|
|
Die Beerdigung des P. Laurenzio Von Olaf Reins 1 "Ja, ja", stöhnte Ferdinand seinem Computer beim Einschalten
ins Ohr, während er sich an diesem strahlend blauen Morgen mit
einem Pott heißen Kaffees vor seinen Monitor setzte. "Und
wieder einmal gipfelt die Verleugnung der eigenen Armut in Arbeit!" 2 Ferdinand Junkers war Journalist. Freiberuflich. Er arbeitete vom heimischen
PC aus für die Internet-Ausgabe einer, wie es so schön heißt,
"bedeutenden deutschen Tageszeitung". Im Grunde eine Notlösung,
für ihn, denn eigendlich war Ferdinand Schriftsteller. Doch bedauerlicherweise
auch ambitioniert. Und damit war eher Geld zu verlieren als zu verdienen.
Also hatte etwas anderes, etwas zumindest dem äußeren Anschein
nach ähnliches her gemußt. Journalismus hieß die Alternative,
die selbstverständlich eben so wenig eine Alternative darstellte,
wie der Besuch eines Bordells im Vergleich zum Besuch einer Geliebten.
Doch was das Finanzielle anging, hatte Ferdinand keinerlei Grund sich
zu beklagen. 3 "Ich hasse diese Arbeit!" rief Ferdinand frustriert aus. Er krampfte seine Hände krallig über dem Keyboard zusammen und zwang sich, nicht dreinzuschlagen. "Nicht zu können oder zu dürfen, was ich will, damit kann ich mich zur Not ja noch abfinden. Aber das nicht zu mögen, was ich kann - das ist die Hölle!" 4 P. Laurenzio, einer der größten Künstler der Stadt, ein Literat und Poet von höchstem Rang, ein Mann, dessen Arbeit weit in die Welt hinein gewirkt und sich die ehrerbietige Anerkennung und Bewunderung ihrer bedeutendsten Köpfe zugezogen hat wie klaffende Platzwunden, die seinen Oppositionsgeist übersäten, P. Laurenzio hatte Selbstmord begehen müssen: Zustimmung lähmt; sie ist schlimmer als Ignoranz, Mehltau der Avantgarde. 5 Mit stirnfaltenschlagend hochzuckendem Blick hatte Ferdinand zur Rednertribüne
hinaufgewiesen und einen Herrn zu seiner Linken gefragt, der aussah,
als müsse er es wissen: "Wie kann es sein, daß die Massen
einem solchen Vollidioten wie diesem P. Laurenzio zujubeln?" 6 Eine Dame zu Ferdinands Rechter hatte sich über die Köpfe der Menge emporgereckt, um den auf der Tribüne stehenden, von der Tribüne redenden P. Laurenzio besser sehen zu können, derweil sie, wie sich selbst fragend, vor sich hinmurmelte: "Ist der nun einfach nur nichtssagend oder hat er doch etwas zu verbergen?" 7 Anläßlich einer renommierten Preisverleihung (nämlich!) hatte - insbesondere - im Kreise seiner an ihm gescheiterten Mitbewerber ein junger Mann - eben unser P. Laurenzio - mit einem Gestus, der dem Großen Alexander bei seinem kampflosen Einmarsch in Athen in nichts nachgestanden haben dürfte, die Champagner-Flûte ins fulminierende Blitzen der kristallenen Deckenlüster erhoben und sogleich den Grundstein seiner ins pathetisch triumphierend funkelnde Auge gefassten Karriere mit folgendem Toast gelegt: "Sollte ich jemals, meine lieben, lieben Freunde, an meinem Glück oder gar an meinem Talent auch nur den allergeringsten Zweifel haben, so werde ich mich eures Hasses erinnern, der mir an diesem Abend, in diesem Moment aus euren Seelen mir flatulierend entgegenschlägt, und - bei Gott! - alle Zweifel an meiner Überlegenheit werden von mir genommen sein für die nächsten zwanzig Jahre!" 8 Nach der Preisverleihung hatte P. Laurenzio allein an einem Tisch gesessen
und sichtlich betrübt auf das kunsthandwerklich recht ordentlich,
