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Verliefen sich im Wald Von Joachim Rohloff Schon wieder ist Martin Walser unangenehm aufgefallen, und schon wieder hat er die deutsche Öffentlichkeit überrascht. Als Mitglied der Gruppe 47 und einer sozialdemokratischen Wahlinitiative lernte man ihn in den sechziger Jahren kennen, in den Siebzigern sah man ihn sogar in der Umgebung der DKP. Seitdem hat man sich daran gewöhnt, ihn für einen Linken zu halten, und niemand will verstehen, warum Walser der Rechten in letzter Zeit so viel Freude macht. Ob er sich geändert hat, ist schwer zu entscheiden, geblieben ist ihm jedenfalls während dieser langen Jahrzehnte seine Volkstümlichkeit. Im Rückblick muss man vermuten, dass er in der Gewerkschaft, der er noch heute angehört, die Nähe zum Volk suchte und in der DKP die geistige Nähe zu Thüringen. Wenn die Genossen von Arbeitern und Bauern sprachen, dachte er an Brüder und Schwestern, und inmitten einer Delegation, die in den Bezirk Dresden reiste, reiste er als Einziger nach Sachsen. Doch der Kommunismus schien seine literarische Entwicklung zu beeinträchtigen. Walser verabschiedete sich, und nun dauerte es nicht lange, bis er sein Bedürfnis nach einer Heimat, die größer sein sollte als der Bodenseekreis, zum ersten Mal kundtat: Sachsen und Thüringen sind für mich weit zurück und tief hinunter hallende Namen, die ich nicht unter 'Verlust' buchen kann. Nietzsche ist kein Ausländer. Leipzig ist vielleicht momentan nicht unser, aber Leipzig ist mein." Das war 1977. Interessierte Kreise hätten einwerfen können, Kant sei auch kein Ausländer, doch Königsberg hallte vorerst in Walser nicht. 1984 erreichte seine Sehnsucht nach Thüringen eine neue Qualität: "Das Selbstbestimmungsrecht, das von allen Menschenrechten jetzt überall für das höchste gehalten wird die Deutschen sollen es nicht haben." Aus gutem Grund, das wusste er wohl; trotzdem schmiedete er seine Argumente noch aus dem dümmsten Vergleich: "Wenn die Deutschen Polen wären, dann müsste man sie seriös betrauern, dann wäre das ja eine polnische Teilung." Wer auf den sänftigenden Wohlstand zumindest der Westdeutschen baute oder auf einen Verfassungspatriotismus gar, kannte seine Landsleute schlecht: "Wir täuschen die Welt. Wir tun so, als sei die deutsche Seele mit dem Psychopharmakon Marktwirtschaft abzufinden. (...) Die deutsche Seele, ob sie schwarz oder rot heuchelt, ist unglücklich." Als der fünfzigste Jahrestag des Kriegsendes begangen werden musste und die Frage ventiliert wurde, ob Sieger und Besiegte ihn gemeinsam begehen konnten, nahm Walser das Jubiläum zum Anlass für eine historische Lektion: "Hitler ist ganz und gar eine Ausgeburt von Versailles. Die Behandlung Deutschlands durch die Siegermächte von 1918 bis 33 produziert in den Deutschen die Stimmung der in die Ecke getriebenen Ratte. (...) Der deutsche Rassismus hätte sich ohne die Minderwertigkeit, zu der die Sieger Deutschland verurteilten, nicht zum Wahn gesteigert. So getreten, richtet man sich über jedes Maß auf. Der zweite Krieg ist, im Gegensatz zum ersten, eine rein deutsche Veranstaltung. Wenn aber Hitlerdeutschland nicht durch Germanenkult, sondern durch Versaillesdiktat entstand, dann ist der zweite Krieg eine Folge des ersten. Aber der Sieger reagierte wieder nicht viel vernünftiger, als der zu Züchtigende war: Deutschland wird geteilt. Und das soll jetzt gefeiert werden." Nur ein winziger Einwand: Was hatten die Juden mit alldem zu schaffen? 1986 verfiel er auf die absonderliche Idee, seit Jalta und Potsdam stifte Auschwitz die deutsche Nation. "Wie soll jemand in seinem Kopf mit Auschwitz umgehen, wenn er nicht die gesamte Nation weiterhin in sich existent fühlt?" Deutsche Schuld impliziert Deutschland, in der Tat; aus ihr aber Walsers Recht auf Thüringen abzuleiten, das nennt man wohl eine gelungene dialektische Volte. Im folgenden Jahr fühlte Walser, was sich lange angekündigt hatte: Stuttgart-Leipzig. Es habe sich in ihm "so ein Stuttgart-Leipzig-Gefühl entwickelt". Und sein Leipzig tat ihm weh. "Vielleicht könnte man das einen Phantom-Schmerz nennen. Es tun einem die Glieder weh, die man gar nicht mehr hat." Zwar zählte keine Stadt der DDR jemals zu Walsers Gliedern, doch seine Romanfigur Wolf sprach aus, was die Westdeutschen litten: "Alle leuchteten vor Gelungenheit, aber keiner schien zufrieden zu sein. Sie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner würde, fragte man ihn, sagen, ihm fehle seine Leipziger Hälfte, sein Dresdener Teil, seine mecklenburgische