Jüngere lateinamerikanische Romanciers

Macondo, McOndo etc.

Noch nie, wenn von südamerikanischen Romanen die Rede war, von "Crack" oder vom "Manifiesto" gehört? Dann wird es Zeit. Bis in die USA ist das beginnende Ende des Latino-Wahns immerhin schon vorgedrungen. Nur Europa kämpft hier noch mit einer überholten Erwartungshaltung.

Von Brigitte Voykowitsch

"Ein Verleger erklärte mir einmal: Eines der Probleme, die wir junge kolumbianische Schriftsteller damit hätten, in den Ländern der Ersten Welt veröffentlicht zu werden, liege darin, dass die Leser weiterhin Geschichten mit fliegenden Großmüttern und anderen Elementen des Magischen Realismus lesen wollten. Das ist die Vorstellung, die sie von der lateinamerikanischen Literatur haben", sagt Jorge Franco. Seit dem Kommentar dieses Verlegers ist zwar ein wenig in Bewegung geraten. Francos im spanischen Original 1999 erschienener Roman "Rosario Tijeras" über eine Killerin im Dienste der Kartelle ist in acht Sprachen übersetzt worden und 2002 im schweizer Unionsverlag auch auf Deutsch herausgekommen. Derselbe Verlag hat nun die Übersetzung von Francos nachfolgendem Werk "Paraíso Travel", das das Los kolumbianischer Immigranten in New York schildert, übernommen und bereits 2001 ein Buch eines weiteren Kolumbianers, Santiago Gamboa, veröffentlicht: "Verlieren ist eine Sache der Methode", über einen Mordfall im Zusammenhang mit einer Grundstücksaffäre, in die Politiker und Unternehmer aus Bogotá verwickelt sind. Doch ein Gutteil der Werke der lateinamerikanischen Autoren unter 45 bleibt vorerst jenen vorbehalten, die des Spanischen mächtig sind.

Was Franco mit Gamboa und weiteren Kolumbianern wie Hector Abad, Mario Mendoza oder Juan Carlos Botero sowie mit Schriftstellern anderer lateinamerikanischer Länder wie dem Chilenen Alberto Fuguet (Foto li.), dem Peruaner Jaime Bayly oder dem Bolivianer Edmundo Paz-Soldán verbindet, ist ihre Entfernung vom Magischen Realismus. Gabriel García Márquez (Foto u.) "ist für mich ein großer Meister. Ihm verdanke ich es, dass ich die Literatur lieben lernte, schließlich begann ich seine Bücher im Alter von dreizehn Jahren zu lesen", betont Gamboa. Angesichts des großen Altersunterschiedes aber empfinde er den Einfluss von García Márquez weder als "stark noch als negativ oder einschüchternd." "Außerdem", ergänzt Gamboa, "ist seine Welt, die Welt der kolumbianischen Karibik, sehr fern für jemanden, der [wie ich selbst 1965] in Bogotá geboren wurde. Ich las die Bücher von [García Márquez] mit der gleichen Überraschung wie die Leser anderer Länder dies tun; Kolumbien ist doch ein großes und vielfältiges Land. Meine Generation schreibt über andere, komplementäre Welten, denn wir sind in den Städten, vor allem in Medellín und Bogotá, zur Welt gekommen."

Als Leser, sagt auch Paz-Soldán, "bewundere" er García Márquez, Julio Cortázar und andere Autoren, die mit ihren von magisch-mythischen Wirklichkeiten geprägten Texten in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine als "Boom" bezeichnete Verbreitung lateinamerikansicher Literatur bewirkten. "Als Schriftsteller aber", fährt Paz-Soldán fort, "bin ich nicht daran interessiert, ihrem Beispiel zu folgen. ... Mich interessiert das urbane Lateinamerika, jenes, das von politischen Krisen, vom Einfluss der Massenmedien und den neuen Technologien geprägt ist." Den Magischen Realismus hält Paz-Soldán für "eine sehr wichtige Art, über die lateinamerikanische Wirklichkeit zu erzählen", die so schnell auch nicht verloren gehen, sondern eine neue Belebung durch künftige Generationen erfahren werde. Wie so viele Schriftsteller seiner Generation, also der heute 35- bis 45Jährigen, beklagt er aber, dass das, was García Márquez zur hohen Kunst erhoben habe, seine Epigonen nur mehr mechanisch nachahmen. "So viele Autoren verkaufen in ihren Büchern weiterhin die Formel von Lateinamerika als einem Kontinent des Exotismus und des Eskapismus. Diese Formel ist zutiefst beklagenswert, aber sie hat den größten Erfolg in Europa," formuliert es Gamboa.

