Die sogenannte Walser-Debatte

Sprachspiele

Von Fritz R. Glunk

Ehrlich währt die Debatte am längsten. Für manchen zu lang. Wer sie medientauglich halten will, in 30-Sekunden-Statements, muß tarnen und täuschen.
Walser probiert es mal so, mal so, und Kaiser spricht es ihm nach.
Freundschaft!

1 Sachverhalt

Frank Schirrmacher schreibt über das Buch "Tod eines Kritikers" von Martin Walser unter anderem folgendes: "Die 'Herabsetzungslust', die 'Verneinungskraft', das Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar ...".
Damit ist (obwohl die Formulierung etwas uneindeutig bleibt) wohl gemeint, der Roman enthalte ein Repertoire antisemitischer Klischees. Zwei davon werden hier zitiert. Später, nach der Bewertung "Das sind so Kleinigkeiten, ... hinter denen ich Methode vermute", kommt die "Verballhornung des Jiddischen" hinzu - wobei sich Schirrmacher hier ungeschickt ausdrückt: Es geht im Buch nirgends um das Jiddische, d.h. sprachgeschichtlich einen mittelhochdeutschen Dialekt, sondern um eine Sprechweisenkarikatur, die - wie Stefanie Brauer hier nachweist - schon früh als antisemitischer Topos in Stellung gebracht wurde.
Bleiben wir also bei "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft", diesen zwei Begriffen aus dem "Repertoire antisemitischer Klischees", die Walser - so lautet der Vorwurf - zur Charakterisierung des Titelhelden benützt.

2 Einreden

Walser hat Freunde, die zu seiner Verteidigung aufgestanden sind. Allen voran Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung (vom 5. Juni). Er zitiert die Buchstelle von der genialen "Unbeeindruckbarkeit" Ehrl-Königs: "Daraus sprießt unwillkürlich seine Verneinungskraft", und fragt dann: "Spricht eine solche Äußerung für Antisemitismus? Nein - höchstens für wilden, vielleicht sogar mordlustigen Hass." Die Frage und ihre Antwort gehen aber - bei Kaisers Wortgewalt muß man vermuten: sehenden Auges - am Vorwurf vorbei. Denn von "Antisemitismus" als persönlicher Haltung, Einstellung, Überzeugung war bei Schirrmacher nicht die Rede. Gemeint war ein Buch, und auch dem wird nicht rundheraus "Antisemitismus" vorgeworfen - allenfalls, vorsichtig vermutend, "Methode", also gewollter Einsatz bekannter Klischees. Die Gegenfrage und ihre Seöbstbeantwortung tun also nichts zur Sache.
Die zweite Einrede Kaisers ist schärfer - und von rhetorischer Arglist. Wieder geht es ihm darum, daß man aus Walsers Kritiker-Beschreibung vielleicht blinde Wut herauslesen kann, aber keinen "Antisemitismus": "Es sei denn - die Walser-Gegner selbst betrachten gewisse intellektuelle, egomanische, negativ-kritische Haltungen als etwas typisch Jüdisches."
Sehr originell war dieser Einwand gegen die fälschlich "Walser-Gegner" genannten Buch-Kritiker nicht: Der Buch-Autor selbst hatte ihm eine etwas wirre, aber sinngemäße Vorlage bereits im SPIEGEL (vom 3. Juni) gegeben - auch schon die Umkehrung des Antisemitismus-Vorwurfs. Im Interview dort hatte der Autor gesagt: "Mit den Worten 'Herabsetzungslust' und 'Verneinungskraft' sind negierende Haltungen beschrieben, Frank Schirrmacher sagt diesen eher negativen Haltungen eine Nähe zu jüdischen Eigenschaften nach. Ist das nicht entsetzlich? Im Nazi-Jargon wurden Juden als 'zersetzend' gebrandmarkt, meine Wörter 'Herabsetzungslust' und 'Verneinungskraft' sind schöne Wörter, bezeichnen wunderbare Haltungen, ohne die keiner von uns durchkäme. Und das soll ein antisemitisches Klischee sein? Ist da nicht Herr Schirrmacher ganz nah beim Nazi-Jargon?"
Diese Verteidigungslinie hatte Walser schon in seiner Stellungnahme vom 29. Juni gezogen - hier allerdings mit einer völlig anderen, nämlich ausgesprochen negativen Bewertung der in Frage stehenden Begriffe; da waren sie ihm nämlich noch keine "wunderbaren Haltungen", vielmehr habe er sie in seinem Buch "kritisch behandelt": "Das heißt aber doch, Herabsetzungslust und Verneinungskraft seien etwas Jüdisches und wenn man Herabsetzungslust und Verneinungskraft kritisch behandelt, operiert man antisemitisch. Für mich ist eindeutig antisemitisch die Unterstellung, Herabsetzungslust und Verneinungskraft seien etwas Jüdisches. Das hätte man wohl in der Nazizeit so gesagt, daß es aber genau so heute in der FAZ gesagt wird, darf einen wundern."
Spät nachklappernd hat dann auch noch (am 6. Juni) der STERN denselben Gegenvorwurf erhoben: "Die vermeintlichen Funde freilich drängen die Frage auf, ob nicht antisemitische Klischees das Denken der Fahnder beherrschen. Etwa wenn Schirrmacher die 'Herabsetzungslust' des Walserschen Literaturkritikers als typisch jüdisch ... ausmacht."