wiewohl reichlich grotesk ausgeformte Symbol des ersten Preises gestarrt,
der ihm soeben verliehen worden war. 9 Ferdinand kam in der Stadt, nachdem er die Vorarbeiten für seinen
Nachruf auf P. Laurenzio abgeschlossen hatte und sich nunmehr zu Fuß
auf dem Weg zu dessen feierlicher Beisetzung befand, an einem Bettler
vorbei, der auf einer fleckigen Decke auf dem Boden vor einem Geschäft
saß. 10 Ferdinand stand, unverdient durch den Zufall friedhöflicher Drängelei,
eingereiht in die Phalanx der Honoratioren am Grab P. Laurenzios, eines
der größten aller verdienstreichen Literaten und Poeten der
Stadt. - Nun gut. 11 "Es gibt nur eine Gesellschaft", hörte Ferdinand beim
Schlendern durch die obskurantistisch bildergeschmückte Schankraum-Stube
des "Werkstatt"-Cafés mit ihren Caféhaus-Stühlen
und -Tischen einen blasierten jungen Mann im schwarzen Smoking ("overdressed"
- eine Frage mehr der Gesellschaft denn des Anlasses), der für
seine mangelnde Berühmtheit als Maler bekannt war, zu einer ebensolchen
Dame im damastblauen Abendkleid sagen, "es gibt nur eine Gesellschaft,
in der ich die Wahrheit, so wie ich sie authentisch wahrnehme und empfinde,
mit einem Höchstmaß an innerer Freiheit sagen kann." 12 "Ein guter Lügner", sagte ein geölter Herr mit
grinsender Hakennase zu einer Dame mit unentschlossenen Augen, "ein
guter, also ein professioneller Lügner wird die Dinge immer so
hinzubiegen verstehen, daß er, zur Schaffung der für ihn
so wichtigen Authentizität dessen, was er sagt oder wie er sich
gibt, ausschließlich die Wahrheit sagen darf, ja sogar muß,
um sich in Bereichen lauterster Ehrlichkeit bewegen zu können.
Er verhält sich im Ergebnis also genau so, wie ich es soeben getan
habe!" 13 "Ehrlichkeit! Wahrheit!" rief ein aus dem Leim gehender Filmproduzent aus, der Zeuge dieses kleinen aphoristischen Geplänkels geworden war. "Wahrheit! Ehrlichkeit! - Wir haben Designer!" 14 "Florian ist ja sooo süüüß!" seufzte
eine vielleicht 20-jährige Dame zu eine anderen, deren Quantität
an vertanen Jahren die ihrer Gesprächspartnerin gewiss um den Faktor
4 übertreffen mochte. Und: "Er ist ja sooo romantisch!" 15 "Bildung, Geschmack und Erfahrung", widersprach ein junger
Fernsehjournalist einem älteren, längst berenteten Kollegen,
"das sind doch alles höchst relative Dinge, antiquierte Qualitäten,
die in der heutigen Medienwelt längst keinen Platz mehr haben.
Schnelligkeit und Flexibilität, darauf kommt es an." 16 "Haste schön gehört?" 17 "Stimmen Sie mit der Aussage überein", fragte ein spitznasiges,
allzu junges Mädchen im Blümchen-Kleidchen und Pastellfarbenschleierchen
auf den schlecht manikürten Fingernägelchen einen gelangweilt
dreinblickenden jungen Mann mit Baseball-Cap, Skater-Hosen und möhrenfarbenem
Wollpullover, der dem Vernehmen nach als bester Freund der Musen und
Pinselwäscher der ihren Inspirationen teilhaftig werdenden Künstler
fungierte, "stimmen Sie mit der Aussage überein, derzufolge
Wahrheitsliebe nichts weiter ist als Phantasielosigkeit?" 18 "Kannst du dich noch an Jutta erinnern?" stirnhöhlte
ein rothaariger, hohlwangiger Knabe seinem Begleiter in die durch delikate
Schmiedearbeiten verzierte linke Ohrmuschel. Der machte eine schlenkernd
