Die verschlafenen Revolutionen

Ein kurzgeschnittener Traum im Jungen Europa

Hat sich die Dynamik der "Wende" in Ost-Europa schon nach wenigen Jahren totgelaufen? Haben die wilden Privatisierungen nur einer cleveren Mafia in die Hände gearbeitet? Und woher kommt hier und da die willige Unterordnung unter einen fernen, aber kriegsbereiten Hegemon?

Von Vasile V. Poenaru

Vom Fall der Bastille 1789 ist in der modernen Geschichte sehr viel übriggeblieben (unter anderem natürlich die Bastille selbst). Genau zweihundert Jahre später fielen die kommunistischen Regierungen Osteuropas, doch von diesem Fall ist nicht mehr so viel übriggeblieben (abgesehen natürlich von den Regierungen selbst). Manche fragen sich sogar, ob "Fall" wirklich das richtige Wort dafür sei, was man bisweilen auch Kaderrotation, Umstrukturierung oder eben Wende nannte.

Revolution verloren. Erkläre sie für null und nichtig. Eine solche Anzeige hat kein Volk je in eine Zeitung gesetzt, unter anderem deswegen, weil Völker keine Anzeigen in Zeitungen setzen, ebensowenig wie sie soziale oder unsoziale Verträge unterzeichnen, die eine bedeutungsgierige Geschichte fein und sauber für sie bereithält. Und außerdem können Revolutionen ja nicht einfach verloren werden wie etwa Kriege. Sie laufen ab. Manchmal laufen sie davon. Doch wo eigentlich das seinerzeit wohl vorteilhaft angelegte sozial-politische Kapital der Wende bloß steckt, bleibt eine offene Frage. Altkommunisten mit plötzlichem NATO-Hauch üben sich nun gerne an einer möglichst verbraucherfreundlichen Modellierung politischer Instinkte, halten fest an ihrer freilich mutierenden, doch immer noch erfolglos idealstrotzenden Identität, bestaunen die miese Wirtschaftsbilanz des realen Postkommunismus und verlesen mit aller angebrachten Würde strapazierte Binsenwahrheiten wie Gelegenheitslügen. Manche sind eben schlau, andere nicht. Sie wissen aber wenigstens ungefähr, dass Osterweiterung und Ostblockerweiterung zwei verschiedene Sachen sind, auch wenn sie mit der gleichen Himmelsrichtung anfangen. Und spüren dabei instinktiv, dass der Boss der Europäischen Union nirgendwo in Europa steckt. Dies wird unter anderem beim Briefeschreiben bedacht. Und bei Überflugsrechten. Und beim Rüsten.

Wann fangen Revolutionen an? Wo hören sie auf? Was bleibt übrig, nachdem man anders denkt, als man denkt? Viel klären und viel verklären gehört zur Dynamik des als gemeinnützig präsentierten Gedankenguts profitlüsterner Eliten im postdiktatorialen jungen Teil des Kontinents (Brave New World in the East?). Aus dem entwickelten Westen drangen gegen Ende des abgelaufenen Jahrtausends zum Teil wohlerprobte politische Ideale und Gesellschaftsmodelle in das unentwickelte Rand-Europa, wo man in der Regel prompt bereit war, sie allesamt ohne Meckern mit oder auch ohne Garantie und Gebrauchsanweisung zu übernehmen. Begrenzte Haftung wurde zum Leitwort des kapitalfreundlichen Spätkommunismus. Der Durchschnittsgauner mit begrenzter Haftung und unbegrenzten Beziehungen war entzückt über den verschwommen definierten Begriff neuester Freiheit, man übte sich voller Gier in der neuen Handelsdemokratie mit mobilen Paragraphen. Stimmen und Gelder wurden gezählt, wenn immer es um die Qual der Wahl ging. "Euphorie" wäre vielleicht nicht zuviel gesagt, um jenen illusorischen Zustand wohltuender Erbaulichkeit zu umschreiben, der sich schnell in den öffentlichen Alltag einnistete. Mit der Zeit legte sich dann aber der Westwind. Leider. Gott sei Dank. Selbstverständlich. Erstaunlicherweise. Nur selten fallen noch müde Blicke auf allzurasch verwehte Proklamationen und krumme Wegweiser. Die selbstlos oder vielmehr: selbstvoll beseelten osteuropäischen Menschenmengen des verschwundenen Jahrtausends sind mitsamt ihren unzeitgemäßen Erwartungen längst auseinandergelaufen, kein noch so pathetisch ausgerufenes Prinzip vermochte sich über ein momentanes Selbstverständnis kurzfristiger massenmedialer Konglomerate auf dem neudemokratischen Spielfeld des Populismus zu behaupten. Ihre Bedeutung ging in eine dürftig interpretierte Statistik ungelenker Gelegenheitsinstinkte unter. Das Potenzial für einen sinnvollen Aufschwung war durchaus vorhanden, aber man stürzte sich lieber auf den gängigen Augenblick. Er war sehr schön. Verweilen wollte er jedoch nicht. Die Erinnerung an großartig pulsierende Zeiten ist im öffentlichen Bewusstsein kaum noch anders als in lieblos archivierter Form da. Dies scheint allerdings die wenigsten zu stören. Vergessen können: in der Tat ein Balsam der Psyche.

