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Hartmut Böhme
Die Zukunft der Religion
Die nachlassende Bindekraft der großen Religionen ist nicht daran
abzulesen, daß die Kirchen rückläufige Mitgliederstände
aufwiesen. Bedeutsamer ist, daß die Religionen ihre Fähigkeit
eingebüßt haben, das alltägliche Leben großer
Massen zu strukturieren, ihm Sinn zu verleihen und es mit transzendierenden
Perspektiven zu bereichern. Es ist auch ein Irrtum, der auf der Überschätzung
einiger Konfliktherde beruht, daß wir in eine neue Epoche religiöser
Megakonfrontationen eintreten wie etwa während des 30jährigen
Krieges oder der islamisch-christlichen Auseinandersetzungen in Mittelalter
und Neuzeit. Im Gegenteil: An der geographischen Verteilung der Großreligionen
wird sich im 21. Jahrhundert wenig ändern. Religiöse Konflikte
werden vielmehr ins Innere von Gesellschaften wandern, nämlich
infolge wachsender Multiethnizität und religiöser Pluralisierung.
An die Stelle der Hierarchisierung der Religionen, die durch Evolutionskonzepte
vertreten wurde, wonach ein Religionstyp höher entwickelt sein
soll als ein anderer, trat mit der Aufklärung zunächst das
Toleranzgebot, in Konsequenz der Kulturkomparatistik aber zunehmend
die Relativitäts-These. Religionen werden in ihren Funktionen,
ihrer Leistung und ihrem Wert relativ zu der jeweiligen Kultur beurteilt,
in der sie agieren. Sie stellen nicht 'Werte an sich' dar, die man hierarchisch
gliedern könnte. Natürlich ist dies selbst eine säkulare
Position; sie ist aber auf Dauer unwiderstehlich. Sie heißt: Religionen
werden kulturell beurteilt, und nicht umgekehrt Kulturen religiös.
Dieser Trend ist unumkehrbar, auch wenn es Gesellschaften gibt oder
wieder geben wird, deren Rahmenbedingungen religiös bestimmt sind.
Für die These von einer Renaissance der Religionen, womöglich
als Megatrend, wird im Westen oft der sogenannte Fundamentalismus beschworen.
Besonders gern wird dabei die islamische Republik Iran herangezogen.
Doch gerade hier ist deutlich, daß, unabhängig von westlichem
Druck, die iranische Gesellschaft über interne Dynamiken verfügt,
die verdeutlichen, daß gottesstaatliche Modelle im 21. Jahrhundert
nur durch Unterdrückung, also nicht dauerhaft haltbar sind. Es
ist das Gesetz nicht mehr aus der Welt zu bringen, wonach politische
Herrschaft ohne die Zustimmung der Menschen nicht auf Dauer zu stellen
ist. Die Zustimmung der Menschen als Quelle aller Legitimität:
das ist das Grundgesetz einer säkularen Welt und das 'Gespenst'
nicht nur religiöser Herrscher, sondern auch politischer Diktaturen
und ökonomischer Eliten weltweit.
An der Jahrtausendwende zeichnet sich ab, daß die Fragen der religiösen
Differenz nicht länger unter religiösen, sondern zunehmend
unter Gesichtspunkten der Ethnizität, der Multikulturalität,
der Migration, der Probleme der Globalisierung und Internationalisierung
behandelt werden. Nehmen wir dafür als Beispiel Deutschland. Die
Probleme von Multireligiosität in einem hochindustrialisierten
Land sind nicht primär abhängig von den Kirchen, sondern eher
davon, ob Deutschland zu einem politisch-kulturellen Konsens gelangt,
daß es ein Einwanderungsland ist, daß mithin das Leben i-Können
vielfachen ethnischen, kulturellen und religiösen Traditionen gerade
zum Reichtum einer modernen Gesellschaft gehört. Zu einer Gesellschaft
gehört nicht nur ökonomische Potenz, sondern kulturelle Kompetenz,
von der zunehmend Zukunftsfähigkeit abhängt. Religiöse
Probleme können heute nicht mehr in interreligiösen Diskursen
gelöst werden das zu beweisen hatte das Christentum lange
genug Zeit und es hat grosso modo versagt. Sondern sie müssen im
allgemeineren Rahmen multi- und transkultureller Aushandlungen und Praktiken
angegangen werden.
