Walser-Debatte, die zweite

Antisemit ist er nicht, aber.

Der Meister der Zweideutigkeiten hat wieder zugeschlagen (oder muß man jetzt anspielungsreich, wie in "Tod eines Kritikers", "zurückgeschlagen" sagen? "Seit heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen" - o ja, er kennt seine Texte, ja, auch jene Hitlersche Bekanntgabe des Überfalls auf Polen am 1. September 1939). Hinterher zieht er dann jene schon nach der Paulskirchen-Rede eingeübte de-Niro-Unschuldsmiene auf, spreizt dazu die Finger nach außen und fragt "Wie - ich? Ich hab doch gar nichts getan."
Vielleicht hat er, rein subjektiv, sogar recht. Vor drei Jahren druckte DIE ZEIT einen überlangen Text von ihm ("Sprache - sonst nichts"), der in seinen syntaktischen und gedanklichen Mäandern auch bei großer Geduld nicht mehr ganz zu verstehen war. Und vor kurzem, in dem Treffen mit Bundeskanzler Schröder, das sich irreführend "Gespräch" nannte, fehlte seinem empfindsamen Betroffenheitsgestammel mitunter die gedankliche Klarheit (wobei wir die Rhetorik, über die der Kanzler verfügte, von dem Bodenseer gar nicht mal verlangen, erst recht nicht historische Durchblicke). DIE WELT bescheinigte ihm jetzt sogar ein "kindlich-affektbetontes Ausagieren von Trieben und Wünschen", die der "regredierende" Autor offenkundig als "Befreiung" erlebe - "in den höchsten erogenen Zonen des Verbotenen". Die Website des Suhrkamp-Verlags indes schont den inkohärenten Autor auf ihre Weise: Noch Anfang Juni gratulierte sie ihm ganz blauäugig und "sehr herzlich zu seinem 75. Geburtstag". Und schwieg zur Sache.
Nun also hat er, der wiederum Nichtschuldige, erneut eine Debatte darüber angezettelt, wieviel diesem Land mittlerweile zugemutet werden darf: an seichter Haß-Literatur und an aufrechtem Antisemitismus über die Bande (es sei ja nur Rollenprosa). Wir behandeln das Thema in unserem nächsten Update am 18. Juni.
Hier zum Einstieg einige Beweismittel der Anklage und der Verteidigung.


Martin Walser
Tod eines Kritikers (Auszüge)

Matthias Landolf, im Roman Freund und Nachbar des Schriftstellers Hans Lach, erzählt:

Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland bin, zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE "dran" waren, nachher zur Party einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags, aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André Ehrl-König tätlich werden wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen. Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden, eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen. München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet. ...

Matthias Landolf lässt sich von Professor Silberfuchs (der im Roman immer nur "Silbenfuchs" heißt) die letzte Ehrl-Koenig-Sendung referieren:

Zuerst einmal müsse festgestellt werden, daß Hans Lach dieses Buch vorsätzlich gegen ihn, Ehrl-König, geschrieben habe. Seit er, Ehrl-König, hier SPRECHSTUNDE halte, also immerhin seit siebzehn Jahren, habe er nicht aufgehört zu sagen, daß ein Roman, der mehr als vierhundert Seiten lang sei, ihm, dem Leser André Ehrl-König, zu beweisen habe, warum er mehr als vierhundert Seiten lang sein müsse. Hans Lach denke nicht daran, diesen Beweis zu liefern. Zweitens: Die weibliche Heldin dieses Romans sei eine beschränkte Person, deren Beschränktheit vom Roman selbst sozusagen auf jeder zweiten Seite zugegeben werde. Er, Ehrl-König, predige in einer ihm schon selbst auf die Nerven gehenden Hartnäckigkeit, daß er beschränkte Weibspersonen weder im Leben noch in Romanen ertrage. Was tut Feroind Lach: schiebt eine unbelehrbar bescheränkte Weibsperson über vierhundertneunzehn Seiten durch einen Roman, der dann auch noch Mädchen ohne Zehennägel heißt. Oh, wie habe er, dieses Buch lesen müssend, die Putzfrauen, Pardon, die Reinigungsfrauen in öffentelichen Gebäuden beneidet. Was für eine interessante, spannende Tätigkeit, den Staubsauger über immer neue Bodenschattierungen zu führen, begeleitet vom wunderbaren Gerundton des Elekteromotors. Und er muß einen Roman lesen mit bald sovielen Personen wie Seiten. Ach was, Personen! Wenn's doch Personen wären, nur Namen seien's, Pappfiguren mit deraufgekelebten Namen, bis hundert habe er mitgezählt, dann habe er's gelassen, da lese er doch lieber gleich das Telephonbuch, habe er gedacht. ... Sie wissen nicht, was man mitmacht, wenn man sein Leben für die doitsche Literatür opfert. Fast nur dämliche Ferauenfiguren, keine Erotik, die einem unter die Haut gehe, keine Sexualität, die es mit einem Glas Champagner aufnehmen könnte, nichts als Fanta, Fanta, Fanta, aber ohne -sie.
....
Aber der Keritiker hat, wenn er Keritiker ist, weder Feroind noch Feind. Seine Sache ist, solange er urteilt, die doitsche Literatür. Wenn er, Ehrl-König, ein paar Tage hintereinander doitsche Gegenwartsliteratür lesen müsse, beneide er die Loite von der Müllabfuhr. Wie elegant schwingen die die Kübel voll des übelen Zoigs hinauf zum Schelucker, schwupps, und weg ist das Zoig, der Kübel wieder leicht und leer, aber wie lange habe er, der Keritiker, zu würgen und zu gacksen, bis er so einen doitschen Gegenwartsroman dort habe, wo der hingehört: in den Müll. Daß Pelatz ist für das Bessere. Das Gute. Für Philip Roth, zum Beispiel. Jetzt habe Ehrl-König einen Augenblick lang geschwiegen, ganz und gar düster. Martha habe ihn gestreichelt, tröstlich. Ja, Martha, habe er gesagt, er beneide sich nicht um seinen Job. Er fühle sich nun einmal verantwortlich für die Gegenwartsliteratür. Vor allem eben für die doitsche. Und schwieg. Das Publikum schwieg. Schwieg heftig, schwieg pathetisch, schwieg solidarisch, schwieg mit ihm. Litt mit ihm. Unter dieser doitschen Gegenwartsliteratür.
...
Ehrl-König könne ja aus irgend einer Mundunpäßlichkeit hinter einem sch kein r aussprechen, hinter einem Konsonanten schon gar nicht. Das gehöre zu den vielen Sprecheigentümlichkeiten, die es so leicht machten, ihn zu imitieren. Er, Silbenfuchs sei sicher, daß Ehrl-König vor allem wegen seiner leichten Imitierbarkeit so populär und deshalb so einflußreich sei. In der ganzen Literaturgeschichte habe keiner soviel Macht ausgeübt wie Ehrl-König, singen und sagen seine Chorknaben im DAS-Magazin.
...
Nehmen Sie Ehrl-König und die Frauen. Es hat sich nie um Frauen gehandelt, immer um Mädels. Oder auch um Mädelchen. Mädel oder Mädelchen, da hat er immer scharf unterschieden. Am liebsten waren ihm natürlich Mädelchen, aber wenn's keine gab, nahm er auch Mädels. Frauen findet er langweilig. Unzumutbar. Besonders doitsche. Weibliches plus Schicksal, zum Davonlaufen! Aber schicksallose, ihres Aufblühens noch nicht ganz sichere Mädels oder Mädelchen, dann wisse er, sagte er, wozu er zur Welt gekommen sei. Herr Pilgrim mußte ihm jede auftauchende Literaturjungfer sofort melden. Und er fragte nie: Schreibt sie gut, sondern: Ist sie hübsch. Eine der kühnsten Kreationen RHH's sei gewesen: Der-Tee-in-der-Suite. Daß Ehrl-König mit jeder in Frage kommenden Jungautorin in den Vier Jahreszeiten gegessen, dann formelhaft gesagt habe: Den Tee nehmen wir in meiner Suite!, das sei inzwischen in der Szenenbelletristik schon ein paar Mal beschrieben und ausgemalt worden.