Die Skepsis der Jungen richtet sich nicht gegen García Márquez' Roman "Hundert Jahre Einsamkeit", sondern die von diesem Werk abgeleitete Rezeption der lateinamerikanischen Literatur in Europa und den USA. Ablehnung des "Macondismo", wie das nach dem Dorf Macondo in "Hundert Jahre Einsamkeit" benannte epigonenhafte Festhalten am Magischen bezeichnet wird, hatten einzelne Autoren bereits in den 80Jahren zum Ausdruck gebracht. Eine angeblich wahre Begebenheit in den 90er Jahren aber gab Anlass zum ersten quasi programmatischen Werk gegen den Macondismo, der 1996 veröffentlichten Anthologie der neuen hispanoamerikanischen Literatur mit dem Titel "McOndo".
Bei der renommierten Schriftstellerwerkstatt an der US-amerikanischen Universität Iowa seien angesichts des dort gerade vorherrschenden "Latino-Wahns" drei junge Lateinamerikaner vom Herausgeber einer angesehenen Literaturzeitschrift aufgefordert worden, Geschichten für eine ausschließlich den Latinos gewidmete Sondernummer zu verfassen, schildert der Prolog von "McOndo". Doch nach Lektüre der drei Texte habe der Verleger zwei zurückgewiesen, nicht weil sie etwa unausgereift oder in ihrem Aufbau stümperhaft gewesen wären, sondern weil "es ihnen an Magischem Realismus ermangelt" habe. Diese Texte, habe der Verleger nachgesetzt, "hätten ebenso gut in irgendeinem Land der Ersten Welt geschrieben werden können".

"An jenem Tag wurde mitten in der Ebene des Mittleren Westens McOndo geboren", erläutern die Herausgeber der Anthologie, Alberto Fuguet und sein Landsmann Sergio Gómez. Mit-inspiriert hätten sie sich dabei an der bereits drei Jahre zuvor von Fuguet zusammengestellten Kurzgeschichtensammlung chilenischer Autoren unter 25 Jahren mit dem Titel "Cuentos con Walkman" (Erzählungen mit Walkman). Diese habe ihr Selbstverständnis - ihre "Walkman-Moral" - in knappen Worten dahingehend definiert, dass es sich um "eine neue literarische Generation handelt, die post-alles ist: post-Modernismus, post-Yuppie, post-Kommunismus, post-Babyboom, post-Ozonschicht. Hier gibt es keinen magischen Realismus, hier gibt es virtuellen Realismus."

