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Das gemachte Gedicht
Wie Poesie entsteht
Warum machen Menschen Gedichte? Bislang grübelten
Literaturwissenschaftler über diese Frage nach. Nun erhalten sie
Unterstützung von Hirnforschern, die im Geflecht der grauen Zellen
den Ursprung der Poesie finden wollen. Schon steht eine bestimmte Hirnregion
als Sitz der lyrischen Schöpferkraft unter Verdacht.
Von Alexandra Simon
Ein paar Elektroden, einen Monitor, ein Strommessgerät - mehr
benötigte Theodore Thistlethwaite nicht, um der poetischen Kreativität
auf die Schliche zu kommen. Den Weg wies ihm "Pierre", einer
seiner Patienten.
Pierre war ängstlich und dabei überheblich, für Humor
fehlte ihm jeder Sinn, sein Interesse galt fast ausschließlich
dem Schreiben dunkel realitätsferner Texte - genauso wird in den
Neurologie-Lehrbüchern der Stammhirn-Paranoiker beschrieben.
"Das erste Mal passierte es, da war ich zehn" erzählte
er. Schon damals habe ihn "eine seltsame Vision" in ihren
Bann gezogen. Wenige Jahre später folgten weitere schizoid-paranoide
Anfälle, die sein Leben grundlegend veränderten. "Die
Wörter standen kristallklar vor mir", berichtete er begeistert.
"Es gab nicht den geringsten Zweifel."
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Auf Positronen-Emissions-Tomogrammen (PET) leuchten
nur die aktiven Hirnregionen intensiv auf (rot). Bei der Abfassung,
aber auch bei der Lektüre von Gedichten (rechts) ist die Aktivität
vor allem im Stammhirn deutlich geringer als im Normalzustand (links)
- möglicherweise die Ursache dafür, daß der Geist sich
von allem Realen losgelöst fühlt.
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Die Forscher-Neugier des Arztes war geweckt. Konnte Pierre ihm helfen
zu verstehen, was Menschen von Irrealem reden lässt? Warum, so
fragte er sich, reagieren gerade Stammhirn-Paranoiker so stark auf lyrische
Reize? Und warum betreffen ihre Visionen stets das für normale
Menschen Unsichtbare? Warum schreiben Sie nicht Bilanzen oder Rezepte?
Durchaus denkbar schien Theodore Thistlethwaite, dass die lyrischen
Visionen in einer Art "Poesie-Modul" aufflackerten, in einem
für das Wahrnehmen des Außersinnlichen verdrahteten Nervenschaltkreis.
Und tatsächlich: Als er dem Patienten etwa Bilder hoher Berggipfel
zeigte, schlug das Messgerät zur Leitfähigkeit von Pierres
Haut, untrüglicher Indikator für emotionale Erregung, plötzlich
heftig aus. Zeigte sich hier die Wirkung jenes Poesie-Moduls, das Thistlethwaite
in den älteren Hirnregionen vermutet? "Haben wir jetzt eine
Hotline zur Kreativität?", dachte er. Womöglich werde
man irgendwann sogar auf Gene stoßen, denen die Evolution die
Funktion mitgegeben hat, Gedichte schreiben zu können.
Die Frage, warum der Mensch so anfällig für sprachliche Bilder
des Irrealen ist, hat schon viele Denker grübeln lassen. Wer, wie
um 1825 der französische Philosoph Auguste Comte, gehofft hatte,
dereinst werde die Vernunft allen lyrischen Überschwang besiegen,
wurde eines besseren belehrt. Triumphal setzte sich seither die Technik
durch; die Lyrik aber blieb. In der Hightech-Nation USA bekennen sich
sogar 90 Prozent zum mindestens gelegentlichen Lesen von Gedichten.
