Tischgespräche
 
 
 
 
 
 
 

 

Gottfried Fischborn

Illusionstheater

(2. Teil)

Das sind nur Minidramen aus dem Privattheater. Das Merkwürdige ist, daß die Summe unzähliger solcher Minidramen die Fabel des großen ostdeutschen Dramas ausmacht, eine laufende Tragikomödie mit derzeit schon elf Akten. So wurde das kleine Privat- wieder zum großen Gesellschaftstheater. Und da sein hauptsächlicher Inhalt das Erlernen der vielen neuen Rollen ist, thematisiert es sich ununterbrochen selbst - Theater auf dem Theater. Arbeitssuchender, Steuererklärer, dynamischer junger Mitarbeiter, Stasi-Moralist, Westauto-Fahrer, D-Mark-Fetischist, CDU-Wähler, SPD-Wähler, FDP-Wähler, Grünen-Wähler, nachträglicher Bürgerrechtler, Mallorcareisender, Existenzgründer, Westeuropäer, freier Gewerkschafter, Internet-User, Preisvergleicher, Azubi, Senior, Magister, Englischlernender, Pflegestufe-III-Empfänger, Antikommunist, Gymnasiast, Werbe-Zielgruppler, aufstehender Anständiger, Generalverdränger, Spaßbadbesucher, Vorruheständler: Alle diese Rollen und viele, viele mehr - und natürlich alle auch in der weiblichen Variante, wo noch einiges hinzukommt! - waren zu erarbeiten. Was Wunder, wenn immer weiter probiert wird, während die Vorstellung schon läuft.

Das ist nicht nur mühselig. Oft ist es auch spannend. Das ist zwar die reine Wahrheit. Aber ich mußte es schon deshalb hinzufügen, um nicht in der uns stets zusätzlich zugewiesenen Rolle des Jammer-Ossis vor Ihnen, meine Damen und Herren, zu erscheinen.

Doch man freut sich ja, daß unser östliches Privat- und Gesellschaftstheater endlich mal wieder mit dem großen deutschen Staatstheater fusioniert wurde! Wir sind wieder da in den Bundestagsdebatten und den großen Polit-Talks. Plötzlich erinnert sich die eine oder der andere nicht allein der Steinwürfe, sondern auch der Brüche, der Lernprozesse, der Läuterungen und Rollenwechsel der Ostdeutschen.

Von der rechten Seite der Orchestra, die rührenderweise in das Lied einstimmt, klingt das, wenn man den Untertext mithört, etwa so: Damals, 1990/91, waren wir konsequent, prinzipienfest und moralisch, nun müssen wir's mit Joschka Fischer und ähnlichen Typen aber auch sein. Damals waren die Biografie-Brüche oder Lernprozesse der Leute aus den sogenannten DDR-Funktionseliten auch kein Argument gegen ihre Entfernung. Bitte, tönt es weiter, wenn dort per 1. Januar 1997, wie uns eure Friedrich-Ebert-Stiftung sagte, allein 800 habilitierte Wissenschaftler - alle unbelastet, denn längst hatte man sie "gegauckt", das ist: stasi-überprüft - auf die Arbeitsämter geschickt wurden, dann darf es heute dem deutschen Außenminister nicht anders ergehen. Was würden die geplagten Ossis sonst sagen, wo bliebe die Gerechtigkeit, und eine deutsche Katharsis muß schließlich ein bißchen wehtun. Ende des Lieds.


Drei: Geschichtsbilder oder die Prospekte des Herzogs

Ein Wunder aus deutschen Theatermuseen sind die Prospekte des Herzogs. In Meiningen, wo der berühmte Theaterherzog Georg II. bis 1890 aus dem Hoftheater ein europäisches Ereignis gemacht hat, werden sie einem staunenden Publikum hin und wieder vorgeführt. Die illusionistische Perfektion, die historische Detailtreue dieser Riesenmalereien sind überwältigend. So war, wie Georg recherchiert hatte, das Forum Romanum zu Zeiten Julius Cäsars eine Baustelle - und als Baustelle, originalgetreu gemalt nach Skizzen des archäologischen Instituts zu Rom, zeigt es der Prospekt zum Shakespearestück. Und wenn dann die Stadt Heilbronn (richtig: Kleistens "Käthchen"!) gehängt und ausgeleuchtet wird, in allen Stimmungen von Morgenröte bis dräuendes Gewitter, gibt es schon einmal standing ovations.

Stehen wir nicht mitunter vor den Bildern aus jüngster deutscher Vergangenheit wie das Publikum vor den meiningischen Theatermalereien? Die sich verbreitende Freude, daß wir als Deutsche anläßlich der jüngsten Debatten zur Vergangenheit, sei es über das Jahr 1968, über die Siebziger oder sei es zur deutschen Einheit und ihren Folgen, doch wenigstens, bei allem sonstigen Ärger, vorankämen mit unseren Geschichtsbildern, mit der Historisierung der deutschen Erfahrungen - soll man sie ungetrübt teilen? Vielleicht ist in der Tat das Bild der endsechziger Jahre und, davon abgehoben, der schlimmen Siebziger anschaulicher geworden. Skepsis scheint mir angebracht, doch mögen Kompetentere darüber urteilen. Am Geschichtsbild der DDR jedenfalls muß noch lange gemalt werden und die Gefahr, es könnte ein schlechter Historienschinken oder bestenfalls eine Meiningerei werden, ist erheblich.

Notabene: auch die Sprache bringt's an den Tag, einmal mehr. Sie kennen die Weimarer Republik. Kennen Sie auch eine ehemalige Weimarer Republik? Einen ehemaligen Nationalsozialismus, eine ehemalige Novemberrevolution? Die ehemalige oder "ehemalige" DDR kennt jeder. Die Vergangenheit aufdringlich-verbal verdoppeln, eine zweite drauf, fertig ist ein Stück "Historisierung". Aber wenn Sie in Leipzig fünfmal Taxi fahren, viermal in Dresden zum Friseur und in Chemnitz dreimal in die Kneipe gehen, dann wissen Sie, wo man nicht ideologisiert, sondern - trotz gelegentlicher Nostalgie oder dummer Wessibeschimpfung! - geschichtliche Erfahrung verarbeitet.

Doch das ist schon ein neues Thema, ein langes und breites. Vielleicht ein andermal. An seinem Anfang sollte schon die Verständigung über die Art der Malerei stehen. Die Prospekte werden angefertigt, die Detailtreue beeindruckt durchaus, die Bilder werden den Vorlagen ähnlicher und allmählich auch farbiger, theatralisch geraten sie sowieso, schon bald wird man sie im Theatersaal des Historischen Museums verwenden können - aber irgendwie an kommt man von dem Gedanken nicht los, Prospekte seien keine Geschichtsbilder und auch in jenem Saal werde Illusionstheater gespielt.

1. März 2001

Leserbrief