Tischgespräche
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Hartmut Böhme

Die Zukunft der Religion

(2. Teil)

Die Ambivalenz der Moderne erfährt zusätzliche Steigerung von einer Seite, von der man es am wenigstens hätte erwarten sollen: den Naturwissenschaften. Verfolgt man die öffentlichen Rhetoriken, mit denen die Bio-Wissenschaften sowie die computer sciences ihren beispiellosen Aufschwung an die Spitze des Fortschritts der hochentwickelten Gesellschaften bewerkstelligt haben, so bedürfte es eines geballten religionswissenschaftlichen Einsatzes, um die Aura der Heils zu durchdringen, mit der diese Frontwissenschaften umgeben sind. Mitnichten schließen sich hard sciences und Eschatologie, hightech und Erlösungsevangelien heute aus, sie sind vielmehr eine brisante Fusion eingegangen, die den Rest der Welt bezaubern soll.
Um des Erhalts der demokratischen Institutionen, des Rechts, des Prinzips der Vertraglichkeit und der Transparenz der Kommunikation willen ist es erforderlich, besser zu verstehen, wie Moderne und die Religion zusammenhängen. Die historische Erfahrung zeigt, daß sowohl Bilderstürme wie aufklärerische Kritik untaugliche, womöglich kontraproduktive Mittel sind, um demokratische Gemeinwesen herzustellen. Es geht deswegen auch um die Suche nach einer 'Kultur', welche Kult und Demokratie vereinbar macht. Dabei scheint die These berechtigt: Hartmut Böhme Die Zukunft der Religion Die nachlassende Bindekraft der großen Religionen ist nicht daran abzulesen, daß die Kirchen rückläufige Mitgliederstände aufwiesen. Bedeutsamer ist, daß die Religionen ihre Fähigkeit eingebüßt haben, das alltägliche Leben großer Massen zu strukturieren, ihm Sinn zu verleihen und es mit transzendierenden Perspektiven zu bereichern. Es ist auch ein Irrtum, der auf der Überschätzung einiger Konfliktherde beruht, daß wir in eine neue Epoche religiöser Megakonfrontationen eintreten – wie etwa während des 30jährigen Krieges oder der islamisch-christlichen Auseinandersetzungen in Mittelalter und Neuzeit. Im Gegenteil: An der geographischen Verteilung der Großreligionen wird sich im 21. Jahrhundert wenig ändern. Religiöse Konflikte werden vielmehr ins Innere von Gesellschaften wandern, nämlich infolge wachsender Multiethnizität und religiöser Pluralisierung. An die Stelle der Hierarchisierung der Religionen, die durch Evolutionskonzepte vertreten wurde, wonach ein Religionstyp höher entwickelt sein soll als ein anderer, trat mit der Aufklärung zunächst das Toleranzgebot, in Konsequenz der Kulturkomparatistik aber zunehmend die Relativitäts-These. Religionen werden in ihren Funktionen, ihrer Leistung und ihrem Wert relativ zu der jeweiligen Kultur beurteilt, in der sie agieren. Sie stellen nicht 'Werte an sich' dar, die man hierarchisch gliedern könnte. Natürlich ist dies selbst eine säkulare Position; sie ist aber auf Dauer unwiderstehlich. Sie heißt: Religionen werden kulturell beurteilt, und nicht umgekehrt Kulturen religiös. Dieser Trend ist unumkehrbar, auch wenn es Gesellschaften gibt oder wieder geben wird, deren Rahmenbedingungen religiös bestimmt sind. Für die These von einer Renaissance der Religionen, womöglich als Megatrend, wird im Westen oft der sogenannte Fundamentalismus beschworen. Besonders gern wird dabei die islamische Republik Iran herangezogen. Doch gerade hier ist deutlich, daß, unabhängig von westlichem Druck, die iranische Gesellschaft über interne Dynamiken verfügt, die verdeutlichen, daß gottesstaatliche Modelle im 21. Jahrhundert nur durch Unterdrückung, also nicht dauerhaft haltbar sind. Es