Zwar gab es überall in den „neuen Beitrittsländern" sozusagen demokratische und fortschrittliche politische Kräfte, die dann schließlich auch fast überall wenigstens vorübergehend irgendwann an die Macht kamen. Nur waren sie allesamt besser im Protestieren gewesen, als sie es in der zufriedenstellenden Verwaltung soziopolitischer und wirtschaftlicher Katastrophen sein sollten. Vieles musste in Kauf genommen werden, um ein großzügigeres Zeitalter herbeizubeschwören, vieles musste aufgegeben werden im sozialen Gewinnspiel der „Europäisierung". Als die Begeisterung für das angeblich preiswert erstandene Stück Zukunft verlorenging, war guter Rat teuer. Und die Verschuldung hoch.

Man fing wieder an zu theoretisieren. Natürlich dauert echte Begeisterung in der Weltgeschichte nie sehr lange, doch es besteht in der Regel wenigstens für einige klar identifizierbare überregionale Augenblicke ein riesiges Veränderungspotenzial, gleichsam eine gesteigerte Dynamik des an sich unbeständigen Masse-Macht-Kontinuums und nicht zuletzt die Chance, daraus das Beste zu machen, wie es so schön im Amerikanischen heißt. Make the best of what you've got: im Fall der rumänischen Wende etwa ein kategorisch unerfüllter Imperativ. Aber in Rumänien hat freilich alles ein bisschen später angefangen.

Wachet auf, wachet auf, es krähet der Hahn! Eine neue demokratische Bahn wird in der osteuropäischen Politik eingeschlagen. Es wird erweitert, es wird integriert. Wach auf, Rumäne, aus dem Todesschlaf!, ertönt's im karpatischen Fernsehen. Die jüngste Nationalhymne versteht sich als Anlehnung an revolutionäres Gedankengut, und zwar bezeichnenderweise vor allem an jenes revolutionäre Gedankengut, das 1848 wie ein Sturm, nein, wie eine Gemütserregung, oder besser gesagt wie eine utopische Bürste sozial-politischer Aufklärung durch ganz Europa gegangen war. Aber Revolutionen werden versäumt, wenn man sie nicht wahrnimmt. Ein Traum außerordentlicher Leistungen endete offensichtlich im Mittelmaß. Die Gegenwartsgeschichte als Reality Show braucht gutgedrillte Zuschauer, die den hohen Wert niedriger Ambitionen bekunden. Wir sind das Volk: Wandelnde Interessen lauern hinter dieser erschütternden Anmaßung.

In den Museen klebt Blut an den strapazierten Schwertern der Vorahnen, die vorzüglich wild um sich herum schlugen, um da bleiben: um her zu kommen: um Kontinuität zu behaupten oder zu widerlegen: um das Aufeinanderprallen von Streit und Macht zu erkunden. Heldentum kommt nämlich immer gut an, und deswegen erheben ja auch viele sensationsgierig rückblickende Personen gerne Anspruch darauf, besonders wenn es einem politisch und/oder persönlich weiterhelfen kann (und wer macht schon den Unterschied?): Komme direkt von der Barrikade, schaut euch nur meinen Bart an, seit drei, seit fünf, seit achtzehn Tagen hab ich ihn nicht mehr rasiert! Diesen Satz mussten (fast) alle zum Besten geben, die in den verschwendeten Augenblicken rumänischer Tumultgeschichte der verschlafenen Revolution einen persönlich befriedigenden und dabei als überpersönlich empfundenen Fernsehauftritt genießen wollten. Irgendwie wurde ein unrasiertes Antlitz auf einmal zum unabdingbaren Beweis emporstilisiert, gerade für nichts anderes mehr als die Revolution Zeit zu haben. Nicht viel fehlte, und man hätte bald angefangen, beim Bart des Propheten zu schwören. Doch nein, Rumänien ist ein christliches, ja heute noch dazu ein alliiertes Land!

