Rupprecht Mayer


Das Ende eines Komparatistenkongresses

Nusa Dua hätte wie Edinburgh zu Ende gehen können, oder auch wie Goslar. Die Panelisten hatten sich wie üblich angegiftet, der Kaffee, den das Hilton in den Pausen bereitstellte, war wie immer lauwarm, und auch die Fehde zwischen den Westeuropäern und den Abgewickelten brachte keine neuen Höhepunkte. Selbst ein Schlagabtausch zwischen Thompson (Berkeley), Butterfield (Duke) und einer Gruppe von "jungen Wilden" aus Slowenien sorgte nur für mäßige Aufregung.

Doch am abschließenden Samstagvormittag verlas Suterlein (Bern) nach seinem Referat "Zeichen und Kontext - Hermann und Dorotheas transkaukasische Enkel" plötzlich mit zitternder Stimme eine Protesterklärung: Einige Mitglieder der sogenannten Germanistenfraktion seien während der Konferenzpausen immer wieder zum Teil schmerzhaft an den Schwänzen gezogen worden!

Das schlug wie eine Bombe ein. Die angeblich angegriffenen Mitglieder der Germanistenfraktion waren in einigen Fällen schon abgereist (u.a. wegen der SARS-Gefährdung), andere waren peinlich berührt, daß ihre Schwänze, die sie immer kunstvoll eingerollt am Rücken unter dem Jackett versteckt hatten, überhaupt thematisiert wurden. Manche wiederum hatten ihre Schwänze demonstrativ offen hinter sich hergetragen und die ein oder andere neugierige Berührung souverän ignoriert.

Es zeigte sich auch, daß die Schwanzproblematik nicht auf die Germanistenfraktion beschränkt war, sondern daß die Fronten quer zwischen den Sprachen, Nationen, Teildisziplinen und Generationen verliefen.

An eine fachliche Diskussion war nun nicht mehr zu denken, und die für den Sonntag geplante Exkursion zu einem heiligen Affenhain fiel aus. Beim Auseinandergehen schlossen die Teilnehmer Wetten ab, ob es noch vor Johannesburg zu einer Spaltung der Internationalen Komparatistenföderation (FIC) kommen wird.

Blut von Fremden

Böllerschüsse morgens zwischen sieben und acht, aber keine Störung des Schlafs. Kein Grund zur Reklamation. Auch nicht wegen der fehlenden Papayas am Frühstücksbuffet, man ist ja nicht in Thailand.

Dunkel und kompakt wie immer die Erde, auf die er trat. Ab und zu Wurzeln, gelblicher Kalkstein. Ein Pfad in Bayern. Ungewohnt waren nur die roten Fäden im Bergbach.

Einige Bäume, die knapp über dem Boden gesprengt worden waren, standen kerzengerade neben den gesplitterten Stümpfen. Heiles Geäst umringte sie und hinderte sie am Sturz.

Keine Reklamation erschlagener Kurgäste. Im Gegenteil, Freude auf Herbstlaub im Mai.

Die neuen städtischen Bänke links und rechts des Pfads hatten ihn im letzten Jahr schon gestört. Echte Bergsteiger setzten sich nicht darauf.

Immerhin, einige Fremde dachten anders. Keine Wandermüdigkeit hatte sie schlaff gemacht. Wer den Kopf so hängen ließ, der wachte nicht mehr auf.

Eine Nebenszene, warum sollte er hinschauen. Er mußte auf seinen Weg achten. Wahrscheinlich tropfte Blut durch die Latten, bildete Rinnsale.

9. Juni 2003

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