Apropos
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Stefanie Brauer

Brief an eine Freundin auf einer Insel im Atlantik

Berlin, im Februar

Ich staunte nicht schlecht, aus Barbados auf den Besuch Norman Finkelsteins in der Berliner Urania aufmerksam gemacht zu werden. Man wollte einen persönlichen Bericht - also gut:

Vor Monaten schon bin ich losgerannt, um Karten vorzubestellen, denn intuitiv war mir klar, dass es Massenaufläufe geben würde, wenn Finkelstein kommt. Seit Wochen sind die Zeitungen voll von Finkelstein. Anderes als in den USA fühlt man sich hier doch verpflichtet, über ihn zu schreiben – auch, um seinen Thesen entgegenzuwirken, in denen man Potential für Antisemitismus sieht. Gerade hier in Deutschland, wo fast täglich von neonazistischen Übergriffen, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus etc. zu lesen ist. Dabei kommt im Grunde durch den Rummel, der veranstaltet wird, etwas davon zum Ausdruck, was Finkelstein selbst als "Holocaust-Industrie" versteht. Es heißt, Finkelstein frage danach, wer von der Shoah profitiere. Hier ist es recht eindeutig: Er selbst profitiert von den aufgeregten Diskussionen um sein Buch - und der Piper-Verlag.

Zunächst einmal: Es gehen alle hin. Auch die angewiderten. Schon um sich anzusehen, welche Blüten der Gedenkwahnsinn in Deutschland nach und nach austreibt: Im Foyer der Urania ein dichtes Getümmel, als käme ein Weltstar. Aggressive Stimmung, alle Karten sind ausverkauft, selbst wer vorbestellt hatte, konnte nicht sicher gehen, Einlass in den Saal zu finden. Geschäftige Kamerateams, entzückende Journalistinnen mit wichtigen Gesichtern überall. Auch wir in dem Getümmel mit einem seltsamen Mischgefühl: Etwas von der Faszination des Gewimmels – ein Gefühl, hier am Puls der Zeit und der Diskussion zu stehen – andererseits eine Art Grauen über die Dimensionen, die mediale Oberflächlichkeit, in der für einige Stunden allein die Inszenierung gilt. Heisere Mädchenstimmen aus dem Megaphon, die versuchen, Ordnung zu schaffen: Mäntel und Handtaschen seien abzugeben. Draußen demonstrieren ein paar junge Leute mit Transparenten, auf dem die "Holocaust-Industrie" mit den Namen prominenter deutscher Firmen gleichgesetzt werden. Im letzten Augenblick ergattern wir noch Karten.

Der Saal ist voll bis auf den letzten Platz, immerhin 900 Leute. In der Presse wird es am nächsten Tag heißen, das Publikum sei gemischt gewesen, Linke und Konservative und ein paar Nationale. Beim Rausgehen, habe er, sagte Henryk Broder, antisemitisches Tuscheln gehört. Auf die erwarteten – und von der Presse heiß ersehnten Zwischenfälle musste man bis ganz zum Schluss der Veranstaltung warten. Erst wurde diskutiert: der Historiker Peter Steinbach, die Schriftsteller Raffael Seligmann und Sten Nadolny – und schließlich Norman Finkelstein. Alle Figuren verschwanden fast vor dem riesengroßen rosa-farbenen Samtvorhang. Ein bisschen erinnerte Finkelstein an Goldhagen, nicht nur, weil er später die Deutschen lobte, wegen ihrer vorbildlichen Bemühungen bei der Aufarbeitung der Vergangenheit. Durch sein sportliches, eher jugendliches Aussehen setzte er sich von den deutschen Gesprächspartnern durchaus positiv ab, aber das war nur ein allererster Eindruck, der sich sofort auflöste, als Norman Finkelstein zu reden anfing. Er öffnete den Mund und heraus kam das, was die Presser später als – "predigergleiche" Statements beschrieben hat, hier rede einer, so Franziska Augstein von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", aus dem "quasi-sakrale Botschaften Silbe für Silbe herauskollern." Ich weiss nicht, was Frau Augstein da gesehen hat. Finkelstein wirkte, als stehe unter er unter dem Einfluss von Drogen, kurz bevor eine Sprechlähmung einsetzt. Sehr langsam, sehr knapp – geradezu antieloquent - brachte er wieder seine zentrale These vor, dass sich eine jüdische Lobby, allen voran die Jewish Claims Conference an den Entschädigungen für die Opfer der nationalsozialitsichen Verfolgung bereicherte, dass Anwälte zu hohe Summen kassierten und die wirklich Betroffenen zu kurz kämen. Natürlich sprach er auch von seinen Eltern, von denen wir wissen, dass sie in den Entschädigungsverfahren nicht gut weggekommen sind. Die Stimmen der Damen aus dem Übersetzungkästen waren gut zu hören, es raschelte im Saal, manchmal wurde gebuht, manchmal geklatscht ... und die Fernsehteams filmten das Podium und den Saal.

