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Walser-Debatte, die zweite Antisemit ist er nicht, aber. Der Meister der Zweideutigkeiten hat wieder zugeschlagen (oder muß
man jetzt anspielungsreich, wie in "Tod eines Kritikers",
"zurückgeschlagen" sagen? "Seit heute nacht Null
Uhr wird zurückgeschlagen" - o ja, er kennt seine Texte, ja,
auch jene Hitlersche Bekanntgabe des Überfalls auf Polen am 1.
September 1939). Hinterher zieht er dann jene schon nach der Paulskirchen-Rede
eingeübte de-Niro-Unschuldsmiene auf, spreizt dazu die Finger nach
außen und fragt "Wie - ich? Ich hab doch gar nichts getan."
Matthias Landolf, im Roman Freund und Nachbar des Schriftstellers Hans Lach, erzählt: Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland bin, zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE "dran" waren, nachher zur Party einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags, aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André Ehrl-König tätlich werden wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen. Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden, eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen. München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet. ... Matthias Landolf lässt sich von Professor Silberfuchs (der im Roman immer nur "Silbenfuchs" heißt) die letzte Ehrl-Koenig-Sendung referieren: Zuerst einmal müsse festgestellt werden, daß
Hans Lach dieses Buch vorsätzlich gegen ihn, Ehrl-König, geschrieben
habe. Seit er, Ehrl-König, hier SPRECHSTUNDE halte, also immerhin
seit siebzehn Jahren, habe er nicht aufgehört zu sagen, daß
ein Roman, der mehr als vierhundert Seiten lang sei, ihm, dem Leser
André Ehrl-König, zu beweisen habe, warum er mehr als vierhundert
Seiten lang sein müsse. Hans Lach denke nicht daran, diesen Beweis
zu liefern. Zweitens: Die weibliche Heldin dieses Romans sei eine beschränkte
Person, deren Beschränktheit vom Roman selbst sozusagen auf jeder
zweiten Seite zugegeben werde. Er, Ehrl-König, predige in einer
ihm schon selbst auf die Nerven gehenden Hartnäckigkeit, daß
er beschränkte Weibspersonen weder im Leben noch in Romanen ertrage.
Was tut Feroind Lach: schiebt eine unbelehrbar bescheränkte Weibsperson
über vierhundertneunzehn Seiten durch einen Roman, der dann auch
noch Mädchen ohne Zehennägel heißt. Oh, wie habe er,
dieses Buch lesen müssend, die Putzfrauen, Pardon, die Reinigungsfrauen
in öffentelichen Gebäuden beneidet. Was für eine interessante,
spannende Tätigkeit, den Staubsauger über immer neue Bodenschattierungen
zu führen, begeleitet vom wunderbaren Gerundton des Elekteromotors.
Und er muß einen Roman lesen mit bald sovielen Personen wie Seiten.
Ach was, Personen! Wenn's doch Personen wären, nur Namen seien's,
Pappfiguren mit deraufgekelebten Namen, bis hundert habe er mitgezählt,
dann habe er's gelassen, da lese er doch lieber gleich das Telephonbuch,
habe er gedacht. ... Sie wissen nicht, was man mitmacht, wenn man sein
Leben für die doitsche Literatür opfert. Fast nur dämliche
Ferauenfiguren, keine Erotik, die einem unter die Haut gehe, keine Sexualität,
die es mit einem Glas Champagner aufnehmen könnte, nichts als Fanta,
Fanta, Fanta, aber ohne -sie.