Erstreckung, seine thüringische Tiefe." Stattdessen aßen sie halbe Hähnchen und tranken halbe Liter und dachten sich nichts dabei. Wolf hätte es laut hinausschreien sollen, "aber er traute sich nicht. Aber er wunderte sich, warum es keiner ausrief: Wir sind Halbierte. Und er am meisten." Am allermeisten halbiert war natürlich der Autor dieses literarischen Kleinods selbst. Die Frage, ob seine Wiedervereinigung diesseits von Oder und Neiße stattzufinden habe oder in den Grenzen von 1937 wurde schließlich von der Geschichte selbst beantwortet. Denn 1989 geschah das schönste Politische, was ich in meinem Leben erfahren habe". Das hässliche Politische an der deutschen Einigung stimmte Walser unfroh, doch er hatte Verständnis. "Wir erleben zur Zeit, wie 15- bis 25-jährige ihre Erfahrungen verarbeiten." Doch es schien fraglich, welcherart "Erfahrungen" sich dadurch verarbeiten ließen, dass man Asylbewerberheime anzündete. Erstens, meinte Walser, sei der Neonazismus eine Antwort auf die Vernachlässigung des Nationalen durch uns alle", denn unsere "Skinheadbuben" seien halt "Kinder, die in einer Gesellschaft aufwuchsen, in der alles Nationale ausgeklammert oder rückhaltlos kritisch behandelt wurde. (...) Da ist eine ganze Gruppe Jugendlicher ins Asoziale geraten, nur weil ihr Diskurs (der nach rechts tendierende) überhaupt nicht zugelassen wurde." Zweitens kam Walser ganz unvermittelt, aber im selben Zusammenhang, auf die Ausländer: "Vor mehr als zehn Jahren habe ich einen wahrhaften Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft gefragt, warum man so stürmisch vorgegangen sei bei der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. (...) Wir alle haben von diesen bei uns Einquartierten profitiert. Wir haben nicht protestiert, solange wir davon profitierten. Jetzt, in der Krise, weisen die schlimmsten Vorfälle auf die Ursachen zurück, die wir jahrelang goutierten." Man weiß zwar nicht, wogegen wir hätten protestieren sollen ob gegen die Ausländer oder gegen ihre Anwerbung oder gegen das stürmische Vorgehen bei ihrer Anwerbung -, jetzt jedenfalls, und das ist ungerecht, "machen wir Rechtsradikale aus Jugendlichen, die ihren Protest so krass wie möglich kostümieren". Walser wurde ob solcher Deutungsversuche angegriffen, und weil er an der Öffentlichkeit verzweifelte, beschloss er, keine Interviews mehr zu geben. Fortan gab er nur noch letzte Interviews. Anlässlich seines siebzigsten Geburtstags, im Jahr 1997, ließ er sich wiederum fragen, auch nach der damals umstrittenen Wehrmachtsausstellung. "Ich habe die Ausstellung nicht gesehen. 'Verbrechen in der deutschen Wehrmacht', also, dass man den ganzen Verein so generell kriminalisiert, ich weiß nicht... Da wurde die Wehrmacht angegriffen, weil durch ihren Einsatz der Betrieb von Auschwitz weiterhin möglich geworden sei. Verstehen Sie, diesen Zusammenhang herzustellen. Die Soldaten, die sich haben erschießen lassen, die haben doch gar nicht gewusst, dass es Auschwitz gibt, die haben doch nicht das Gefühl gehabt, dass sie Auschwitz verteidigen sollen." Gewiss nicht, eher hatten sie das Stuttgart-Moskau-Gefühl. "Deshalb darf man nicht nachträglich sagen: die haben Auschwitz ermöglicht!" Seitdem er sich zum Deutschtum bekennt, hat Walser ein Problem mit den Juden. Theodor W. Adorno nannte dieses Problem den sekundären Antisemitismus, den Antisemitismus nach Auschwitz und wegen Auschwitz. Durch ihre bloße Existenz erinnern die überlebenden Juden immer wieder an das deutsche Verbrechen, was ihnen übel nehmen muss, wer ein deutschnationales Bedürfnis hat. Sie sind ein beständiger moralischer Vorwurf, der erst dann verstummen kann, wenn sie verschwinden. Deshalb riet Walser im Dezember 1998, nach seiner berüchtigten Friedenspreis-Rede, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, er sollte sich rar machen, wenn Neonazis ihr Unwesen trieben, denn seine Einmischung in solch unerfreuliche Vorgänge sorge für eine fatale Rückbindung an 1933". Und das können die Leute nicht mehr ertragen und das wollen sie nicht andauernd hören und darauf haben sie ein Recht." Was jeder andere durfte, durfte Bubis, nur weil er Jude war, nicht. Irgendwann beschloss Walser, kein kritischer Intellektueller mehr zu sein, sondern ein dem Volke verbundener Dichter. Dass er sich selbst so wenig durchschaut, ist deshalb vielleicht verständlich. Aber wer sich von ihm überraschen lässt, hat schon seit Jahren keine Entschuldigung mehr. Joachim Rohloff ist der Autor von: |
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