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Entdeckt: die
Prekarität der neuen Arbeit
Es geschieht nicht oft, daß der Umschlag eines Buches ebenso
zutreffend wie irreführend ist. Bei Robert Castels "Metamorphosen
der sozialen Frage" entspricht der Obertitel noch dem französischen
Original. Der Untertitel Die Vagabundenfrage ist in Wirklichkeit die Art und Weise, in der die soziale Frage in der vorindustriellen Gesellschaft zugleich formuliert und verschleiert wird. Sie verbirgt sie, weil sie sie an den äußersten Rand der Gesellschaft verlagert, und zwar so weit, daß sie daraus praktisch eine polizeiliche Frage macht. Sie gestattet jedoch auch, die Frage neu zu formulieren, wenn wir die von ihr offengelegte Bruchlinie über das Vagabundentum hinaus weiterverfolgen. Wir stoßen also auf eine Art Bumerang-Effekt des Vaganbundentums. Der Prozeß, über den eine Gesellschaft einige ihrer Glieder ausstößt, zwingt uns dazu, über das nachzudenken, was in ihrem Zentrum den Anstoß zu dieser Dynamik gibt. Diese versteckte Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie müssen wir im folgenden unter die Lupe nehmen. Folgende Lektion könnte auch für heute Gültigkeit beanspruchen: Der Kern der Problematik befindet sich gerade nicht da, wo man auf die Ausgegrenzten stößt. Man könnte auch sagen: Seit alters her wird von den Inhabern der Macht (und das heißt zunehmend: "der Arbeit") der Trick angewandt, das Problem der Arbeitslosen ausschließlich an der Peripherie zu lösen. Nachdem die polizeiliche Lösung versagt hatte, versuchte man es - zum Beispiel 1645 unter dem französischen König Franz I. - mit einer Methode, die sich heute unter dem Namen "öffentlicher Beschäftigungssektor" gern als moderne Neuheit ausgibt: Wir wünschen, erklären und ordnen an, daß die besagten arbeitsfähigen Bettler, Männer wie Frauen, von den Bürgermeistern und den Schöffen unserer Stadt Paris für die notwendigsten Arbeiten der besagten Stadt angestellt werden ... und damit die besagten arbeitsfähigen Armen gute und ganze Tagewerke verrichten, sollen sie so an den besagten öffentlichen Arbeiten eingesetzt werden, wie wenn es sich um private Arbeiten handelte. Man sieht, diese "ABM-Stellen" waren eher zur Aufrechterhaltung
einer öffentlichen Ordnung gedacht und nicht als wirtschaftliche
oder Beschäftigungsmaßnahme. Aus ganz und gar "neoliberalen"
Gründen (weil sie "den Wetteifer und den Gewerbefleiß
ersticken") schaffte Turgot 1779 die Armen-Werkstätten dann
auch ab. Zu dem von den Neoliberalen ebenfalls vorgetragenen Argument,
Sozialhilfe habe nur Faulheit und Arbeitsscheu zu Folge, ist es dann
nur noch ein Schritt. Hier handelt es sich ganz sicher um einen fundamentalen Wandel. Die Sozialversicherung bewerkstelligt, vermittelt über die Arbeit und unter der Ägide des Staates, eine Art Eigentumtransfer. Sicherheit und Arbeit werden sich zu einer substantiellen Einheit fügen, weil in einer Gesellschaft, die sich um die Lohnarbeit herum neu organisiert, der Status, der der Arbeit zukommt, das moderne Äquivalent zur traditionell vom Eigentum gewährleisteten Absicherung bildet. Damit kommt ein lang andauernder Prozeß zum Abschluß ... [und] wir sind heute im wahrsten Sinne des Wortes die Erben dieser Geschichte. Wir vergessen im Eifer aktueller Debatten gern, daß diese ausschließlich
an die Arbeit gebundenen Sozialleistungen (der "Sozialstaat")
Generationen von Arbeiterfamilien in Zeiten der Rezessionen vor dem
größten Elend bewahrt haben. Mehr noch: Aufs Ganze gesehen
erhielt die Arbeitsgesellschaft in unserem Jahrhundert ihren zunehmend
chancengleichen Zugang zu gesunden Wohnungen (wenn nicht eigenem Grundbesitz),
ausreichend Nahrung und immer mehr Bildung und Freizeitmöglichkeiten.
Der Erfolg des offenbar unendlichen Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten
Weltkrieg schien das Phänomen der gesellschaftlichen Armut fast
absorbieren zu können. Aber seit den siebziger Jahren hat sich
diese Zuversicht zerschlagen. Seit dem ersten Ölpreisschock laborieren
wir im Westen an Massenarbeitslosigkeit, und alle öffentlichen
Kuren haben daran nichts Grundlegendes geändert. "Wer",
fragt Castel, "würde heutzutage noch allen Ernstes behaupten
wollen, wir gingen einer freundlicheren, offeneren Gesellschaft entgegen,
die den Abbau der sozialen Ungleichheit auf ihre Fahnen geschrieben
hätte und an einem maximalen Ausbau der sozialen Sicherung arbeitet?" Arbeitslosigkeit ist nicht etwa eine Blase, die sich in den Arbeitsbeziehungen eingenistet hat und die man einfach absaugen müßte. Es wird allmählich klar, daß Arbeitslosigkeit und das Prekärwerden der Beschäftigung in der gegenwärtigen Modernisierungsdynamik fest verankert sind. Sie sind die zwangsläufigen Konsequenzen aus der neuartigen Strukturierung der Beschäftigung, der Schatten, den der industrielle Umbau und der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit auf sehr viele Menschen wirft. Mit anderen Worten: Im besten Fall bringt die globalisierte Wirtschaft
prekäre Beschäftigungen hervor (nur: aus lauter Aldi-Einpackern
und Parttime-Hundesittern wird noch lange keine Gesellschaft), im schlimmeren
- und gegenwärtigen - Fall eine unbewegliche Arbeitslosigkeit,
das heißt: eine Masse von Dynamisierungsverlierern (in Castels
Worten: "nutzlose Normale"). Fritz R. Glunk Robert Castel |