Marginalien zum 17. Juni

Jahrgang 36 und in Sachsen

"Die allgemeine Unzufriedenheit, hervorgerufen durch Versorgungsmängel und Unterdrückung, flammte am 17. Juni 1952 in offenem Widerstand auf, als in Ostdeutschland einschließlich Ost-Berlins gewalttätige Unruhen ausbrachen. Nur der schnelle Einsatz sowjetischer Besatzungstruppen konnte die Aufstände niederhalten. Drastische Repressalien folgten, aber die Regierung gewährte bestimmte Konzessionen bei Löhnen, Arbeitsbedingungen und der Produktion von Verbrauchsgütern."
Colliers's Encyclopedia, Band 11 (1971), Seite 65

Von Gottfried Fischborn

Wenn man ein Sachse ist und 1936 auf die Welt kam, dann hat man noch Erinnerungsfetzen an diesen 17. Juni 1953. Ich will es nicht überschätzen, aber man meint etwas auf der Zunge zu spüren, das nicht nur nach Geschichtsmuseum schmeckt, sondern doch ein wenig nach dem Salz der Erfahrung. Nur weiß man nicht so recht: was ist Museum, was Erfahrung? Man war damals siebzehn Jahre alt.

Mein längst zum Rheinländer gewordener Sohn, der 1990 unsere Stadt Leipzig verließ, um im Westen endgültig sein Glück zu machen, wobei es nur mit der Endgültigkeit nicht so recht klappte, zeigte bei seinem vorletzten Besuch auf schwarze Vertiefungen im Putz unseres Nachbarhauses, Ecke Johannisallee und Philipp-Rosenthal-Straße. - "Na und?", frage ich. - "Das sind Einschußstellen, man sieht sie immer noch. Hier wurde 53 geschossen, am Siebzehnten." - "Noch nie gehört. Woher weißt du das?" - "Weiß nicht." - Aber er, Jahrgang 63, wußte, daß es so war. "Unsere ganze Klasse wußte das. Hier sind Arbeiter erschossen worden."

Was ist Legende, was ist Wahrheit? Es gibt gründliche Forschungen, umfangreiche Veröffentlichungen über den 17. Juni in Sachsen, speziell in Leipzig. Ich habe gelesen, ich habe gesucht. Über irgendwelche Kämpfe in der Nähe meiner heutigen Straßenecke habe ich nichts gefunden.

Wann und wo findet Legendenbildung statt, wie erreicht sie die nächste Generation und wie spinnt sie sich fort? Die in den bundesrepublikanischen Juni-Feiertagsreden seit den Fünfzigern fort und fort tradierten Opferzahlen sind von jüngeren Historikern infragegestellt worden.1 Sicher freilich, und also keine Legende, ist: In Leipzig wurden sieben Demonstranten oder unbeteiligte Passanten durch die Volkspolizei getötet. Unter ihnen waren der 20jährige Maurer Joachim Bauer aus Brodau und Gerhard Dubielzig, ein Schlosserlehrling aus dem Reichsbahnausbesserungswerk Delitzsch, 19 Jahre alt. Das waren Arbeiter, keine "faschistischen Provokateure". Erschossen wurde auch ein VP-Offizier, und zwar durch eine Patrouille der Sowjetarmee, die den Ausnahmezustand absicherte, Kolleteralschäden gab es schon immer. Willi Stoph, damals DDR-Innenminister, ließ diesen Toten den Opfern der angeblichen Putschisten zurechnen.2 Nach nachträglicher Schätzung der SED-Bezirksleitung sind am 17. Juni mindestens 40.000 Menschen durch die Leipziger Straßen gezogen, mindestens die Hälfte von ihnen waren - sogar diesem gewiß parteiischen Papier zufolge - Arbeiter und weitere 10.000 Hausfrauen "vor allem aus Arbeiterfamilien."3