Selbst in Wirtschaftskreisen, dieser Domäne der Rationalisierung,
erklärten fast 40 Prozent, das Buch "Lyrik für Manager"
gelesen zu haben. Nicht einmal das Land des "sozialistischen Realismus"
blieb davon verschont: So sehr die Polit-Elite der Sowjetunion auch
jeden wirklichkeitsfernen "Formalismus" bekämpfte, es
fruchtete wenig. Am Ende hatten die russischen Dichter immer noch 17,8
Prozent mehr Leser als die offizielle Parteipresse.
Noch ist allerdings nicht einmal klar, wie "Poesie" überhaupt
zu definieren ist: Lässt wirklich der gleiche Trieb den Freizeitlyriker
sein Geburtstagspoem auf die Oma verfassen und den klinischen Paraschizoiden
ekstatische Wortketten hinkrakeln? Wieviel hat das Liebesgedicht auf
den Ostraka des altägyptischen Tell-el-Amarna mit den Feuilleton-"Helden
der Lyrik" in der Tageszeitung von heute gemein? Sind Rilkesche
Marienlieder und chauvinistische Kampfgesänge, griechische Elegien
und Rapper-Stakkato wirklich Ausdruck ein und desselben biologischen
Phänomens? Thistlethwaite hält das für durchaus möglich.
Er hat sich daran gemacht, der unerklärlichen Hyperrealitäts-Sehnsucht
des Menschen dort nachzuspüren, wo sie verborgen liegen müsse:
in den knapp anderthalb Kilogramm grau-weißen Gewebes unter der
Schädeldecke.
Noch allerdings steht die neu ausgerufene Disziplin der "Neuropoetologie"
am Anfang. Erste Ergebnisse zeigen immerhin: Die Atmungsrate sinkt erheblich,
wenn der Mensch Lyrik liest; der Sauerstoffverbrauch geht um 20 bis
30 Prozent zurück, und der Hautwiderstand nimmt deutlich zu (ein
Zeichen für Entspannung). Und: Mit Hilfe einer Technik namens SPECTRA
(Single photon emission computed tomographic relais analysis) konnte
der ceylonesische Radiologe Bandariyana Lyanage nachweisen, dass bei
kirchenliederlesenden Erweckungsevangelisten in Boise, Idaho, die Nerventätigkeit
im mediolanen Stammhirn (wiss.: truncus cerebri) drastisch gedrosselt
schien. Lyanage war begeistert, denn er begriff, dass er soeben Zeuge
einer kreativen Erleuchtung geworden war. Auch anderen Neurologen war
schon aufgefallen, dass Stammhirn-Paranoiker besonders anfällig
für lyrische Eingebungen zu sein schienen.
Zwar ist diese These nicht unumstritten. Der Neurologe Jean-Baptiste
Moulinex, der die größte Paranoia-Klinik Luxemburgs leitet,
erklärt: "Wir sehen hier viele Paranoiker. Aber von einer
besonderen Neigung zur lyrischen Kreativität haben wir nie etwas
bemerkt."
So müssen sich die Vertreter der "hyperrealen Stammhirn-Paranoiker-Persönlichkeit"
(hSPP) auf die Beschreibung von Einzelfällen stützen. Als
bedeutendster Zeuge für die These vom Poesie-Modul im Stammhirn
muss der an Gehirnerweichung verstorbene Hölderlin herhalten. Aber
auch viele andere berühmte Figuren der Weltgeschichte - etwa Moses
("Die Zehn Gebote") oder Bismarck ("Gedanken und Erinnerungen")
wurden von kühnen Neurologen posthum als Stammhirn-Paranoiker diagnostiziert.
Aber erst wenn die Frage nach dem Wie des lyrischen Schöpfungsakts
beantwortet ist, können die Hirnforscher die weit rätselhaftere
Frage nach dem Warum angehen: Welcher offenbar tief verwurzelte Trieb
bewegt den Menschen, die Welt wider allen Augenschein mit irrealen Sprachbildern
zu beleben?