Die Diskussion verlief - gemessen an dem, wie sich die Medien seit Erscheinen des Buches auf dem amerikanischen Markt echauffieren - eher gemäßigt. Vielleicht hatten die Diskutanten Mitleid mit Finkelstein, der so überfordert von der ganzen Situation wirkte, dass man ihn am liebsten beiseite genommen und getröstet - oder ihm gerne erklärt hätte, warum es irgendwie dumm ist, in Deutschland ein Buch wie das seinige zu lesen: Nicht in einer Situation, da der Stiftungsinitiative zur Entschädigung der Zwangsarbeiter nach wie vor die geforderten Millionen fehlen, nicht hier, wo fast täglich von rechtsextremen Überfällen zu lesen ist. Hat Finkelstein hier wirklich auf Unterstützung gehofft? Das Podium jedenfalls war einhellig der Meinung, dass Finkelstein mit seinem Buch nicht recht habe, machte sich dennoch stark dafür. Und sei es aus dem Grund, dass jede Zensur und jedes Tabu verschwörender wirke als eine offene Diskussion. Im übrigen nutzten die Diskutanten die Gelegenheit, ihre eigenen Statements unter die Leute zu bringen. Raffael Seligmann etwa konstatierte, wie immer, einen Phantomschmerz bei den Deutschen. Man liebe die toten Juden, kümmere sich aber nicht um die lebenden, und gleichzeitig sei der Umgang mit den Juden ein Spiegel für den Umgang der Gesellschaft mit sich selbst. Applaus und Buhrufe.

Endlich zum Schluss - Finkelstein setzte gerade zum Schlusswort an - der Eklat, der die Meldung für die Morgenzeitungen machen sollte. Die jungen Leute mit den Transparenten hatten sich Einlass verschafft, fielen Finkelstein ins Wort. Auf der gegenüberliegenden Seite – endlich – begannen einige Rechte "Frei, sozial und national" zu skandieren. Dann ging alles sehr schnell. Auf einmal rannten die Photographen und Kameraleute in die linke Saalhälfte. Ein Mann lief den Gang hoch, versetzte einem der rechten Parolenrufer einen Schlag ins Gesicht. Polizei in Zivil griff ein, Abtransport der Parolenrufer. Finkelstein blieb auf dem Podium, leicht desorientiert. Fasste sich aber, rang sich dann doch zu einem Schlussstatement durch – und wirkte zum ersten Mal an diesem Abend annähernd souverän. Er wandte sich nämlich an die jungen Leute mit dem Transparent, attestierte ihnen eine ehrliche und aufrichtige Gesinnung, legte ihnen nahe, erst Raul Hilbergs Darstellung des Holocaust zu studieren und dann sein Buch zu lesen. Vielleicht, so meinte er, könnten sie auch von ihm lernen. Und: Er sei sich nicht sicher, dass er recht habe. Das allerdings stand nachher nirgends in der Zeitung.

Ein befremdetes, nachdenkliches Gefühl bleibt. Irritierenderweise war der stärkste Eindruck der, dass alles ein einziges Spektakel war - Finkelstein und sein Auftritt vor einem unterhaltungssüchtigen Publikum. Und wie bei den Debatten über das Eisenmann-Denkmal, das jüdische Museum, die Topographie des Terrors scheint es, trete die Geschichte der Shoah jetzt endgültig hinter ihrer Inszenierung zurück.

10. März 2001

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