FrauenFragen

Wer war das nochmal?

Von Eva Herold

Und nun zu etwas ganz anderem: Auch in Nachkriegszeiten wollen wir an die vielen kleinen Sauereien erinnern, die sonst noch auf dieser Welt passieren, zwischen Männern und Frauen, Schreibern und Lesern, Stars und ihrem Publikum.

 

Men

They hail you as their morning star
Because you are the way you are.
If you return the sentiment,
They'll try to make you different;
And once they have you, safe and sound,
They want to change you all around.
Your moods and ways they put a curse on;
They'd make of you another person.
They cannot let you go your gait;
They influence and educate
They'd alter all that they admired.
They make me sick, they make me tired.


Es ist an der Zeit, an eine Frau zu erinnern, wie es sie so nur einmal gab ... Kann man so anfangen, oder erinnert das zu sehr an diesen Werbespot für ein Ossi-Bier? Vielleicht gibt es ja einen schönen runden Geburtstag oder sonst einen gediegen-journalistischen Aufhänger? Auch nicht. Dorothy Parker ist im August 1893 geboren und seit 1967 tot.

In den meisten Literaturführern sucht man sie vergeblich; Gert Raeithel ist sie in der "Geschichte der nordamerikanischen Kultur" die folgenden drei Zeilen wert: "Dorothy Parker verlor 1920 ihre Stellung als Theaterkritikerin bei Vanity Fair, weil Florenz Ziegfeld, der Mann einer kritisierten Schauspielerin, mit Anzeigenentzug drohte." Ist das nicht wahnsinnig modern?
Im übrigen wäre es ihr wahrscheinlich egal, ob heute noch jemand an sie denkt oder nicht. Schließlich hat sie als Text für ihren Grabstein vorgeschlagen: "Wenn Sie das lesen können, stehen Sie zu dicht dran".

Dorothy Parker hat genial traurige Stories geschrieben, "Horsie" zum Beispiel, über eine Ikone ungeliebter Weiblichkeit, die pferdegesichtige Kinderschwester Miss Willmarth. Es gibt auch ziemlich freche Theaterkritiken; am besten gefällt mir die im New Yorker von 1931 über ein Stück von Mrs. Parkers natürlichem Feind A. A. Milne, dem Papa von Pooh dem Bären. "Gib mir gestern" heißt das Machwerk, und Dorothy meint: "Ich persönlich hätte ihm zwanzig Jahre bis lebenslänglich gegeben". Ein Satz, den alle gecovert haben, von Bob Dylan bis zu jedem zweiten Hardboiled-Krimiautor.

Überhaupt, ihre Sprüche. "Ich lese den New Yorker nicht mehr so oft. Immer die gleichen Sachen über irgendeine Kindheit in Pakistan." Oder das Glückwunsch-Telegramm an die Schauspielerin, die bei der Presse mit ihrer Schwangerschaft hausieren gegangen war: "Wir wußten alle, daß Sie es in sich haben." Dorothy Parker schonte auch sich selbst nicht; das gehörte sich so für eine Dame, die ihren Pudel "Klischee" nannte und ein Händchen für pathologische Partnerwahl hatte: "Von einem Mann verlange ich nur drei Dinge – er muß gut aussehen, skrupellos sein und dumm."

Daß sie mit ihrer Kolumne und den Kurzgeschichten den gehobenen Zeitschriften-Stil prägte, und daß in ihren frühfeministischen Gedichten immer noch praktisch jedes Wort stimmt, interessiert keinen mehr. Gehalten hat sich nur die Legende von ihrem leicht exaltierten Lebensstil, den Alan Rudolph in seinem Film "Mrs. Parker and the Vicious Circle" nachzuzeichnen versuchte. In den 1920ern war der Kreis zweitklassiger Literaten und Schauspieler im New Yorker Algonquin Hotel ihre Bühne, und sie selbst das Stück, das ständig darauf wartete, sich aufführen zu können.

Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie man im Zeitalter der Privatsender mit ihr umgehen würde ... so gesehen war sie eine Vorreiterin unserer heutigen B- und C-Promis, nur viel, viel, viel witziger. Doch ihr Schicksal sollte heutigen Fernseh-Talkmasterinnen, Komödien-Regisseurinnen und literarischen Fräuleinwundern eine Warnung sein: In seiner Einführung zur Penguin-Ausgabe von Dorothy Parkers gesammelten Werken zieht ein säuerlicher Knabe namens Brendan Gill darüber her, daß die gute Dot trotz des ständigen Flirts mit dem Selbstmord ihre Kumpels und Mitsäufer sämtlich überlebte und, mit weit über siebzig, einsam und vergessen starb.

Gill bemäntelt seine Häme mit der Bemerkung, daß die Parker wohl eine der ersten gewesen wäre, auf die Ironie dieses Lebenslaufs hinzuweisen. Das mag schon sein. Aber nur Frauen hält man so etwas vor. Ein Mann kann "Moderator" sein oder "Schauspieler" oder "Literat" (wer hat noch mal den Stuckrad-Barre die "Jenny Elvers der Popliteratur" genannt?) – und trotzdem in Würde alt werden und Geld für Kinder in Afrika sammeln, wenn die Welle, die ihn hochgespült hat, abgeflaut ist. Aber eine Frau ist dann entweder eine Witzfigur oder gestorben. Und zwar lange bevor sie tot ist. Genau wie Dorothy Parker, falls das irgendwen tröstet.

9. Juni 2003

Leserbrief

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