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Interview mit Moncef Marzouki
Moncef Marzouki, Professor der Medizin, Schriftsteller
und langjähriger Menschenrechtsaktivist, ist der bedeutendste tunesische
Oppositionelle. Während mehr als zehn Jahren focht er einen hartnäckigen
Kampf gegen Präsident Ben Ali und sein Regime, unter anderem als
Präsident der tunesischen Menschenrechtsliga. Marzouki wurde mehrmals
inhaftiert und stand in den letzten Monaten vor seiner Flucht unter
faktischem Hausarrest. Er erhielt ein Berufsverbot auferlegt und wurde
vollständig von der Umwelt abgeschnitten. Dank der Unterstützung
europäischer Solidaritätskomitees konnte er im Dezember 2001
Tunesien verlassen. Seither lebt er in der Nähe von Paris. Marzouki
gilt als äußerst integre Figur. Er bekämpft vehement
die Revision der tunesischen Verfassung, die Ben Ali eine weitere Kandidatur
ermöglichen und Immunität vor Strafverfolgungen garantieren
soll. Marzouki macht dem pseudodemokratischen Regime Ben Alis aber noch
eine andere Rechnung auf.
Übrigens: Die im Interview erwähnte Verfassungsänderung
wurde am 26. Mai mit einem "Erdrutsch-Sieg" von 99,52 Prozent
angenommen. Die Wahlbeteiligung bei diesem Referendum betrug vorbildliche
96,15 Prozent.
Gazette: Sie haben sich kategorisch gegen die Reform der tunesischen
Verfassung ausgesprochen, über die Ende Mai abgestimmt wird. Weshalb?
Moncef
Marzouki: Weil es sich nicht um eine Reform handelt. Eine Reform bedeutet,
dass man etwas verbessert. Präsident Ben Ali strebt hingegen eine
Verstärkung der bereits in der heutigen Verfassung angelegten Vollmachten
des Präsidenten an. Nun soll die Beschränkung der Amtszeit
aufgehoben werden, und der Staatschef soll in Zukunft für seine
Handlungen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Das
nenne ich eine "dictature par la loi", eine gesetzlich verfügte
Diktatur. Wir von der demokratischen Opposition wollen genau das Gegenteil:
Tunesien demokratisieren und nicht zu einer "Super-Diktatur"
verkommen lassen.
Wer stellt sich heute in Tunesien gegen diese Reform? Sind das nicht
bloß ein paar kleine Parteien, die im politischen Leben kein Gewicht
haben?
Um darüber verlässliche Aussagen zu machen, müsste
man eine ehrliche Volksbefragung durchführen, in deren Vorfeld
offene und freie Debatten stattfinden könnten. Da würde sich
herausstellen, dass nur eine winzige Minderheit der Tunesierinnen und
Tunesier dieses System und diesen Diktator unterstützt. Denn das
Land leidet extrem unter Korruption und Misswirtschaft. Aus diesem Grund
hat Ben Ali Angst vor ehrlichen und freien Wahlen.
Kann sich Präsident Ben Ali denn leisten, dieses Referendum
zu fälschen?
Er hat gar keine andere Wahl. Die Resultate werden auf jeden Fall
bereits an der Basis verfälscht. So werden zum Beispiel viele Jugendliche
von den Wählerlisten eliminiert, und man wird den ländlichen
Regionen ein überproportional großes Gewicht geben. Schon
auf dieser Ebene wird mit Sicherheit viel manipuliert. Weiter ist in
Betracht zu ziehen, dass es in ganz Tunesien rund 12.000 Wahllokale
gibt. Es ist vollkommen unmöglich, sie alle zu kontrollieren. Schließlich
zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass die tunesischen Regierungen
stets Meister in Wahlfälschung und Manipulation gewesen sind. Wir
werden auch diesmal ein total gefälschtes Referendum erhalten mit
Resultaten, die zum vornherein bekannt sind.
Welche Prognose stellen Sie für den Ausgang des Referendums?
Das Regime wird sich einmal mehr eine überwältigende Mehrheit
der Stimmen zusprechen. Man wird hinter den Kulissen vielleicht darüber
verhandeln, ob es für das Image des Landes besser sei, ein Resultat
von 99 Prozent oder "nur" 98 Prozent der Stimmen zu deklarieren.
Es wird für die Regierung ein enormer Skandal werden. Die Tunesier
werden einmal mehr schockiert sein über die Resultate. Dieses Referendum
wird das Regime letztlich schwächen. Denn es handelt sich um die
Karikatur einer Volksbefragung, welche die Legitimitätskrise dieses
Regimes verschärfen wird.
Es ist bekannt, dass die Medien in Tunesien vollkommen kontrolliert
sind. Aber viele Tunesier informieren sich zunehmend durch unabhängige
TV-Stationen, die im Ausland domiziliert sind und sich der Kontrolle
durch das tunesische Regime entziehen. Diese Menschen können sich
somit eine fundierte Meinung bilden. Hat dieser Umstand nicht Folgen
für das kommende Referendum?
