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Dienstag, 24. März 1953, US-Senat (Ständiger Unterausschuss)
Aussage von Langston Hughes
(Auszüge)
Der
hier vom McCarthy-Ausschuss verhörte (Foto) James Langston Hughes
(1902 - 1967) hat als einer der ersten Autoren in Reportagen, Romanen
und Kurzgeschichten, vor allem aber in seinen Gedichten das Ghetto-Leben
der Afro-Amerikaner in den USA beschrieben. Er "stellte anklagend
die Rassendiskriminierung der amerikanischen schwarzen Bevölkerung
dar, wobei er den Dialekt Harlems einsetzte und durch literarische Adaption
von Jazzelementen deren melancholische und elegische Stimmungen nachgestaltete,
z.B. "The weary blues" (Gedichte, 1926) und "Das Buch
vom Jazz" (1954)." (Meyers großes Taschenlexikon, 1990).
Senator DIRKSEN: Das wird jetzt natürlich eine direkte Frage,
aber ich denke, ich sollte Ihnen vorher den Zweck dieser Anhörung
erklären, weil ich glaube, dass die angehörten Zeugen ein
Recht darauf haben.
Mr. HUGHES: Ich wäre Ihnen dankbar, Sir.
Senator DIRKSEN: Sehen Sie, im vergangenen Jahr hat der Kongress 86
Millionen Dollar bewilligt (statt des ursprünglichen Amntrags als
160 Millionen) zu Propagandazwecken in der freien Welt, im System der
Freiheit, ich glaube, Sie verstehen ganz allgemein, was ich meine, das
Amerikanische System eben. Von diesen 86 Millionen Dollar waren 21 Millionen
für die Stimme Amerikas bestimmt. Manches andere war für die
Film-Industrie bestimmt. Ein Teil der Mittel wurde auch abgerufen.
Mr. HUGHES: Es tut mir leid, Sir, ich habe das nicht verstanden.
Senator DIRKSEN: Filme und die Stimme Amerikas - haben Sie das verstanden?
Mr. HUGHES: Ja.
Senator DIRKSEN: Und weitere Mittel wurden benutzt, um damit Bücher
zu kaufen und mit ihnen Bibliotheken in vielen Teilen der Welt auszustatten,
wobei die Absicht natürlich die war, dass, wenn Leute in diesen
Ländern Zugang zu amerikanischen Büchern haben, die ausdrücklich
amerikanische Ideale und die amerikanische Kultur darstellen, dies nützlich
wäre zur Propagierung unseres Lebensstils (Way of Life) und unseres
Systems. Die Bücher einer ganzen Reihe von Autoren wurden in diese
Bibliotheken aufgenommen. Sie wurden natürlich gekauft. Die Frage
ist jetzt, ob sie wirklich dem prinzipiellen Zweck dienen, den wir von
Anfang an im Sinn hatten, als wir das Geld dafür beschafften, oder
ob sie völlig andere Ideen verbreiten. Es besteht offenbar auch
Interesse an Ihren Werken, denn Bände mit Gedichten, die Sie gemacht
haben, wurden erworben und auch in diese Bibliotheken eingestellt, offenkundig
durch das Außenministerium, genaugenommen aber, sollte ich sagen,
durch das Amt für Internationale Information. Diese Angelegenheit
untersuchen wir hier, weil sie die Verwendung öffentlicher Mittel
zum Ankauf dieser Art Literatur beinhaltet, und die Frage ist: Ist das
eine effektive Mittelverwendung, zielt sie auf das Ideal, für das
wir einstehen, und kann man das vernünftigerweise rechtfertigen?
Wir haben dabei eine ganze Reihe Ihrer Werke angetroffen, und ich wäre
nicht offen mit Ihnen, Sir, wenn ich Ihnen nicht sagen würde, dass
in den Köpfen einiger Ausschussmitglieder - ebenso in den Köpfen
vieler anderer Leute - eine Frage aufgetaucht ist, die die allgemeine
Richtung einiger dieser Gedichte betrifft, also ob Sie eher einen kommunistischen
als einen antikommunistischen Ton anschlagen. An diesem Punkt hat möglicherweise
Mr. Cohn, unser Anwalt, auch einige Fragen zu stellen.
Mr. HUGHES: Könnte ich Sie fragen Sir, welche meiner Bücher
in den Bibliotheken sind?
Senator DIRKSEN: Sie stehen hier, und ich glaube, wir werden uns wahrscheinlich
auf einige davon beziehen.