Was ist Legende, was hat stattgefunden? Stimmt es zum Beispiel, daß auffällig viele gut, das hieß zu der Zeit: westlich angezogene jüngere Gestalten auf chromblitzenden Fahrrädern, wie man sie sonst kaum sah, unterwegs waren auf den Leipziger Straßen? Mein Leipzig beginnt erst im Jahre 1955 zusammen mit dem Studium, die Stadt sah vermutlich noch so aus wie am 17. Juni 1953, aber dieser war kein Gesprächsthema mehr. Frage ich gute Freunde und Bekannte, alte Leipziger, heute nach jenen Radfahrern, dann wird deren Existenz ebenso vehement bestritten wie bestätigt. Ein gewiß unverdächtiger Zeitzeuge, eine Großgestalt der damaligen Leipziger Kulturszene, der Germanist Hans Mayer, hat sie gesehen: "Die westdeutschen 'Flitzer' mit ihren unverkennbaren schönen Fahrrädern, die habe ich noch gesehen, bevor sie irgendwohin wieder verschwanden." Und er fügt hinzu: "Die Flitzer hat es gegeben, doch von einer westdeutschen massiven Infiltration konnte die Rede nicht sein."4

Aber ist es denn im mindesten wichtig, ob es diese "Flitzer" in Leipzig gegeben hat oder nicht? Allenfalls wohl unter zwei Aspekten. Erstens als Indiz unserer weit reichenden Ohnmacht gegenüber dem Verschwimmen der Erinnerung - auch der historischen. Und zweitens als ein weiteres Symptom dafür, daß es hinsichtlich des 17. Juni wieder einmal keine "reine", sondern nur die unreine Wahrheit gibt, um ein (auch von Heiner Müller immer wieder benutztes!) Friedrich-Hebbel-Wort zu zitieren. In der Tat, die westlichen Geheimdienste wären geradezu dämlich gewesen, hätten sie auf dem Höhepunkt des kalten Krieges bei einer solchen Gelegenheit gar nicht - propagandistisch wie aktiv - mitgemischt. Doch im Kern gilt natürlich: Der Aufstand kam aus den inneren Widersprüchen eines Systems, das innerhalb stalinistischer Gesellschaftsstrukturen, wirtschaftlich ausgepowert vom "Großen Bruder" bis aufs Hemd, den Aufbau des Sozialismus forcieren zu müssen glaubte.

Selbst in Oschatz konnte man erleben, wie das aussah. Die Stadt liegt genau in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden und ich ging dort auf die Penne. Ein Provinznest, 16 000 Einwohner, mit schönem Marktplatz, an dem Hieronymus Lotter, Bürgermeister und Architekt des Alten Rathauses zu Leipzig, mitgebaut hat. Von den Normerhöhungen in den Betrieben, die die Verbitterung in den Großstädten anheizten, haben wir wenig mitgekriegt. Der Klassenkamerad, dessen Vater den DDR-Titel "Meisterbauer" trug, jetzt aber als unter Druck zu setzender Großbauer galt, schickte eines Tages im April eine Ansichtskarte aus dem Fränkischen. Unser Hausbesitzer und Vermieter verlor seine kleine Druckerei per Enteignung. Der Fleischer von nebenan, in dessen Keller wir Nachbarskinder die nächtlichen Luftalarmstunden der späten Kriegsjahre verbracht hatten, der Lampenladenbesitzer schräg gegenüber, meine selbständige Klavierlehrerin: sie bekamen plötzlich keine Lebensmittelkarten mehr, dafür zahlten sie höhere Steuern. Sie alle waren jetzt Kleinkapitalisten, Klassenfeinde. Sämtliche Mitschülerinnen und -schüler, die in der Jungen Gemeinde Mitglied waren, wurden von einem Tag auf den anderen der Schule verwiesen: ideologische Klassenfeinde. Am 13. Juni gab es eine Vollversammlung in der Turnhalle, in der sie mit einer gewissen Feierlichkeit wieder in den Schulverband aufgenommen wurden. Das war der "Neue Kurs", den Partei und Regierung zwei Tage zuvor beschlossen hatten.

Er kam zu spät, wie man weiß. Der Faustschlag ins Gesicht ist, wie Brecht meinte, eine besonders enge Berührung zwischen zwei Partnern: so kamen die Partei, die sich die der Arbeiterklasse nannte, und diese Klasse selbst am Siebzehnten zu ihrem bis dahin intensivsten Kontakt.

