten, wovor sich denn doch jeder, dem seine bürgerliche Ehre am Herzen liegt, hüten muß! – Kurz, es ist, wie ich gleich anfangs erwähnte, ein entscheidendes Zeichen, wie sehr man jetzt die wahre Tendenz der Musik erkennt, daß sie so fleißig und mit so vielem Ernst betrieben und gelehrt wird. (...)
Aus der richtig angegebenen Tendenz der Kunst fließt auch von selbst, daß die Künstler, d. h. diejenigen Personen, welche (freilich töricht genug!) ihr ganzes Leben einem, nur zur Erholung und Zerstreuung dienenden Geschäfte widmen, als ganz untergeordnete Subjekte zu betrachten und nur darum zu dulden sind, weil sie das miscere utili dulci [2]) in Ausübung bringen. (...) Wenn man daher mit dem Künstler höflich und freundlich umgeht, so ist das nur eine Folge unserer Kultur und Bonhommie, die uns ja auch mit Kindern und anderen Personen, die Spaß machen, schön tun und tändeln läßt. Manche von diesen unglücklichen Schwärmern sind zu spät aus ihrem Irrtum erwacht und darüber wirklich in einigen Wahnsinn verfallen, welches man aus ihren Äußerungen über die Kunst sehr leicht abnehmen kann. Sie meinen nämlich, die Kunst ließe den Menschen sein höheres Prinzip ahnen und führe ihn aus dem törichten Tun und Treiben des gemeinen Lebens in den Isistempel, wo die Natur in heiligen, nie gehörten und doch verständlichen Lauten mit ihm spräche. Von der Musik hegen diese Wahnsinnigen nun vollends die wunderlichsten Meinungen; sie nennen sie die romantischste aller Künste, da ihr Vorwurf nur das Unendliche sei, die geheimnisvolle, in Tönen ausgesprochene Sanskrita der Natur, die die Brust des Menschen mit unendlicher Sehnsucht erfülle, und nur in ihr verstehe er das hohe Lied der – Bäume, der Blumen, der Tiere, der Steine, der Gewässer! (...)
Zwar behaupten jene Toren, daß es eine ganz besondere Sache um die poetische Erhebung über das Gemeine sei und manches Entbehren sich dann umwandle in Genuß; allein die Kaiser und Könige im Irrenhaus mit der Strohkrone auf dem Kopf sind auch glücklich! Der beste Beweis, daß all jene Floskeln nichts in sich tragen, sondern nur den innern Vorwurf, nicht nach dem Soliden gestrebt zu haben, beschwichtigen sollen, ist dieser, daß beinahe kein Künstler es aus reiner, freier Wahl wurde, sondern sie entstanden und entstehen noch immer aus der ärmern Klasse.

[1] Musikstücke mit Oktavenbrechungen in den Bässen [zurück]
[2] Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden [zurück]

(aus: Kreisleriana, Gedanken über den hohen Wert der Musik, Reclam 5623. Erstdruck in: Fantasiestücke in Callots Manier, 1814-15)

Jean Paul

Nur keine Musik sollt' es geben

Weiter gibt's aber auf dieser optischen Kugel kein Morgen-Sonnenland als das, welches alle unsere Schritte weder entfernen noch erreichen. Ach, ihr Freuden der Erde alle, ihr sättigt die Brust bloß mit Seufzern und das Auge mit Wasser, und in das arme Herz, das sich vor euerem Himmel auftut, gießt ihr eine Blutwelle mehr! Und doch lähmen uns diese paar elenden Freuden, wie Giftblumen Kindern, die damit spielen, Arme und Beine. Nur keine Musik, diese Spötterin unserer Wünsche, sollt' es geben: fließen nicht auf ihren Ruf alle Fibern meines Herzens auseinander und strecken sich als so viele saugende Polypenarme aus und zittern vor Sehnsucht und wollen umschlingen – wen? was? ... Ein ungesehenes, in andern Welten stehendes Etwas. Oft denk' ich, vielleicht ist's gar nichts, vielleicht geht es nach dem Tode wieder so, und du wirst dich aus einem Himmel in den andern sehnen – und dann zerdrücke ich unter diesem phantastischen Unsinn die Klaviersaiten, als wollte ich aus ihnen eine Quelle auspressen, als wär' es nicht genug, daß der Druck dieses Sehnens die dünnen Saiten meines innern Tonsystems verstimmt und absprengt ....

(aus: Die unsichtbare Loge, 25. Sektor, 1793)

1. März 2001

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