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Im dunkelsten Wien und im dunkelsten Tokio Zwei Sozialreportagen der Jahrhundertwende
Von Judith Brandner "Alles erscheint elfenhaft - denn alles und jedes ist klein, wundersam und mysteriös: die winzigen Häuschen unter ihren blauen Dächern, die kleinen, blau ausgeschlagenen Verkaufsläden und die lächelnden kleinen Leute in ihren blauen Gewändern." So schildert der europäische Reiseschriftsteller Lafcadio Hearn zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert seine ersten Eindrücke aus Japan. Hearn beschreibt begeistert über die "entzückende Wirklichkeit und den Zauber der kleinen, drolligen Strassen". Lafcadio Hearns Reisebericht reiht sich nahtlos in das Japanbild ein, das damals in Europa vorherrschte - ein Bild, das weitgehend geprägt war von verklärtem Romantizismus. "Japan war der letzte unerfüllte Traum, den sich die Reisenden der europäischen Oberschichten verwirklichen wollten, ein Paradigma für das letzte Paradies", meint Sepp Linhart, der Leiter des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Ebenso verklärt war auch das gängige Bild, das die Japaner damals von Wien hatten. Tokio und Wien um 1900 sind für die jeweils anderen echte Gegenwelten, die das repräsentieren sollen, was es in der eigenen Welt nicht gibt, formuliert Linhart. In Europa war diese Zeit die Hoch-Zeit des Japonismus. So war etwa die Kunst in Europa stark von Japan beeinflusst, viel wurde aus Japan importiert. Dinge, die das herrschende Japanbild prägten. Umgekehrt war im Japan der Jahrhundertwende die Zahl der Europareisenden gering. Über die realen Zustände in Europa wusste man daher auch in Japan nicht Bescheid. Und das letzte, was die Herrschenden in Japan damals wollten, war Klassenkampf - daher wurde tunlichst vermieden, darauf hinzuweisen. In Wien war diese Zeit vor dem ersten Weltkrieg geprägt vom Aufkommen
der Sozialdemokratie. Max Winter kam aus dieser Bewegung und hatte daher
für seine schriftstellerische Tätigkeit die entsprechende
Motivation. Auch in Tokio bildete sich ab etwa 1880 in den Städten
ein Industrieproletariat, ein Sammelbecken gestrandeter Existenzen,
die vom Land in die Großstadt zogen. Vor allem in Tokio entstanden
zu dieser Zeit Slums, in denen diese Menschen nur allzu oft landeten.
Das war die Welt, in die sich Matsubara begab. "Das Leben ist eine einzige große Frage, der sich alle, von den Königen oben bis zu den Bettlern unten, stellen müssen: Wie erwirbt man Geld, wie findet man Essen, wie erfreut man sich, wie leitet man, wie vergnügt man sich, wie erträgt man Schmerz, was erweckt Hoffnung, was führt zur Verzweiflung." Auch der 1870 in Ungarn geborene Max Winter liebte Innenansichten. Er verließ sich nicht auf Zeugenaussagen und Sozialberichte, sondern begab sich selbst in die Situationen, über die er dann authentisch und unmittelbar berichtete. Das war vor allem in Wien, wo Winter seine Jugend verbrachte. Sowohl Matsubara Iwagoro als auch Max Winter machten also bereits zur Jahrhundertwende das, womit Jahrzehnte später Günther Wallraff in Deutschland berühmt werden sollte. Eine von vielen Parallelen, die Sepp Linhart im Laufe seiner Arbeit über Max Winter und Matsubara Iwagoro entdeckt hat: "Beide begnügen sich nicht damit, hinter dem Schreibtisch zu sitzen, sondern gingen für ihre Reportagen direkt unter die Menschen, über die sie geschrieben haben. Sie haben deren Lebenssituation also wirklich miterlebt." Die japanische Politik sei zu dieser Zeit nur wenig daran interessiert gewesen, etwas an der Lage der armen Menschen zu ändern, erzählt Sepp Linhart. Japan hatte zwar bereits eine Verfassung bekommen, die Machthaber arbeiteten jedoch sehr daran, dass dies nicht wirklich zur Einführung der Demokratie führen konnte. Es herrschten die Oligarchen. Erst nach dem großen Erdbeben von Tokio 1923, als weite Teile der japanischen Hauptstadt in Schutt und Asche lagen, machte man sich an die Beseitigung der Slums. Tokio war um 1900 das intellektuelle Zentrum Japans und Matsubara war einer der japanischen Intellektuellen, die durch die sich verschlimmernde Lage der Armen aufgeschreckt wurde. Kaum einer jedoch begab sich in so direkten Kontakt wie er. Was wahrscheinlich mit seiner Biografie zusammen hänge, vermutet Sepp Linhart. Wer also war Matsubara Iwagoro? Über das Leben des hierzulande fast unbekannten Matsubara ist wenig bekannt. Denn anders als Max Winter wurde er nie eine Person des öffentlichen Interesses. Heute genießt er in japanischen Soziologenkreisen den Ruf eines Pioniers, als Begründer der empirischen Soziologie. Geboren wurde Matsubara Iwagoro am 6. August 1866 in der japanischen Provinz, in Tottori. Von dort gelang es ihm langsam, von Tokio nach Osaka zu kommen, ohne jegliche finanzielle Unterstützung seiner Familie. Er musste sich also selbst emporarbeiten und erst einmal für seine Ausbildung sorgen. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er beispielsweise als Rikschafahrer. Die Rikscha war damals das Hauptbeförderungsmittel. "Die Rikschafahrer galten als diejenigen unter den Armen, denen es etwas besser ging," erzählt Sepp Linhart, "und viele europäische Reiseberichte schwärmten von den muskulösen Rikschafahrern - und übersahen dabei, dass diese tatsächlich nur wenig vom totalen Elend entfernt waren, wenn sie sich etwa verletzten und für diese schwere Arbeit ausfielen." Ungreifbar, flüchtig, wie ein Duft sei der erste Eindruck Japans, schwärmte etwa der europäische Japanreisende Lafcadio Hearn zur Jahrhundertwende. Sein erster Eindruck vom Land hatte mit einer Rikschafahrt in Yokohama begonnen - dem denkbar reizendsten Wägelchen, wie Hearn meinte. Ganz anders die Innenansichten Matsubara Iwagoros. Er kannte das harte Dasein eines Rikschafahrers und entwickelte aus seiner eigenen Armut großes Verständnis für diese Bevölkerungsschicht. Um deren Leben von innen kennenzulernen, arbeitete er einmal in Tokio bei einem Unternehmer, der damit Geschäfte machte, Essensabfälle von Kasernen zu kaufen und diese Abfälle billig an die Armen weiterzuverkaufen. Auch die Unterkünfte und Schlafplätze der Armen lernte er aus eigener Anschauung kennen, wie er in seinem Buch im Kapitel "Die billige Herberge" schildert. Er quartiert sich in einer Massenunterkunft ein, in der Hausierer, Pilger, Priester und allerlei fahrendes Volk zusammengedrängt sind. Es ist eine schmutzige, stinkende Herberge, wie sie für arme Leute zu dieser Zeit üblich sind. Eindrucksvoll schildert Matsubara den üblen Geruch der von dem Zuckerlverkäufer, der neben ihm liegt, aufsteigt: "Ununterbrochen kratzt er sich suchend im Nacken oder in den Achselhöhlen und als ich sehe, dass er aus Langeweile diese kleinen Tierchen tötet, indem er sie zerbeißt, da kann ich kaum mehr sitzen bleiben. Während ich bei mir denke, dass ich bei passender Gelegenheit einen Platztausch vornehmen sollte, kommen abermals vier, fünf Leute herein." Die Herberge füllt sich zusehends mit Bauarbeitern, Tagelöhnern, gealterten Rikschafahrern, beobachtet Matsubara entsetzt. Zehn Menschen drängen sich bereits unter einem Moskitonetz zusammen: "In dieser bereits dampfenden Luft fermentiert der Arbeitsschweiß, sodass es einem immer wieder den Atem nimmt, und dazu kommen noch die Angriffe der Flöhe." Auch Max Winter scheute den Kontakt zu jenen nicht, über die er berichtete, etwa, wenn er Obdachlosenunterkünfte beschrieb. Er war einer der ersten, die mit der Methode der Sozial- und Rollenreportage das Leben der untersten Gesellschaftsschichten beschrieb. "Die Stätten menschlichen Jammers", nannte Winter die Orte, über die er berichtete. Seit 1895 arbeitete Max Winter als Journalist für die Arbeiterzeitung, dem Organ der Wiener Sozialdemokratie. Dort verfasste er mehr als tausend Sozialreportagen, aus denen Bücher wie: "Großstädtisches Elend", "Das Goldene Wiener Herz", "Im unterirdischen Wien" - und schließlich sein bekanntestes Buch: "Im dunkelsten Wien" entstanden. Letzteres erschien 1904 und gilt bis heute als Lehrbuch der Sozialreportage. Eine seiner berühmtesten Reportagen ist "Ein Strottgang durch Wiener Kanäle" aus dem Jahr 1902, für den sich Winter in das Kanalsystem von Wien begab. Auch Winter - gerade unter der Westbahn - sieht sich mit unerträglichem Gestank konfrontiert: "Auf dieses Attentat waren meine Geruchsnerven nicht gefasst. Einen Moment lang glaube ich, dass mich Schwindel erfasst - schon klammere ich mich an das nächste Steigeisen des Luftkanals - dann aber kommt die Revolution von innen, ich glaube, den Magen reißt es mir heraus, Wasser tritt mir in die Augen, ich zittere in den Beinen..." "Das is a elendig's Leben" so charakterisiert später Winters Führer, der wie viele davon lebt, was der Kanal an Wiederverwertbarem hergibt, auf gut Wienerisch sein Dasein, als er einen Kreuzer aus dem Sand scharrt. Max Winter wurde später der Begründer der sozialdemokratischen
Wochenzeitschrift "Die Frau" - Matsubara Iwagoro arbeitete
als Chefredakteur der Frauenzeitschrift "Die Unzufriedene".
Eine weitere Parallele im Leben der beiden. Während Max Winter
mit seinen Sozialreportagen einen neuen, bis heute überaus spannend
zu lesenden Reportagestil begründete, den Egon Erwin Kisch und
andere weiterführten, war Matsubara nicht stilprägend. Er
blieb in den rund fünf Jahren, in denen er sich der Sozialreportage
widmete, eher der Literatur verhaftet, ohne den Durchbruch als Schriftsteller
zu schaffen.
9. Juni 2003 |
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