Auf jeden Fall. Ben Ali hat der Medienfreiheit den Krieg erklärt,
wie es zuvor noch nie ein Staatschef getan hat. Doch er ist damit vollkommen
gescheitert. Ich habe mich über ausländische TV-Stationen
schon mehrfach an die tunesische Bevölkerung gewandt, um sie zum
Boykott dieses Referendums aufzurufen. Nach meiner Einschätzung
werden viele Tunesier diesen Boykott befolgen. Es wird eine massive
Niederlage für Ben Ali werden. Immer mehr Menschen in Tunesien
getrauen sich öffentlich ihre Meinung zu äußern. Ich
bin überzeugt, dass Ben Ali diese "Schlacht" um die Meinungs-
und Informationsfreiheit schon weitgehend verloren hat.
In welchem Maß ist das Regime von Ben Ali international bereits
diskreditiert?
Ben Ali genießt im Ausland kaum mehr Kredit. (...) Jedermann
weiß, dass das heutige Tunesien ein undemokratischer Staat ist,
in dem Vetternwirtschaft und Korruption blühen. Mit dem Anschlag
in Djerba zeigt sich, dass es auch mit der viel gerühmten Stabilität
nicht so weit her ist.
Wie beurteilen Sie das Attentat in Djerba? Wer könnte dahinter
stehen?
Ich möchte vorausschicken, dass ich, sowohl als Bürger
wie auch als Präsident der vor kurzem gegründeten Partei "Congrès
pour la République", dieses Attentat kategorisch verurteile.
So sehr wie wir uns für die Rechte der Palästinenser einsetzen,
so sehr sind unserer Ansicht nach derartige Attacken auf die jüdische
Minderheit in unserem Land kontraproduktiv, ganz abgesehen davon, dass
sie moralisch inakzeptabel sind. Die Frage ist: Wer profitiert von diesem
Verbrechen? Ich bin überzeugt, dass die Diktatur in unserem Land
davon Nutzen ziehen wird. Ben Ali wird darin einen Grund mehr finden,
die Repression zu verschärfen, und auch gegen die Menschenrechtsorganisationen
und andere demokratische Bewegungen vorzugehen. Was die Hintergründe
des Anschlags betrifft, so bin ich gegenüber vorschnellen Schuldzuweisungen
skeptisch. Ich schließe eine Manipulation, eine bewusste Provokation
nicht aus.
Schließen Sie aus, dass hinter diesem Attentat im weitesten
Sinn eine international vernetzte islamistische Bewegung steckt?
Ich schließe vollkommen aus, dass die "Ennahda",
die größte islamistische Bewegung in Tunesien, die verboten
ist, hinter dem Attentat steckt. "Ennahda" beweist seit Jahren,
dass sie eine politische und keine terroristische Bewegung ist. Durchaus
möglich ist allerdings, dass islamistische Gruppierungen mit terroristischer
Ausrichtung hinter diesem Attentat stehen; Gruppierungen, die vielleicht
auch manipuliert sein könnten.
Nochmals: Die ganze tunesische Zivilgesellschaft muss dieses Attentat
unmissverständlich verurteilen, aber auch die Verbrechen, die das
tunesische Regime Tag für Tag begeht. (...) Tunesien kann nur zu
einer wirklichen Stabilität finden, wenn im Land Demokratie herrscht.
Wird dieses Attentat das Verhältnis zwischen Muslimen und der
kleinen jüdischen Minderheit in Tunesien vergiften?
Da besteht tatsächlich eine gewisse Gefahr. Gerade deshalb
muss die Haltung der Menschenrechtsorganisationen und der gesamten Zivilgesellschaft
rasch und unmissverständlich sein: Eine klare Stellungnahme gegen
die zionistische Politik in Israel, aber eine ebensoklare Ablehnung
von rassistischen Akten jeglicher Art.
Welche Botschaft richten Sie an die Menschen in Europa?
Meine Botschaft ist die folgende: Übt Druck aus auf eure Regierungen,
damit diese ihrerseits Druck auf Ben Ali ausüben. Ein Machtwechsel
in Tunesien ist dringend nötig; Ben Ali muss gehen. Der Übergang
zu einer echten Demokratie muss allerdings auf friedliche Weise, ohne
Gewaltexzesse und Blutvergießen vor sich gehen.
Welche Unterstützung genießt Ben Ali noch in Tunesien?
Ben Ali wurde anfänglich vom gesamten tunesischen Volk und
auch von mir persönlich unterstützt. Zwar hatte ich gegenüber
Ben Ali aufgrund seiner politischen Laufbahn schon immer Vorbehalte.
Doch ich ich gab ihm in dieser besonderen historischen Situation dennoch
einen gewissen Kredit. Diesen Kredit hat er endgültig verspielt.
Heute, fünfzehn Jahr später, hat er das ganze Volk gegen sich:
die Islamisten zu hundert Prozent, die Linke, die Kommunisten, die Demokraten,
die die untere Mittelschicht. Dies aus zwei Gründen: Die Elite
wegen des Mangels an Freiheiten, die breite Bevölkerung wegen der
grassierenden Korruption. Nun will sich Ben Ali will gar eine lebenslängliche
Immunität erteilen. Das ist unerträglich. Ich sehe darin ein
deutliches Anzeichen für die Entwicklung in Richtung einer totalen
Diktatur.
Die Fragen stellte Beat Stauffer.
4. Juni 2002
Leserbrief
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