Daß die politische wie sozialökonomische Restauration der Adenauer-Ära - erst recht nach der Erfahrung des Hitlerfaschismus! - einer antikapitalistischen, also sozialistischen Alternative bedurft hätte, das glaubten damals viele der besten Geister in Deutschland. Gleich nach dem Krieg war auch die Empfänglichkeit für eine solche geschichtliche Lehre, bei aller gleichzeitigen Resignation und Lethargie, groß gewesen in breiten Teilen der deutschen Bevölkerung. Abgesehen vom wirtschaftlichen Druck auf die Ostzone, immerhin konnten wir ja gut begreifen, daß das schrecklich getroffene Rußland auf Reparationen bestand: daß der Sozialismus nicht als Diktatur zu sich selbst kommen kann, war jene Lehre des 17. Juni, die wir, die junge Generation in der DDR, im Jahre 1953 noch längst nicht entziffern konnten. Jahrzehntelang noch haben wir trotz immer neuer Zweifel und Selbstzweifel auf der Alternative bestanden, sofern wir uns nicht physisch und/oder geistig dem Westen zuwandten. Weil immer wieder neue Fakten und Umstände - ganz zuletzt das Auftauchen Gorbatschows! - für sie zu sprechen schienen und weil uns eine Alternative so sehr als nötig erschien. Erst gegen Schluß haben wir, die verantwortlichen DDR-Aufbaugenerationen, die entscheidende Lehre des 17. Juni so definitiv begriffen, wie sie Volker Braun schon 1982 in sein erst 1988 uraufgeführtes Theaterstück "Die Übergangsgesellschaft" hineinschrieb: "Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen." Wir hatten endlich gelernt, das Lehrstück, das wir selbst erlebt hatten, zu entziffern.

Wohl besteht also Anlaß zu selbstkritischer Reflexion. Man sollte sie als gewonnene Erfahrung interpretieren und nicht als gebrochenes Selbstbewußtsein. Die Leute, von denen ich rede, bestehen darauf, ein sinnvolles Leben geführt und, soweit sie den sogenannten Eliten angehörten, sich den stalinistischen Apparatschiks und den sterilen Dogmatikern entgegengestellt, ihnen das Leben oft genug nicht leicht gemacht zu haben. Zu wenig, zu halbherzig, nicht in allen Fällen? Gewiß.

Und doch: Wie sich - wenngleich widersprüchlich, legendendurchwoben - die Erinnerung gebildet hat, so auch die Verdrängung. Sozusagen im gleichen Rhythmus. Sie war die ganze Zeit die andere Seite der Medaille.

1990 lud mich mein bester Freund aus Kindheits- und Jugendtagen zu sich nach Mainz ein. Jahrzehntelang hatten wir keinen Kontakt gehabt, obwohl wir von der ersten Klasse bis zum Abitur unzertrennliche Freunde waren, inzwischen sind wir es wieder. Er war 1954 nach Westberlin gegangen. Jetzt, kurz vor den ersten freien Wahlen im letzten Lebensjahr der DDR, kamen wir auf Schulerinnerungen und da auch auf den 17. Juni. In Oschatz war nichts los, nicht wahr, eine langweilige, von der Direktion angeordnete FDJ-Wache vor dem Portal der Penne - war es das nicht gewesen? Aber mein Freund sagte: "Gut, daß wir das damals verbrannt haben. Wir hätten uns todunglücklich gemacht." - "Bitte, was haben wir verbrannt?" - "Na, diese Solidaritätserklärung für die Berliner Arbeiter, die wir verteilen wollten, weißt du das wirklich nicht mehr?" - "Keinen blassen Schimmer." - "Und wir haben das Ding bei euch im Wohnzimmer geschrieben, der S., der dann nach New York ging und Hotelier wurde, du und ich!" - "Und haben dann nichts damit gemacht?" - "Zum Glück! Gottseidank waren wir zu feige." Langsam kam die Erinnerung wieder. Nichts mehr hatte ich davon gewußt. Es hätte wohl in mein späteres Selbstverständnis eines kritischen Sozialisten nur mühsam integriert werden können.

Wie sich die Erinnerung gebildet hat, so auch die Verdrängung.


Anmerkungen
1   Vgl. u.a.: Heidi Roth: Der 17. Juni 1953 in Sachsen, Böhlau: Köln/Weimar/Wien 1999, S. 60
2   Vgl. ebenda, S. 59 u. S. 182
3   Vgl. Sächsisches Staatsarchiv: SED, IV/2/12/588, S. 7
4   Hans Mayer: Der Turm zu Babel. Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik, Suhrkamp: Frankfurt/M. 1991, S. 85 f. u. 89

9. Juni 2003

Leserbrief

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