Hier der Brief von Frank Schirrmacher an Martin Walser (FAZ, 29. Mai 2002, Seite 49):

Lieber Herr Walser,

Ihr neuer Roman wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Nur ein kleiner Zirkel von Eingeweihten kannte bisher den Inhalt. Mittlerweile kenne auch ich ihn. Nicht weil Rechercheure die Panzerschränke im Suhrkamp-Haus geknackt hätten. Sie selbst haben uns, unspektakulär genug, die Fahnen gegeben. Sie wünschen, daß Ihr neuer Roman, "Tod eines Kritikers", in dieser Zeitung vorabgedruckt wird. Sie legen Wert darauf, daß er hier und gerade hier erscheint.

Ich muß Ihnen mitteilen, daß Ihr Roman nicht in dieser Zeitung erscheinen wird. Die Kritiker mögen entscheiden, wie gut oder wie schlecht dieses Buch unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit ist. "Auch ein schlechter Walser ist ein Ereignis", sagte einmal ein bekannter Redakteur.

Ihr Roman ist eine Exekution. Eine Abrechnung - lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite! - mit Marcel Reich-Ranicki. Es geht um die Ermordung des Starkritikers. Ein Schriftsteller wird als Täter verdächtigt. Ein anderer, der Erzähler, recherchiert. Später erfährt man, daß beide ein und diesselbe Person sind. Am Ende die Aufklärung: Der Kritiker ist nicht tot, er hat nur tot gespielt, um sich mit seiner Geliebten zu vergnügen. Dazwischen eine Art Gesamtanalyse des Starkritikers, des literarischen Lebens unter Aufbietung halbverschlüsselter Figuren wie Joachim Kaiser und Siegfried Unseld. In Wahrheit aber: die Beschreibung eines Verhängnisses, das sich in André Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki über die Literatur in Deutschland legt.

Ehe Sie, lieber Herr Walser, mit den Begriffen Fiktion, Rollenprosa, Perspektivwechsel antworten - ich bin durchaus im Bilde. Ich bin imstande, das literarische Reden vom nichtliterarischen zu unterscheiden. Man hat mich unterrichtet, wie oft und wo überall in der modernen Literatur Kritiker gemordet werden.

Doch die Burgtore des Normativen, der literarischen Tradition und Technik stehen Ihnen als Zuflucht nicht offen. Denn das alles wären ja nur Kategorien für ein "schlechtes" oder "gutes" Buch. Ich aber halte Ihr Buch für ein Dokument des Hasses. Und ich weiß nicht, was ich befremdlicher finden soll: die Zwanghaftigkeit, mit der Sie Ihr Thema durchführen, oder den Versuch, den sogenannten Tabubruch als Travestie und Komödie zu tarnen. Nicht wahr, Sie haben das "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent" nur wörtlich genommen?

Werden Sie mir glauben, daß ich umgekehrt nun beginne, Sie wörtlich zu nehmen? Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie. Daß der Mord keiner ist, macht die wonnevolle Spekulation unangreifbar. "Habe allerdings keinen, der für mich tötet", sagt der Erzähler beispielsweise einmal. Und mehr als einmal fällt der Satz: "Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus." Sie haben sich eine Art mechanisches Theater aufgebaut, in dem es möglich ist, den Mord auszukosten, ohne ihn zu begehen. Doch es geht hier nicht um die Ermordung des Kritikers als Kritiker, wie es etwa bei Tom Stoppard geschieht. Es geht um den Mord an einem Juden.