"McOndo" sollte noch unveröffentlichte Kurzgeschichten von Autoren aus dem gesamten lateinamerikanischen Raum enthalten, die zwischen 1959 (dem Datum der kubanischen Revolution) und 1962 (jenem Jahr, in dem in Chile und anderen Ländern der Region das Fernsehen seinen Einzug hielt) geboren waren; die Mehrheit der 18 schließlich ausgewählten Schriftsteller dann freilich um einige Jahre jünger. Inhaltlich gab es eine einzige Vorgabe: Die Texte dürften "keine Spur von Magischen Realismus" aufweisen, "quasi als Rache für das, was in Iowa passiert war", wie im Vorwort zu lesen steht. "Wir verleugnen nicht das Exotische und Bunte in der Kultur und den Gewohnheiten unserer Länder, aber es ist unmöglich, die reduktionistischen Essentialismen hinzunehmen. ... Der Name (registrierte Marke?) McOndo ist klarerweise ein Witz, eine Satire, ein Wortspiel. Unser McOndo ist so lateinamerikanisch und magisch (exotisch) wie das reale Macondo (das natürlich nicht real, sondern virtuell ist). Unser Land McOndo ist größer, überbevölkert und voll Umweltverschmutzung, mit Autobahnen, U-Bahnen, Kabelfernsehen und Slums. In McOndo gibt es McDonald's, Mac-Computer und Kondominiums und selbstverständlich mit gewaschenem Geld gebaute Fünf-Stern-Hotels und riesige Einkaufszentren. ... Lateinamerika, und in gewisser Hinsicht Hispanoamerika (Spanien und die von den Latinos geprägten Teile der USA) erscheint uns so magisch-realistisch (surrealistisch, verrückt, widersprüchlich, wahnwitzig) wie jenes imaginäre Land, in dem die Menschen levitieren, die Zukunft vorhersagen und die Männer ewig leben. So legen Fuguet und Gómez die Grundthesen ihrer Anthologie dar, die als Traktat oder gar Manifest zu bezeichnen ihren Worten nach zu weit ginge.

Wenn die beiden Herausgeber selbst ihr Buch als "unvollständig, parteiisch und willkürlich" bezeichnen, so griffen Kritiker zu viel heftigeren Worte. Von einem Ausverkauf an die amerikanische Popkultur, von einer Verächtlichmachung der großen literarischen Tradition Lateinamerikas bis hin zu sprachlicher Verarmung und elendem Jargon lauteten - und lauten - die negativen Urteile. Fuguet hatte sich bereits zuvor die Abqualifizierung seines Erstlingsromans "Mala Onda" (1991), der von der Jugendszene der Oberschicht unter der Pinochet-Diktatur handelt, als reinen "Müll" gefallen lassen müssen.

Fuguet fand, zumal in den Vereinigten Staaten, auch schnell seine Anhänger. Das US-Wochenmagazin Newsweek bildete Fuguet 1998 auf dem Titelblatt einer seiner Ausgaben ab und verkündete "Latin Literature's New Look". Zur Jahrtausendwende erwählten das Magazin "Time" und der Fernsehsender CNN Fuguet zu einem der fünfzig "Leader des Kontinents im neuen Jahrhundert". Fuguet wurde 2001 von der Fachschrift "Foreign Policy" um einen Beitrag gebeten, in dem er unter dem Titel "Magischer Neoliberalismus" ausführte, wie die marktorientierten Wirtschaftsreformen in Lateinamerika eine regelrechte Kulturrevolution ausgelöst hätten. Die bizarre, folkloristische Sensibilität des Magischen Realismus sei einer groben, urbanen Frenetik in Belletristik, Musik und Film gewichen. Fuguet verweist auf den - im Jahre 2002 dann auch in Europa vielerorts gezeigten - Film "Amores Perros" des Mexikaners Alejandro González Inárritu. Dabei kann er sich eines Seitenhiebs auf Laura Esquivel nicht verwehren, der, wie auch Isabel Allende, eine ganze Reihe junger lateinamerikanischer Autoren jenes bereits erwähnte so finanzträchtige wie sterile magisch-realistische Epigonentum vorwerfen. Amores Perros sei "so mexikanisch, dass Laura Esquivel, die "Bittersüße Schokolade" verbrochen [sic, Red.] hat, vermutlich dachte, er würde anderswo handeln....Das ist kein Junk aus einem phantastischen Themenpark. Das ist das echte Zeug", stellt Fuguet klar. In González Inárritu erkennt er einen wahren McOndisten. Das Buch zu Amores Perros verfasste Inárritus Landsmann Guillermo Arriaga, von dem im Vorjahr der Roman "Der süße Duft des Todes" auf Deutsch erschienen ist.

