Sissy de Leu


die bergin

(auf den stufen
in den palästen
wandert gott
auf den füssen der
toten die sich
umdrehen & sehen
- alles ist gut:
heute haben wir menschen gemacht
morgen machen wir felsen)

bevor ihr quarziges
fleisch aufbricht
& der öffnung
mineralischen glanz verleiht
wie mädchen es manchmal
mit rosenöl tun
begleiten murmeltierpfiffe
unsere suche nach
knochigen spuren
von wesen die waren
bevor das wort war

die marken in die bergin schlugen
- erste felsige kosmetik -
blühende herden
über hänge hetzten
bilderde rieben aus
blumen & ton
im versuch der steine
wasser: kristalline sprache
zu sein

im finstern hat die nacht
vielfältige stimmen
die bergin spricht
heut fühlt sie ihr herz
auf den mütterlichen pfaden
raunen wir einander dies zu
& blüten dreschen uns
duftende fäuste ins gesicht
hier lacht die bergin:
ihr herz frisst sie auf
die flügel gestrafft
den globus verlassen


fette frau

am abend ruht die bergin
wenn himmelhoch rotwirbel
& säulen sich zeigen lockert
sie vorsichtig ihre muskeln
neigt die schultern & als
verschneite murmeltierpfoten
jagen ihre seufzer die hänge hinab

fette frauen singt sie
fette frauen stöhnt sie
brauchen riesengrosse flügel
wenn sie abheben wolln

die bergin strafft sich ein
ruck fährt von der basis zum
gipfel & lässt die tiere verstummen
noch mehr ruhe giesst ihr räuspern
über die pfade sie faltet die hände
aus geröll sie faltet die lippen:
stimm & scham - eine göttin fern der tat

fette frauen singt sie
fette frauen stöhnt sie
brauchen riesengrosse flügel
wenn sie abheben wolln


Veröffentlicht in:
Schattenwelten. Wahn, Gewalt und Tod. Eine Prosa-Anthologie von Andreas Gößling und Charlotte Lyne, Mayamedia GmbH, München 2001

9. Juni 2003

Leserbrief

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