Mr. HUGHES: Aha. Ich wüsste sonst ja nicht genau Bescheid, wovon
die Rede ist.
Mr. COHN: Wir werden Sie von Zeit zu Zeit auf bestimmte Bücher
hinweisen. Lassen Sie mich folgendes fragen: Waren Sie je Kommunist?
Mr. HUGHES: Nein, Sir. Ich vermute, Sie meinen: Mitglied der Kommunistischen
Partei, nicht wahr?
Mr. COHN: Ich meine "Kommunist".
Mr. HUGHES: Ich müsste wissen, was Sie meinen mit Ihrer Definition
von "Kommunist".
Mr. COHN: Waren Sie je ein gläubiger Anhänger des Kommunismus?
Mr. HUGHES. Ich war nie ein gläubiger Anhänger des Kommunismus
und nie Mitglied einer Kommunistischen Partei.
Mr. COHN: Waren Sie je ein gläubiger Anhänger des Sozialismus?
Mr. HUGHES: Mein Eindruck, Sir, ist, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt
meines Lebens an alle linken Philosophien geglaubt habe, eingeschlossen
den Sozialismus, den Kommunismus, den Trotzkismus. Alle Ismen haben
mich auf die eine oder andere Weise beeinflusst, und ich kann die Frage
nach einem spezifischen Ismus nicht beantworten, weil ich nicht vertraut
bin mit den Details und die dazugehörige Literatur nicht gelesen
habe.
Mr. COHN: Sind Sie jetzt nicht ein wenig bescheiden?
Mr. HUGHES: Nein, Sir.
Mr. COHN: Sie wollen also sagen, dass Sie nicht mit dem Kommunismus
vertraut sind?
Mr. HUGHES: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich würde ganz
einfach sagen, dass ich nicht vollständig damit vertraut bin. Ich
habe die Schriften von Marx nicht gelesen. Ich habe nichts gelesen außer
dem "Kommunistischen Manifest".
Mr. COHN: Dann wollen wir mal sehen, ob wir eine Antwort darauf bekommen:
Haben Sie je an den Kommunismus geglaubt.
Mr. HUGHES: Sir, ich müsste, um die Frage wahrheitsgemäß
und dem Eid gemäß ehrlich beantworten zu können, wissen,
was Sie unter "Kommunismus" verstehen.
Mr. COHN: Interpretieren Sie es so weitgehend, wie Sie wollen. Haben
Sie je geglaubt, dass es eine Regierungsform gibt, die besser ist als
diejenige, unter welcher dieses Land heute verwaltet wird?
Mr. HUGHES: Nein, Sir.
Mr. COHN: Das haben Sie nie geglaubt?
MR. HUGHES: Nein, Sir.
Mr. COHN: Sie machen diese Aussage unter Eid?
Mr. HUGHES: Das ist richtig.
...
Mr. COHN: Lassen Sie mich noch etwas fragen, bevor wir diesen Punkt
verlassen: Während dieser Zeit, sagen wir, bis in die 40er Jahre,
als Sie noch dachten, die sowjetische Regierungsform sei wünschenswert,
bis Sie also Ihre Ansichten geändert hatten, wie Sie sagen, weil
Sie in unserer Regierungsform Fortschritte erkannten - finden Sie, es
ist von Seiten des Informationsprogramms des Außenministeriums
klug, wenn es in der Absicht, ein wahres Bild des amerikanischen Way
of Life zu verbreiten, Ihre frühen Werke dazu benützt, wie
etwa "Ballade an Lenin" und dieses Scottboro-Stück und
den Vorhang in der Form einer roten Fahne und das Absingen der Internationale
- war es klug, dies alles in den Informationszentren im Ausland zu benützen
und in die Regale zu stellen als Lektüre für Menschen, die
erwarten, einen Einblick in das Leben in Amerika zu erhalten?
Mr. HUGHES: Ich bezweifle, Sir, dass sie dort stehen.
Mr. COHN: Ich bestätige Ihnen die Tatsache, dass sie dort stehen.
Finden Sie es richtig, dass man sie dort stehen hat?
Mr. HUGHES: Ich würde denken, Sir, dass es für jeden gut wäre,
alles über die Literatur eines jeden Landes zu wissen, alles Geschriebene
in jeder Form, so dass er es selbst beurteilen kann.
Mr. COHN: Sie haben heute nicht mehr die Ansichten, die Sie damals ausgedrückt
haben. Sind Sie besonders stolz auf die Ansichten, die Sie damals ausgedrückt
haben?