Hierfür sind, horribile dictu, Verlautbarungen von Bischofskonferenzen
nicht mehr von Bedeutung. Sondern die langsam wachsenden kulturellen
Selbstrepräsentationen sog. ethnischer Minderheiten in Film, Literatur,
Fernsehen, Presse, Straßenfesten, Stadtteilinitiativen, lokalen
Politiken, die dann kooperative Kulturformen mit multiethnischem Charakter
hervorbringen, sie sind heutzutage das "Salz der
Erde". Nicht zuletzt durch dieses Salz könnte die Trägheit
der zur Phrase verkommenen deutschen Kultur, die gerade als Leitkultur
einen dumpfen Provinzialismus ausdünstet, zukunftsfähiger
werden wenn sie denn wollte. Was in den internationalen Diskursen
über Multiethnizität, Hybridkulturen, religiösen Synkretismus,
kulturelle Interferenzen und Transformationen zu lesen ist, weil
sie weltweit sich als Praktiken zeigen, hat noch kaum den Rand
des bundesrepublikanischen Bewußtseins erreicht. Das Christentum
in seiner offiziellen Verfaßtheit jedenfalls hat zu dieser Debatte
nichts Nennenswertes beigetragen.
In Frage steht das Verhältnis von Religion und Moderne
und hier liegen die Verhältnisse nicht so einfach, wie die Aufklärung
es sich träumen ließ. Moderne Gesellschaften werden zumeist
als säkular bezeichnet. Stichworte sind: funktionale Ausdifferenzierung,
Verfahrensrationalität in Verwaltung und Recht, Demokratisierung
der Institutionen, Technisierung und Industrialisierung, Reflexivität
und Verwissenschaftlichung. Gewiß bilden diese Merkmale säkularisierter
Gesellschaft eine epochale Wetterscheide. Sie beendet die langwellige
Epoche Europas, in welcher die christliche Religion nicht nur den Deutungsrahmen
von Gesellschaft und Geschichte, sondern auch die formierende Kraft
des staatlichen und politischen Handelns darstellte; zu schweigen von
der Durchdringung des Alltags. Von den berühmten drei Kritiken
Immanuel Kants datiert eine Epoche radikalen Reflexivwerdens aller tradierten
Formen der Kultur, die systematische Verwissenschaftlichung von Natur,
Gesellschaft und Lebenswelt sowie die Entkoppelung von Staat und Religion.
Danach kann Religion nur noch "innerhalb der Grenzen bloßer
Vernunft" (Kant) Geltung beanspruchen und sie geht als "civil
or private religion" genau jener institutionellen Bindungskraft
verlustig, welche sie in traditionalen Gesellschaften kennzeichnete.
Es muß zunächst offenbleiben, ob im Effekt dieser Säkularisierung
wir in eine Epoche postreligiöser Gesellschaften eingetreten
sind; oder ob die Moderne eine Zeit der Transformation des Religiösen
einleitete, weil sich auch in allen modernen Sozietäten ungeheuer
viele religiöse Formen ausbreiten.
Wenn dies so ist, dann ist in der Moderne damit zu rechnen, daß
das Religiöse die Form flottierender Energien annimmt, die alles
und jedes mit willkürlicher Wucht und mächtigen Bindungskräften
besetzen können, ganz besonders aber Phänomene des Neuen und
Vielversprechenden: seien dies grandiose technische Erfindungen, neue,
revolutionäre Bewegungen oder neue Medien mit ihren wuchernden
Kultformen. Staatsidolatrien der Moderne, Führerkulte, die politische
Religionen, wie sie sich in den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts
verhängnisvoll ausbreiteten, Fetischisierungen im konsumtiven Verhalten,
Starkultformen in Politik, Film, TV und Sport, die Paradies-Versprechungen
durch neue Techniken, sei's der Medizin, der Energietechnik, der Biologie,
der Humangenetik etc. : all diese religiösen Phänomene
einer wilden, weil kaum institutionell rückgebundenen Besetzung
und einer heißen, weil nicht reflexiv kontrollierten Dynamik
machen es wahrscheinlich, daß die wisssenschaftliche Industriekultur
auch ein religiöses Aggregat darstellt.