Lieber Herr Walser, Ihr neuer Roman wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Nur ein kleiner Zirkel von Eingeweihten kannte bisher den Inhalt. Mittlerweile kenne auch ich ihn. Nicht weil Rechercheure die Panzerschränke im Suhrkamp-Haus geknackt hätten. Sie selbst haben uns, unspektakulär genug, die Fahnen gegeben. Sie wünschen, daß Ihr neuer Roman, "Tod eines Kritikers", in dieser Zeitung vorabgedruckt wird. Sie legen Wert darauf, daß er hier und gerade hier erscheint. Ich muß Ihnen mitteilen, daß Ihr Roman nicht in dieser Zeitung erscheinen wird. Die Kritiker mögen entscheiden, wie gut oder wie schlecht dieses Buch unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit ist. "Auch ein schlechter Walser ist ein Ereignis", sagte einmal ein bekannter Redakteur. Ihr Roman ist eine Exekution. Eine Abrechnung - lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite! - mit Marcel Reich-Ranicki. Es geht um die Ermordung des Starkritikers. Ein Schriftsteller wird als Täter verdächtigt. Ein anderer, der Erzähler, recherchiert. Später erfährt man, daß beide ein und diesselbe Person sind. Am Ende die Aufklärung: Der Kritiker ist nicht tot, er hat nur tot gespielt, um sich mit seiner Geliebten zu vergnügen. Dazwischen eine Art Gesamtanalyse des Starkritikers, des literarischen Lebens unter Aufbietung halbverschlüsselter Figuren wie Joachim Kaiser und Siegfried Unseld. In Wahrheit aber: die Beschreibung eines Verhängnisses, das sich in André Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki über die Literatur in Deutschland legt. Ehe Sie, lieber Herr Walser, mit den Begriffen Fiktion, Rollenprosa, Perspektivwechsel antworten - ich bin durchaus im Bilde. Ich bin imstande, das literarische Reden vom nichtliterarischen zu unterscheiden. Man hat mich unterrichtet, wie oft und wo überall in der modernen Literatur Kritiker gemordet werden. Doch die Burgtore des Normativen, der literarischen Tradition und Technik stehen Ihnen als Zuflucht nicht offen. Denn das alles wären ja nur Kategorien für ein "schlechtes" oder "gutes" Buch. Ich aber halte Ihr Buch für ein Dokument des Hasses. Und ich weiß nicht, was ich befremdlicher finden soll: die Zwanghaftigkeit, mit der Sie Ihr Thema durchführen, oder den Versuch, den sogenannten Tabubruch als Travestie und Komödie zu tarnen. Nicht wahr, Sie haben das "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent" nur wörtlich genommen? Werden Sie mir glauben, daß ich umgekehrt nun beginne, Sie wörtlich zu nehmen? Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie. Daß der Mord keiner ist, macht die wonnevolle Spekulation unangreifbar. "Habe allerdings keinen, der für mich tötet", sagt der Erzähler beispielsweise einmal. Und mehr als einmal fällt der Satz: "Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus." Sie haben sich eine Art mechanisches Theater aufgebaut, in dem es möglich ist, den Mord auszukosten, ohne ihn zu begehen. Doch es geht hier nicht um die Ermordung des Kritikers als Kritiker, wie es etwa bei Tom Stoppard geschieht. Es geht um den Mord an einem Juden. Die Signale sind unübersehbar, und sie sind unheimlich. "Das Thema war jetzt", heißt es, "daß Hans Lach einen Juden getötet hatte." Das kommt so nebenbei, aber es ist Ihr Thema, es ist das Thema dieses Buches. Sie denken sich die Sache so richtig durch. Was würde das große Nachrichtenmagazin schreiben? "Wolfgang Leder erklärte scharf und genau, daß es von nichts als Antisemitismus zeuge, wenn die Ermordung eines Juden, wenn er denn einer gewesen sei, moralisch schlimmer geahndet werde als die Ermordung eines Nichtjuden. Philosemiten seien eben, wie bekannt, Antisemiten, die die Juden liebten." Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Verdächtigen dadurch besonders verdächtig zu machen, daß der in höchster Wut dem Starkritiker in Hitler-Sprache droht, "ab 0.00 Uhr wird zurückgeschlagen", worauf der Kritiker tatsächlich wie vom Erdboden verschwindet. Welch ein Spaß, wenn man erfährt, daß diese Kriegserklärung an den Kritiker von einem Unschuldigen stammt! Natürlich kann Ihr Kritikerpapst nicht richtig Deutsch. Ihr Reich-Ranicki sagt nicht "deutsch" sondern "doitsch", nicht Literatur, sondern "Literatür", und er hat einen kapitalen Messiaskomplex: "Aber in einer Hinsicht sei jeder, der sich im keritischen Dienst verzehre, in der Nachfolge des Nazareners: der habe gelitten für die Sünden der Menschheit, der Keritiker leidet unter den Sünden der Schschscheriftstellerrr." Sie, lieber Martin Walser, wissen, was Sie hier tun. Und wer es literarhistorisch nicht weiß, lese die Parodien des Juden Karl Kraus auf den Juden Alfred Kerr. Die "Herabsetzungslust", die "Verneinungskraft", das Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar, und wenn "André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust", dann ist Ihr "darunter" besonders hervorhebenswert, als wäre die große Mehrheit der europäischen Juden eben nicht Opfer gewesen. Das sind so Kleinigkeiten, die mich stutzig machen und hinter denen ich schließlich zu meiner eigenen Überraschung Methode vermute. Gut, Ihr Kritiker hat einen Sprachfehler, und er trainiert sogar seine sprachliche Eigenheit. Und dann, weil Sie glauben, Sie seien nun salviert, schreiben Sie diesen Satz, den man im Schriftbild vor sich sehen muß, um die Verballhornung des Jiddischen heraushören zu können: "Denken Sie nur an den Ehrl-König-Sound, wenn er über doitsche Scheriftsteller spericht und über die Sperache, die sie schereiben und wie scherecklich es ist, sein Leben geweiht zu haben einer Literatür, die zu mehr als noinzig Perozent langeweilig ist" und so weiter und so weiter. Aber das alles ist nichts gegen den Clou dieses Buches. Mord, Mordkommission, das alles spielt hier immer mit der Erinnerung an den Massenmord der Nazis. Doch der Kritiker ist nicht tot. Seine Frau, die kettenrauchend, kaum deutsch, sondern französisch sprechend, unter ihm leidet, weiß es die ganze Zeit. Warum? Sie sagt es, ein Champagnerglas in der Hand: "Umgebracht zu werden paßt doch nicht zu André Ehrl-König." Es ist dieser Satz, der mich vollends sprachlos macht. Er ist Ihnen so wichtig, daß er zweimal in dem Roman vorkommt. Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß Marcel Reich-Ranicki der einzige Überlebende seiner Familie ist, halte ich den Satz, der das Getötetwerden oder Überleben zu einer Charaktereigenschaft macht, für ungeheuerlich. Ich habe, lieber Herr Walser, in meiner Laudatio in der Paulskirche eine Summe ihres Werkes und Wirkens gezogen. Ebenso klar sage ich, daß ich fatal finde, was Sie jetzt zu tun im Begriff sind. Als Adolf Hitler seine Kriegserklärung gegen Polen formulierte, die Sie in Ihrem Roman so irrwitzig parodieren, war dies auch eine Kriegserklärung an den damals in Polen lebenden Marcel Reich und seine Familie. Nicht viele europäische Juden haben diesen Satz von Adolf Hitler überlebt. "Darunter", um Sie zu zitieren, noch weniger das Warschauer Ghetto. Und noch mal viel, viel weniger haben den Aufstand im Warschauer Ghetto überlebt. Und noch viel weniger konnten dann in einem Kellerloch in Polen überdauern. Und von all denen, die das überlebt haben, gibt es nur noch einen Bruchteil eines Bruchteils, der heute noch lebt. Zwei davon, lebend also wider jede Wahrscheinlichkeit, sind der heute zweiundachtzigjährige Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila. Verstehen Sie, daß wir keinen Roman drucken werden, der damit spielt, daß dieser Mord fiktiv nachgeholt wird? Verstehen Sie, daß wir der hier verbrämt wiederkehrenden These, der ewige Jude sei unverletzlich, kein Forum bieten werden? Ich muß diese Absage öffentlich machen. Sie haben bereits vorauseilend die Vermutung geäußert, eine Absage wäre nur auf den undurchschaubaren Einfluß Marcel Reich-Ranickis zurückzuführen. Doch die reale Hauptfigur Ihres Romans weiß nichts von diesen Vorgängen. Es gibt keine Verschwörung. Sie, lieber Herr Walser, haben oft genug gesagt, Sie wollten sich befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre Freiheit ist unsere Niederlage. Mit bestem Gruß.
Frank Schirrmacher schreibt über meinen Roman:
'Es geht um den Mord an einem Juden'. Erstens passiert im ganzen Buch
kein Mord. Zweitens geht es im ganzen Buch nicht um einen Juden, sondern
um einen Kritiker. Das Buch erzählt die Erfahrungen eines Autors
mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens. Wie
Schirrmacher dazu kommt, dieses Thema auf den Holocaust zu beziehen,
weiß ich nicht. Wie gehabt: die reine Unschuld. Aber soll man sie dem mit sich selbst
genug Geplagten wirklich noch übelnehmen? |
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