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Tilman Fichter

Fischer, Merkel und die Ideale von gestern
Ein Zeitzeuge resümiert

Im Berliner Bundestag ist am 17. Januar eine Art Kulturkampf über 1968 und die Folgen ausgebrochen. Auslöser ist Joschka Fischers langer Weg vom libertären Straßenkämpfer zum pro-amerikanischen Außenminister im Nachkriegsdeutschland.
Diese Kontroverse begann eigentlich bereits am 4. April 1973, um vier Uhr früh. Damals besetzten Hundertschaften der Polizei den Kettenhofweg im Frankfurter Westend. Das von Studenten instandgesetzte Haus Nr. 51 wurde geräumt. Spekulanten setzten damals auf diese Weise ihre Eigentumsrechte durch.
Etliche noch gut erhaltene Gründerzeitvillen wurden seinerzeit zuerst von hochbezahlten Rechtsanwälten entmietet und dann von "Spezialkommandos" (Heiner Halberstadt) mutwillig zerstört. Eine gewaltige Spekulationswelle überspülte die Mainmetropole. Es war diese Unkultur der Abrissbirne, die linke Studenten und arbeitslose Jugendliche bewegte, die bedrohten Häuser zu besetzen. Damit retteten sie faktisch ein Stück historisch gewachsener Stadtkultur.
Ob die ehrgeizige Pfarrerstochter Angela Merkel im uckermärkischen Templin damals von der Zerstörungswut der Immobilienbranche im kapitalistischen Westen etwas erfahren hat, wissen wir nicht. Anfang der 70er Jahre trug sie in der Schule noch die blaue Bluse der FDJ, und nach 1978 brachte sie es als Parteilose am Institut für Physikalische Chemie der Ostberliner Akademie der Wissenschaften immerhin zur Funktionärin für "Agitation und Propaganda" in der dortigen FDJ-Leitung. Sie soll zwar "ein ehrlicher Typ" - so Harald Löschke, ein früherer Mitschüler - gewesen sein; ob sie freilich ein Gefühl für die Zusammenhänge zwischen den ökonomischen Widersprüchen und generationsspezifischen Prägungen des Bewusstseins im Westen entwickelt hat, steht dahin. Zur Bürgerbewegung hat sie nie gehört, und ihr politischer Entdecker Lothar de Maizière glaubt sogar, Merkel sei nur zufällig bei der CDU gelandet.
Dass Fischer Anfang der 70er Jahre zur militanten Hausbesetzerszene in Frankfurt gehörte, hat er selbst niemals bestritten. Im Unterschied zur neuen Unionsvorsitzenden weiß er allerdings, dass die frühere Bundesrepublik nicht immer schon ein "freiheitlicher, demokratischer und weltoffener Staat" gewesen ist.
Ob und inwiefern die studentische Revolte die westdeutsche Teilgesellschaft demokratisiert und modernisiert hat, darüber ließe sich freilich streiten. Fair wäre es allerdings, wenn Merkel etwas mehr selbstkritische Zurückhaltung an den Tag legen würde, statt die frühere Bundesrepublik als gelobtes Land zu idealisieren und - wie während der Bundestagsdebatte am 17. Januar - auf einer Büßergeste zu insistieren.
Die Zeit des "Sich-nicht-Wehrens" - so Fischer heute - sei Ende der 60er Jahre endgültig vorbei gewesen: "Das hatte mit unseren Gefühlen zu tun, als auf Rudi Dutschke geschossen wurde ... Da waren Entsetzen und Empörung riesig ... Da gibt es Bilder, wie meine damalige Frau und ich zusammengeschlagen wurden von vier Polizisten. Wir hatten nichts getan, außer an der falschen Stelle zu stehen."
Wenige Monate vorher war Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden, eine bis heute ungesühnte Tat. Dies war der Wendepunkt in der Geschichte der westdeutschen Studentenbewegung, der eine Eskalation von Gewalt und Gegengewalt zwischen Staatsapparat und großen Teilen der bürgerlich-akademischen Jugend auslösen sollte.
Tagsüber agitierten Fischer und seine Freunde vom anti-autoritären "Revolutionären Kampf" damals auf der Straße, im Hörsaal oder bei Opel im Rüsselsheimer Betrieb gegen die kapitalistische Konsumgesellschaft und für eine liberale Revolte. Des Nachts saßen die Aktivisten dann "beim Italiener" und quatschten über Sartre, die Revolution oder die Liebe. Ein Großteil dieser Freundschaften ist heute freilich längst passé. Joschka gilt mittlerweile bei so manchem Ex-Genossen als unnahbar bzw. arrogant.
Dies erklärt denn auch, warum der damalige theoretische Vordenker des "Revolutionären Kampfes", der Publizist Thomas Schmid, heute z.B. auf der Seite 1 der "Frankfurter Allgemeinen" kommentiert: "Je mehr er (Fischer, T. F.) seine Unnahbarkeit stilisiert, umso mehr bekommt er den Zorn eben jener Journalisten zu spüren, die einst wie halbe Kumpels zu seinen Füßen saßen und jetzt unter seiner Arroganz leiden." Diese Anzeichen für eine quasi Entsolidarisierung in der ehemaligen Frankfurter Sponti-Szene lassen ein paar Scharfmacher in der Union hoffen. Verteidiger Fischers halten aber dagegen, dass der Weg des Grünen seit 1968 ein lebender Beweis für die Integrationskraft der deutschen Demokratie sei.
In Herbst 1998 fragte Lothar de Maizière im ZDF seinen Gesprächspartner Richard Schröder, ob der Aufstand der westdeutschen Studetnen im Jahre 1968 nun eigentlich eine "richtige Revolution" gewesen sei, was mit einem schüchternen Lächeln verneint wurde. Doch was war 1968 stattdessen? Eine unvorhergesehene Chance für mehr Demokratie im westlichen Teilstaat Deutschlands oder eine "Kommunikationsstörung" zwischen "Zu-Kurz-Gekommenen" und den etablierten Machteliten der Adenauer-Ära (Glotz)?
Unsere Revolte war sicherlich beides. Sie war zudem - nach Auschwitz bzw. im Schatten der Mauer - auch eine kollektive Wiederentdeckung von lange verschütteten Formen utopischen Denkens, und dies machte nicht zuletzt die Faszination für die Studenten aus. Ob man das heute noch auf den alten Fotografien erkennen kann?
Vermutlich zeigen die Bilder nicht einmal die Hälfte der Wahrheit. Doch um die Wahrheit geht es ja auch schon längst nicht mehr: Vielmehr wollen einige "gespenstische Wiedergänger" (Mariam Lau), wie z.B. Thomas Schmid oder Götz Aly von der "Berliner Zeitung", den anto-autoritären Konsens eines Großteils der Achtundsechziger durch einen altneuen anti-totalitären Konsens zu ersetzen. Durch eine Neubewertung der westdeutschen Nachkriegsgeschichte soll offenbar der undifferenzierte Pro-Amerikanismus aus den Kampfjahren des Kalten Krieges rehabilitiert werden.

Mit freundlicher Genehmigung aus: Frankfurter Hefte, März 2001

24. März 2001

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