ist das Gesetz nicht mehr aus der Welt zu bringen, wonach politische Herrschaft ohne die Zustimmung der Menschen nicht auf Dauer zu stellen ist. Die Zustimmung der Menschen als Quelle aller Legitimität: das ist das Grundgesetz einer säkularen Welt – und das 'Gespenst' nicht nur religiöser Herrscher, sondern auch politischer Diktaturen und ökonomischer Eliten weltweit. An der Jahrtausendwende zeichnet sich ab, daß die Fragen der religiösen Differenz nicht länger unter religiösen, sondern zunehmend unter Gesichtspunkten der Ethnizität, der Multikulturalität, der Migration, der Probleme der Globalisierung und Internationalisierung behandelt werden. Nehmen wir dafür als Beispiel Deutschland. Die Probleme von Multireligiosität in einem hochindustrialisierten Land sind nicht primär abhängig von den Kirchen, sondern eher davon, ob Deutschland zu einem politisch-kulturellen Konsens gelangt, daß es ein Einwanderungsland ist, daß mithin das Leben-Können in vielfachen ethnischen, kulturellen und religiösen Traditionen gerade zum Reichtum einer modernen Gesellschaft gehört. Zu einer Gesellschaft gehört nicht nur ökonomische Potenz, sondern kulturelle Kompetenz, von der zunehmend Zukunftsfähigkeit abhängt. Religiöse Probleme können heute nicht mehr in interreligiösen Diskursen gelöst werden – das zu beweisen hatte das Christentum lange genug Zeit und es hat grosso modo versagt. Sondern sie müssen im allgemeineren Rahmen multi- und transkultureller Aushandlungen und Praktiken angegangen werden. Hierfür sind, horribile dictu, Verlautbarungen von Bischofskonferenzen nicht mehr von Bedeutung. Sondern die langsam wachsenden kulturellen Selbstrepräsentationen sog. ethnischer Minderheiten in Film, Literatur, Fernsehen, Presse, Straßenfesten, Stadtteilinitiativen, lokalen Politiken, die dann kooperative Kulturformen mit multiethnischem Charakter hervorbringen, – sie sind heutzutage das "Salz der Erde". Nicht zuletzt durch dieses Salz könnte die Trägheit der zur Phrase verkommenen deutschen Kultur, die gerade als Leitkultur einen dumpfen Provinzialismus ausdünstet, zukunftsfähiger werden – wenn sie denn wollte. Was in den internationalen Diskursen über Multiethnizität, Hybridkulturen, religiösen Synkretismus, kulturelle Interferenzen und Transformationen zu lesen ist, weil sie weltweit sich als Praktiken zeigen, hat noch kaum den Rand des bundesrepublikanischen Bewußtseins erreicht. Das Christentum in seiner offiziellen Verfaßtheit jedenfalls hat zu dieser Debatte nichts Nennenswertes beigetragen. In Frage steht das Verhältnis von Religion und Moderne – und hier liegen die Verhältnisse nicht so einfach, wie die Aufklärung es sich träumen ließ. Moderne Gesellschaften werden zumeist als säkular bezeichnet. Stichworte sind: funktionale Ausdifferenzierung, Verfahrensrationalität in Verwaltung und Recht, Demokratisierung der Institutionen, Technisierung und Industrialisierung, Reflexivität und Verwissenschaftlichung. Gewiß bilden diese Merkmale säkularisierter Gesellschaft eine epochale Wetterscheide. Sie beendet die langwellige Epoche Europas, in welcher die christliche Religion nicht nur den Deutungsrahmen von Gesellschaft und Geschichte, sondern auch die formierende Kraft des staatlichen und politischen Handelns darstellte; zu schweigen von der Durchdringung des Alltags. Von den berühmten drei Kritiken Immanuel Kants datiert eine Epoche radikalen Reflexivwerdens aller tradierten Formen der Kultur, die systematische Verwissenschaftlichung von Natur, Gesellschaft und Lebenswelt sowie die Entkoppelung von Staat und Religion. Danach