Die These ist: Während Modernisierungsprozesse die formale Integration
der Gesellschaft zu leisten vermögen, bieten sie keine gehaltvollen
Identifikationen, welche die Moderne als sozialbindende Lebensform erfahrbar
machen. Viele Menschen haben zur Modernisierung ein distanziertes, utilitaristisches
Verhältnis, das entsprechend instabil ist. Zunehmend werden lebensweltliche
Evidenzen aus religiösen Überlieferungen geschöpft, die
der Vormoderne entstammen und willkürlich in die Lebensökonomie
eingebaut werden. Dadurch entsteht das eigentümliche Switchen zwischen
unvereinbar scheinenden Orientierungsmustern: funktionale Arbeitseffizienz
unter der Woche, kollektive Ekstasen auf Techno-Veranstaltungen am Wochenende;
rationale Zukunftssicherung hier und Suche nach Risiko-Thrill dort;
ökonomischer Kalkül einerseits und andererseits exotistische
Anleihen an fremden Kulturen oder weit zurückliegenden Vergangenheiten;
Teilnahme an demokratischen Prozessen und zugleich quasireligiöses
Aufgehen in 'Gemeinschaftskörpern'; disziplinierte Arbeitseffektivität
hier, spielerische Verausgabungen und Exzesse dort und all dies
nicht nur als gegensätzliche Handlungsmuster von Gruppen, sondern
als dissonante Orientierungen von Subjekten.
Es handelt sich also weder um individuelle Pathologien noch um kulturelle
Ungleichzeitigkeiten, sondern um multiple Widersprüche auf nahezu
allen Ebenen des Sozialprozesses. Der massenmediale Star-Kult zieht
ins Parlament, die Gnosis ins Internet ein; der kapitalistische Warentausch
als vorerst letzte Organisationsform von Gesellschaft funktioniert nur
unter Zuhilfenahme mythischer und fetischistischer Formen; der Sport
arbeitet in Formen magischer Identifikation; Festivals entleihen ihre
Attraktivität der vergangenen Kraft von Mysterien; das gesellschaftlich
Imaginäre wird von den Monstrositäten aller Zeiten bevölkert;
die Medien steigern ihre technische Raffinesse aufs äußerste
und mit ihr die inszenierten Archaismen; 'Gott ist tot' bildet nicht
den Übergang zu einer säkularen Gesellschaft, sondern zum
Erwachen von Abertausenden neuer Götter; das "Verschwinden
der Dinge" im Müll verschwistert sich mit einem Kult der rituellen
Aufbewahrens; die Dekonstruktion von sex and gender führt zum karnevalesken
cross-over sexueller Maskeraden und Lüste.
In solcherlei, oft verborgenen Religions- und Kult-Formen liegen soziale
Bindekräfte der heutigen Gesellschaften. Deren rationale Arbeitsorganisation
und formale Demokratie, deren Isolations- und Entfremdungerscheinungen
haben dazu geführt, daß den Individuen keine substantiellen
Erfahrungen zugänglich sind: Sinnleere, Langeweile, Gleichgültigkeit,
emotionale Öde sind die Kehrseite der glänzenden Schauseiten
der Event-Kultur. Würde man mit einem Schlag die quasireligiösen
Kultformen unserer Gesellschaft durchstreichen können, bräche
diese zusammen. Wichtige soziale Integrationen der Moderne laufen über
Mechanismen, welche eben diese Moderne als nicht zu ihr gehörig,
als vormodern und irrational abtut. Darin steckt auch eine Gefahr: Die
Moderne ist zu ihrem Erhalt auf ihr Gegenteil angewiesen.
Heute können wir nicht mehr sicher sein: Setzt sich die Moderne
noch in den Kontrapunkten ihrer selbst fort, oder bedienen sich umgekehrt
die Kultformen der traditionalen Gesellschaften eben der Moderne zu
ihrer um so mächtigeren Durchsetzung? Nichts scheint falscher zu
sein als die These von der Entzauberung der Welt. Die flottierenden
Religionsformen heute belehren im Gegenteil darüber, daß
die Entzauberung im Namen der Rationalität zu einem Schub von Energien
der Wiederverzauberung geführt hat.
[weiter]
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