wegwerfende Handbewegung. 19 "Als ich heute morgen am Frühstückstisch in das Gesicht meiner Frau sah..." Bertram Hogun, altersweiser Juniorchef des Preßler-Verlages, brach mit leisem Kopfschütteln ab. "Es war, als würde ich ihr Gesicht nach langer, langer Zeit zum ersten Mal wieder sehen. Ich meine richtig sehen! Und da wurde mir schlagartig klar, daß das Plötzliche nichts anderes ist als die Explosion des übersehenen Allmählichen!" 20 "Wenn ich diese Typen hier sehe", raunte Pfarrer Dennis Werner
Ferdinand zu, weil der gerade neben ihm stand und er es loswerden mußte,
"dann bestätigt mir das nur noch einmal mehr, daß nur
eines geht: Menschenkenntnis oder Menschenliebe!" 21 "Das Geheimnis meines Erfolgs?" Der dicke Herr Wagner - wie man so hört, lediglich unter anderem - Direktor eines ortsansässigen Bankinstituts und ahnungsloser Experte in puncto preissteigerungsträchtiger Staffage im schwarzen Dreiteiler lachte. "Sehr einfach: Wer es versteht seine Versprechungen in Chancen münden zu lassen, die derjenige, dem diese Versprechungen gemacht worden sind, nicht nutzen kann, wird immer Erfolg haben - namentlich bei jenen, die sich für geschickter halten als die zuvor Gescheiterten." Er breitete grinsend Die feisten Ärmchen. "Und wer würde das nicht?" 22 "Es mag sein, daß... Ja, es ist offenkundig und demzufolge
wahr... - bemerken Sie die ironische Unterscheidung? Nein? - ...wie
auch immer... - Ja, es ist natürlich zutreffend, daß ich
Verbrechen begangen habe, um mir mein Vermögen zu schaffen",
räumte ein sich unnötig bis an die Grenze zur Peinlichkeit
zierender rattengesichtiger Herr mit Überbiß und langen Pferdekoteletten
ein. "Was mich dabei verblüfft, ist die Empörung darüber!
Menschen meines Schlages, die Vermögen meiner Bedeutsamkeit gemacht
haben - wir stellen schließlich die letzte Hoffnung der Armen
auf irdische Erlösung ihrer materiellen Leiden dar!" 23 "Aber Sie können doch unmöglich die Logik ablehnen!"
Sie schüttelte sich ihr grau gesträhntes braunes Haar aus
dem sezierenden Laserlicht ihrer glasblauen Augen. 24 Als Conrad Grau, ein vor einem halben Jahr verwitweter Feinkosthändler
seinen Freund Ludwig Rainer unter den Gästen erspähte, löste
er sich aus der Umklammerung seiner Begleiterin. Er winkte Ludwig kurz
zu, und nachdem er ihn erreicht hatte, zwinkerte der ihm auch schon
fröhlich zu: "Na, du? Alles klar, mein Alter?" Seine
Brauen sprangen zu Conrads Begleiterin hinüber. "Ihr Beiden
scheint euch ja bestens zu verstehen!" 25 "Sicher, ich weiß, daß Natthalie mich betrügt..." Norbert Hamler betrachtete gelassen die wachsende Asche seiner gemächlich zwischen seinen Fingern qualmenden Cohiba. "Aber mir deswegen eine andere suchen?" Er lächelte halb ohne aufzusehen. "Nein. weshalb sollte ich eine bekannte Hölle gegen eine unbekannte eintauschen?" 26 "Unseren eigenen Erfolg bewundern wir am meisten", hatte der gewiefte Geschäftsmann dem funkelnden Sherry in seiner Hand genüßlich zulächelnd, nachdem ein (ehemaliger) Geschäftspartner mit gebrochenem Finanzgenick sein Büro verlassen hatte, wie einer Geliebten zugewispert, "unseren eigenen Erfolg bewundern wir am meisten im scheiternden Bemühen der anderen, unser Niveau zu erreichen!" 27 "Also ich verstehe beim besten Willen nicht", bemerkte der
Direktor eines bekannten Gymnasiums en passant zu den Einlassungen
seines Freundes und Mitgliedes des ihm unterstellten Lehrkörpers,
"weshalb du dich von deinen Kolleginnen und Kollegen immer so mies
behandeln läßt!" 28 Herr Petersen war auch zu Gast. Herr Petersen war Architekt. Keines
der Projekte des Herrn Petersen wurde jemals in die Realität umgesetzt.