kann Religion nur noch "innerhalb der Grenzen bloßer Vernunft" (Kant) Geltung beanspruchen und sie geht als "civil or private religion" genau jener institutionellen Bindungskraft verlustig, welche sie in traditionalen Gesellschaften kennzeichnete. Es muß zunächst offenbleiben, ob im Effekt dieser Säkularisierung wir in eine Epoche postreligiöser Gesellschaften eingetreten sind; oder ob die Moderne eine Zeit der Transformation des Religiösen einleitete, weil sich auch in allen modernen Sozietäten ungeheuer viele religiöse Formen ausbreiten. Wenn dies so ist, dann ist in der Moderne damit zu rechnen, daß das Religiöse die Form flottierender Energien annimmt, die alles und jedes mit willkürlicher Wucht und mächtigen Bindungskräften besetzen können, ganz besonders aber Phänomene des Neuen und Vielversprechenden: seien dies grandiose technische Erfindungen, neue, revolutionäre Bewegungen oder neue Medien mit ihren wuchernden Kultformen. Staatsidolatrien der Moderne, Führerkulte, die politische Religionen, wie sie sich in den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts verhängnisvoll ausbreiteten, Fetischisierungen im konsumtiven Verhalten, Starkultformen in Politik, Film, TV und Sport, die Paradies-Versprechungen durch neue Techniken, sei's der Medizin, der Energietechnik, der Biologie, der Humangenetik etc. –: all diese religiösen Phänomene einer wilden, weil kaum institutionell rückgebundenen Besetzung und einer heißen, weil nicht reflexiv kontrollierten Dynamik machen es wahrscheinlich, daß die wisssenschaftliche Industriekultur auch ein religiöses Aggregat darstellt. Die These ist: Während Modernisierungsprozesse die formale Integration der Gesellschaft zu leisten vermögen, bieten sie keine gehaltvollen Identifikationen, welche die Moderne als sozialbindende Lebensform erfahrbar machen. Viele Menschen haben zur Modernisierung ein distanziertes, utilitaristisches Verhältnis, das entsprechend instabil ist. Zunehmend werden lebensweltliche Evidenzen aus religiösen Überlieferungen geschöpft, die der Vormoderne entstammen und willkürlich in die Lebensökonomie eingebaut werden. Dadurch entsteht das eigentümliche Switchen zwischen unvereinbar scheinenden Orientierungsmustern: funktionale Arbeitseffizienz unter der Woche, kollektive Ekstasen auf Techno-Veranstaltungen am Wochenende; rationale Zukunftssicherung hier und Suche nach Risiko-Thrill dort; ökonomischer Kalkül einerseits und andererseits exotistische Anleihen an fremden Kulturen oder weit zurückliegenden Vergangenheiten; Teilnahme an demokratischen Prozessen und zugleich quasireligiöses Aufgehen in 'Gemeinschaftskörpern'; disziplinierte Arbeitseffektivität hier, spielerische Verausgabungen und Exzesse dort – und all dies nicht nur als gegensätzliche Handlungsmuster von Gruppen, sondern als dissonante Orientierungen von Subjekten. Es handelt sich also weder um individuelle Pathologien noch um kulturelle Ungleichzeitigkeiten, sondern um multiple Widersprüche auf nahezu allen Ebenen des Sozialprozesses. Der massenmediale Star-Kult zieht ins Parlament, die Gnosis ins Internet ein; der kapitalistische Warentausch als vorerst letzte Organisationsform von Gesellschaft funktioniert nur unter Zuhilfenahme mythischer und fetischistischer Formen; der Sport arbeitet in Formen magischer Identifikation; Festivals entleihen ihre Attraktivität der vergangenen Kraft von Mysterien; das gesellschaftlich Imaginäre wird von den Monstrositäten aller Zeiten bevölkert; die Medien steigern ihre technische Raffinesse aufs äußerste und mit ihr die inszenierten