Die Signale sind unübersehbar, und sie sind unheimlich. "Das Thema war jetzt", heißt es, "daß Hans Lach einen Juden getötet hatte." Das kommt so nebenbei, aber es ist Ihr Thema, es ist das Thema dieses Buches. Sie denken sich die Sache so richtig durch. Was würde das große Nachrichtenmagazin schreiben? "Wolfgang Leder erklärte scharf und genau, daß es von nichts als Antisemitismus zeuge, wenn die Ermordung eines Juden, wenn er denn einer gewesen sei, moralisch schlimmer geahndet werde als die Ermordung eines Nichtjuden. Philosemiten seien eben, wie bekannt, Antisemiten, die die Juden liebten." Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Verdächtigen dadurch besonders verdächtig zu machen, daß der in höchster Wut dem Starkritiker in Hitler-Sprache droht, "ab 0.00 Uhr wird zurückgeschlagen", worauf der Kritiker tatsächlich wie vom Erdboden verschwindet. Welch ein Spaß, wenn man erfährt, daß diese Kriegserklärung an den Kritiker von einem Unschuldigen stammt! Natürlich kann Ihr Kritikerpapst nicht richtig Deutsch. Ihr Reich-Ranicki sagt nicht "deutsch" sondern "doitsch", nicht Literatur, sondern "Literatür", und er hat einen kapitalen Messiaskomplex: "Aber in einer Hinsicht sei jeder, der sich im keritischen Dienst verzehre, in der Nachfolge des Nazareners: der habe gelitten für die Sünden der Menschheit, der Keritiker leidet unter den Sünden der Schschscheriftstellerrr." Sie, lieber Martin Walser, wissen, was Sie hier tun. Und wer es literarhistorisch nicht weiß, lese die Parodien des Juden Karl Kraus auf den Juden Alfred Kerr.

Die "Herabsetzungslust", die "Verneinungskraft", das Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar, und wenn "André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust", dann ist Ihr "darunter" besonders hervorhebenswert, als wäre die große Mehrheit der europäischen Juden eben nicht Opfer gewesen. Das sind so Kleinigkeiten, die mich stutzig machen und hinter denen ich schließlich zu meiner eigenen Überraschung Methode vermute. Gut, Ihr Kritiker hat einen Sprachfehler, und er trainiert sogar seine sprachliche Eigenheit. Und dann, weil Sie glauben, Sie seien nun salviert, schreiben Sie diesen Satz, den man im Schriftbild vor sich sehen muß, um die Verballhornung des Jiddischen heraushören zu können: "Denken Sie nur an den Ehrl-König-Sound, wenn er über doitsche Scheriftsteller spericht und über die Sperache, die sie schereiben und wie scherecklich es ist, sein Leben geweiht zu haben einer Literatür, die zu mehr als noinzig Perozent langeweilig ist" und so weiter und so weiter.

Aber das alles ist nichts gegen den Clou dieses Buches. Mord, Mordkommission, das alles spielt hier immer mit der Erinnerung an den Massenmord der Nazis. Doch der Kritiker ist nicht tot. Seine Frau, die kettenrauchend, kaum deutsch, sondern französisch sprechend, unter ihm leidet, weiß es die ganze Zeit. Warum? Sie sagt es, ein Champagnerglas in der Hand: "Umgebracht zu werden paßt doch nicht zu André Ehrl-König."

Es ist dieser Satz, der mich vollends sprachlos macht. Er ist Ihnen so wichtig, daß er zweimal in dem Roman vorkommt. Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß Marcel Reich-Ranicki der einzige Überlebende seiner Familie ist, halte ich den Satz, der das Getötetwerden oder Überleben zu einer Charaktereigenschaft macht, für ungeheuerlich.