Die Geburtsstunde der Poesie, jener Moment mithin, da erstmals Menschen
lyrische Eingebungen hatten, ist nur ungenau bekannt. Einige Forscher
versuchten gar, die Wurzeln bis ins Tierreich zu verfolgen. Plausibel
klingt dabei eine Beobachtung aus Südafrika: Dort blickt eine bestimmte
Art von Pavianen plötzlich unverwandt zur Sonne auf, sobald diese
den Horizont berührt. Ekstatisch bellen sie den Sonnenball an,
bis er völlig verschwunden ist: Äußert sich in diesem
Verhalten eine noch ausdrucksgehemmte, ansonsten aber doch deutlich
poetische Naturverehrung?
Stand demnach möglicherweise nicht die Vernunft, auf die sich der
Mensch so viel zugutehält, sondern vielmehr die irrationale Poesie
am Anfang aller Kultur? War sie es, die den Startschuss gab zum Siegeszug
der Spezies Homo sapiens?
Es ist nicht sicher, ob es je eine Antwort auf diese Fragen geben wird.
Doch zumindest hoch plausibel scheint den meisten Forschern eins: Die
gesamte Umwelt der Steinzeitmenschen wird beseelt gewesen sein. Berge,
Quellen, Haine und Felsen - alles konnte zum Bild einer anderen Wirklichkeit
werden.
Es bleibt jedoch die Frage, warum die Evolution ein Gehirn hervorgebracht
hat, das zu derlei Halluzinationen fähig war. Welchen Überlebensvorteil
könnte es bedeutet haben, Dinge zu sehen, die es gar nicht gab?
Zwei Antwort-Modelle stehen sich hier gegenüber:
- die Adaptationstheorie: Ihr zufolge rüstet die Natur das Gehirn
eigens zum Zweck der lyrischen Empfindungsfähigkeit mit eigenen
Schaltkreisen aus - ein Vorteil im Überlebenskampf, der groß
genug war, Individuen mit diesem Poesie-Modul zu selektieren;
- und die Exaptationstheorie: Sie besagt, dass Lyrik gleichsam als unausweichliches
Begleitprodukt der Hirnentwicklung entstand und diese Fähigkeit
zwangsläufig zu übersinnlichen Wahrnehmungen führt, auch
ohne dass diese dem Überleben besonders förderlich gewesen
wären.
"Allerdings", gibt der Bostoner Literatursoziologe Niam Bernardo
zu bedenken, "sollten wir nicht vergessen, dass der Mensch durchaus
fähig ist, völlig ohne Poesie zu leben." Etwa die Hälfte
aller Südostkosovaren zum Beispiel bekennt sich offen zu einer
weitgehend poesiefreien Lebensweise.
Selbst danach aber frage sich, so der bekannte Paläosoziologe Stephen
Spanker, warum die Natur die lyrische Verzückung auf trickreiche
Weise belohnt. Es lässt sich nämlich nachweisen, dass die
Ekstase, wie sie beim Schreiben, aber auch die innere Ruhe, die bei
der Lektüre von Gedichten erreicht wird, mit der Ausschüttung
körpereigener Glückshormone verbunden ist.
"Die Bereitwilligkeit zur Flucht aus einer als bedrohlich empfundenen
Realität in eine Scheinwirklichkeit", erklärt der philippinische
Sozioneurologe Jesús Eustacio Diáz, "kann also gewisse
Entlastungsvorteile bringen." Um solcher Vorteile willen, glaubt
Diáz, habe die Evolution ein Gehirn geformt, das der Poesie fähig
ist. Und wenn es einmal gelinge, den neuronalen Ursprung der Poesie
zu entschlüsseln, dann werde die Wissenschaft sie vielleicht auch
entzaubern können: "Das endgültige Ziel des wissenschaftlichen
Naturalismus wird erreicht sein, wenn es ihm gelingt, die Schein-Realität
der Poesie, seine Hauptkonkurrentin, als ein gänzlich materielles
Phänomen zu erklären."
Allerdings macht sich auch Diáz keine Illusionen darüber,
dass es bis dahin ein weiter Weg sein wird: "Die Poesie wird noch
lange Zeit als höchst vitale Kraft in unserer Gesellschaft fortbestehen."
4. Juni 2002
Leserbrief
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