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Entdeckt: die Prekarität der neuen Arbeit

Es geschieht nicht oft, daß der Umschlag eines Buches ebenso zutreffend wie irreführend ist. Bei Robert Castels "Metamorphosen der sozialen Frage" entspricht der Obertitel noch dem französischen Original. Der Untertitel jedoch lautet: "Eine Chronik der Lohnarbeit". Und dieser Zusatz (der im Original fehlt) führt aus dem Titel des Buches hinaus: Castels Thema ist nämlich eine Art Geschichte der "Nicht-Arbeit". Die Nicht-Arbeiter werden seit Jahrhunderten mit immer neuen Namen belegt: Vagabunden, Bettler, Herumtreiber, Pflastertreter, Unangepaßte, Marginalisierte, mitunter auch Arme, Kranke, Alte, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Arbeitsscheue, Arbeitsunwillige und Sozialschnorrer. Je nach Blickwinkel und Autorität. Aber selbstverständlich kann über all diese Personen nicht geschrieben werden, ohne diejenigen, die Arbeit haben, wenigstens zu erwähnen. Und insofern ist der Untertitel wieder gerechtfertigt.
Das Dilemma kommt daher, daß Castel ein sehr spezielles, bishier in Deutschland eher vernachlässigtes und unentdecktes Phänomen im Auge hat: die sogenannte "prekäre Beschäftigung". Damit sind Personen gemeint, die keine klassisch abgesicherten Lohn- oder Gehaltsempfänger mehr sind, aber eben auch keine "richtigen" Arbeitslosen. Die Unsicherheit, die "Prekarität" ist für Castel eine neue Kategorie der modernen "Arbeit", keine abnorme Randerscheinung, sondern von der "Arbeitsgesellschaft" selbst hervorgebracht.
Castel nimmt dabei einen furiosen Anlauf vom Mittelalter herauf bis in die Gegenwart. Mit zahlreichen Originalzitaten schildert er zum Beispiel die Kriminalisierung des Vagabundentums, bei der schon sehr früh die Empfehlung ausgesprochen wurde, mit Verhaftungen vorsichtig zu sein, "um die Gefängnisse nicht zu überlasten". An Castels Kommentar zu dieser Problemlösung läßt sich sein Forschungsansatz beobachten:

Die Vagabundenfrage ist in Wirklichkeit die Art und Weise, in der die soziale Frage in der vorindustriellen Gesellschaft zugleich formuliert und verschleiert wird. Sie verbirgt sie, weil sie sie an den äußersten Rand der Gesellschaft verlagert, und zwar so weit, daß sie daraus praktisch eine polizeiliche Frage macht. Sie gestattet jedoch auch, die Frage neu zu formulieren, wenn wir die von ihr offengelegte Bruchlinie über das Vagabundentum hinaus weiterverfolgen. Wir stoßen also auf eine Art Bumerang-Effekt des Vaganbundentums. Der Prozeß, über den eine Gesellschaft einige ihrer Glieder ausstößt, zwingt uns dazu, über das nachzudenken, was in ihrem Zentrum den Anstoß zu dieser Dynamik gibt. Diese versteckte Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie müssen wir im folgenden unter die Lupe nehmen. Folgende Lektion könnte auch für heute Gültigkeit beanspruchen: Der Kern der Problematik befindet sich gerade nicht da, wo man auf die Ausgegrenzten stößt.

Man könnte auch sagen: Seit alters her wird von den Inhabern der Macht (und das heißt zunehmend: "der Arbeit") der Trick angewandt, das Problem der Arbeitslosen ausschließlich an der Peripherie zu lösen. Nachdem die polizeiliche Lösung versagt hatte, versuchte man es - zum Beispiel 1645 unter dem französischen König Franz I. - mit einer Methode, die sich heute unter dem Namen "öffentlicher Beschäftigungssektor" gern als moderne Neuheit ausgibt:

Wir wünschen, erklären und ordnen an, daß die besagten arbeitsfähigen Bettler, Männer wie Frauen, von den Bürgermeistern und den Schöffen unserer Stadt Paris für die notwendigsten Arbeiten der besagten Stadt angestellt werden ... und damit die besagten arbeitsfähigen Armen gute und ganze Tagewerke verrichten, sollen sie so an den besagten öffentlichen Arbeiten eingesetzt werden, wie wenn es sich um private Arbeiten handelte.