Ich habe, lieber Herr Walser, in meiner Laudatio in der Paulskirche eine Summe ihres Werkes und Wirkens gezogen. Ebenso klar sage ich, daß ich fatal finde, was Sie jetzt zu tun im Begriff sind. Als Adolf Hitler seine Kriegserklärung gegen Polen formulierte, die Sie in Ihrem Roman so irrwitzig parodieren, war dies auch eine Kriegserklärung an den damals in Polen lebenden Marcel Reich und seine Familie. Nicht viele europäische Juden haben diesen Satz von Adolf Hitler überlebt. "Darunter", um Sie zu zitieren, noch weniger das Warschauer Ghetto. Und noch mal viel, viel weniger haben den Aufstand im Warschauer Ghetto überlebt. Und noch viel weniger konnten dann in einem Kellerloch in Polen überdauern. Und von all denen, die das überlebt haben, gibt es nur noch einen Bruchteil eines Bruchteils, der heute noch lebt. Zwei davon, lebend also wider jede Wahrscheinlichkeit, sind der heute zweiundachtzigjährige Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila. Verstehen Sie, daß wir keinen Roman drucken werden, der damit spielt, daß dieser Mord fiktiv nachgeholt wird? Verstehen Sie, daß wir der hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude sei unverletzlich, kein Forum bieten werden?

Ich muß diese Absage öffentlich machen. Sie haben bereits vorauseilend die Vermutung geäußert, eine Absage wäre nur auf den undurchschaubaren Einfluß Marcel Reich-Ranickis zurückzuführen. Doch die reale Hauptfigur Ihres Romans weiß nichts von diesen Vorgängen. Es gibt keine Verschwörung.

Sie, lieber Herr Walser, haben oft genug gesagt, Sie wollten sich befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre Freiheit ist unsere Niederlage. Mit bestem Gruß.


Am gleichen Tag gab Martin Walser, der vorhersehbar wieder nichts verstand, dabei aber die Gründe, die Schirrmacher für sein Vorgehen angibt, überlesen hat, diese nicht immer aufrichtige Stellungnahme heraus (Exzerpte):

Frank Schirrmacher schreibt über meinen Roman: 'Es geht um den Mord an einem Juden'. Erstens passiert im ganzen Buch kein Mord. Zweitens geht es im ganzen Buch nicht um einen Juden, sondern um einen Kritiker. Das Buch erzählt die Erfahrungen eines Autors mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens. Wie Schirrmacher dazu kommt, dieses Thema auf den Holocaust zu beziehen, weiß ich nicht.
...
'Tod eines Kritikers' ist auch ein Buch über das Schicksal der Poesie unter Bedingungen des immer rauher werdenden Kulturbetriebs. Poesie hat schlechte Quoten. Darüber darf ein Roman elegisch werden. Er darf aber auch polemisch werden, wenn er endlich einmal das, was man als Autor jahrzehntelang einzustecken hat, auf literarische Art beantwortet. Ich habe das Buch mit der Widmung versehen: 'Für die, die meine Kollegen sind'. Ich habe auf meine Erfahrungen nicht mit Kolportage reagiert, sondern mit Literatur.
Ich kann es nicht begreifen, daß jetzt so getan wird, als sei eine Romanfigur identisch mit ihrem Vorbild in der Wirklichkeit. Eine Romanfigur hat immer mehr als ein Vorbild. Aber am wenigsten begreife ich, daß Schirrmacher gegen jeden Brauch und Anstand über ein Buch schreibt und urteilt, das noch nicht erschienen ist. Das Manuskript wurde der FAZ überlassen zur Prüfung, ob sie es vorabdrucken wolle. Wenn sie das nicht wollten, hätte eine Mitteilung an den Verlag genügt. Ich nehme an, Frank Schirrmacher sah sich aus Gründen, die ich nicht kennen kann, nicht einmal kennen will, genötigt, sich auf sehr opportune Weise einzumischen. Das tut mir leid. Für ihn.

Wie gehabt: die reine Unschuld. Aber soll man sie dem mit sich selbst genug Geplagten wirklich noch übelnehmen?

4. Juni 2002

Leserbrief


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