In den Debatten über Fuguet, von dessen Werken noch kein einziges ins Deutsche übertragen wurde, ist immer wieder auch der Begriff des Vatermörders gefallen. Der Chilene selbst hat dabei in Artikeln, von denen einige auch auf seiner Webseite in spanischer oder englischer Sprache nachzulesen sind, sein Verhältnis zu García Márquez erläutert. Dabei spannt er den Bogen des vielseitigen Verhältnisses von Begeisterung über Skepsis, Unsicherheit angesichts der so unterschiedlichen Anhänger von García Márquez und ihrer Motive bis hin zur Aussöhnung. "GGM" oder "Gabo", wie die Lateinamerikaner García Márquez oft kurz nennen, und andere Patriarchen des Boom scheinen sich ihrerseits durch die junge Generation weder verraten noch vom Sockel gestürzt zu fühlen. Jorge Franco, der Gabo persönlich kennt, bestätigt, dass dieser die jungen Autoren mit Interesse lese und unterstütze. Seinen angeblichen "Mörder" Fuguet bat García Márquez anlässlich des Erscheinens des ersten Teils seiner Autobiografie "Vivir para contarla" (Leben, um davon zu erzählen) um einen Beitrag für seine Zeitschrift "Cambio". Fuentes gilt als besonderer Verfechter der "Crack"-Gruppe um Jorge Volpi und Ignacio Padilla, in den 60er Jahren geborene Mexikaner, deren Manifest im gleichen Jahr wie die "McOndo"-Anthologie erschien. Sie distanzieren sich ebenfalls klar von den Imitatoren des Booms, wenden sich unter Berufung auf den großen argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges aber auch von lateinamerikanischen Themen ab. Borges zufolge stünde es den Lateinamerikanern ebenso wie den Juden zu, nicht bloß über eine bestimmte nationale Tradition, sondern über die gesamte europäische Kultur zu verfügen.

Auf Deutsch erschien von Volpi nach der Millenniumswende der Roman "Das Klingsor-Paradox" über die Suche nach Hitlers geheimem Wissenschaftsberater und das deutsche Atomprogramm. Das Crack-Manifest ist mit den Stichworten "Manifiesto" und "Crack" im Internet ebenso leicht zu finden wie der Prolog von "McOndo". Die Anthologie aber ist bis heute in keine einzige Sprache übersetzt worden und selbst über Internet nur schwer erhältlich. Warum dem so ist, kann der heute an der Cornell-Universität in den USA lehrende Bolivianer Paz-Soldán, der einen Beitrag für "McOndo" beisteuerte und auch danach gelegentlich mit Fuguet zusammenarbeitete, nicht sagen. Das Interesse für das Werk, mutmaßt er, sei einfach nicht groß genug gewesen. So "unausgewogen" das Buch auch sei, sein Erscheinen hält Paz-Soldán weiterhin aus persönlichen wie literarischen Gründen für ein äußerst bedeutendes Ereignis. "Für meine Karriere war es sehr wichtig, weil der von mir in der Anthologie veröffentlichte Text das erste meiner Werke war, das auch außerhalb meiner Heimat in Umlauf kam. ... Dann zeigte [das Werk] klar, dass es in der neuen Generation, der ich angehöre, eine Entfernung vom Magischen Realismus gibt. In gewisser Hinsicht ist 'McOndo' zum Ausgangspunkt geworden, um über die neue lateinamerikanische Erzählkunst zu reden."

Santiago Gamboa,
- Verlieren ist eine Sache der Methode
Unionsverlag 2001
- Das glückliche Leben des jungen Esteban
Wagenbach 2002

Jorge Franco,
Rosario Tijeras
Unionsverlag 2002

Jorge Volpi, Eloy Urroz, Ignacio Padilla,
Drei Skizzen des Bösen.
Hainholz 2001

Jorge Volpi,
Das Klingsor-Paradox
Klett-Cotta 2001

Hector Abad ,
Kulinarisches Traktat für traurige Frauen.
Wagenbach 2001

Jaime Bayly,
Sag es keinem
Ammann-Verlag 1996

Webseiten:
www.fuguet.com
www.jorge-franco.com
www.exodusltd.com

9. Juni 2003

Leserbrief

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