"Kleine Brötchen ...
Der Poet Walser besingt verdiente Politiker"

So überschreibt die "FAS" (die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") vom 12. Mai 2002 ihre Entdeckung. Walsers Neigung, heißt es dort weiter, ausgewählte Politiker zu bewundern, habe der Schriftsteller Walser nicht erst im vergangenen Mai gezeigt, als er sich mit dem Bundeskanzler plauschig vor die Fernsehkameras setzte. Schon drei Jahre vorher habe der Poet vom Bodensee seinem Landesvater Erwin Teufel zum 60. Geburtstag die nebenstehende Huldigung gedichtet.
Nun wissen wir also, nachdem wir wissen, wen er bis zu Mordphantasien verachtet, wen er schätzt (wenigstens lyrisch). Und wofür. Und wie - nämlich Hölderlinsch.
Vorsicht: keine Satire!

Festtagsheraldik

Von Martin Walser

Seine Schürze ist grün,
und das ist keine politische Farbe,
er ist der Gärtner, der erste des Landes, er kennt den Boden und pflegt ihn auf Gedeih
und gegen Verderb.
Könnte man sich auf alle
verlassen wie auf ihn,
dann wäre Demokratie
eine leise blühende Ordnung.
Sensationen überläßt er sonstwem und zieht Arbeit vor. Und wirkt fromm dabei. Arbeitsfromm.
Und begeistert, immer von Sachen. Macht übt er aus nur
nach Uhrmacherart: er richtet das Werk, daß die Zeit nicht
ins Toben gerate.
Segensreich zu sein liegt ihm.
Heilig nüchtern. Das paßt zu ihm.
Überhaupt Wörter von früher.
Er macht sie brauchbar.
Schlaue verfehlen ihn.
Designern ist er zu eckig.
Er läßt die Illusion zu,
das Gute sei möglich.


18. Juni 2002

Leserbrief