Man sieht, diese "ABM-Stellen" waren eher zur Aufrechterhaltung einer öffentlichen Ordnung gedacht und nicht als wirtschaftliche oder Beschäftigungsmaßnahme. Aus ganz und gar "neoliberalen" Gründen (weil sie "den Wetteifer und den Gewerbefleiß ersticken") schaffte Turgot 1779 die Armen-Werkstätten dann auch ab. Zu dem von den Neoliberalen ebenfalls vorgetragenen Argument, Sozialhilfe habe nur Faulheit und Arbeitsscheu zu Folge, ist es dann nur noch ein Schritt.
Die Französische Revolution versuchte, ein gesetzliches "Recht auf Unterhalt durch Arbeit" einzuführen, hier aber verzeichnen die Akten der Nationalversammlung FDP-mäßige Proteste ("Unterbrechungen, Murren"). Die Mehrheit schließt sich der Meinung an, der Staat schulde nur den "Schwachen" Hilfe, nicht aber denen, "die zwar nichts haben, aber arbeiten können".
Eine erste Lösung des Problems war erst im 19. Jahrhundert möglich: durch die Entwicklung der "Arbeitsgesellschaft", das heißt einer Gesellschaft, in der Arbeit zu einem sehr hohen Wert und zur prinzipiellen Selbstdefinition wurde; und durch die Errichtung eines ganz neuartigen Eigentums, das weder in privater, noch in öffentlicher Hand lag:

Hier handelt es sich ganz sicher um einen fundamentalen Wandel. Die Sozialversicherung bewerkstelligt, vermittelt über die Arbeit und unter der Ägide des Staates, eine Art Eigentumtransfer. Sicherheit und Arbeit werden sich zu einer substantiellen Einheit fügen, weil in einer Gesellschaft, die sich um die Lohnarbeit herum neu organisiert, der Status, der der Arbeit zukommt, das moderne Äquivalent zur traditionell vom Eigentum gewährleisteten Absicherung bildet. Damit kommt ein lang andauernder Prozeß zum Abschluß ... [und] wir sind heute im wahrsten Sinne des Wortes die Erben dieser Geschichte.

Wir vergessen im Eifer aktueller Debatten gern, daß diese ausschließlich an die Arbeit gebundenen Sozialleistungen (der "Sozialstaat") Generationen von Arbeiterfamilien in Zeiten der Rezessionen vor dem größten Elend bewahrt haben. Mehr noch: Aufs Ganze gesehen erhielt die Arbeitsgesellschaft in unserem Jahrhundert ihren zunehmend chancengleichen Zugang zu gesunden Wohnungen (wenn nicht eigenem Grundbesitz), ausreichend Nahrung und immer mehr Bildung und Freizeitmöglichkeiten. Der Erfolg des offenbar unendlichen Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Phänomen der gesellschaftlichen Armut fast absorbieren zu können. Aber seit den siebziger Jahren hat sich diese Zuversicht zerschlagen. Seit dem ersten Ölpreisschock laborieren wir im Westen an Massenarbeitslosigkeit, und alle öffentlichen Kuren haben daran nichts Grundlegendes geändert. "Wer", fragt Castel, "würde heutzutage noch allen Ernstes behaupten wollen, wir gingen einer freundlicheren, offeneren Gesellschaft entgegen, die den Abbau der sozialen Ungleichheit auf ihre Fahnen geschrieben hätte und an einem maximalen Ausbau der sozialen Sicherung arbeitet?"
Und diese Arbeitslosigkeit ist nun keine absonderliche Randerscheinung mehr, die das Zentrum der Arbeitsgesellschaft unberührt ließe. Der Beweis für diese Behauptung liegt gerade darin, daß die gutgemeinten Maßnahmen, mit denen die Arbeitslosigkeit als unangenehme Randerscheinung eines im Kern gesunden Systems, bekämpft werden soll, allesamt gescheitert sind. Mit "etwas gutem Willen und Einfallsreichtum" (und selbst das traut man sich ja heute von einer politischen Partei kaum zu verlangen) ist es eben nicht getan:

Arbeitslosigkeit ist nicht etwa eine Blase, die sich in den Arbeitsbeziehungen eingenistet hat und die man einfach absaugen müßte. Es wird allmählich klar, daß Arbeitslosigkeit und das Prekärwerden der Beschäftigung in der gegenwärtigen Modernisierungsdynamik fest verankert sind. Sie sind die zwangsläufigen Konsequenzen aus der neuartigen Strukturierung der Beschäftigung, der Schatten, den der industrielle Umbau und der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit auf sehr viele Menschen wirft.

Mit anderen Worten: Im besten Fall bringt die globalisierte Wirtschaft prekäre Beschäftigungen hervor (nur: aus lauter Aldi-Einpackern und Parttime-Hundesittern wird noch lange keine Gesellschaft), im schlimmeren - und gegenwärtigen - Fall eine unbewegliche Arbeitslosigkeit, das heißt: eine Masse von Dynamisierungsverlierern (in Castels Worten: "nutzlose Normale").
Bei diesem Befund bleibt der Autor aber nicht stehen. Er skizziert am Schluß vier knappe "Szenarien" zu seiner Behebung: 1. Man läßt die seit den siebziger Jahren eingetretene Verminderung der Arbeit einfach weitergehen (das ist der manchesterliberale "Der Markt wird es schon richten"-Zynismus); 2. man stabilisiert den gegenwärtigen Zustand (mit zehn bis zwölf Millionen Unterstützungsempfängern); 3. man sucht nach Auswegen, Kompensationen und Alternativen (Abbau von "Rigiditäten", Mobilisierung neuartiger Jobreserven, möglichst ohne dabei in ein "neues Domestikentum" abzugleiten), und 4. die Umverteilung der raren Ressource Arbeit zum Zweck einer Teilhabe möglichst aller an einer "ökonomischen (und sozialen) citizenship".
Bei dieser Knappheit der Darstellung wird aber auch ein kleiner Mangel des Buches erkennbar: Der Schluß muß dem interessierten Leser (und jeder, der den anspruchsvollen Argumenten des Autors bis hierher gefolgt ist, muß ein interessierter Leser sein) zu kurz erscheinen. Schon während der Lektüre der ersten sechs Kapitel (von acht) wundert man sich über die steigende Fülle der Vorausdeutungen, der Versprechen, auf diese Frage später noch detailliert einzugehen - so viele Zusagen, sagt man sich immer öfter mit Blick auf die immer weniger verbleibenden Seiten, sind doch gar nicht mehr einzuhalten!
Dem steht aber ein ungeheurer Vorteil gegenüber: Die ausführliche Beschreibung der Nicht-Arbeit seit dem Mittelalter und dem Ancien Régime öffnet den Blick für höchst erstaunliche Déjà-vu-Erlebnisse der Gegenwart. Die konservative Abneigung gegen Fremde etwa, weil die uns ja unsere Arbeitsplätze wegnähmen, gab es genauso schon vor sechshundert Jahren, und die Deregulierungssucht und Markt-Hybris unserer Neoliberalen ist peinlich unoriginell, historisch abgestanden. Auch wenn beide uns ihr Zeug, trotz erwiesener Erfolglosigkeit, immer noch als Rezepte des 21. Jahrhunderts verkaufen.
Fazit: eine fundierte Anregung zu einer neuen Sicht auf die wechselvolle Geschichte und die Zukunft der Arbeit.

Fritz R. Glunk

Robert Castel
Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit
UVK Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz 2000
416 Seiten
DM 68,–, öS 496, sFr 62,--

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