Dennoch war Herr Petersen berühmt. Herr Petersen war berühmt
für seine Planungen, die dermaßen kühn waren, daß
ein nicht unbeträchtlicher Anteil dieser Kühnheit auf seine
Kunden überging, die für seine atemberaubenden Pläne
die höchsten Honorare zahlten, von denen Herr Petersen das sorgenvolle
Leben eines (womöglich mehrfachen!) Multi-Millionärs führen
konnte, stets nach dem Motto: Wenn die Planung perfekt ist - weshalb
sich der Mühen einer dadurch überflüssig gewordenen Durchführung
unterziehen? 29 "Ach, entschuldigen Sie bitte ..." 30 "Wieso ich unterm Pantoffel stehe?" Der stadtbekannte Rezensent blickte betrübt auf seine Schuhspitzen. Dann aber blickte er mit grimmig gefletschten Zähnen auf und knurrte: "Verdammt nochmal, gerade deswegen bin ich ja so gut!" Dann sank er endgültig in sich zusammen. Er konnte nur noch flüstern: "Nichts ist demütigender und mit nichts kann ein Mann mehr erpresst werden als mit der Verzeihung einer Frau!" 31 "Ich liebe dich, weil deine schlechten Zähne, dein schiefer
Mund, dein ausgestellter watschelnder Entengang und dein viel zu kleiner
Arsch zusammen mit all den weiteren Makeln, die dein Körper - und
übrigens nicht nur der, sondern auch dein Charakter! - aufzuweisen
hat und die aufzuzählen mir selbst die Ewigkeit nicht genügend
Zeit ließe, eine Einheit bilden, deren ganz besonderer Charme
und deren unvergleichliches Zusammenspiel mich so sehr verzücken
und mich mit ihrer überwältigenden Anmut verzaubern!" 32 "Angst vor dem Mißlingen! Angst vor dem Mißlingen!" rief der besoffene Jungautor zu vorgerückter Stunde bierglasschwenkend aus. "Letzten Endes hat die Angst vor dem Mißlingen nie das Mißlingen selbst verhindert!" Er wirbelte herum mit der unwuchtigen Verve eines schlecht ausbalancierten Kreisels. "Warum also die Angst?" 33 "Was sagen Sie da? Rücksicht?" Fast hätte der fettschlaffe Meta-Alt-68er-Greis ausgespuckt - "Rücksicht!" -, so angeekelt hatte er dies Wort ausgesprochen. "Wissen Sie, was ich auf die Rücksicht tue? Scheißen tue ich auf die gottverdammte Rücksicht!" Er lachte erbittert-güllig auf, daß es sich anhörte wie ein schwarzer Tümpelpfuhl, in dem gärend faulige Gase emporstiegen. "Rücksicht - glauben Sie mir! - Rücksicht ist nur eine umso perfidere Form der passiven Erpressung, als sie dich mit Wohlwollen besudelt! Bleiben Sie mir also bloß vom Leib mit Rücksicht!" 34 "Und sollte ich auch alle anderen Entscheidungen in die Hände anderer gelegt haben", brüllte der Gute Junge im Fischgrätmusterjackett, sich die schweineteure rotgepunktete Seidenkrawatte vom Hals durch den Hemdkragen zerrend, "diese beiden niemals: nach wessen Mund ich rede und in wessen Arsch ich krieche!" 35 Gegen Ende der so langsam aus dem Ruder zu laufen drohenden Trauerveranstaltung rempelte ein Betrunkener Ferdinand an. Er wies mit seinem halbvollen Whiskyglas zu einer Dame, die bei einer Gruppe in ein Gespräch vertieft stand und lallte schwankend und immer wieder in den Knien wegknickend: "Jetzt sieh dir nurmal diese alte Schlampe dahinten an! Also, daß die mir unsympathisch is', is' klar!" Einen Rülpser mit der Unterlippe auffangend blickte er zu Ferdinand auf. Ein Speichelfaden glitzerte auf seinem Kinn und wies dem Blick den Weg auf das Oberhemd, dessen Karos durch Flecke von Erbrochenem einiges an Auflockerung erfahren hatten. "Aber ich versteh nich´, wieso sie mich nich' mag ...!" 36 Irgendwo zwischen Tag und Nacht. EPILOG Guten Morgen! "Es scheint in der menschlichen Natur des Lebens zu liegen, daß
wir heute das bekommen, was wir gestern haben wollten, und das so zu
spät erhaltene zornig fortwerfen, was wir morgen dringend brauchen!"
|
Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert? |
|||||
|
|