Viele wollten angesichts der eingetretenen Wende im Handumdrehen gerne mal heimliche Dissidenten gewesen sein, was leider im Nachhinein oft nicht gut klappte. Und weil sie schon nun einmal an den mittels primitiver PR-Methoden aufgearbeiteten Ereignissen „unserer Revolution" nicht selbst teilgenommen hatten, wollten sie es nun wenigstens sein, die alles „ganz von Anfang an" sozusagen unmittelbar und in aller denkbaren Gefahr an ihrem freilich harmlosen Bildschirm (also eben doch nicht ganz unmittelbar, trotzdem angeblich immer noch in aller denkbaren Gefahr) mit gleichsam heldenhaften Elan verfolgten. Was sich ja gut anhört.

1956 lehnten die Ungarn gegen den Komunismus auf, 1968 waren es die Tschechen. 1978 streikten die rumänischen Bergarbeiter im Jiu-Tal, und 1987 wurde in Brasov/Kronstadt gegen den Totalitarismus protestiert. Ein Jahr zuvor hatte Michael Gorbatschow seine Perestroika ausgerufen. Ferhseher wurden mit großer Wucht angedreht, soweit die Stromversorgung funktionierte. Die Polen aber hatten inzwischen auf einer Werft gemerkt, dass Masse und Macht zusammengehören. Auch kam der Papst zu Besuch. All dies war bekannt, als das Jahr 1989 eine neue osteuropäische Wirklichkeit hervorrief, die man mitunter Wende heißt.

Und doch kam die Umgestaltung der sozialistischen Staaten für viele irgendwie unerwartet. Am meisten staunen durften wohl die Rumänen. Noch vor wenigen Monaten hatte der Diktator seine jüngste Doktrin in den sogenanten „April-Thesen" festgelegt, auf die sich ab sofort jeder zu berufen hatte, der den Mund auch nur halbwegs aufmachen wollte. Noch vor wenigen Wochen hatte sich der Conducator unter patriotischem Jubel im Amt bestätigen lassen. Die Sklaven schienen fest im Griff. Die Sklaven der Sklaven schienen fest im Griff. Die Geheimpolizei suchte nach versteckten Gedanken, die Dichter nach versteckten Metaphern. Ein Staatschef träumte von einer goldenen Zukunft. Und plötzlich nun brannten seine April-Thesen, die niemand je zitiert haben wollte. Das Zentralkommittee der Kommunistischen Partei war aufgelöst, ja nicht einmal die Große Nationalversammlung gab es mehr! Dei liebste Sohn des Vaterlandes wurde erschosen, da lag der verhasste Diktator, die einst so treuen Mitläufer einer verkehrten Politik wandten sich prompt von seinem Leichnahm ab und begannen allesamt, westlichere Ideen zu hegen und westlichere Währungen zu mögen. Die sogenannte Privatisierung des staatlichen Eigentums wurde ausgerufen. Ein jeder nahm sich, was er brauchen konnte, sobald es sich in Reichweite befand. Der Staat wehrte sich nicht, als er von denjenigen ausgeplündert wurde, die ihn verwalteten. Bald kristallisierte sich die neue Klasse der Privatisierten. Übergangszeiten bieten immer einmalige Voraussetzungen zu unlauteren Geschäften, und wer immer einmal früher bei denen hoch eingestiegen war, konnte nun daraus besten Profit schlagen. Der eine hatte sich eine Bank angeeignet, der andere drei Hubschrauber oder sagen wir mal eine gute Straße. Die früheren Spezialisten für wissenschaftlichen Sozialismus lehrten nun plötzlich mit einnehmender Unverschämtheit International Marketing. (Was für ein treffender Beweis dafür, dass es endlich nur noch auf Fleiß, Initiative und echte Erfahrung ankam!) Die moralische Rechtfertigung dieser Untaten lautete schlicht und unüberzeugend: Das Volk holt sich zurück, was dem Volk gehört. Diebstahl kam da nicht in Frage, sondern eben bloß Holen. Abholen. Einholen. Überholen. Ein kapitalistisch gemeinter Wettbewerb war im Ansatz. Der Klassenfeind, vor dem früher die Genossen immer gewarnt hatten, erhob sich ungeniert aus ihrer eigenen Mitte, um seine so lang prophezeite Habgier zu bekunden. Neureiche ließen sich beklatschen, Neuarme ließen sich bemitleiden. Die meisten hatten dann nämlich freilich wieder einmal gar nichts außer ihrer Ehrlichkeit, die sich im Nachhinein leider als falsche Option erweisen sollte. Sie waren in der neuen neuen Wirklichkeit ebenso untauglich wie in der alten neuen Wirklichkeit.