3 Beweiswürdigung

Im Lärm dieser schiefen Einreden droht der Sachverhalt unterzugehen. Halten wir fest: Schirrmacher hat lediglich die Verwendung antisemitischer Klischees in Walsers Buch kritisiert. Er spricht also davon, daß der Autor aus einem historisch bestimmten Sprach-"Repertoire" Begriffe, die damals von Nationalsozialisten, ergo Antisemiten, gegen Juden verwendet wurden, undistanziert in einen Text von heute übernommen hat. Die Frage, ob den benützten Begriffen irgendein Wahrheitswert zukomme, ob die genannten Eigenschaften also "typisch jüdisch" seien, stellt sich gar nicht. Es wird lediglich angemerkt, daß notorisch antisemitisch konnotierte Wörter ohne Distanzierung verwendet wurden.
Walsers Verteidigung dagegen begann ja auch mit der Anerkenntnis, daß die Begriffe antisemitisch besetzt seien; in seiner Stellungnahme behauptet er, "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft" im Buch einer Kritik unterzogen zu haben. Das heißt doch wohl: Diese "Kritiker"-Eigenschaften sind auch für ihn keine guten. Erst hinterher fiel ihm offenbar auf, in welche Ecke er sich damit reden könnte (er gibt ja selbst zu, "das hätte man wohl so in der Nazizeit gesagt"), und trägt nun das glatte Gegenteil vor: Das seien doch unverzichtbare und "wunderbare Haltungen".
Wenn dies nur unsicheres Schlingern war, so war das, was folgt, eine intellektuelle Unredlichkeit.
Schirrmachers Aussage, die beiden Begriffe stammten aus dem antisemitischen Repertoire, wird dahin verfälscht, als habe Schirrmacher sich jene Repertoire-Klischees zu eigen gemacht, also selbst behauptet, diese Eigenschaften seien typisch jüdisch. Eine Aussage über einen Sprachcorpus wird zu einer Aussage über die Wirklichkeit verdreht.

Schlimmer noch: Aus Schirrmachers Kritik am "Repertoire antisemitischer Klischees" die ehrenrührige Erklärung "Herabsetzungslust und Verneinungskraft seien etwas Jüdisches" zu machen, aus der Klage über beleidigenden Sprachgebrauch die Beleidigung selbst, aus der Anzeige des sprachlichen Antisemitismus einen Antisemitismus zu backen - dazu gehört etwas ganz anderes als Leseunfähigkeit. Dazu gehört ein gerüttelt Maß an argumentativer Tücke.
Daß Kaiser seinem Freund Walser diese Boshaftigkeit nachspricht, ist nicht mehr bloß treuherzig. Das hat einen unangenehmen Geruch.

4 Duplizität der Fälle
Auf das Walten eines - gelinde gesagt - sonderbaren Zeitgeistes deutet nicht nur das passende Timing zur Möllemann-Debatte hin, sondern auch das parallele Argumentationsmuster. Antisemitismus, so Westerwelle, sei etwas Widerliches, dito aber der Vorwurf desselben. Henne und Ei? Nicht derjenige, der die Kontroverse auslöst, ist demnach für sie verantwortlich, sondern ebenso diejenigen, bei welchen sie Reaktionen auslöst. M.a.W.: Dreht den kapitolinischen Gänsen den Hals um - sie schnattern zu laut.

18. Juni 2002

Leserbrief


 Haben Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter  abonniert?