Tischgespräche
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Gottfried Fischborn

Illusionstheater

Eins: Fragestunde im Deutschen Bundestag

Da wir jetzt die Herren Fischer und Trittin als Protagonisten behalten dürfen, wenn es nicht noch ganz dumm kommt, wollen wir ein braves Theaterpublikum bleiben. Wir haben in die Hände geklatscht, unseren Pausensekt getrunken, glotzen ("Glotzt nicht so romantisch!" - wer sagte das gleich?) wieder auf die Bühne, wo der nächste Akt längst begonnen hat. Der spielt auch auf der grünen Wiese, nur diesmal mit Rindern, Schweinen und einer neuen Hauptdarstellerin.

Ist ja auch ganz spannend. Die Aktrice, eine jugendliche Naive, die nie eine Schauspielschule besucht hat, scheint ein Naturtalent zu sein. Trotzdem, der erste Teil des Abends ergreift uns noch immer. Wir sinnen ihm nach. Wir hatten uns so schön eingefühlt. Es war großartiges Illusionstheater!

Wie der Joseph Fischer auf der stimmungsvoll ausgeleuchteten Skena des Amphitheaters Bundestag agierte, wie ihn die Regie durch ihr Arrangement dem zweigeteilten Chor der Abgeordneten gegenüberstellte, es läßt uns nicht los. Greifen wir zu hoch, wenn wir uns an die Perser des Aischylos erinnert fühlen? Und dieser Chor - war er nicht gut? Mehrstimmig, in sich reich individualisiert, dialogisch kontrovers und doch ganz unisono, das hat Seltenheitswert. Das ist ein dialektisches Paradoxon a la Dürrenmatt! Wir als nationales Publikum sind beeindruckt.

Wir verhehlen zudem nicht, daß wir uns ein wenig in der Orchideendisziplin Theaterwissenschaft umgetan haben. Altmeister Konstantin Stanislawski, der die "Kunst des Erlebens" in dem nach ihm benannten "System" als den Gipfel schauspielerischer Meisterschaft ansah, wäre mit Schüler Fischer zufrieden gewesen. Gerade mit Hilfe von Erinnerungen aus dem eigenen Leben sollen ja, um solche Vollkommenheit zu erreichen, vom Schauspieler "die eigenen menschlichen Gefühle dem Leben der Rollengestalt angepaßt" werden. Na bitte.

Sagen wir: Die Rollengestalt ist die eines Außenminister, der sich zu seiner Biografie bekennt, um sich glaubhaft von seiner Biografie distanzieren zu können. Dann funktionieren die erwähnten Einnerungen beim wirklichen Erlebniskünstler, der der Rolle seine "eigene Seele" gibt, so, daß er "in den Lebensbedingungen der Rolle in völliger Übereinstimmung mit der Rolle auf der Bühne logisch, folgerichtig, menschlich denken, wollen, streben, handeln" kann. Das Erinnerungs- und das Rollenmaterial verschmelzen, genau wie der Schauspieler mit seiner eben zu exekutierenden Rolle, in den Wonnefeuern des authentischen Erlebens. Das Publikum gleich mit. Soweit Konstantin Stanislawski zu Joschka Fischer.

Und der ist wie alle großen Akteure zugleich vielseitig. Ein paar Tage vorher auf der Kammerbühne, Sitzungssaal 165 C im Frankfurter Landgericht, in der Rolle des alten Kumpels mit neuem Infit: großes Erlebnis-, Einfühlungs-, Illusionstheater auch hier. Gute Kritiken allenthalben.

Nun schreibt allerdings eine jüngere Theaterwissenschaftlerin in Theo Girshausens Theaterlexikon (Herausgeber: Sucher) über Stanislawski: "Sein System ist ... für ein Theater gedacht, das über die tatsächliche Differenz von ... Realität und Kunst hinwegtäuschen will" (Petra Stuber). Moment mal! Da könnte ja gleich aus dem Lager des einstigen Rivalen der nächstbeste Brecht-Urenkel kommen und sagen: Bei diesem Schauspieler fehlt die Verfremdung. Die Dinge hinter den Dingen sehen und sichtbar machen, nicht wahr? Die Illusion unterbrechen, gar zerstören, keine Einfühlung zulassen, die Interessen transparent machen, die Brüche markieren, auf die Hintergründe verweisen, dieses ganze politaufklärerische Theater, wenn vielleicht auch in modernisierten Formen - ist das gemeint? Wollt ihr denn wirklich das?