Divide et impera: Alle Wege führen heutzutage nach Texas, alle Briefe werden da hingeschickt. Die dortige Philosophie, die dortigen Instinkte dürfen niemandem egal sein. Und leider ist der Opportunismus eben einmal das große Steckenpferd kleiner Politiker, von B wie Bukarest bis S wie Sofia. Freilich macht die unterwürfige Außenpolitik in Rumänien dabei eher eine Frage des Überlebens aus, anderweitig immerhin vielmehr eine Sache des Überhebens. Polen, unser bester Freund in Europa, hat das fragliche Prädikat als alliierte Besatzungsmacht in Irak errungen oder besser gesagt: erteilt bekommen. Nachdem sie die Bastille stürmten, wussten die klassischen Revolutionäre auch nicht immer genau, wo es nun lang gehen sollte.

Politik heißt Machtpolitik. Für die Kleinen bedeutet dies Mitmachen, soweit möglich auf der Seite der Gewinner. Viele Menschen wollen dabei freilich ein friedliches Europa. Das Leitwort der Stunde jedoch heißt "rüsten". Im April 2003 hat Polen sogar beschlossen, gleich ein paar Milliarden Dollar für 48 amerikanische F-16 Jet-fighters auszugeben, um die neue Solidarität mit dem großen Bruder zu stärken. Das gibt den Ton an: Auch weitere Ossi-Länder werden bald angemessene Star-Wars-Tötungstechniken vom produktionswütigen Bombenfreund kaufen, um unter Beweis zu stellen, dass sie freilich in zweiter Linie gute Europäer sein wollen, in erster Linie jedoch gute Amerikaner. Auch sie werden bald zu stolzen (und skrupelhaften?) Besatzungsmächten ernannt werden wollen, wo immer Sold, Lob und Bodenschätze locken. Die ewigen Jagdgründe dehnen sich aus, das Problem der Ressourcen wird wieder einmal echt global angepackt. Man disseminiert schnell produzierte Rechtfertigungen und schafft die lästige UNO aus dem Weg. Nichts hat mehr Bestand als kurz- bis mittelfristige Vorteile. Das junge Europa beugt sich mit allem angebrachten Respekt und dazugehörigen wirtschaftspolitischen Erwartungen vor den kaufkräftigen Exponenten internationaler Gewaltausübung. Politische Hampelmänner und brave Fernsehkonsumenten greifen faul und folgsam zu den unbeständigen pragmatischen Gedankenzügen jeweiliger Konjunkturen, die der primitiv bevormundeten Weltöffentlichkeit blitzschnell verabreicht werden. Deutschland und Frankreich sind undankbar, und wehe dem Undankbaren (Wer will schon dazu zählen? Wir doch nicht!). Kritik nach oben: Sowas ist unfein. Als demonstratives Bravo für die fügsame Gefolgschaft des ewigen Kriegsherrn soll nun möglicherweise ein Großteil der in Deutschland stationierten US-Truppen nach Polen, Rumänien und Bulgarien verlegt werden. Hat das was zu bedeuten? Nothing to do all day but stay in bed / You're in the army now.

Wenigstens ein paar der kleinen Mitläufer-Staaten haben sich unwillig in die Koalition der Willigen einpacken lassen, was nur die Ironie des Ausdrucks beleuchtet. Sie haben sich sozusagen eher geduckt und sich dann diese passive Haltung als Willenskraft bestätigen lassen, was bald grotesk wirkt. Die jungen, treuen, wendefähigen Europäer im Osten der Geschichte sind nämlich als ständige Nachwuchsdemokratien verhältnismäßig leicht dazu zu bewegen, sich recht überschwänglich und zugleich untertänig dem Befehl der mächtigen Falken so ganz und gar ohne Zögern, ohne Bedenken und ohne Skrupel zu fügen, vor allem weil sie sich davon mehr versprechen als von der durch Zwist geschwächten Europäischen Gemeinschaft, die es in absehbarer Zukunft offensichtlich wohl kaum zu einem alternativen Machtzentrum im globalen Speisesaal bringen wird. Der nationale und der internationale Hunger, der nationale und der internationale Patriotismus stecken hierin aus staatlichen wie überstaatlichen Gründen im selben terminologisch zurechtgeflickten Sack – kein Problem für aussagefähige Ideologen mit multifunktionalen Simultandoktrinen auf Lager.

Hoffnungsvoll treiben die Ostblockstaaten dem Land der Freiheit entgegen, um einen neuen Pakt zu unterschreiben. Unsicher sehen sich die Bosse nach einem Boss um. Da sitzt er, seinerseits unsicher, nein, sagen wir lieber selbstbewusst. Staatsmänner mit Visionsdefizit lieben die transatlantische Disziplin der willigen Völkerbevormundung. Und nur diejenigen, die es sich zur kurzfristig unprofitablen Gewohnheit gemacht haben, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen und ihr eigenes Herz ticken zu lassen, finden sich in dieser strategisch gemeinten Außenpolitik schwer zurecht.

18. Juni 2003

Leserbrief

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