Mr. HUGHES: Das Wort "stolz" stört mich, weil man nicht
in seine eigene Vergangenheit zurückgehen kann und alles ändern
kann, was man damals getan hat.
Mr. COHN: Ich denke, man könnte zugeben, dass man sich geirrt hat.
Mr. HUGHES: Man kann zugeben, dass man sich geirrt hat. Man kann sagen:
Ich denke heute anders.
Mr. COHN: Wenn Sie, wie Sie es tun, sagen, dass Sie jetzt anders denken,
und wenn Sie das aufrichtig meinten, glauben Sie dann, dass diejenigen
Ihrer Werke, die für die Bibliotheken ausgesucht werden sollten,
solche sind, die aus der Zeit vor der Änderung Ihrer Ansichten
stammen? Glauben Sie, dass das diesem Land hilft?
Mr. HUGHES: Die Werke, die Sie genannt haben, Sir, sind nicht sehr kennzeichnend
für meine literarische Laufbahn.
Mr. COHN: Ohne Ausflüchte: Wenn Sie eine Auswahl von Werken treffen
würden, die ein wahres Bild des amerikanischen Way of Life geben,
glauben Sie, Sie würden dann das Scottsboto-Stück und dieses
Gedicht "Ballade an Lenin" aufnehmen?
Mr. HUGHES: Wenn ich ein Bibliothekar wäre, würde ich ...
Mr. COHN: Ich spreche nicht von einem Bibliothekar. So etwas geschieht
nicht durch Bibliothekare. Das geschieht im Rahmen eines spezifischen
Programms des Außenministeriums, es soll Menschen im Ausland ein
wahres Bild des amerikanischen Way of Life und der Ideale, die wir in
diesem Land zu erreichen suchen, geben.
Mr. HUGHES: Ja, Sir. Gewiss sollten sie ein Bild der Ideale erhalten,
die wir in Rassenfragen anstreben, und deshalb sollten sie etwas wissen
über ...
Mr. COHN: Mr. Hughes, wir sprechen auf zwei ganz verschiedenen Ebenen.
Sicher sollten sie auch ein Bild davon erhalten, was wir in Rassenfragen
und dergleichen anstreben. Aber die Frage ist: Sollten sie Gedichte
zu sehen bekommen, die für eine sowjetische Regierungsform eintreten,
Gedichte, die Lenin idealisieren, ein Gedicht, das jeden auffordert,
sich zu erheben und die Internationale zu singen?
Mr. HUGHES: Ja, Sir, Ich finde, sie sollten sie bekommen, weil dies
auf die Pressefreiheit in unseren Land hinweist, eine Sache, auf die
wir alle stolz sind.
Mr. COHN: Ich glaube nicht, dass Sie das Problem überhaupt verstehen.
Diese Gedichte stehen nicht in den Bibliotheken, um einen Hinweis auf
die Pressefreiheit in unserem Land zu geben. Sie stehen dort, weil die
Menschen in diesen Ländern sich darauf verlassen können sollen,
dass ihnen ein genaues Abbild derjenigen politischen Ideale geboten
wird, die dieses Land in seinem Kampf gegen den Kommunismus verfolgt.
Mr. HUGHES: Ja, Sie wollen, dass sie wissen, dass wir hier Pressefreiheit
haben.
Mr. COHN: Nein. Diese Gedichte stehen nicht dort, um die Tatsache zu
beleuchten, dass wir Pressefreiheit haben. Sie werden dort hingestellt
als Teil eines Informationsprogramms, das die Ideale unseres Landes
zeigen soll, unsere Glaubensgrundsätze im Kampf gegen den Kommunismus.
Meinen Sie, dass etwas, in dem die Übernahme der sowjetischen Regierungsform
verlangt wird, uns im Kampf gegen den Kommunismus weiterhilft? Denken
Sie nach, bevor Sie diese Frage beantworten, Mr. Hughes.
Mr. HUGHES: Ich habe ihre erste Frage schon beantwortet, nicht wahr?
Die andere ist ebenfalls beantwortet: Ja, indem es auf die Pressefreiheit
hinweist. Meine Antwort wäre: ja.
Mr. COHN: Sie finden also, das ist eine gute Sache.
Mr. HUGHES: Ja, und zwar um zu zeigen, dass wir in unserem Land eine
breite Meinungsvielfalt haben - ja.
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michael
Meyers.
18. Juni 2003
Leserbrief
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