Archaismen; 'Gott ist tot' bildet nicht den Übergang zu einer säkularen Gesellschaft, sondern zum Erwachen von Abertausenden neuer Götter; das "Verschwinden der Dinge" im Müll verschwistert sich mit einem Kult der rituellen Aufbewahrens; die Dekonstruktion von sex and gender führt zum karnevalesken cross-over sexueller Maskeraden und Lüste. In solcherlei, oft verborgenen Religions- und Kult-Formen liegen soziale Bindekräfte der heutigen Gesellschaften. Deren rationale Arbeitsorganisation und formale Demokratie, deren Isolations- und Entfremdungerscheinungen haben dazu geführt, daß den Individuen keine substantiellen Erfahrungen zugänglich sind: Sinnleere, Langeweile, Gleichgültigkeit, emotionale Öde sind die Kehrseite der glänzenden Schauseiten der Event-Kultur. Würde man mit einem Schlag die quasireligiösen Kultformen unserer Gesellschaft durchstreichen können, bräche diese zusammen. Wichtige soziale Integrationen der Moderne laufen über Mechanismen, welche eben diese Moderne als nicht zu ihr gehörig, als vormodern und irrational abtut. Darin steckt auch eine Gefahr: Die Moderne ist zu ihrem Erhalt auf ihr Gegenteil angewiesen. Heute können wir nicht mehr sicher sein: Setzt sich die Moderne noch in den Kontrapunkten ihrer selbst fort, oder bedienen sich umgekehrt die Kultformen der traditionalen Gesellschaften eben der Moderne zu ihrer um so mächtigeren Durchsetzung? Nichts scheint falscher zu sein als die These von der Entzauberung der Welt. Die flottierenden Religionsformen heute belehren im Gegenteil darüber, daß die Entzauberung im Namen der Rationalität zu einem Schub von Energien der Wiederverzauberung geführt hat. Die Ambivalenz der Moderne erfährt zusätzliche Steigerung von einer Seite, von der man es am wenigstens hätte erwarten sollen: den Naturwissenschaften. Verfolgt man die öffentlichen Rhetoriken, mit denen die Bio-Wissenschaften sowie die computer sciences ihren beispiellosen Aufschwung an die Spitze des Fortschritts der hochentwickelten Gesellschaften bewerkstelligt haben, so bedürfte es eines geballten religionswissenschaftlichen Einsatzes, um die Aura der Heils zu durchdringen, mit der diese Frontwissenschaften umgeben sind. Mitnichten schließen sich hard sciences und Eschatologie, hightech und Erlösungsevangelien heute aus, sie sind vielmehr eine brisante Fusion eingegangen, die den Rest der Welt bezaubern soll. Um des Erhalts der demokratischen Institutionen, des Rechts, des Prinzips der Vertraglichkeit und der Transparenz der Kommunikation willen ist es erforderlich, besser zu verstehen, wie Moderne und die Religion zusammenhängen. Die historische Erfahrung zeigt, daß sowohl Bilderstürme wie aufklärerische Kritik untaugliche, womöglich kontraproduktive Mittel sind, um demokratische Gemeinwesen herzustellen. Es geht deswegen auch um die Suche nach einer 'Kultur', welche Kult und Demokratie vereinbar macht. Dabei scheint die These berechtigt: Demokratie bedarf der Kulte, diese aber bedürfen nicht der Demokratie. Noch keine Theorie der Aufklärung hat diese Asymmetrie ertragen. Sie zu verstehen, ist aber angesichts des Wucherns religiöser Praktiken und Rhetoriken, von denen das kollektive Imaginäre bis zur Trunkenheit gefüllt wird, eine erstrangige politische Aufgabe. . Noch keine Theorie der Aufklärung hat diese Asymmetrie ertragen. Sie zu verstehen, ist aber angesichts des Wucherns religiöser Praktiken und Rhetoriken, von denen das kollektive Imaginäre bis zur Trunkenheit gefüllt wird, eine erstrangige politische Aufgabe.

10. März 2001

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