Und da sagen wir nun in allem Ernst: Auf der Kunstbühne des Theaters wollen wir das nur unter anderem, vielleicht etwas mehr und etwas intensiver als zuletzt, aber bitte doch eher am Rande. Auf der politischen Bühne allerdings wollen wir es ganz entschieden.

Hier zeigt sich die Grenze der Theater-Metapher. Vom Außenminister Fischer vor dem Deutschen Bundestag Ende Januar 2001, der sich seiner Haut wehrt und dabei noch um die Existenz der Regierung kämpft, war schlechterdings nicht zu erwarten, daß er beide Brüche seiner Biografie in die (Selbst-)Darstellung verfremdend und erhellend einbezieht - den Bruch vom Frankfurter Sponti zum Marschierer durch die Institutionen und den vom linken Politiker zum Befürworter völkerrechtswidriger militärischer Gewalt im Kosovo: die Entwicklung eines Menschen vom Steine- zum Bombenwerfer. Weder konnte er sich so sehen noch so erleben, das mag man ihm schon glauben.

Wäre es anders gewesen - die Theatermetapher tritt erneut in ihre Rechte! - hätte jenes perfekte Erlebnis- und Illusionstheater nicht stattfinden können, an dem außer Fischer auch alle Chorgruppen, die PDS-Singers ausgenommen, mehr oder weniger erfolgreich teilnahmen (aber er war schon der beste - man vergleiche ihn mit Herrn Gerhard, einem wahren Schmierenkomödianten!). Unverschleiert geblieben wäre nicht nur die Fischer-Biografie der Jahre 98/99, sondern auch die nackten Machtinteressen der Gruppen.


Zwei: Ostdeutsche Spiele

Ende 1990 besuchte ein Parlamentarischer Staatssekretär aus Bonn eine sächsische Kunsthochschule, die es heute auch nicht mehr gibt. Unter anderem befragte er die Lehrenden leutselig nach ihren Biografien. Vielleicht ist er bei der Gelegenheit zum ersten Male Menschen begegnet, die seit Jahrzehnten in der SED waren. Ich bemerkte jedenfalls seinen irritierten Blick, als ich mein Eintrittsjahr 1961 erwähnte, fügte also - wer will schon als stalinistischer Fanatiker oder als Karrierist gelten? - ungefähr noch hinzu: Ich war ja aus Überzeugung drin, den Sozialismus halte ich für ein Gesellschaftsideal und den Marxismus für eine kritische Theorie. Da ging er zum Nächsten über.

Heute ist völlig klar, was der Herr Staatssekretär unwillkürlich erwartet hatte, worauf er mit Verständnis, Toleranz und huldvoller Vergebung reagiert hätte. Korrekt hätte man etwa sagen müssen: Wissen Sie, man mußte sich ja anpassen, nicht gerade heldenhaft, zugegeben, aber hätte man deshalb auf eine Karriere verzichten sollen, und ihr Wessis hättet euch in gleicher Situation auch nicht anders verhalten. Das war die Rolle, die unseresgleichen im neuen Gesellschaftstheater künftig zugedacht war. Wer sie annahm, hatte bessere Chancen, wieder auf dem Besetzungszettel zu stehen.

Sie wurde allerdings schnell gelernt. Im Frühjahr 1991 luden ein Freund und ich zu einem offenen Gespräch über ältere und die jüngsten Bewußtseinsbrüche ein: Was ist uns von unserem Marxismus geblieben, welchen Inhalt soll der Begriff "Sozialismus" in Zukunft haben, hat er überhaupt noch einen? Schon lange nagende Zweifel in Verbindung mit den ungeheuer neuen Erfahrungen ließen uns über geistige Schranken springen, vor denen wir bisher angehalten hatten. Ist der Leninismus wirklich eine moderne Konsequenz des Marxismus, oder ist er seine teilweise Zurücknahme, gar die Voraussetzung des Stalinismus? Ist die marxistisch-chiliastische Vorstellung vom Kommunismus als Ziel der Geschichte nicht ein quasireligiöser Mystizismus? Diese Fragen und ähnliche - "rein objektiv" alles andere als neu! - waren es für uns Alt-68iger, Verzeihung: für uns DDR-Altsozialisten eben doch, und sie waren sehr aufregend.

Aber zu der erwähnten Gesprächsrunde kamen nicht zwanzig Kolleginnen und Kollegen, wie wir sicher erwartet hatten, sondern außer uns noch weitere zwei. Was hat die anderen gehindert, die beste der neuen Freiheiten zu nutzen - die uneingeschränkte Gedankenfreiheit? Die Antwort ist unbehaglich: Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes. Also die markanteste der neuen Unfreiheiten. Die vom Staatssekretär erwartete Rolle war erlernt worden.

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