Ein Gedicht, das keiner sieht

Paradiesische Verschwendung

Von Michael Meyers

"Hast du das gelesen?" fragte mich meine Frau beim Samstagsfrühstück und deutete auf das Inhaltsverzeichnis des FAZ-Feuilletons vom Wochenende, Seite 33, im Kasten rechts unten (nun gut, jetzt ist es raus, ich lese die FAZ, natürlich nicht den Wirtschaftsteil, und auch das Kohl-Interview in dieser Ausgabe fand ich ziemlich überständig, nein, es ist das solide Feuilleton, das mich interessiert, und auch das nur am Wochenende).

"Nein", sagte ich, der professionelle Zeitungsleser, "ich lese doch nicht das Inhaltsverzeichnis eines Feuilletons, das ich insgesamt zu lesen vorhabe."
"Schon", sagte sie mir entgegenkommend, wie es ihre Art ist, "aber das wird etwas eigenartig angekündigt, zum Beispiel: 'Das ist die Welt - '"
"Ich weiß", sagte ich, abermals ganz der Durchblicker, "das sind diese zur FAZ gewechselten SZ-Journalisten, die müssen halt jetzt dort ihre Kalauer unterbringen ..."
"Vielleicht, aber hör mal kurz zu: 'Das ist die Welt'", dann sprang sie über Titel und Seitenzahl des so angekündigten Beitrags hinweg zum nächsten Hinweis: "'Sie steigt und fällt'", und las mir dann in weiteren Zeilensprüngen die restlichen Zitate vor: "'Und tollt beständig ... Sie singt wie Glas ... Wie früh brach das ... Ist hohl inwendig ... Hier fingert's sehr ... Und hier noch mehr ... Das ist von Ton ... Wer erlöst mich schon?'"

Jetzt staunte ich doch ein wenig. Ich hatte ein paar Reimzeilen gehört (auch wenn mir die beiden letzten grob arhythmisch vorkamen), das immerhin, und dachte mir: Diese Ex-SZ-Journalisten hatten offenbar mal was Poetisches in der Feder. Aber noch bevor der flüchtige Gedanke ausformuliert war, sagte meine Frau:
"Das ist aus dem 'Faust'."
Ich erschrak bei so viel gutem Gedächtnis. Ich selbst hatte nicht die geringste Erinnerung an eine solche Stelle.
"Aus der Hexenküche. Nur ein wenig abgewandelt", fügte sie, wie ich fand: unbarmherzig, hinzu.
Ich weiß nicht mehr, was ich da für ein Gesicht machte. Bis eben hatte ich mich für einen literarisch einigermaßen Kundigen gehalten, wenigstens im klassischen Kanon.
Und dann setzte meine Frau den Schlusspunkt. Sie trat ans Bücheregal, holte Goethes "Faust" herunter, fand mit einer Handbewegung, ohne zu blättern, die richtige Seite und legte sie mir vor die Kaffeetasse. Ich war erschlagen.

Als ich mich wieder erholt hatte, bewunderte ich erst einmal meine Frau für diese wirklich nicht alltägliche Entdeckung. (Machte die FAZ sowas immer schon?* Ich nahm mir vor, künftig genauer hinzuschauen. Das sollte mir nicht nochmal passieren.)
Danach bewunderte ich die FAZ. Sie hatte tatsächlich den Part des Katers aus der Hexenküche im "Faust I" (Vers 2402 ff.) nur ein wenig verändert. Im Original lautet er so:

Das ist die Welt;
Sie steigt und fällt
Und rollt beständig;
Sie klingt wie Glas:
Wie bald bricht das?
Ist hohl inwendig.
Hier glänzt sie sehr,
Und hier noch mehr,
Ich bin lebendig!
Mein lieber Sohn,
Halt dich davon!
Du mußt sterben!
Sie ist von Ton,
Es gibt Scherben.

Und der Schöne-Kommentar erklärt dieses Spiel mit der die Welt bedeutenden Kugel als Allegorie der Unbeständigkeit, das Rad der Fortuna, auf dem auch "die Großen, Mächtigen steigen und fallen", mit deutlich "politischen Konnotationen" und Verweisen auf die "tief diskreditierte und nun zerbrechende Monarchie in Frankreich". Im weiteren Ausblick ist ein Griff über den Horizont der Zeitgeschichte hinaus zu erkennen, ein un-olympischer Goethe, der im Alter, als er diese Hexenküche-Szene schrieb, sich seinem Brieffreund Boisserée eher düster zu erkennen gab (1826): Als "ethisch-ästhetischer Mathematiker muß ich in meinen hohen Jahren immer auf die letzten Formeln hindringen, durch welche ganz allein mir die Welt noch faßlich und erträglich wird."

Diesen Reichtum an assoziativen Gedanken und Figuren, ja an schier weltpolitischer Aktualität breitete also die FAZ vor ihren Samstag-Lesern aus, aber nicht als zeigefingernde Lektion, sondern in der wohl denkbar ätherischsten Andeutung, einer kaum wahrnehmbaren Geste, versteckt in einem Prosa-Akrostichon, das als solches schon fast unerkennbar ist und - falls doch irgendwie bemerkt - von fast niemandem mehr auf seinen welthaltigen Kontext bezogen würde.

War das ein erfolgreich verhülltes Literaturrätsel? Ein eitles Spiel letzter gebildeter Redakteure? Perlen vor die Säue geworfen?

Selbstverständlich ist etwas so ungesehen Verteiltes die pure Vergeudung und, ökonomisch gesehen, ohne Sinn und Verstand. Aber auch nur ökonomisch gesehen, unter dem Diktat der Knappheit halt. Dieses Angebot jedoch, dem jede Nachfrage, ja jeder Dank egal ist, kommt wie aus einer Welt jenseits des nutzenfixierten do ut des. Es ist wie der Nachklang einer paradiesischen Fülle, einer Verschwendung aus unendlichem Überfluss.
Meinte übrigens auch meine Frau.

* Ja, wie bei einer Rückfrage zu erfahren war. Es ist der Umbruchredakteur, der das schon seit langem so hinbastelt

18. Juni 2003

Leserbrief

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