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Brief aus Havanna Freunde, Feinde, Mitmenschen! Von Henky Hentschel Wahrlich ich sage euch, es gibt Religionen zum Reinbeißen, saftig, fruchtig, lustig, geil. Eine davon heißt 'Santería'. Sie ist in Kuba entstanden, und da lebt sie heute kraftstrotzender denn je. Ihre Götter sind wie die der Griechen Blutsverwandte, und angesichts ihrer Macht über die Gläubigen nehmen sie sich Freiheiten heraus, die jedes deutsche Amtsgericht mit der Höchststrafe (Tod durch eine Überdosis von Viagra) bestrafen würde. Einer von diesen Burschen heißt Shangó (Nachname unbekannt). Shangó war der vierte König von Oyo, einem Gebiet im heutigen Nigeria. Er war ein stattlicher Mann, ein Kämpfer und Krieger. Er schwang seine Doppelaxt, er schleuderte seine Blitze, seine Stimme war wie das Grollen des Donners. Seine Farbe streitbares Rot. Zu siegen war eine seiner Leidenschaften. Er vereinigte die Stämme und schuf die Nation der Yoruba. Dann verschwand er. Nie wieder ließ er sich sehen. Aber von seinem Himmel aus, den er mit zehntausend Pferden mit silbernen Hufen beherrschte, kam er herunter, wenn die Gläubigen ihm ein Trommelfest gaben. Dann benutzte er den Körper eines menschlichen Wesens, schickte ihn in Trance und sprach aus ihm. Alle wussten, Shangó lebt. Wo immer er auch sich aufhalten mochte, er bewegte sich im Kreis seiner
Großfamilie. Die blaue Yemayá, der die Meere gehorchten,
war seine Mutter. Der weiße Obatalá, der Mann Sie alle waren inzwischen zu 'Orishas' geworden, zu Urvätern. Einstmals hatte sich der vierte König von Oyo vor seinen Feinden verstecken müssen. Er floh ins Haus von Oyá. Oyá gab ihm ihre Kleider und ihre Haare. Sie schminkte sein Gesicht. Als Frau verkleidet spazierte Shangó durch die Reihen seiner Feinde. Seither ist er ein zweigeschlechtlicher Gott. Der männliche Teil von ihm heißt Shangó. Der weibliche heißt Santa Barbara. Shangó hatte drei Frauen: Oyá, die kriegerische, Oshún, die Verführerische, und Oba, die Treue. Zusammengenommen bildeten sie die Idealfrau. Als Shangó seine Mutter Yemayá beschlief, kam es zum Krieg in der Großfamilie. Obatalá schenkt Ifá, das Orakel, dem jungen Orula umd nicht Shangó. Seither deutet Orula die Zukunft. Seine Priester auf Erden , die mit ihm in Verbindung stehen, machen gute Geschäfte. Shangó scheint die bittere Pille geschluckt zu haben. "Wieso ausgerechnet die Heilige Barbara", fragte sich die
Keramikerin Reyna Valdés in Havanna. Sie hörte von der Liebfrauenkirche
in Halberstadt und fuhr hin. Auf dem Barbara-Altar dort erscheint die
Heilige mit einem Schloss in der einen Hand, einem Weinbecher, einem
Schwert in der anderen Hand, und sie trägt eine Krone. Die Attribute
des kubanischen "Du musst das malen", sagte Siegfried Kaden, ein deutscher Maler auf Kuba. Reyna, die Katholikin auf Irrwegen im Heidentum, malte das. Shangó mit seinen Attributen. Babalú Ayé, den Heiligen Lazarus mit seinen Hunden. Oshún, die Honigsüße, die Verführerin mit ihrem Gold und ihrem Honig. Zu Shangó gehört ein Stier. Der wurde ihm immer auf einem Trommelfest zu seinen Ehren geopfert. Rinder zu töten ist im heutigen Kuba verboten. Jetzt gehört zu Shangós Attributen ein Ziegenbock. Ziegenböcke darf man schlachten auf Kuba. Die Wirtschaftslage hat die Mythologie verändert. Es gibt tausend Geschichten in der Santería, und man kann sie
alle malen. Reyna Valdés fängt gerade eben an, das zu tun.
Sie begreift sich als ein Energiezentrum. Mit ihrer Radaranlage empfängt
sie Vibrationen aus dem Kosmos. Die wandelt sie um in Kunst - wie alle
Künstler. Wenn man sich auf Reynas Terrain begibt, kann einiges
passieren: Mein alter Lada begann zu kochen, als ich da hinaus an den
Rand von Havanna fuhr. Vor Reynas Grundstück blieb er stehen und
sprang nicht mehr an. Wir sprachen lange über Shangó und
seine Familie. Als das Gespräch zu Ende war, hatte auch der Lada
keine Probleme mehr. |
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